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Die Unterdrückung von nicht-menschlichen Tieren


Von vielen TierrechtlerInnen wird immer wieder behauptet, dass nichtmenschliche Tiere unterdrückt werden. Sie wollen damit herausstreichen, dass ihr Kampf gegen Unterdrückung von nichtmenschlichen Tieren mit dem Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen, AusländerInnen, "behinderten" Menschen, u.ä. verwandt ist. Im vorliegenden Artikel soll versucht werden, diesen Anspruch zu untersuchen und auf seine Rechtmäßigkeit zu prüfen. Dabei stützt sich das analytische Instrumentarium in erster Linie auf die 5 Kriterien für Unterdrückung, die von Iris Marion Young 1990 in ihrem Artikel "Fünf Formen der Unterdrückung" (aus: Herta Nagl-Docekal und Herlinde Pauer-Studer (Hg.): Politische Theorie, Differenz und Lebensqualität, 1996, Seite 99) entwickelt worden sind.

Ungerechtigkeit

Bei der Gerechtigkeitsvorstellung von Iris Marion Young wird ein besonderes Augenmerk auf "zwei Formen von starken Beschränkungen" gelegt: "auf Unterdrückung und Herrschaft". Seit den 60er Jahren wird der Begriff Unterdrückung vermehrt eingesetzt, um den marxistischen Versuchen zu begegnen, die rassistischen und sexistischen Ungerechtigkeiten auf Effekte der Klassenherrschaft reduzieren zu wollen. In den Jahren nach diesen ideologischen Schlagabtäuschen ist ein relativer Konsens entstanden, daß viele verschiedene Gruppen in unserer Gesellschaft als de facto "Form der Unterdrückung ein kausaler moralischer Vorrang zugeschrieben werden kann".

Young schlägt eine "plurale Erklärung des Begriffs Unterdrückung vor" und bietet 5 Formen der Unterdrückung an, die so umfassend sind, daß sie alle von den neuen linken Bewegungen "identifizierten unterdrückten Gruppen und alle Arten, in denen diese Gruppen unterdrückt werden, berücksichtigen". Die 5 Kriterien lauten: Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Kulturimperialismus und Gewalt.

Diese 5 Kriterien der Unterdrückung sollen keine vollständige Theorie der Unterdrückung darstellen, sondern sollen bloß als Instrument dienen, um besser feststellen zu können, ob Gruppen, die behaupten unterdrückt zu werden, tatsächlich unterdrückt werden oder andere Gruppen, die sich der Unterdrückung gar nicht bewußt sind, diesen Unterdrückungszustand schlüssig vor Augen führen zu können.

Trifft eines der Kriterien zu, so reicht dies aus, um die jeweilige Gruppe als unterdrückt zu betrachten. Die Anwendung der 5 Kriterien auf Gruppen soll uns erlauben ihre Unterdrückung zu vergleichen, ohne auf ein gemeinsames Charakteristikum zurückgreifen zu müssen, welches nur zu leicht simplifikatorisch und reduzierend wirken könnte. Die unterschiedliche Art und Weise wie Gruppen unterdrückt werden, läßt sich durch die Kombinationen dieser Unterdrückungsformen erklären.

Hier soll der Versuch unternommen werden, diese 5 Kriterien auf das "Mensch-Tier"-Verhältnis anzuwenden, das sich als ein epistemologisches (erkenntnistheoretisches), ökonomisches, politisches und soziales realisiert.

Gewalt

Nichtmenschliche Tiere sind menschlicher Gewalt ständig ausgesetzt. Ob sie nun eingesperrt und zum "Nutzen" (Tierversuche), zur Zerstreuung (Zoo, Zirkus, Haustierhaltung) oder dem kulinarischen Genuß (Fleisch, Milch, Eier, usw.) der herrschenden Gruppe (Menschen) leiden dürfen, überall wird ihnen physische und psychische Gewalt angetan. Viele empirische Studien belegen mittlerweile, daß das Gefühlsleben von vielen Tierarten hochentwickelt ist und also auch auf verschiedenste Art und Weise beeinträchtigt, verletzt und geschädigt werden kann (siehe z.B. Masson, Jeffrey M.; McCarthy, Susan: Wie Tiere fühlen, Rowohlt).

