Warum nicht-menschliche Tiere ein Recht auf Leben haben

Autor: DDr. Martin Balluch, Verein Gegen Tierfabriken, Österreich

Rationale statt religiöse Ethik

„Was soll ich tun?“ – das ist die zentrale Frage unseres Lebens. Laufend sehen wir uns mit Handlungsalternativen konfrontiert und müssen entscheiden: wähle ich die eine oder die andere? Solange die Entscheidung dabei mich nur selbst betrifft, geht sie sozusagen niemanden anderen etwas an. Auf welcher Basis entscheiden wir aber, wie wir miteinander umgehen, sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich, d.h. wenn Gesetze über den Umgang miteinander erlassen werden?

Man könnte die anfänglich gestellte Frage daher auch so formulieren: Was ist gut und was ist böse? Weil, Gutes soll ich tun, Böses unterlassen. Die Unterscheidung in gut und böse sei aber, so wird oft argumentiert, eine Frage von Religion und Spiritualität. Während nicht-religiöse Bewertungen dieser Art als materialistisch, oder sogar egoistisch und jedenfalls als relativ für den Vorteil eines Individuums angesehen werden, könne nur die wahre Religion eine absolute Bewertung liefern. Was ist allerdings die wahre Religion?

Religion ist nur ein Glaube, ohne jede faktisch-wissenschaftliche Begründung. Im Gegensatz zu empirisch-rationalen Aussagen lassen sich religiöse weder begründen noch kritisieren. Sie können auch keine Basis für eine gesamtgesellschaftliche Entscheidung sein, weil sich zur Religion mangels überzeugender Argumente kein Konsens finden lässt. Wollen wir eine Religion als die Unterscheidungsgrundlage zwischen gut und böse heranziehen, dann bleibt nur die Gewalt, um diese Meinung durchzusetzen. Überzeugen kann ich ohne empirisch-rationale Argumente niemanden.

Ist es denn richtig, dass sich über gut und böse nicht rational argumentieren ließe? Interessant ist folgende Beobachtung dazu, die auf Sokrates zurückgeht. Auf die Frage, ob eine religiöse Wahrheit jemals unethisch sein kann, antworten die Gläubigen meistens, dass sich eine wahre Religion dadurch auszeichne, keine unethischen Wahrheiten zu haben. Damit unterscheiden aber selbst die Gläubigen zwischen „gut“ in einem religionsunabhängigen Sinn und „gut“ im religiösen Sinn. Würde eine Religion z.B. das Foltern von Kindern fordern, dann ist das Foltern von Kindern „gut“ im Sinn dieser Religion. Wir würden das aber dennoch für unethisch, also „böse“, halten, und mit den Worten der Gläubigen von vorher würde es sich hier um eine unethische religiöse Wahrheit handeln. Wir haben also eine Meinung was „gut“ ist, die von der Religion unabhängig scheint. Seit der Aufklärung ist eine gesellschaftliche Entwicklung – mit Fort- und Rückschritten – Richtung allgemeiner Menschenrechte und individueller Freiheit, weg von Folter, Todesstrafe und Sklaverei, zu bemerken. Diese Entwicklung mit ihrer eigenen Sicht von „gut“ musste gegen den Widerstand der Religionen erkämpft werden, sie war nicht Teil der Religionen.

Bewusstsein, naturwissenschaftlich gesehen

Ein Grund, warum man meinen könnte, dass in ethischen Fragen die Religion angerufen werden soll, liegt im Phänomen des Bewusstseins. Dabei nenne ich Bewusstsein das, was verschwindet, wenn ich mein Bewusstsein verliere. Wenn ich vollkommen bewusstlos bin, habe ich keinerlei Empfindungen. Bewusstsein ist also die Fähigkeit zu empfinden. Solange ich bei Bewusstsein bin habe ich laufend Empfindungen.

Auf den ersten Blick scheint es naheliegend zu sein hier in Materie und Geist, Körper und Bewusstsein, zu trennen. Die Materie bzw. der Körper unterliegen den von der Naturwissenschaft beschriebenen Naturgesetzen, der Geist bzw. das Bewusstsein aber nicht, sie sind immateriell und daher religiös bestimmt. Doch lasst sich diese Trennung nicht aufrechterhalten. Das Bewusstsein ist ganz klar durch körperliche, vor allem hirnorganische Zustände bestimmt. Ich kann es chemisch beeinflussen, es sogar mittels Anästhesie ganz abdrehen, oder die Persönlichkeit und den Charakter als ganzes, aber auch momentane emotionale Zustände, durch direkten Eingriff bestimmen bzw. verändern. Es gibt keinen Grund, warum nicht auch das Bewusstsein naturwissenschaftlich fassbar sein sollte. Und es gibt keine Alternative dazu, das zumindest zu versuchen.

