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Tierrechte


Der Speziesismus, also die willkürliche Bevorzugung der eigenen Art auf Kosten anderer Tierarten, und das damit einhergehende Herrschaftsverhältnis, spiegeln sich natürlich auch in der Sprache wider. Es gilt die eigene Sprache diesbezüglich kritisch zu durchleuchten. Um das Herrschaftsverhältnis und den Speziesismus in der Gesellschaft, aber auch im eigenen Denken, abzubauen, ist es von Vorteil sich dieser Speziesismen in der Sprache bewußt zu werden und sie sorgfältig zu vermeiden.

Wir alle sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der das Herrschaftsverhältnis der „Menschen“ gegenüber den „Tieren“ alle Bereiche durchdrungen hat. Das zeigt sich auch und gerade in der Sprache. Da wir uns aber alle die Sprache zu einer Zeit angeeignet haben, in der wir noch nicht wirklich kritisch gegebenen Herrschaftsverhältnissen gegenüber auftreten konnten, ist uns die Sprache mit ihren Speziesismen unwillkürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Umso schwieriger ist es natürlich, das zu verändern. Aber die Sprache hilft sehr stark unser Denken zu prägen, und daher ist es wichtig, wenn wir den Speziesismus ablegen wollen, das auch ganz bewußt in unseren sprachlichen Ausdrucksformen zu tun.

Analysieren wir unsere Sprache bezüglich Speziesismen, so treffen wir zunächst auf das Faktum, daß die meisten Tierbezeichnungen, speziell die Bezeichnungen von Nutztierarten, als Schimpfworte Verwendung finden. So sagen wir „Du blöde Kuh“, „Du Esel“, „Du Ochse“, „Du Schwein“, „Du Sau“, „Du Schafskopf“, „Du dumme Gans“, „Du dumme Ziege“, aber auch „So ein Affe“, „So ein Kamel“, „So ein gemeiner Hund“ oder „So eine miese Ratte“ usw. in abfälliger Weise. Solange Artbezeichnungen als Schimpfworte Verwendung haben, wird es schwierig sein, unsere Gefühle der Überlegenheit und Verachtung „dreckigen“ und „dummen“ Nutztieren gegenüber abzubauen.

Auch die Schweinerei und die Sauerei fallen in diese Kategorie. Wir bezeichnen damit einen schlechten Zustand, indem wir diesen Zustand mit dem Zustand in einer Schweinemastbox oder einer Wildschweinsuhle vergleichen. Dabei schwingt die Ansicht unterschwellig mit, daß Schweine eben dreckige Tiere sind, die „Schweinereien“ veranstalten, obwohl Schweine ganz im Gegenteil eigentlich sehr saubere Tiere sind, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Schweinerei kann aber auch, wie Ferkelei, einen pervers-sexuellen Anstrich haben. Solange die sexuelle Perversion einen negativen Beigeschmack in unserer Gesellschaft hat, geht mit der Verwendung dieser Begriffe auch eine Zementierung der gegebenen Herrschaftsverhältnisse gegenüber Schweinen einher.

Während in der ersten Kategorie von Speziesismen in der Sprache Tierartbezeichnungen als Schimpfworte verwendet werden, werden in der zweiten Kategorie auf den Menschen angewandte Begriffe in verniedlichender und verharmlosender Weise für andere Tiere umformuliert. So wird einerseits vermieden, daß menschliche Qualitäten in anderen Tieren erkannt werden, und andererseits werden so Grausamkeiten gegenüber anderen Tieren verharmlost.

Das beginnt schon mit den Bezeichnungen „Weibchen“, „Männchen“ und „Junges“ für „Frauen“, „Männer“ und „Kinder“ bei nicht-menschlichen Tierarten. Dabei ist es genaugenommen schon grotesk, wenn ein ausgewachsener männlicher Gorilla als „Männchen“, also als kleiner Mann, bezeichnet wird. Ein ziemlich hilfloser Versuch menschlicher Männer sich auch noch physisch überlegen fühlen zu können.

Schwangerschaft ist ein mit vielschichtigen Gefühlen belegter Begriff. Um jegliche Art von Mitgefühl und Mitleid mit nicht-menschlichen Tieren auszuschließen, muß natürlich daher auch „schwanger“ in „trächtig“ umbenannt werden, was viel harmloser klingt. Trächtige Sauen kann man schon viel leichter jagen und erschiessen, als schwangere Frauen der Tierart Schwein. Überhaupt sind die Begriffe in der Jägersprache diesbezüglich stark verharmlosend, wenn z.B. von „Schweiß“ statt von „Blut“ oder von „Stücken“ statt von Individuen gesprochen wird. Zum Glück haben sich diese Speziesismen nicht in der Alltagssprache festgesetzt.