Es ist wichtig Aggression von Gewalt zu trennen, da diese scheinbar synonymen Verhaltensformen völlig verschieden beurteilt werden müssen. Aggressives Verhalten ist sowohl lebloser als auch belebter Materie gegenüber möglich. Sowohl meinem Fahrrad, als auch meiner Zimmerpflanze oder menschlichen und nichtmenschlichen FreundInnen gegenüber kann ich aggressiv sein.

Einer Plastikpuppe, die einem menschlichen Säugling zum Verwechseln ähnlich sieht, ist es aber gleichgültig, wenn ihr Plastikkörper von Nägeln durchborht oder ihr Hals durchschnitten wird. Sie leidet weder darunter, noch hat sie Wünsche bzw. Präferenzen oder ein von ihr selbst erlebtes Wohl (Regan), das zu berücksichtigen wäre. Es gibt für die Puppe keine Zustände, die sie von sich aus bevorzugen würde und bei deren Abwesenheit sie leiden würde. Oder wie einmal ein österreichischer Tierrechtler ausgedrückt hat: sie "hat nicht einmal die Fähigkeit, daß es ihr gleichgültig sein könnte". Wenn also die Puppe keine Zustände anderen Zuständen bevorzugt, dann ist es ethisch gesehen gleichgültig, was ich diesem Objekt antue. Solange es niemanden gibt, den die Beschädigung der Puppe berührt oder betrifft, ist jedes Verhalten dieser Puppe gegenüber vertretbar. Die Puppe hat keinen Wert in sich selbst.

Pflanzen hingegen leben. Das Faktum ihres Lebens allein hat aber keine normativen Konsequenzen. Wenn wir einmal annehmen, daß Pflanzen wie einige bestimmte Tierarten (möglicherweise Schwämme oder ähnliches) keine Leidensfähigkeit besitzen (diese Behauptung wird an anderer Stelle näher erläutert), dann würde das wichtige Konsequenzen für die ethischen Bedingungen unseres Verhaltend ihnen gegenüber haben. Wenn Pflanzen keine Gefühle haben, wenn es für sie selbst keinen Unterschied macht, wie wir sie behandeln, dann stehen sie auf einer gänzlich anderen Stufe als nichtmenschliche Tiere, die ein reiches psychisches Seelenleben besitzen oder auch nur zu den einfachsten Empfindungen fähig sind. Wenn Pflanzen - wie Plastikpuppen - keine Schmerzen haben, und sie keine psychischen Zustände anderen vorziehen, dann ist es auch gleichgültig, wie ich mich ihnen gegenüber verhalte.

Natürlich können bestimmte Pflanzen für andere Individuen etwas bedeuten (offensichtlich besitzen diese Individuen eben schon Empfindungen und Präferenzen), ein jahrhundertealter Baum beispielsweise, oder auch beeindruckende Wasserfälle oder Ökosysteme. Diese besitzen aber selber keine Empfindungen, die verletzt werden können, und schließen sich so als Träger von individuellen Rechten aus. Bei vielen Tieren wie Rindern, Schweinen, Kühen, Vögeln, usw. behauptet hingegen heute niemand mehr, daß sie keine Gefühle haben, die es zu berücksichtigen gilt und "ihre Schreie wie das Quietschen von Maschinen sind", wie es noch Descartes behauptete. Sie können fühlen, sie können leiden, sie ziehen bestimmte Zustände anderen Zuständen vor. Ein Faktum, das zumindest nicht unberücksichtigt bleiben kann.

Nichtmenschlichen Tieren wird auf verschiedenste Art und Weise, in verschiedenem Ausmaß und in verschiedener Intensität, Gewalt angetan. Darüber hinaus ist diese systematische Gewalt eine Unterdrückungsform.

