Tierrechte und Nitsch


Im Rahmen der Tierrechtsproteste gegen Nitsch wurden die TierrechtlerInnen immer wieder – zum Teil auch sicher von der TierausbeuterInnenlobby initiiert – als faschistoid bezeichnet. Die Linke hat sich, ohne daß es ihr richtig aufgefallen wäre, von den TierausbeuterInnen einspannen lassen und gemeinsam mit diesen einen medialen Anti-Tierrechtssturm entfacht wie er seinesgleichen sucht. Ich hätte unsere Linke eigentlich für kritischer gehalten, als daß sie sich von der TierausbeuterInnenindustrie so leicht vereinnamen läßt. 
Interessant, daß bei der Kritik an den Anti-Nitsch Protesten die Demonstrationsfreiheit plötzlich nicht mehr so wichtig war wie die Freiheit der Kunst. Tatsache ist, daß sich Nitsch‘s Theater in den Straßen von Prinzendorf, also auf öffentlichem Grund, unter Polizeischutz Dinge erlauben durfte, die bei einer Demonstration völlig undenkbar wären. Nitsch konnte z.B. AktionistInnen nackt und angefesselt durch die Straßen karren, während ähnliches bei jeder Anti-Pelzdemo sofort von der Polizei unterbunden und mit hohen Geldstrafen geahndet wird. Ich habe auch keine Kritik an den AktionistInnen von Nitsch, seinem Pressesprecher und seiner Frau gehört dafür, daß sie DemonstrantInnen physisch angriffen, mit Gewalt bedrohten, sexuell belästigten und in jeder nur denkbaren Art und Weise schikanierten. 

Die linke Position zu Nitsch und der Freiheit der Kunst wurde in verschiedenen progressiven Medien so wiedergegeben: in der Kunst soll alles erlaubt sein, was legal ist. Rein moralische Bedenken seien persönlicher Natur und dürfen der Freiheit der Kunst nicht im Weg stehen. Diese Einstellung übersieht allerdings, daß das Gesetz immer von den Herrschenden gemacht wird. Die Legalität ist und war immer nur ein Maß dafür, wie weit die unterdrückten Massen und ihre FürsprecherInnen die Herrschenden zu Konzessionen zwingen konnten. 

Die Außerparlamentarische Opposition hatte in den 60er und 70er Jahren die Losung kreiert: legal –illegal – scheißegal! Und nicht zu unrecht. Robert Garner diskutiert diesen Umstand in seinem Buch Animals, politics and morality (Manchester Univ. Press 1994) im Detail. Dabei stellt er sehr überzeugend dar, daß die Gesetzgebung in unserer Demokratie in erster Linie von ökonomischen Interessen der Wirtschaft und von persönlichen Interessen der Mächtigen beeinflußt wird und eben nicht direkt vom Volk bzw. von der Mehrheit ausgeht. In diesem Sinn sind die Gesetze also nicht demokratischer Mehrheitswillen und deshalb aus moralischen Gründen auch nicht unbedingt zu befolgen. Ich schließe daraus, daß das Übertreten von Gesetzen um Unterdrückte zu befreien oder zu unterstützen auch und gerade in unserem demokratischen Rechtsstaat voll und ganz zu rechtfertigen ist, solang es in einem vernünftigen Verhältnis zu der vom Staat legalisierten Unterdrückung steht. Das gilt sogar ganz unabhängig von der Tatsache, daß in unserer Gesellschaft die große Mehrheit der Unterdrückten, die nicht-menschlichen Tiere, nur eine sehr schwache, vornehmlich außerparlamentarische Vertretung ihrer Interessen haben, und somit ein auch illegales Eintreten für ihre Rechte von vornherein gerechtfertigt ist. 

Die richtige linke Position zur Freiheit der Kunst kann daher nicht von Legalität bestimmt sein, sondern muß vielmehr lauten: erlaubt ist alles (z. B. in der Kunst), was die elementaren Rechte anderer nicht beeinträchtigt. Oder mit anderen Worten: die Freiheit Deiner Faust endet vor der Nase Deines Nächsten. Zu diesen elementaren Rechten gehören natürlich die Grundrechte auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit, die allen Tieren, oder besser: allen fühlenden Lebewesen mit Bewußtsein, zustehen. Daher ist die vegane Gesellschaft eine Minimalforderung, weil die Rechte auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit aller Tiere (inklusive der Menschen) zu beachten heißt vegan zu leben. Das ist, konsequent zu Ende gedacht, die linke Position. 