Aber nicht-menschliche Tiere „fressen“ dennoch statt zu „essen“, man kann sie nicht „ermorden“ sondern nur „töten“, ihren toten Körper nennt man nicht „Leiche“ oder „Leichnam“, und man kann sie auch nicht „vergewaltigen“. Letzteres, obwohl jeder Sex Shop auch Tierpornographie auf Video und in Magazinen bereithält, in denen nicht-menschliche Tiere oft gegen ihren Willen, zumindest im Rahmen eines klar vorgegebenen Herrschaftsverhältnisses, für und mit Menschen zu Sexualobjekten degradiert werden. In den USA hat sich sogar eine besondere Spielart der Tierpornographie durchgesetzt, das „crushing“, bei dem nackte Frauen in hohen Stöckelschuhen angefesselte Tiere zu Tode zertreten und sexuell mißbrauchen.

Vergewaltigung: ein von Hand aufgezogener männlicher jugendlicher Orang Utan überfällt bei der Rehabilitation in den Dschungel die menschliche Köchin des Lagers und zwingt sie zum Geschlechtsverkehr. Nachzulesen in "Reflections of Eden" von Birute Galdikas.

Im Jahr 1859 publizierte Darwin sein „On the Origin of Species“ und gab damit der Überzeugung ein wissenschaftliches Standbein, daß die Menschen und andere Tiere eine gemeinsame evolutionäre Vergangenheit haben. Obwohl diese Darstellung der Menschheitsgeschichte einen Sturm der Entrüstung auslöste – Menschen sollen mit anderen Tieren verwandt sein! – war das Evolutionsbild noch immer, wie wir heute wissen, völlig anthropozentrisch verfälscht. 
Die Evolution, so dachte man, ist wie ein Baum, eine Entwicklung von den Wurzeln, den Würmern und Käfern, über die Stämme und Seitenäste, den immer höher entwickelten Tieren wie von Schlangen über Bären bis zu den Affen, die sich unmittelbar unter der Baumkrone befinden. Die Baumkrone selbst, die Krone der Schöpfung bzw. der Evolution, ist der Mensch.

Ganz anders dagegen die heutige Sicht: die Evolution als Netzwerk, von einem Punkt ausgehend, der Entstehung des Lebens, verästelnd nach außen, immer mehr ausdifferenziert. Und die Endpunkte von etwa 30 solchen Asterln sind verschiedene ”Kategorien von Lebewesen”, die meisten davon Bakterien, einige Lebensformen auf der Basis von Schwefel. Drei Asterln nahe zusammen in diesem Netzwerk sind die Pilze, die Pflanzen und die Tiere.

Bezeichnender Weise ist der Mensch aus diesem wissenschaftlichen Evolutionsbild verschwunden. Wenn man eine starke Lupe auf den Tierast hält, dann sieht man, daß sich dieser Ast auch in eine Vielzahl von Seitenasterln aufteilt, und die wiederum in weitere Asterln und so weiter. Einer dieser Asterln sind die Wirbeltiere, ein Seitenast davon die Säugetiere, auf diesem ein Seitenast die Primaten, und irgendwo dort ein kleiner Seitenast die Großen Menschenaffen. Dieser letzte Seitenast alleingenommen hat 5 Enden, auf der einen Seite die gewöhnlichen SchimpansInnen, gleich daneben die Bonobos oder fälschlich auch manchmal ZwergschimpansInnen genannt, dann die Menschen, die Gorillas und die Orang Utans. Der Mensch ist also eine Tierart von vielen, ein Wirbeltier, ein Säugetier, ein Primat, ein Großer Menschenaffe.

Der Bonoboseitenast hat sich von dem der gewöhnlichen SchimpansInnen erst vor 2.3 Millionen Jahren getrennt, und die Menschen vom gemeinsamen Ast der SchimpansInnen vor etwa 4.4 Millionen Jahren, und die Gorillas vom gemeinsamen Ast der Menschen und SchimpansInnen entsprechend früher vor etwa 8 Millionen Jahren usw. Das heißt also, daß vom Standpunkt der SchimpansInnen der Mensch das am nähesten verwandte Tier ist!! Der Mensch ist also den SchimpansInnen näher verwandt als der Gorilla den SchimpansInnen verwandt ist! Und die Verwandtschaft zwischen Mensch und SchimpansInnen beträgt etwa 99% der Gene, d.h. SchimpansInnen und Menschen unterscheiden sich in nur 1% ihrer Gene.