"Was Gewalt zu einer Form der Unterdrückung macht, sind weniger die einzelnen Handlungen selbst, obwohl diese meist furchtbar sind; vielmehr ist es der soziale Kontext, der diese Handlungen umgibt, sie ermöglicht und mitunter sogar akzeptabel erscheinen läßt. Was Gewalt zu einem Phänomen sozialer Ungerechtigkeit macht und nicht zu einer bloß individuellen, moralisch falschen Handlung, ist der systematische Charakter, die Existenz von Gewalt als Form sozialer Praxis." (Young, Seite 131)

Kulturimperialismus

Kulturimperialismus heißt, "daß die Erfahrungen und die Kultur der herrschenden Gruppe universalisiert und zur Norm gemacht werden." (Young, Seite 127)

In speziesistischen Gesellschaftne wie der unseren ist alles, was "Tiere" tun, weniger wert, bedeutet weniger, ist das Primitive schlechthin. Nichtmenschliche Lebensweisen und Erfahrungen werden verhöhnt und herabgewürdigt. Wenn "Tiere" malen, dann ist das Gekritzel, wenn sie singen und zwitschern, dann ist das lediglich das Ablaufen genetischer Software.

Zurecht fragt Günther Rogausch:
"Wie ist es zu erklären, daß es in unserer Gesellschaft für Menschen nichts demütigenderes gibt, als "wie ein Tier behandelt" zu werden. [...] Warum gelten Menschen als Nicht-Tiere? Warum gilt es als erniedrigende Geste und als Signal der Unterwerfung, 'auf allen Vieren zu kriechen'? Warum ist es Gang und Gebe, daß Menschen Menschen beleidigen und beschimpfen, indem sie sie als nichtmenschliche Tiere, insbesondere solche, deren Leichenteile mit Vorliebe konsumiert werden, bezeichnen: Schweine, Kuh, Kalb, Huhn, Gans, Ziege, Sau, Ferkel, Affe, Ratte ...? Warum sagen wir, daß ein Mensch mausetot ist? Warum schätzen wir es nicht zu Freiwild oder vogelfrei erklärt zu werden?"

Was für eine Meinung wir von nichtmenschlichen Tieren haben, welche Verachtung ihnen entgegen schlägt, wird besonders deutlich daran, daß Menschen, die anderen Menschen Gewalt angetan haben, häufig als Bestien, (gerade dann) als Tiere, als Schweine, als Unmenschen, ... und als bestialisch, brutal, viehisch und/oder unmenschlich benannt werden." (Günther Rogausch: Innerhalb einer Kultur des Schlachthofes, aus: "Reflexionen zum Mensch-Tier-Verhältnis", 1999, Reader von der TAN)

Andererseits werden manche Tiere wie Löwe und Seeadler, die uns an bestimmte menschliche Stereotypien erinnern, gleichsam zu fleisch-gewordenen Sinnbildern dieser menschlichen Vorstellungen von Mut, Erhabenheit o.ä. Aber nicht einmal diese "geschätzten" Tiere bleiben vor Verfolgung geschützt.

Auch in der Philosophiegeschichte wird und wurde die Kategorie "Tier" als das Sammelbecken aller "niederer" und "verwerflicher" Eigenschaften gesehen. Jede tierliche Lebensweise scheint - gleichsam a priori ohne einer weiteren Erläuterung zu bedürfen - niedriger eingestuft zu werden als menschliche. Klassisch ist bereits der Ausspruch des britischen Utilitaristen Steward Mill, daß "ein unglücklicher Sokrates [zu sein] jederzeit einem glücklichen Schwein [-Dasein] vorzuziehen" sei.

Die Eigenschaften und Bedingtheiten der herrschenden Gruppe werden als Norm gesetzt. Um die Diskriminierung von nicht-menschlichen Gruppen zu legitimieren wird eine Egenschaft gesucht, über die menschliche, aber keine nicht-menschlichen Wesen verfügen sollen.

Immer wieder werden nicht-menschliche Tiere jeder Form der verletzenden Behandlung ausgesetzt, da sie angeblich keine Vernunft besitzen. Warum soll aber die Vernunft ethisch wichtiger sein als die Sinne, die bei Menschen fast völlig verkümmert sind, aber über die manche nicht-menschlichen Tiere in ungeahntem Ausmaß verfügen, wie olfaktorische oder visuelle Sinne, oder Sinne, die Menschen gar nicht besitzen, wie z.B. der Radarsinn von manchen Vögeln oder den Zitterrochen.