Da Nitsch mit seinem Orgien-Mysterien-Theater die elementaren Rechte von etwa 20 Schafen und Schweinen sowie von 3 Stieren in sehr schwerwiegender Weise übertreten hat, folgt unmittelbar, daß er auch vom Standpunkt der linken Position die Freiheit der Kunst überschritten hat. Es ist daher für eine Befreiungsbewegung wie die Tierrechtsbewegung notwendig mit aller Schärfe gegen das Nitsch Theater vorzugehen. 

In den Monaten vor dem Nitsch’schen 6-Tage-Spiel gab es von Seiten der Tierschutzvereine Kontaktaufnahmen mit Bundeskanzler Mag. Klima und Landesrat Dr. Bauer, die allerdings im wesentlichen ergebnislos verliefen. Nicht nur die politisch Verantwortlichen, sondern auch die meisten MedienvertreterInnen, stellten sich eindeutig und nachdrücklich auf die Seite von Nitsch. 

Die autonome Tierrechtsszene ließ derweil mit einigen Aktionen von sich hören. So wurden bei einem sogenannten „fundraising dinner“ für Nitsch einige Autos der Gäste mit roter Farbe überschüttet. Einige Tage vor dem Orgien-Mysterien-Theater (OMT) wurden auch die Auslagenscheiben und die Tür der Fleischerei Reiss, die Nitsch mit Tierkadavern und Gedärmen beliefern wollte, zerschlagen. Und in der Nacht vor dem OMT wurde der Weinkeller des Nitsch’schen Schlosses mit roter Farbe beschmiert. 

Die Demonstrationen vor dem Schloß dauerten ungebrochen die gesamte Zeit hindurch an. Dabei versammelten sich die DemonstrantInnen in erster Linie vor dem Haupttor des Schlosses und machten soviel Lärm wie nur möglich. Dieser Lärm wurde durch Sirenen, Drucklufthupen, Autohupen mit Verstärkern, Pfeiffen, vegane Trommeln, Megaphone usw. erzeugt. Der Lärm war so ohrenbetäubend, daß alle DemonstrantInnen Hörschutz tragen mußten. 

Die Polizei versuchte ab und zu halbherzig das eine oder andere Lärminstrument zu verbieten. Die meiste Zeit hindurch konnte jedoch beliebig viel Lärm gemacht werden. In der übrigen Zeit brachten es die DemonstrantInnen auf andere Weise zu Wege das OMT zu stören, wie z.B. durch das Vorlesen von Tierrechtsliteratur mit einem Megaphon, oder durch Lärm von das Schloß überragenden Bäumen, oder mittels abgeschossener Knallkörper oder Silvesterraketen. Kurz und gut, das Nitsch’sche Theater war eigentlich nie ohne Störung, zumindest durch Lärm von außen. 

Daß dieser Lärm mehr als störend war zeigt u.a. die Tatsache, daß Nitsch‘s Gäste ständig herauskamen und sich entweder beschwerten, oder die DemonstrantInnen physisch angriffen, oder hysterisch anlärmten, oder immer wieder sagten, daß der Lärm eh ned störend wär. Der ORF sowie das USAmerikanische Aufnahmeteam haben beide zuerst um Ruhe gebeten, bzw. Geld oder Sendezeit im Gegenzug geboten, und zuletzt Drohungen von Millionenklagen ausgestoßen. Alles in allem offensichtlich eine sehr erfolgreiche Demonstration. Die Frau Rita Nitsch hatte immerhin zweimal einen Nervenzusammenbruch, war mehrmals herausgestürmt um die DemonstrantInnen zu beflegeln und war sonst gehässig und aufgebracht wie selten jemand. Und der Pressesprecher Wolfgang Koch hatte sogar einen Demonstranten damit bedroht, ihm die Nase blutig zu schlagen. 

Andere Aktionen während der Demonstration waren 3 Versuche die Stiertransporte zu blockieren (wobei die Polizei einmal DemonstrantInnen vom Lastwagen entfernen mußte und ein anderes mal der Lastwagen nur durch ein gewagtes Manöver und das Anfahren einer Demonstrantin entkommen konnte), eine Lawine von 50 oder mehr Steinen, die in das Schloß geworfen wurden, das Anzünden eines Stromkabels des Schlosses mit Hilfe von Benzin, das Blockieren der Zufahrststraßen zum Schloß für den Verkehr und zumindest zwei Bombendrohungen, die das OMT doch jeweils ein bis zwei Stunden unterbrachen. Autonome Gruppen unterdessen zerschlugen die Scheiben des Fleischhauers, von dem der Lastwagen für den Stiertransport stammte, attackierten die Autos der Nitsch’schen Gäste mit Farbe und Superkleber, bemalten das Presshaus des Schlosses samt Gästetischen und Bänken mit Aufschriften wie „Nitsch du Mörder“ in roter Farbe und zerschlugen die Windschutzscheibe eines der LKWs, die das OMT mit frisch getöteten Schweinen und Schafen versorgten. 