Da ”Mensch” der Gattungsname ist (homo) und sapiens der Name der Art, und da sich Menschen und SchimpansInnen (Gattungsname pans) so nahe verwandt sind, haben einige WissenschaftlerInnen vorgeschlagen, daß, wie bei ähnlich naher Verwandtschaft bei anderen Tierarten, SchimpansInnen und Menschen derselben Gattung zugeordnet werden sollten. Den Nomenklaturregeln nach müßten dann die SchimpansInnen den Gattungsnamen der Menschen, also homo annehmen, und somit eigentlich auch als Menschen bezeichnet werden.

Nun, rational wäre das eine Diskussion wert, die Argumente liegen auf dem Tisch. Rational stimmen wir auch alle längst dem Netzwerk-Bild der Evolution zu. Nur, emotional ist das ganz anders. Unsere Gesellschaft und unser Umgang mit nicht-menschlichen Tieren ist noch immer ganz im Sinne des Baum-Bildes der Evolution: der Mensch die Krone der Schöpfung, das Maß aller Dinge. Menschen sind unserem Empfinden nach so unendlich viel mehr wert als andere Tiere, daß der kleinste Vorteil für einen Menschen beliebig große Nachteile für beliebig viele andere Tiere rechtfertigt. Und mit dieser Gesinnung wäre jede noch so rational untermauerbare Forderung nach der Erweiterung des Gattungsbegriffs Mensch auf die SchimpansInnen unmöglich. Das käme einer Kopernikanischen Wende in unserem Denken gleich, wie sie uns schon vor einigen hundert Jahren so schwer gefallen ist, daß wir uns gerechtfertigt sahen, die ProtagonistInnen dieser Ideen zu verbrennen. Heute wie damals fordern klare rational-wissenschaftliche Argumente die Anthropozentrik, das ”der Mensch ist der Mittelpunkt des Universums”-Denken, abzustellen. Und heute wie damals hindert uns unsere Eitelkeit und unser Egoismus daran das auch wirklich zu tun.

Dabei ist die Verwandtschaft zwischen SchimpansInnen und Menschen unglaublich nah. Ein Gedankenexperiment: nehmen wir einen beliebigen heutigen Schimpansen und stellen ihn mir gegenüber. Zu meiner Rechten nehme ich nun meine Mutter bei der Hand, und der Schimpanse seine Mutter bei seiner Linken, sodaß unsere Mütter sich gegenüber stehen. Nun nehmen unser beider Mütter wiederum ihre Mütter links und rechts bei der Hand, sodaß sich unsere Großmütter gegenüberstehen. Gedanklich können wir nun diese Kette fortsetzen, obwohl natürlich fast alle Glieder dieser Kette heute schon tot sind. Aber nichtsdestotrotz hat es alle diese Lebewesen, unsere Urururur...urgroßmütter, alle wirklich einmal gegeben. Und nach 200,000 Generationen, nach 200,000 Gliedern also, schließt sich die Kette. Da gab es wirklich und tatsächlich einmal ein Lebewesen, das Urururur...urgroßmutter von mir und von dem Schimpansen war. Nehmen wir 1 Meter für jedes Glied der Kette, dann ist diese Kette 200 km lang! Nach nur 200 km schließt sich diese Kette von Ururur..großmüttern von mir und dem Schimpansen. Das ist eine völlig überschaubare Länge, man könnte das in 3 Tagen entlang gehen.

Am einen Ende dieser Kette bin ich, ein Mensch in unserer Gesellschaft, mit Menschenrechten. Am anderen Ende ein Schimpanse, ein in unserer Gesellschaft völlig rechtloses Lebewesen, das wir z.B. im Tierversuchslabor in Orth an der Donau im Keller in Käfigen der Größe 2.2x2.2x2.1 Meter in Einzelhaft isoliert halten und mit AIDS und Gelbsucht infizieren. Was macht den Unterschied zwischen uns aus, der dazu führt, daß ich geschützt bin, während der Schimpanse so furchtbar mißhandelt werden darf? Wo in dieser gedanklichen Kette ist der Bruch vom Wesen mit Rechten zum rechtlosen Individuum, das man nach Belieben benutzen und verletzen darf? Wie erkläre ich an der Bruchstelle der Tochter, die Rechte hat, daß ihre Mutter neben ihr keine Rechte mehr haben soll? Wie erkenne ich wo diese Bruchstelle ist?