Immer wieder dürfen nicht-menschliche Tiere menschliche Sprachen lernen, um zu beweisen, daß sie intelligent sind. Wenn sie scheitern ist das anthropozentrisch-speziesistische Ego bestärkt. Wie einst RassistInnen, die Menschen aus anderen Kulturkreisen westlichen Tests unterzogen, um ihre Unterdrückung und Ausbeutung mit Hinweis auf ihre niedrige Intelligenz zu legitimieren.

Auch Kulturimperialismus scheint nicht mehr nur auf zwischenmenschliche Beziehungen allein reduzierbar zu sein, sondern ist ein in fast allen Gesellschaften vorherrschendes Zeichen speziesistischer Ideologien.

Marginalisierung

Marginal sind solche Personen, die das Arbeitssystem nicht brauchen kann oder will. (Young, Seite 119)

Besonders schlimm ist diese Unterdrückungsform, wie die davon betroffenen Gruppen, ob es sich nun um Arme, AusländerInnen, Menschen, die lange nicht geregelt gearbeitet haben, Menschen über 50, körperlich oder geistig "Behinderte" "der gönnerhaften, strafenden, erniedrigenden und willkürlichen Behandlung seitens derjenigen Personen" aussetzt, "welche die wohlfahrtsstaatlichen BürokratInnen repräsentieren". Weiters heißt es bei Young: "Wie in allen liberalen Gesellschaften wird Abhängigkeit auch in unserer Gesellschaft als eine hinreichende Rechtfertigung dafür gedeutet, Grundrechte auf Privatheit, Anerkennung und individuelle auszusetzen."

Diese Form der Unterdrückung scheint nur in Bezug auf Menschen Anwendung zu finden. Menschen leiden oft darunter, wenn sie keiner geregelten Arbeit nachgehen. Denn noch immer gewinnen die meisten Menschen ihr Selbstverständnis, Selbstvertrauen, ihren sozialen Status und ihr soziales Umfeld durch ihren Arbeitsplatz. Bei Arbeitsplatzverlust tritt oft das gefühl der Nutzlosigkeit ein (daß dieses Gefühl ein Produkt einer Gesellschaft ist, die alles, was nicht verwertbar ist, als inferior betrachtet, soll hier nicht näher problematisiert werden).

Für nicht-menschliche Tiere scheint es geradezu eine Erlösung zu sein, wenn sie von Menschen nicht für eine bestimmte Arbeit eingesetzt werden.

Viele Tiere fühlen sich mit Sicherheit nicht wohl, wenn sie ihre angeborenen Bedürfnisse nach Jagd oder Futtersuche nicht nachkommen können, sondern ihr Leben als Anschauungsobjekt für die GafferInnen in Zoos oder als Acessoir, Spielzeug oder Sozialersatz fristen dürfen. Ich glaube aber nicht, daß sich diese Formen der Unterdrückung unter der Rubrik "Marginalisierung" - so wie diese Unterdrückungsform von I. M. Young verstanden wird - subsumieren lassen.

Zugegebenermaßen ist die Definition Young's eine sehr rigide. Folgen wir beispielsweise den Ansätzen von Power-Studer oder Nancy Fraser, gewinnen wir ein ganz anderes Bild. von Marginalisierung als Unterdrückungspraxis.

Diese verstehen Marginalisierung als eine Praxis, die dazu führt, daß die von ihr betroffene Gruppe in "öffentlich-politischen Diskursen kaum vertreten" sind. Diese Art des Verständnisses kommt auch dem Umgangssprachlichen Gebrauch von Marginalisierung näher. Das Leben, Sterben und Leiden, die Probleme und Bedingtheiten des Lebens von nicht-menschlichen Lebewesen werden im öffentlich und politischen Diskurs nicht nur nicht ernst genommen, sondern auch lächerlich gemacht, als "Spinnerei" hingestellt, als "Nebenschauplatz", neben den viel wichtigeren "menschlichen" Problemen wie Arbeitslosigkeit u.ä. dargestellt und damit marginalisiert (also an den Rand des Bedenkenswerten gedrängt).