Zusammengenommen waren die Demonstrationen sicher sehr erfolgreich, auch wenn sie im Kern von nur etwa 30 TierrechtlerInnen getragen worden waren. 

Die Medienberichterstattung war die schlimmste Hetzkampagne gegen Tierrechte, die ich in Österreich jemals gesehen habe. So ziemlich alles waren faustdicke Lügen, die dazu dienten die DemonstrantInnen zu demoralisieren und lächerlich zu machen. Die Wahrheit ist vielmehr:
  • die Demonstrationen waren sehr erfolgreich und sehr störend für Nitsch
  • mehr als 20 Stiere, Schweine und Schafe sind ausschließlich für die Kunst getötet worden
  • 3 Stiere wurden vor den Augen der Gäste im Schloß getötet
  • keines der für Nitsch getöteten Tiere wurde gegessen
  • alle für Nitsch getöteten Tiere stammten aus tierquälerischer Intensivtierhaltung
  • das OMT hatte niemals wirklich das Ziel für Tierschutz zu sensibilisieren
  • es gab keine Kooperation zwischen TierrechtlerInnen und der FPÖ

 Im folgenden drei Zeugenaussagen, um sich ein Bild davon machen zu können, was wirklich während dem OMT mit den Tieren geschah: 

Eine Stierschlachtung: Der Stier steht im LKW und hat eine Augenklappe auf sodaß er nichts sieht. Er ist locker angebunden und ich bemerke, daß er eine blutige Schnauze hat. Von Zeit zu Zeit bekommt der Stier panische Anfälle und schlägt sehr fest und sehr laut hörbar gegen die LKW Wände. Die hintere Stirnwand des LKW wird geöffnet. Ein Mann schlingt dem Stier eine Art Lassoschlinge um die Hörner und windet das andere Ende um einen im Boden hinter dem LKW eingelassenen Ring, sodaß wohl ein Verkürzen des Seiles durch Zug, aber kein Zurückweichen des Stieres möglich ist. Dann wird der Stier losgebunden und durch Ziehen und Schieben an den Rand des Laderaumes gebracht. Da er die Augenklappe noch auf hat, kann er die schräge Laderampe nicht sehen. Weil er sich weigert weiterzugehen, wird er mit einem Holzstock geschlagen. Als er dem Ziehen und Schieben und den Schlägen nicht mehr standhält, muß er glauben ins Leere zu treten. Er macht einen gewaltigen Satz und stürzt über die für ihn unsichtbare schräge Laderampe und landet auf den Knien seiner Vorderbeine auf der Erde. Der Stier springt, immer noch mit der Augenklappe, panisch in kurzen Sätzen hin und her. Der Schlachter versucht in den nur wenige Sekunden dauernden Pausen den Bolzenschußapparat anzusetzen, wozu er die Augenklappe etwas herunterziehen muß, um die Stirn freizulegen. Wegen der immer wieder einsetzenden Bewegungen des Stiers wiederholt sich das vier- oder fünfmal. Dann gelingt der Schuß und der Stier fällt. 

Eine Nitsch-Aktion: Eine nackte Frau, die an ein Kreuz gefesselt ist, und eine Augenbinde trägt, wird in den Hof getragen. Sie ist in einer sitzenden Position. Nachdem sie niedergestellt wurde, werden ihr die Beine mit Seilen weit auseinander gezogen. Weiß gekleidete Männer und Frauen bringen Blut und Gedärme extra dafür getöteter Schweine und Schafe in großen Bottichen und beschütten und belegen die Frau damit. Einige dieser Gedärme werden ihr auch in die Vagina geschoben, bzw. auf den Bauch gelegt. Während der folgenden Aktion wird sie laufend mit Blut überschüttet. Ein gefesselter nackter Mann mit Augenbinde wird hereingebracht. Er wird auf die Frau zwischen ihre Beine gelegt und gebunden. Dann beginnt das Paar zu koitieren, während es laufend mit Blut und Gedärmen belegt und beschüttet wird.