TigerInnen und LöwInnen sind evolutionär etwa gleichweit voneinander entfernt wie SchimpansInnen und Menschen und gehören im übrigen zur selben Gattung panthera. Aber, TigerInnen und LöwInnen können Nachkommen miteinander haben, die sogenannten Liger. Wer weiß, ob Menschen und SchimpansInnen nicht auch Nachkommen miteinander haben könnten? Und würden solche Wesen Rechte bekommen oder nicht? Wie würde ich klären ob ihnen Rechte zustehen? Und selbst wenn Menschen und SchimpansInnen nicht unmittelbar Nachkommen miteinander haben könnten, dann gab es doch einmal ein Lebewesen, das mit Menschen einerseits und mit SchimpansInnen andererseits Nachkommen haben hätte können (möglicherweise könnten mehrere solche Zwischenstufen notwendig sein). Es gibt Vögel, bei denen die europäische Art mit der asiatischen Nachkommen haben kann, aber nicht mit der amerikanischen. Umgekehrt kann die amerikanische auch mit der asiatischen Nachkommen haben. Man nennt so etwas eine ring species, eine Ringart. Menschen und SchimpansInnen bilden auch eine solche Ringart, nur ist das Zwischenglied (oder sind die Zwischenglieder) eben schon ausgestorben. Aber für moralische Überlegungen darf das doch keine Rolle spielen.

Nur, trotz allem, gehen wir mit unseren Ringartgenossen, den SchimpansInnen, um als hätten sie keinen Wert (außer den als ganze Tierart, also keine individuellen Rechte). Wir mißhandeln nicht-menschliche Tiere in Mastfabriken und Hühnerbatterien als wären sie keine fühlenden Lebewesen, oft nur für wenige Schillinge Profit, wir jagen sie aus Tradition und als Hobby, Töten die Mütter im Angesicht ihrer Kinder oder umgekehrt, mißbrauchen und entwürdigen sie als Objekte der Belustigung in Tierzirkussen oder Zoos und halten sie in furchtbarster Weise oder fangen sie mit mittelalterlichen Folterinstrumenten gleichenden Fallen um unserer Eitelkeit zu genügen und ihre Haut als Prestigeobjekte spazieren zu tragen.

Die Frage ist also mehr als berechtigt: was soll an Menschen so speziell sein, daß gerade sie als einzige Tierart volle Rechte bekommen können? Warum werden solche Rechte anderen Tieren vorenthalten, wo wir jetzt doch wissen, daß der Übergang zwischen Menschen und anderen Tierarten völlig fließend ist, und es keine diskontinuierliche Grenze zwischen ihnen gibt?

Um diese Frage zu klären, müssen wir uns grundlegende moralische Gedanken machen. Aber wenn Moral die Grundlage einer Diskussion sein soll, dann muß sie auch eine rationale Basis haben und kann sich nicht nur auf religiöse Dogmen berufen. Der Philosoph Immanuel Kant z.B. hat eine solche Basis geschaffen. Sein kategorischer Imperativ besagt, daß man immer so handeln soll, daß das Handeln als Grundlage eines allgemeinen moralischen Gesetzes gelten kann. Etwas umgänglicher formuliert könnte man das die goldene Regel der Ethik nennen:

Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem/keiner anderen zu! 

Das ist sicher der kleinste gemeinsame Nenner, die Minimalethik, ein ethischer Standpunkt, dem jedeR zustimmen wird, und der sogar in praktisch allen Religionen in der einen oder anderen Weise zu finden ist. Aber, wer ist dieseR ”andere” auf den/die ich Acht geben soll wie ich verlange, daß auf mich Acht gegeben wird? Wer gehört in den Kreis jener, die moralische Beachtung verdienen?