Der Körper eines Wesens ist durch seine Haut von seiner Umgebung getrennt und bildet sein eigenes internes Milieu, seinen internen Gleichgewichtszustand, um weiterexistieren zu können. Um dieses interne Gleichgewicht zu erhalten, gibt es automatisierte Regelungsprozesse, z.B. durch ein Netzwerk von Nervenleitungen. Diese Selbstregulation geschieht effizienter, wenn es eine zentrale Steuerungsstelle gibt: das Gehirn. Das Nervensystem wird so zum Zentralnervensystem.

Im Gehirn laufen aber nicht nur die Nervenbahnen aus dem ganzen Körper zusammen, der gesamte Körper wird auch noch in verschiedenen Hirnregionen repräsentiert. Wenn dem Körper also etwas zustößt, dann wird dieses Geschehen im Hirn quasi simuliert. Bewusstsein, so sagt uns die Neurobiologie, ist dann ein nichtverbaler Kommentar zu diesem Geschehen, ein Einschätzen und Bewerten, bzw. ein Verstehen dieser Aktivität, das wiederum von weiteren Hirnregionen ausgeht.

Meine Fähigkeit zu Bewusstsein muss im Laufe der Evolution meiner VorfahrInnen entstanden sein. Damit aber die Eigenschaft ein Bewusstsein zu haben, sich zumindest in einem gewissen Bereich durchgesetzt hat, muss Bewusstsein eine Auswirkung auf die Handlungen der Lebewesen mit Bewusstsein gehabt haben. Wie unterscheidet sich eine Handlung mit Bewusstsein von einer ohne?

Ein Computer folgt blind und unbewusst den Anweisungen, die ihm seine Software gibt. Ein Input wird nach diesen Anweisungen behandelt und in einen Output verwandelt, z.B. für die Lösung eines mathematischen Problems. Ich könnte diese Tätigkeit des Computers simulieren, indem ich denselben Input bekomme, genauso denselben Handlungsanweisungen folge und damit den Input manipuliere, und dann denselben Output, wahrscheinlich viel langsamer als der Computer, nennen kann. Dazu muss ich aber überhaupt nicht verstanden haben, was ich mache. Ich brauche nichts über Mathematik zu wissen und nicht einmal das Problem zu kennen, um das es geht, geschweige denn, wie ich es löse. Handle ich also nach fixen Vorgaben wie ein Computerprogramm, dann spielt Bewusstsein keine Rolle. Da sich aber Bewusstsein evolutionär in gewissen Bereichen durchgesetzt hat, muss das bewusste Handeln mehr sein, als das bloße mechanische Befolgen von vorgegebenen Handlungsanweisungen. Bewusstsein muss eine Auswirkung auf das Handeln haben, die über ein computerprogrammanaloges, fixes Schema von reinen Handlungsanweisungen hinausgeht. Und diese Auswirkung des Bewusstseins auf das Handeln entspricht der Fähigkeit zu entscheiden, auf der Basis von Werten.

Werte, Leidensfähigkeit und Autonomie

Im täglichen Leben muss ich laufend Entscheidungen treffen, ob ich das oder jenes tu, ob ich dieser oder jener Sache den Vorzug gebe und ob ich meinen persönlichen Vorteil dem anderer bzw. der Gemeinschaft über- oder unterordne usw. Mit anderen Worten: ich bewerte. Wenn ich dieser Sache gegenüber einer anderen den Vorzug gebe, dann bewerte ich diese Sache höher als die andere. Wenn ich in diesem Fall meinen persönlichen Vorteil über den der Gemeinschaft stelle, dann bewerte ich meinen persönlichen Vorteil höher als den der Gemeinschaft usw. Ich habe also Werte, und diese bestimmen meine Entscheidungen und damit mein Verhalten.

Werte bilden die Eckpfeiler meiner Entscheidungen, aber wo kommen sie her? Sagen wir, rechts neben mir ist ein Paradeisersalat, links ein Erdäpfelsalat. Zu welchem greife ich? Vielleicht habe ich keinerlei Hunger oder keine Lust auf Salat und ignoriere beide. Oder aber ich assoziiere unbewusst mit den Paradeisern den Umstand, dass mir zuletzt beim Paradeisersalat-Essen schlecht geworden ist, und bevorzuge daher den Erdäpfelsalat. Oder, umgekehrt, ich assoziiere unbewusst mit dem Paradeisersalat schöne, gemeinschaftliche Erlebnisse, die ich beim letzten Essen hatte, und wähle daher ihn. Es kann aber auch durchaus sein, dass ich erfahren habe, dass die Paradeiser für diesen Salat mit Pestiziden behandelt worden sind oder von weit hertransportiert wurden, und deshalb entscheide ich mich bewusst für den Erdäpfelsalat.