Eine andere Nitsch-Aktion: Ein ans Kreuz gefesselter, nackter Mann mit Augenbinde wird in den Hof getragen. Unmittelbar vor ihn wird in sitzender Position eine Frau, ebenfalls mit Augenbinde, angefesselt, mit dem Mund dicht an seinem Penis. Um dieses Paar werden zwei Schweineleichen gehängt, denen die Gedärme und der Kopf entnommen worden sind. Die Leichen werden mittels riesiger Klammern am Körper des Mannes befestigt. Anschließend wird das in zwei Leichen gehüllte, symbolisch oral verkehrende Paar von oben mit Gedärmen, Organen und Blut gerade getöteter Schweine und Schafe beschüttet.

Ein Nitsch-Ausstellungsstück im Schloß: Eine Packung Kondome mit Bananen, Erdbeeren und einigen Gehirnen getöteter Tiere. 

Natürlich ist die Linke zu recht sensibel, wenn es um Einschränkungen der Freiheit der Kunst geht, oder wenn Künstler als „pervers“ bezeichnet werden. Die Kunst von Nitsch könnte durchaus als interessant empfunden werden, wenn nicht extra dafür, und zum Teil auch unmittelbar dort vor den AktionsteilnehmerInnen, Lebewesen mit Bewußtsein getötet und zerstückelt worden wären. Der Denkfehler beginnt nämlich bei der Grundhaltung, daß nicht-menschliche Tiere in unserer Gesellschaft im Vergleich zu Menschen als „minderwertiges“ Leben angesehen und behandelt werden. So wird akzeptiert, daß sie für die künstlerische Erbauung der Menschen mißbraucht und getötet werden können. 

Dieses von der Linken unkritisch hingenommene 2-Klassen-Denken führt auch zu einer gegenüber Mitgliedern dieser zwei Klassen völlig unterschiedlichen ethischen Grundhaltung. Mitglieder der Oberklasse werden im Rahmen einer Rechtsphilosophie behandelt. Jedes Individuum hat Rechte und wird als grundsätzlich unendlich viel wertvoller als tote Materie angesehen. Aus dieser Unendlichkeit des Wertes dieser Lebewesen folgt, daß sich Leiden und Freuden dieser Lebewesen nicht gegeneinander aufrechnen lassen. Man darf ethisch das Glück eines solchen Lebewesens nicht mit dem Leiden oder Sterben anderer erkaufen. Man darf z.B. nicht an einem solchen Lebewesen gegen seinen Willen medizinische Experimente durchführen oder es euthanasieren, um anderen solchen Lebewesen helfen zu können. Ein solches Lebewesen grausam und sinnlos zu töten ist schon unendlich schlimm, moralisch gesprochen, und 2, 5 oder 10 so zu töten ist nicht 2, 5 oder 10 mal schlimmer. Eben weil sich das Leben und das Leiden solcher Lebewesen nicht addiert, kann man das Leben und Leiden solcher Lebewesen nicht gegeneinander wie Zahlen aufrechnen, weshalb auch der Grundsatz Aug um Aug, Zahn um Zahn oder die Todesstrafe keine ethische Basis haben. Zurecht kann so eine Aufrechnung, Utilitarismus genannt, als faschistoid angesehen werden. Das Wohl des einzelnen dem Wohl des Volkes unterzuordnen, einzelne für das Wohl der Mehrheit zu opfern, die Todesstrafe und unfreiwillige Euthanasie, etc., sind alles faschistische Haltungen, die von so einem Utilitarismus, von einer Aufrechenbarkeit von Leben und Leiden, stammen. 

Aber im 2-Klassen-Denken wird die Unterklasse, werden die nicht-menschlichen Tiere, genau mit einem solchen Utilitarismus als ethische Grundhaltung behandelt. Bei nicht-menschlichen Tieren werden sehr wohl Leiden und Freuden aufgerechnet. Nicht-menschliche Tiere werden in veterinärmedizinischen Versuchen auch für andere Tiere „geopfert“, mit dem Argument, daß das ja vielen anderen Tieren helfen wird, was ja mehr wert ist als das Leiden und das eine Leben des Versuchstiers. Nicht-menschliche Tiere werden eingesperrt und in Zuchtprogrammen gehalten, um ihre Art zu retten. Das Wohl des einzelnen nicht-menschlichen Tieres wird dem Wohl der Art untergeordnet. Euthanasie und Todesstrafe sind Gang und Gäbe bei nicht-menschlichen Tieren, wenn sie krank sind, bei der Geburt Mißbildungen oder Gehirnschäden haben, oder wenn sie bissig sind oder „sogar“ Menschen angefallen haben. 