Zunächst – sowohl evolutionär als auch in der kindlichen Entwicklung – wird dieseR ”andere” der Kreis all jener aus meiner unmittelbaren Umgebung sein: meine Familie, mein Stamm. Doch die immer weitere Vernetzung unserer Gesellschaft stellt auch das bald in Frage, und der/die ”andere” wird zum ganzen Kulturkreis, zur ganzen Religionsgemeinschaft, oder eben zur Nation oder zur „Rasse“ bzw. Gruppe mit ähnlichen äußeren Merkmalen, oder zum Geschlecht. Man nennt die Auffassung, daß nur Mitglieder meiner Nation ethisch relevant sind Nationalismus, bzw. die Auffassung daß nur Mitglieder meiner „Rasse“ ethisch relevant sind Rassismus, und die Ansicht, daß nur Mitglieder meines Geschlechts (auf englisch: sex = Geschlecht) ethisch relevant sind Sexismus. Doch das wurde so kritisiert, daß Mitglieder des anderen Geschlechts oder anderer „Rassen“ oder Nationen sich in manchen Dingen vielleicht von mir unterscheiden, aber in den wesentlichen Dingen mir gleichen: sie haben im wesentlichen die gleichen Bedürfnisse und Interessen. Vielmehr müßte man, so wurde argumentiert, die gesamte Art einbeziehen, also alle Menschen. Dieser Standpunkt führt zur Ideologie der Menschenrechte.

Doch reicht die Ausweitung auf alle Menschen? Natürlich sind andere Tiere in vielen Dingen anders als wir Menschen, aber haben sie nicht in den wesentlichen Dingen die gleichen Bedürfnisse und Interessen? Das Bedürfnis von Sicherheit und Schmerzfreiheit, das Interesse an Freiheit und Leben? Entsprechend wird heute die Einschränkung des Kreises aller ethisch relevanten Lebewesen auf nur die Menschen als Speziesismus (vom englischen: species = Art) bezeichnet. Das Wort Speziesismus wurde 1970 erstmals von Prof. Richard Ryder in England geprägt. Aber welche Lebewesen sind nun wirklich ethisch relevant? Die Antwort findet sich ganz einfach, wenn die goldene Regel der Ethik vervollständigt wird:

Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem/keiner anderen zu, der/die auch darunter leiden würde! 

Sollten nicht alle, die leiden können, ein Recht darauf haben, nicht leiden zu müssen? Sollten nicht alle, die den Wunsch nach Freiheit teilen, ein Recht auf Freiheit haben? Sollten nicht alle, die ein Interesse haben zu leben, auch ein Recht auf Leben zugesprochen bekommen? Das wäre jedenfalls die weitest mögliche Ausdehnung des Kreises der ethisch relevanten in der Goldenen Regel der Ethik, weil Lebewesen, die gar nicht leiden können, z.B., auch im Prinzip kein Recht auf Unversehrtheit bekommen könnten.

Und so wie man mit dem Prinzip der Menschenrechte dem Nationalismus, Rassismus und Sexismus zu begegnen versuchte, so werden heute dem Speziesismus die Tierrechte entgegengesetzt. Aber, können alle Tiere leiden? Diese Frage läßt sich nicht so leicht beantworten. Aber moralisch wichtig ist uns nur, daß alle diejenigen Lebewesen, die leiden können, ein Recht darauf haben sollen nicht leiden zu müssen. Nennen wir diese leidensfähigen Lebewesen der Einfachheit halber ”Tiere”, und streiten uns später wo die Grenze zu ziehen ist. Dann sind die wesentlichen ”Tier”rechte das Recht auf Freiheit, das Recht auf Unversehrtheit und das Recht auf Leben.

Eine unmittelbare Konsequenz davon ist der Veganismus. Der Veganismus ist die Lebensweise ohne jegliche Ausbeutung oder Nutzung der Tiere gegen ihren Willen, also keine tierlichen Produkte in der Nahrung (Fleisch, Milch, Eier, etc.), keine tierlichen Produkte in der Kleidung (Leder, Wolle, Pelz, Daune, etc.) oder den Gütern des täglichen Gebrauchs, und keine tierliche Nutzung in der Herstellung von Produkten, wie in Tierversuchen und dergleichen. Menschen, die die Tierrechte voll ernst nehmen, leben vegan.

So irreal, wie das auf den ersten Augenblick zu sein scheint ist es aber gar nicht. Henry Salt forderte schon vor 100 Jahren in seinem Buch „Animals‘ rights“ aus dem Jahr 1892 Tierrechte. Seit den 70er Jahren dieses Jahrhunderts gibt es die Tierrechtsbewegung, mit immer weiter steigender Anzahl von VeganerInnen. In Europa leben heute etwa 1 Million ethische VeganerInnen. Es gibt das Great Ape Project, eine weltweite Vereinigung von Menschen, zu denen auch viele namhafte WissenschaftlerInnen gehören, die die Ausweitung aller Menschenrechte auf die Menschenaffen fordern. In England, am Mansfield College der Universität Oxford, gibt es einen Lehrstuhl für Tierrechte, den Professor Andrew Linzey inne hat. Und in New York gibt es ein juridisches Zentrum für Tierrechte an der Rutgers Universität. Viele andere Beispiele ließen sich anführen.