Übrigens scheint es sogar TierrechtlerInnen (oder zumindest solche, die sich aus verschiedenen Gründen so nennen) zu geben, die den Kampf um die Rechte der Tiere nur "nicht so wichtig" nehmen, wie andere Kämpfe. Halten wir aber Ausschau nach Gründen für die geforderte Hierarchie der Prioritäten, erschöpfen sich Rechtfertigungsversuche für die Bevorzugung von "Menschen" in substanzlosen Worthülsen oder noch schlimmer: ist mitunter sogar der konterrevolutionäre Abgesang auf einen sogenannten "tierfreundlichen Speziesismus" (Schwarz Grünes Gegengift, Nr. 04, Seite 47f) zu hören. Das schreit geradezu nach Anbiederung an die politische Orthodoxie der etablierten Autoritäten. Aus Revolution wird blutleerer Reformismus.

Marginalisierung muß vor allem auch in Zusammenhang mit Speziesismus als Ausgrenzungsideologie und -strategie verstanden werden, die die Benachteiligung bestimmter sozial konstruierter Gruppen ("Tiere") legitimieren soll.

Machtlosigkeit

Young nennt paradigmatisch 3 Ungerechtigkeiten, die aus Machtlosigkeit erwachsen:

Die Behinderung in der Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, der Mangel an Entscheidungskompetenz im Arbeitsleben, und die Tatsache, aufgrund des gesellschaftlichen Status respektloser Behandlung ausgesetzt zu sein. (Young, Seite 126)

Im Arbeitsprozeß wird Macht delegiert und einseitig konzentriert. Die meisten Menschen haben auch oft nicht teil an Entscheidungen, die "die Bedingungen ihres Lebens oder ihrer Handlungen betreffen, und in diesem Sinn haben viele Menschen keine entscheidende Macht." (Young, Seite 124)

"Die Machtlosen haben nicht die Autorität, den Status und das Selbstbewußtsein, daß Angehörige der höheren Berufsklassen meist haben." (ebd.)

Nicht-menschliche Tiere werden sowohl an der Ausbildung ihrer Fähigkeiten gehindert, wenn sie, wie z.B. in der "Tierhaltung", weder ausreichend Gelegenheit dazu haben ihre Umwelt zu erkunden und mit ihr frei zu interagieren, noch ihr reiches Sozialverhalten zu entwickeln oder auch nur zu tun, was sie gerade tun möchten. Wie kann das alles und noch mehr auch nur einem einzigen Hund, einer einzigen Ratte, einem einzigen Schwein verwehrt werden?

Fast schon selbstverständlicherweise sind nicht-menschliche Tiere einer respektlosen Behandlung ausgesetzt. Keines ihrer Bedürfnisse wird respektiert, solange sich das nicht irgendwie umsatzhemmend auswirkt.

Darüberhinaus sind nicht-menschliche Tiere noch immer völlig machtlos, da sie noch nicht einmal als Rechtsubjekt (der bürgerlichen Rechtsordnung) anerkannt sind. Wenn z.B. ein nicht-menschliches Tier in Österreich gequält wird und (zufällig) unter eines der löchrigen und kaum exekutierten Tierschutzgesetze fällt, dann kann die zuständige Behörde die Anzeige auf Tierquälerei z.B. wegen "Geringfügigkeit" zurücklegen, ohne daß der sonst selbstverständliche Instanzenweg möglich wäre.

Es gibt auch keine Möglichkeit, wie es sonst bei kleinen Kindern, "Schwerstbehinderten" oder sehr alten Menschen möglich ist, an Stelle der jeweiligen Person ihre Interessen zu vertreten und ihren Schutz einzufordern. Nicht-menschliche Tiere sind in unserer Gesellschaft gänzlich machtlos.

Ausbeutung

"Die zentrale Erkenntnis, die im Begriff der Ausbeutung ausgedrückt wird, liegt darin, daß Unterdrückungsverhältnisse durch den steten Prozeß, die Ergebnisse der Arbeit einer sozialen Gruppe auf eine andere zu übertragen, eintreten." (Young, Seite 114)

"Eine Situation ist nicht allein deshalb ungerecht, weil einige wenige Menschen großen Reichtum besitzen, während die meisten viel weniger haben." (ebd.)