Ich kann also unbewusste oder bewusste Gründe für meine Entscheidung und damit meine Bewertung haben. Gemeinsam ist beiden allerdings, dass sie die Grundlage meiner Entscheidung sind. D.h. die Gründe für meine Entscheidung können unbewusst sein, der durch die Entscheidung entstandene Wille selbst ist aber bewusst. Werte entwickeln sich also im Bewusstsein und lösen dort eine bewusste Entscheidung aus. Das ist Autonomie. Die Fähigkeit zu bewerten steht und fällt demnach mit der Fähigkeit zu entscheiden, also mit der Autonomie, und tritt beim Vorhandensein von Bewusstsein auf. Autonomie ist die wesentliche Funktion von Bewusstsein.

Die Leidensfähigkeit ist ein Spezialfall dieser Funktion des Bewusstseins. Wenn, um beim obigen Beispiel zu bleiben, der Paradeisersalat bereits verdorben ist und mir nach seinem Verzehr speiübel würde, dann werde ich nach dem nicht verdorbenen Erdäpfelsalat greifen. Das Leiden unter der Übelkeit bewerte ich negativ, nicht zu leiden ist dann ein positiver Wert. Leidensfähigkeit ist also eine von vielen möglichen Gründen für eine Bewertung, die dann Grundlage meiner Entscheidungen ist. Entsprechend steht und fällt auch die Leidensfähigkeit mit Bewusstsein.

Von Werten zu Tierrechten

Jedes Wesen mit Bewusstsein kann also intentional bzw. autonom handeln, d.h. es kann entscheiden ob es dieses oder jenes tun will. Genau das ist ja die evolutionäre Funktion von Bewusstsein. Und um sich für diese oder jene Vorgangsweise zu entscheiden muss das Wesen mit Bewusstsein bewerten. Diese Werte sind aber zwingend subjektiv. Sie beziehen sich ja auf das spezifische Wertesystem jeweils des bewertenden Wesens. Und dieses Wertesystem ist durch viele verschiedene Dinge bestimmt, wie z.B. das genetische Erbgut und die bisherigen Erfahrungen. „Gut“ oder „schlecht“ ist etwas also immer relativ zu den (unbewussten) Interessen und dem bewussten Willen eines Wesens mit Bewusstsein.

Heißt das, dass auch jede Ethik, die ja auf Werten basiert, immer subjektiv bleiben muss? Ja und nein. Die meisten Werte bleiben sicherlich subjektiv, aber daneben sind manche der subjektiven Werte kategorisch für jedes willensfähige Lebewesen gegeben und in diesem Sinn objektiv.

Wenn ich z.B. Schach spielen will, dann brauche ich dafür einE PartnerIn, ein Schachspiel, Zeit usw. Aber neben diesen offensichtlichen Dingen, gibt es auch einige Grundvoraussetzungen, die implizit notwendig sind, wie z.B. mein Herzschlag. Ohne Herzschlag kann ich nicht Schach spielen, weil ich einfach sterbe. Für alle Aktivitäten, die ich wollen kann, sind 3 Grundvoraussetzungen immer notwendig: ich muss am Leben sein, muss frei sein zu handeln und unversehrt sein. Diese 3 Grundvoraussetzungen – Leben, Freiheit und Unversehrtheit – sind kategorisch notwendige, implizite Bedingungen um intentional handeln zu können.

Unterscheiden wir der Einfachheit halber zwischen einem bewussten Willen eines Wesens mit Bewusstsein und seinen unbewussten Interessen, also all den Voraussetzungen, die dem Wesen zwar nicht bewusst sind, aber auch erfüllt sein müssen, damit es seinen Willen umsetzen kann. Dann folgt, dass es im Interesse eines jeden Wesens mit Bewusstsein liegt, dass es lebt und frei und unversehrt ist. Jedes Wesen mit Bewusstsein bewertet damit sein Leben, seine Freiheit und seine Unversehrtheit als gut. Leben, Freiheit und Unversehrtheit sind also kategorisch gute Werte, weil jedes Wesen, das bewerten kann, sie als gut bewertet, und in diesem Sinn sind sie objektiv gut.