In Österreich gibt es seit dem Jahr 1988 den §285a im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch, wonach nicht-menschliche Tiere keine Sachen mehr sind, sondern als fühlende Lebewesen anerkannt werden. In allen österreichischen Bundesländern wurde die Produktion von Pelz verboten, und Zirkusse dürfen ab 2005 in Österreich mit wenigen Ausnahmen keine Wildtiere mehr führen. Die meisten Bundesländer in Österreich haben auch schon Tierschutzgesetze, die explizit verbieten ein Tier ohne guten Grund zu töten. Nur, was ist ein guter Grund? Und da stecken wir mitten im Spannungsfeld zwischen Tradition und Wirtschaft auf der einen, und Ethik auf der anderen Seite: was traditionell immer so war, oder wirtschaftlich von Vorteil ist, gilt immer noch als guter Grund. Wirtschaft und Tradition werden noch so lange der ethischen Gleichberechtigung stehen, solange wir in uns das falsche Baum-Bild der Evolution tragen, mit dem Menschen als Krone der Schöpfung und Maß aller Dinge.

Gegen diese Argumentation wird oft eingewandt, daß es doch natürlich sei, andere Tiere zu essen. Immerhin tun andere Tiere das auch. Aber ist nicht gerade die Ethik dafür da, unsere Steinzeitvergangenheit mit dem Recht des/r Stärkeren zu überwinden und zur zivilisierten Gleichberechtigung überzugehen? Bei den Menschenrechten haben wir genau das verlangt, obwohl auch andere Menschen zu unterdrücken natürlich ist. Also warum sollten die Tierrechte dann nicht auch unser natürliches Verhalten überwinden können? Wie könnten wir vertreten uns wie zivilisierte Menschen anderen Menschen gegenüber zu benehmen, aber wie Steinzeitmenschen anderen Tieren gegenüber?

Wichtig ist nicht, was natürlich ist, sondern was notwendig ist. Wenn wir Tiere essen müßten um zu überleben, könnte die Ethik von uns nicht verlangen uns selbst für andere Tiere zu opfern. Aber vegan zu leben ist ohne weiteres gesund bzw. sogar gesünder als mit Fleisch möglich. Es gibt sehr viele Menschen, die lebenslang – sogar in der dritten Generation – vegan gelebt haben, und keinerlei Gesundheitsprobleme hatten, im Gegenteil.

Manchmal wird angeführt, daß andere Tiere als der Mensch kein Selbstbewußtsein, keine Kultur oder keine Sprache hätten, und daher weniger wertvoll wären und für den Vorteil des Menschen genutzt werden könnten. Aber einerseits gibt es einige Hinweise in der wissenschaftlichen Verhaltensforschung, daß nicht-menschliche Tiere sowohl Selbstbewußtsein, als auch Kultur und Sprache, letztere zumindest rudimentär, haben. Andererseits ist das überhaupt nicht wesentlich. Mit oder ohne Sprache, mit oder ohne Kultur, mit oder ohne Selbstbewußtsein kann man leiden, und hat daher das Recht nicht leiden zu müssen. Das Prinizip der Gleichheit besagt, daß gleiche Interessen gleich ethisch gewertet werden müssen. Intelligentere oder kulturell höher entwickelte Lebewesen haben keine größeren Rechte ihre Interessen befriedigt zu sehen. Das gleiche Interesse aller Tiere auf Freiheit, Unversehrtheit und Leben muß gleich gewertet werden, unabhängig was für andere Fähigkeiten sie besitzen.

Immerhin gibt es auch Menschen ohne Sprache, senile Alte oder geistig Kranke oder andere, die weniger Intelligenz, Kultur, Sprache oder Selbstbewußtsein als andere Menschen haben. Das ist auch kein Grund sie als weniger wert zu betrachten und für das Wohl der ”normalen” Menschen auszunutzen. Die allgemeinen Menschenrechte verbieten das. Und ebenso, und aus demselben Grund, verbieten die allgemeinen Tierrechte alle Tiere inklusive der Menschen gegen ihren Willen zu nutzen, auch wenn sie in gewissen Standards an die Leistungen ”normaler” Menschen nicht herankommen sollten.