Viel mehr gilt für Young: "Ausbeutung ist eine strukturelle Relation zwischen sozialen Gruppen. Die gesellschaftlichen Regeln der Definition von Arbeit, wer was für wen tut, wie Arbeit entschädigt wird, sowie der gesellschaftliche Prozeß, durch den die Ergebnisse der Arbeit verteilt werden, funktionieren so, daß Verhältnisse von Ungleichheit und Macht herauskommen. Diese Verhältnisse werden durch einen systematischen Prozeß produziert und reproduziert, indem die Energien der Habenichtse stetig eingesetzt wird, um die Mach, den Status und den Reichtum der Besitzenden zu erhalten und zu vermehren." (ebd.)

Es scheint mehr als evident, wer im Fall der Tierhaltung die NutznießerInnen sind. Das Mastschwein oder der/die SchweinehalterIn? Die Legehenne, deren Körper für 6-12 Eier pro Jahr angelegt ist, der aber nichtsdestotrotz 250 pro Jahr abgepreßt werden, oder die BetreiberInnen des jeweiligen Betriebs?

Von einem freien Tausch kann hier nicht die Rede sein. Nie hatten die nicht-menschlichen Tiere die Gelegenheit den Tausch auszuschlagen. Mit nicht-menschlichen Tieren wird und wurde verfahren.

Sie werden ihrer Würde beraubt, zu "Zuchttieren" und "Deckhengsten" gemacht. Sie werden weder gefragt, wenn sie an Gerüste festgeschnallt werden, um sie "künstlich zu besamen", noch werden die Schweine-Ferkel, denen die Schwänze ohne Betäubung abgeschnitten werden, um ihre Zustimmung gebeten. Was nicht-menschliche Tiere wollen ist gleichgültig, solange nur der Rubel rollt.

So ist auch der Rechtfertigungsversuch, daß den "Tieren" doch Futter und ein Wohnplatz gegeben wird, mehr als fragwürdig, vergegenwärtigen wir uns den Preis, den letztere als Gegenleistung dafür zahlen müssen: die gewaltsame Trennung von den Eltern, Verstümmelung zwecks besserer Handhabung und "Ausfallsminimierung", lebenslanges Einsperren, um schließlich weit vor Ende ihrer natürlichen Lebensspanne gewaltsam getötet zu werden.

Auch im besten Fall wird die Kuh nicht gefragt, ob sie die Milch hergeben will. Diese Frage stellt sich aber gar nicht. Dank Überzüchtung müssen die nicht-menschlichen Tiere oft zweimal täglich gemolken werden, um die durch die heillos geschwollenen Milchdrüsen verursachten Schmerzen zu vermeiden.

Fraglich ist aber, ob es im Falle der Milchkuh beispielsweise überhaupt möglich ist, eine Situation zu schaffen, in der sie nicht vor vollendete Tatsachen gestellt ist.

Das Scheinargument "wir haben die nicht-menschlichen Tiere in die Welt gesetzt, also dürfen wir mit ihnen machen, was wir wollen", zieht beim "Mensch-Tier" Verhältnis genausowenig wie in der Eltern-Kind Beziehung.

Genausowenig wie ich einen Menschen umbringen darf, mit dem Hinweis, daß sie/er sowieso einmal gestorben wäre, können wir nicht-menschliche Tiere mit dem Verweis auf die freie Natur töten, wo sie vielleicht auch von einem anderen Tiere getötet worden wären.

Tierliche Anstrengungen müssen Arbeit genannt werden, genauso wie die von SklavInnen, die auch keine freien ArbeitnehmerInnen waren, aber auf Plantagen gearbeitet haben. Diese tierliche Arbeit macht die TierausbeuterInnen reicher und mächtiger, was ihnen zusätzliches Gewicht verleiht, Verbesserungen zugunsten nicht-menschlicher Tiere zu verhindern.

Fazit

Nicht-menschliche Tiere werden als Gruppe unterdrückt. In allen 5 Fällen gelang der Nachweis für diesen Anspruch, obwohl ein einziger ausgereicht hätte, um die Unterdrückung von "Tieren" zu belegen. Zweifelsfrei ist, daß nicht-menschliche Tiere in dieser Gesellschaft systematisch von einer anderen privilegierten Gruppe Gewalt angetan wird. Nicht-menschliche Interessen und Gefühle werden systematisch vernachlässigt oder als weniger wichtig befunden, um Herrschaftsverhältnisse weiter aufrechterhalten bzw. ausweiten zu können.