Das 2-Klassen-Denken beinhaltet also auch 2 grundverschiedene ethische Grundhaltungen zu den 2 Klassen: der Ansatz individueller Rechte für die Oberklasse und Utilitarismus für die Unterklasse. Und wie wir gesehen haben wird der Utilitarismus als Gegensatz zu den Menschenrechten zu recht als faschistoid empfunden. Damit zeigt sich unsere Gesellschaft also eindeutig als faschistisch den nicht-menschlichen Tieren gegenüber. 

Das Orgien Mysterien Theater basiert genau auf derselben faschistischen Grundhaltung: es spaltet die fühlenden, bewußten Lebewesen in zwei Klassen, die Klasse der Gleichberechtigten, der Oberklasse, deren Rechte berücksichtigt werden, und die Klasse der Rechtlosen, der Minderwertigen, deren gleiche Gefühle wie Angst und Schmerz im Vergleich unendlich viel weniger wert sind. Es ist dieses Denken, das in den Schauschlachtungen und dem extremsten Mißbrauch der gequälten Tierkörper zum Ausdruck kommt. In der Schauschlachtung wird die Überlegenheit der Menschen einerseits und die Hilflosigkeit des nicht-menschlichen Tieres andererseits demonstriert. In den ritualisierten sexuellen Vergewaltigungen der getöteten Tierkörper wird die totale Dominanz und Mißachtung der Minderwertigen symbolisiert. Und diese Symbolismen werden nicht etwa kritisch beleuchtet, sondern die Gefühle der UnterdrückerInnen werden in zynischer Arroganz zum Thema gemacht und die Gefühle und Interessen der Opfer ignoriert. In egoistischer Selbstüberschätzung der Mächtigen werden die Unterdrückten nicht nur zum totalen Objekt erniedrigt, sondern auch noch die Gefühle der UnterdrückerInnen ins Zentrum des Interesses gerückt, anstelle die Gefühle der Unterdrückten auch nur im geringsten zu beachten oder zu thematisieren. Eine größere Vernichtung der Unterdrückten und eine eindeutigere Verherrlichung der Gewalt ist kaum möglich. 

Dieser Faschismus ist in vielen Details deutlich zu sehen. Nitsch selbst verteidigt sein Theater mit dem Vergleich zur Brutalität in der Natur: die Schwachen vergehen, die Starken überleben – auf die Gesellschaft umgelegt ein klassisch faschistisches Prinzip. Töten wird als das natürliche Verhalten der Starken dargestellt. Das Orgien Mysterien Theater teilt auch mit klassisch faschistischen Idealen die Faszination mit dem Blut. Der Starke überkommt sein Mitgefühl und seinen Ekel vor dem Blut. Der Starke, wie weiland Siegfried, badet im Blut seiner Opfer. 

In einer faschistischen Zeitschrift wurde einmal vorgeschlagen, daß man die Qualität seines Messers prüfen könne, indem man ein Kaninchen damit tötet, den Griff des Messers im Blut und den Eingeweiden des getöteten Tieres badet, und dann testet, wie sehr das bluttriefende Messer in der Hand rutscht. Der Vergleich zum Nitsch-Theater geht tiefer als die bloße Nutzung von Blut: beide haben die Faszination mit dem Blut gemeinsam, dem esoterisch-mystischen Lebenssaft, beide fasziniert das rücksichtslose Töten des nicht-menschlichen Tieres, das heldenmütige Überwinden der Abscheu vor Blut und Eingeweiden und des Mitgefühls. Beide sind nicht mit falschem Blut zufrieden, nein, beide wollen den Test an der Wirklichkeit, am echten Tod, am echten Blut. Beider Taten basiert auf dem 2-Klassen-Denken von Herrenmensch und minderwertiger Rasse, und auf der totalen, absichtlichen und gewollten Vergewaltigung und Mißachtung ihrer Opfer.

Die rationale Analyse zeigt ohne jeden Zweifel, daß Menschen auch Tiere sind in dem Sinn, daß alle uns (ethisch) wesentlichen Eigenschaften der Menschen auch bei den anderen Tieren gefunden werden, speziell ein Bewußtsein, die Fähigkeit zu Leiden, das Bedürfnis nach Freiheit und ein Interesse am Leben. Aus höherer Intelligenz, größerer manueller Geschicklichkeit oder komplexer entwickelter Kultur bzw. Technik kann man keine Höher- oder Minderwertigkeit von Individuen ableiten. Damit wird klar, daß für alle Tiere inklusive der Menschen die gleiche ethische Grundhaltung unvermeidbar ist, also entweder Individualrechte oder Utilitarismus für alle, Menschen und andere Tiere. 