In einer Gesellschaft wie der unsrigen gibt es ein Gewaltmonopol. Das Kalkül dahinter ist, um individuellen Gewaltakten vorzubeugen eine übermächtige Institution wie die Polizei zu schaffen, gegenüber der jede individuelle Gewalt keine Chance hat. Diese übermächtige Institution hat also dann ein Gewaltmonopol in der Gesellschaft. Mit dem Gewaltmonopol geht natürlich eine entsprechende Verantwortung einher. Immerhin kann es ja alle x-beliebigen Werte durchsetzen. Entsprechend gibt es Rechte gegenüber dem Gewaltmonopol als Gegengewicht. Diese Rechte auf etwas sind Garantien des Gewaltmonopols, dieses etwas für die Individuen auch durchzusetzen.

Ich habe ein Bewusstsein und deshalb einen Willen. Deshalb sind Leben, Freiheit und Unversehrtheit in meinem Interesse. Deshalb fordere ich gegenüber dem Gewaltmonopol Rechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Wenn ich jetzt rational konsistent sein will, also eine rationale Ethik verfolge, dann muss ich mit meiner Forderung auch gleichzeitig für alle Wesen mit Bewusstsein ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit fordern. Auch diese Wesen erfüllen ja die Voraussetzung, die ich für meine Forderung geltend gemacht habe.

Das verhält sich ähnlich wie z.B. im folgenden Fall. Sagen wir, ich fordere eine Gehaltserhöhung mit der Begründung, weil ich einen Doktortitel habe. Immerhin hätte ich dadurch ja eine entsprechend bessere Ausbildung, so argumentiere ich. Auch wenn ich mich subjektiv nicht dafür interessieren sollte, ob andere mit Doktortitel ebenso eine Gehaltserhöhung bekommen, muss ich aber, wenn ich rational konsistent handeln will, gleichzeitig mit meiner Forderung zumindest implizit auch für alle anderen, die einen Doktortitel haben, eine Gehaltserhöhung fordern. Das ist der Unterschied zwischen objektiv-rationalem und subjektiv-emotionalem Handeln.

Alle Wesen, die erstens ein Bewusstsein haben, zweitens rational sind und drittens verstehen, dass ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Unversehrtheit in ihrem Interesse sind und deshalb Rechte darauf fordern, müssen also zwingend dieselben Rechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit für alle Wesen mit Bewusstsein fordern. Die Grundlage dafür liefert die Autonomie, zu der Wesen mit Bewusstsein fähig sind. Die Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit soll diese Autonomie ermöglichen, sie sind also die Säulen des eigentlichen zentralen Grundrechts auf Autonomie. Autonomie ist aber von Leidensminimierung zu unterscheiden. Oft bedeutet ein autonomes Leben mehr Leid. Aber wir alle bevorzugen dennoch die Autonomie, anstelle zu unserem leidfreien Glück gezwungen zu werden.

Woran erkenne ich Bewusstsein?

Was bleibt ist also empirisch festzustellen, welche Wesen ein Bewusstsein haben. Das muss sich ja empirisch prüfen lassen, weil Bewusstsein ein naturwissenschaftliches Phänomen ist, und weil es ja Auswirkungen auf die Handlungen des Wesens mit Bewusstsein hat, ansonsten hätte es sich evolutionär nicht entwickelt.

Reiz- und Schmerzreaktionen bei Lebewesen reichen allerdings nicht für den Nachweis von Bewusstsein, weil sie auch ohne Bewusstsein ablaufen können. Auch Instinkthandlungen und Lernen durch Konditionierung sind kein Hinweis auf Bewusstsein weil sie im Prinzip programmierbar sind. Allerdings schließt der Umstand, dass ein Wesen mit Instinkt oder Konditionierung agiert, Bewusstsein nicht aus. Ich habe ein Bewusstsein und setze trotzdem zuweilen Instinkthandlungen und bin auch konditionierbar.

Empirische Kriterien für Bewusstsein sind schwierig nachzuweisen, weil sie im wesentlichen darauf basieren, dass sie nicht durch einen Computer simulierbar sind. Aber einzelne Handlungen unter gegebenen Bedingungen sind immer programmierbar. Erst wenn die Bedingungen für die Handlungen im vorhinein nicht bekannt sind, wird das Programmieren schwierig wenn nicht unmöglich. Bewusstsein zeichnet sich gerade dadurch aus, dass unter denselben Bedingungen nicht unbedingt dieselbe Handlung gesetzt wird. Die entsprechenden Ergebnisse von etwaigen Experimenten sind also nicht unbedingt reproduzierbar.

