Tierrechtskongress
Wien 2002


Bis zum 18. Jahrhundert war das Menschenbild der Gesellschaft sehr stark durch die Philosophie des Perfektionismus von Aristoteles geprägt, die von der grundsätzlichen Ungleichheit - und damit einhergehend von der grundsätzlichen Verschiedenwertigkeit - der Menschen untereinander ausgeht. Die Aufklärung ersetzte dieses Menschenbild durch die Idee der Gleichberechtigung aller Menschen. Doch in einer chauvinistischen Feudalgesellschaft ohne Kinderschutz, Frauenrechte oder irgendwelche Sozialgesetze, konnten solche Ideen nur durch eine entsprechende soziale revolutionäre Bewegung, die Menschenrechtsbewegung, etabliert werden. Die heutige Gesellschaft hat die Wertvorstellungen dieser Bewegung weitgehend aufgenommen und zur Norm erklärt.

Doch mit dem Menschenbild der Aufklärung wurde ein Tierbild etabliert, das, wie wir heute merken, in keinster Weise den realen Gegebenheiten gerecht wird. Nur durch die scharfe Abgrenzung von den anderen Tieren konnte offenbar die Gleichberechtigung aller Menschen erkauft werden. Die heutige Gesellschaft hat die Lasten ihres Wohlstandes zum weitaus größten Teil den nicht-menschlichen Tieren aufgebürdet: zumindest 65% der Wirtschaft basiert direkt oder indirekt auf ihrer Totalausbeutung. Offenbar bedarf es jetzt einer weiteren Revolution, einer neuen sozialen revolutionären Bewegung, der Tierrechtsbewegung, um hier Abhilfe zu schaffen.

Die moderne Tierrechtsbewegung der 1970er Jahre hat auch bei uns in Österreich Fuß gefasst. Sie beschäftigt sich nicht nur mit Tierschutz, und Tierschutzgesetzen, sondern stellt die Grundannahme unseres Weltbildes in Frage: warum sollen Menschen wichtiger sein als nicht-menschliche Tiere? Und diese Frage wird bereits in einem breiten Fächer von kulturellen und wissenschaftlichen Bereichen in unserer Gesellschaft diskutiert: juridisch, philosophisch, biologisch, theologisch, bildhauerisch, musikalisch, tänzerisch, malerisch, lyrisch, aktionistisch, akademisch, politisch, usw.

Von 5. - 8. September 2002 wird es jetzt erstmals einen großen Kongress dieser Tierrechtsbewegung in Österreich geben. Menschen aus verschiedensten Fachbereichen sollen zusammenkommen, und die ihnen spezifischen Aspekte in die Diskussion einbringen.

Dieser Kongress soll aber hauptsächlich von der Basis, von den selber - in welcher Form auch immer - tierrechtlerisch aktiven getragen werden. Das Kernstück des Kongresses wird daher eine Vielzahl von Arbeitskreisen und Diskussionsrunden sein, bei der alle, die wollen, zu Wort kommen können. Wer selber etwas beitragen will, wie z.B. einen Kurzvortrag von 10 Minuten zu einem selbstgewählten Thema im Rahmen eines Arbeitskreises halten, oder eine Diskussion zu einem Thema, das einen bewegt, moderieren, melde sich bitte bei Martin Balluch, Email: martin.balluch@vegan.at, Tel.: +43 (0)676 7203954.

In diesem Kongress wollen wir das Gemeinsame fördern und aufgreifen, und nicht das Trennende herausstreichen. Alle, die die grundsätzliche Meinung teilen, dass Tiere nicht ausgebeutet und missbraucht werden sollen, sind auf dem Kongress willkommen. Entsprechend werden alle Mahlzeiten auf dem Kongress vegan sein. Der Streit zwischen verschiedenen Vereinen, Gruppen oder Individuen, soll zumindest für den Zeitraum des Kongresses beiseite gelegt werden. Die Kongressleitung wird keine Angriffe auf namentlich genannte Individuen oder Gruppen tolerieren.

Wer sich einen Überblick über die Tierrechtsbewegung verschaffen will, besucht die Abendvorträge, liest sich durch das Material auf den Informationstischen im Foyer oder schaut sich die Tierrechtsvideos an. Wer die Diskussion in gewissen Spezialbereichen kennenlernen oder mitgestalten will, geht in die entsprechenden Arbeitskreise und Diskussionsgruppen. Wer gerne selber in irgendeiner Form im Rahmen der Tierrechtsbewegung aktiv werden will, aber vielleicht noch nicht weiß wie und wo, wird bei diesem Kongress seine/ihre Nische, die dem persönlichen Charakter und den eigenen Vorlieben am besten entspricht, finden.

Die Tierrechtsidee versucht auf eine der Grundfragen unseres Daseins zu antworten: wie sollen wir uns fühlenden Individuen gegenüber verhalten. Und gerade weil das eine der Grundfragen ist, spielt die Antwort in fast alle Bereiche unserer Gesellschaft, ja des täglichen Lebens, hinein. Deswegen kann man in ALLEN gesellschaftlichen Bereichen, in denen man aktiv ist, die Tierrechtsbewegung unterstützen und verbreiten. Die Tierrechtsbewegung kann nur dann ihr revolutionäres Ziel verwirklichen, wenn sie zu einer Massenbewegung wird, die alle Schichten der Gesellschaft durchdringt.

Mit diesem ersten Tierrechtskongress Europas unterstreicht die Tierrechtsbewegung, dass sie in unserer Gesellschaft eine anerkannte Kraft geworden ist, mit der man in Zukunft rechnen wird müssen.

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