Individualrechte für alle Tiere scheint vielen Leuten aber scheinbar irreal und unmöglich. Für eine so fleischzentrierte Gesellschaft wie die unsrige ist eine vegane Lebensweise offenbar komplett utopisch. Aber weil das Individualrechtskonzept vielen so absurd scheint, und nicht-menschlichen Tieren gegenüber aber rational gesehen die gleiche ethische Grundhaltung wie gegenüber Menschen gefordert ist, fürchten eben viele, daß die Tierbefreiung gleichzeitig bedeutet, daß auch alle Menschen wieder utilitaristisch behandelt werden müssen, also wieder ihre Menschenrechte verlieren sollen. Und deshalb, so mein ich, fürchten Teile der Linken die Tierbefreiungsbewegung als faschistische Gefahr. 

Die Tierrechtsbewegung stellt sich aber ganz anders dar. Die Tierrechtsbewegung setzt die Forderung nach gleicher ethischer Grundhaltung gegenüber allen Tieren (inkl. Menschen), bzw. gegenüber allen Wesen mit Bewußtsein, so um, daß sie Individualrechte für alle fordert, mit den entsprechenden Konsequenzen. Also kein Utilitarismus, kein Aufrechnen von Leiden und Freuden, kein 2-Klassen-Denken und stattdessen die Rechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit für alle Tiere (inkl. Menschen). Es ist utilitaristisches Denken zu sagen man möge eher gegen Legebatterien mit Millionen von gequälten Tieren protestieren, als gegen Nitsch mit seinen 25 Schweinen, Schafen und Stieren. Leiden läßt sich nicht addieren. Die TierrechtlerInnen protestieren immer und überall gegen Tierausbeutung mit gleicher Schärfe, ob es ein Tier oder eine Million Tiere betrifft. Genauso wie Schlachthöfe blockiert und Legebatterien attackiert werden, so wird mit gleicher Schärfe gegen Nitsch demonstriert. Hier geht es um Leben und Tod. In England z.B. hat die als sehr links bekannte Tierrechtsszene (oft dieselben Leute wie in der Antifa) nicht nur eine Nitschausstellung ein Wochenende lang blockiert, sondern dem englischen Künstler Damien Hurst sowohl sein Restaurant wiederholt attackiert und zertrümmert, als auch seine Ausstellungen gestört. Die Kunstwerke von Damien Hurst basieren auf toten Tieren, allerdings meist ohne Blut und Gedärmen, und ohne die Schlachtung in das Kunstwerk mit einzubeziehen. 

Die Tierrechtsidee und der Veganismus sind die linke Position konsequent zuende gedacht. Nicht von ungefähr sind es die eher linken politischen Parteien wie Grüne und SozialdemokratInnen gewesen, die in verschiedenen Staaten den nicht-menschlichen Tieren ihre bis heute eh nur spärlichen Rechte gegeben haben. In unserer heutigen Situation muß also die nächste Forderung sein, diese spärlichen Tierrechte, wie z.B. das Verbot willkürlichen Tötens, also das Verbot des Tötens ohne guten Grund, in der Verfassung festzuschreiben. Das bedeutet zwar kein Ende des 2-Klassen-Denkens oder des Utilitarismus, aber immerhin ermöglicht es den RichterInnen eine Abwägung, falls diese Rechte mit anderen verfassungsmäßig geschützten Rechten, wie z.B. der Freiheit der Kunst oder der Freiheit der Wissenschaft, kollidieren. Heute kann mit dem Recht auf Freiheit der Kunst einfach die Tierschutzgesetze übergangen werden, wie z.B. beim Nitsch-Theater. Ist das Verbot willkürlicher Tötung von nicht-menschlichen Tieren aber nicht nur ein Tierschutzgesetz sondern ein Verfassungsrecht, dann wird das nicht mehr so einfach sein. Doch weil zur verfassungsrechtlichen Verankerung der Tierschutzgesetze das Tierschutzgesetz ein Bundesgesetz sein muß, hat die Forderung der Tierrechtsbewegung nach einem einheitlichen Tierschutz-Bundesgesetz für ganz Österreich hohe Priorität. 

Seitenanfang | Übersicht | Homepage