Dennoch lassen sich Kriterien finden, die hinreichend für Bewusstsein sind und bei verschiedenen Wesen durch die Fülle ihres Auftretens überzeugend ein Bewusstsein belegen: wenn Wesen durch Verstehen statt durch Konditionieren lernen können, wenn sie durch problemadäquate, flexible Reaktionen ihr Verständnis von Problemen zeigen, wenn sie ihre Sicht der Welt durch sinnvolle Konzepte und Kategorisierungen erschließen, wenn sie Kultur haben usw. Die Ethologie zeigt uns, dass zumindest alle Wirbeltiere und Kopffüßer diese Kriterien in ausreichendem Maß erfüllen, um ein Bewusstsein glaubwürdig zu machen. Entsprechend müssen wir aus Gründen der Konsistenz und damit der Gerechtigkeit auch diesen Wesen Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit einräumen, wenn wir sie uns selbst geben wollen.

Es gibt keine objektive Lebenswerthierarchie

Da die obigen Rechte kategorisch eingeführt wurden, und nicht vom Ausmaß einer Eigenschaft abhängen, gelten sie grundsätzlich für alle Wesen, die ein Bewusstsein haben, gleich. Hier ist also nicht ein Wesen gegenüber dem anderen zu bevorzugen.

Im Konfliktfall, wenn z.B. nur derart begrenzte Ressourcen für 2 Lebewesen vorhanden sind, dass eines davon benachteiligt werden muss, dann ist auch von der Ethik i.a. gefordert, eine Entscheidungshilfe zu bieten. Diese Entscheidung kann aber nicht objektiv sondern muss subjektiv ausfallen. Es gibt keinen objektiven Wert des Lebens eines Lebewesens. Die Bewertung des Lebens ist nämlich immer relativ zu einem Wertesystem jeweils eines Lebewesens mit seinen eigenen, persönlichen Vorlieben.

Ich kann mich auch nicht in ein Lebewesen hineinversetzen, sein Leben mit seinem Wertesystem zu bewerten versuchen, und dieses Ergebnis mit der Bewertung des Lebens eines anderen Lebewesens mit dessen Wertesystem vergleichen. Für jedes Lebewesen ist das eigene Leben quasi unendlich viel wert. Es gibt da keinen höheren Wert und vor allem keinen objektiven Maßstab, mit dem diese Bewertungen verglichen werden könnten.

Schmerz z.B. hat die Funktion, ein Lebewesen, das ihn erleidet, mit allen Mitteln dazu zu bringen, die Situation zu verändern, weil sonst eine schwere Schädigung des Körpers zu erwarten ist. Lebensbedrohlicher Schmerz ist entsprechend der maximal mögliche Schmerz, der bei dem Lebewesen alle Reserven mobilisieren soll, um zu überleben. Daher kann man auch nicht sagen, ein Lebewesen wäre leidensfähiger als ein anderes. Der maximale Schmerz ist der maximale Schmerz und insofern für jedes Lebewesen gleich. Und der maximale Schmerz, den ein Lebewesen empfinden kann, korrespondiert zum subjektiven Lebenswert, den sich das Lebewesen selbst gibt. Vergleichbar wäre es z.B., wenn ein Lebewesen unter gewissen Bedingungen 90% seines maximalen Schmerzes erleidet, während ein anderes unter denselben Bedingungen nur 10% seines maximalen Schmerzes erleidet. Dann kann ich sagen, dass das eine Lebewesen unter diesen Bedingungen mehr leidet als das andere. Aber die Leidensfähigkeit an sich und die eigene Bewertung des eigenen Lebens sind nicht objektiv vergleichbar. Daher lasst sich keine objektive Lebenswerthierarchie finden. Einer subjektiven Lebenswerthierarchie würden aber die geringer bewerteten Lebewesen mit gutem Grund nicht zustimmen, weshalb es keinen Konsens gäbe.

Im praktischen Umgang mit Konfliktfällen müssen dennoch subjektive, vielleicht pragmatische Regeln angewendet werden. So können HelferInnen selbst entscheiden, wem sie zuerst helfen (z.B. den eigenen Verwandten und Bekannten vor Fremden, oder denjenigen zuerst, die in größerer Gefahr sind etc.), oder eine Gesellschaft kann ihre eigenen Ressourcen nach ihrem eigenen Gutdünken verteilen. Eine pragmatische Regel für die Verteilung knapper Ressourcen wäre vielleicht „wer zuerst kommt mahlt zuerst“. Eine rationale Ethik führt aber auf keine allgemeingültige Antwort in solchen Konfliktfällen

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