Speziesismen in der Sprache


Vergewaltigung: ein männlicher Mensch dringt in der Schweiz des Nachts regelmäßig in verschiedene Stallungen ein und zwingt dort weibliche Jungrinder zum Geschlechtsverkehr. Nachzulesen in einem Standardartikel vom Februar 1999. Er wurde angezeigt und frei gesprochen, weil das Vergewaltigen von nicht-menschlichen Frauen ein Kavaliersdelikt ist.

Vergewaltigung: das weibliche Schwein ist als sehr wählerisch bekannt, was Geschlechtspartner betrifft. Dennoch werden weibliche Schweine in der Schweinemast regelmäßig an ein Eisengerüst angefesselt, im Fachjargon als "rape rack", also Vergewaltigungsgerüst, bezeichnet, und dann läßt man ein männliches Schwein eine nach der anderen zum Geschlechtsverkehr zwingen. Die weiblichen Schweine wehren sich und schreien, und versacken in tiefe Depression danach.

Keine Vergewaltigung? In der Realität sind die Grenzen zwischen den Arten schon längst völlig verschwommen. Was Gefühle, Schmerzen, Verzweiflung und Unterdrückung betrifft, existieren diese Grenzen nur in den Hirnen der SpeziesistInnen. Vergewaltigungen gibt es zweifellos auch mit nicht-menschlichen Tieren als Opfern.

Eine Reihe von als generell positiv bewerteten Gefühlsregungen, wie Liebe und Freundschaft, möchte man nicht-menschlichen Tieren rundweg absprechen, und so werden die entsprechenden Gefühle in der Sprache anders benannt. Aus der Mutterliebe wird z.B. der Mutterinstinkt, aus der Freundschaft wird der Herdentrieb, usw. Dabei werden Gefühle eben zu Instinkten und Trieben, und damit das fühlende Tier zur gefühllosen Biomaschine. Gerade in der wissenschaftlichen Ethologie ist es weit verbreitet, Intelligenzbeweise von Versuchstieren im Labor als Instinkte oder Zufall oder den „klugen-Hans-Effekt“ abzutun. Eine Konferenz von FreilandforscherInnen zum Thema „Schimpansenkulturen“ löste schon allein des Namens der Konferenz wegen einen Sturm der Entrüstung bei den alteingesessenen, konservativen SpeziesistInnen dieses Metiers aus. Und die Ergebnisse der Sprachforschung an SchimpansInnen werden weiterhin mit einer Besessenheit verleugnet und bekämpft, die an die kirchliche Inquisition erinnert.

Durch die Dichotomie Mensch-„Tier“, die den Archetypus eines Herrschaftsverhältnisses darstellt, wird der Begriff „Tier“ von vornherein negativ bewertet. Das Tier als „Bestie“ oder „bestialisch“ ist ein besonderes Beispiel dieser Bewertung. Dabei ist ein Begriff „Tier“, der Menschen nicht mit einbezieht, speziesistisch, ähnlich wie der „Rassebegriff“ selber schon rassistisch ist. Es gibt SchwarzafrikanerInnen, die jeweils zu weißen MitteleuropäerInnen genetisch näher verwandt sind, als zueinander. Genauso sind z.B. SchimpansInnen zum Menschen genetisch näher verwandt als zum Gorilla oder irgendeinem anderen Tier. Daher ist der Begriff „Tier“ ohne den Menschen miteinzubeziehen ein lächerliches speziesistisches Konstrukt, ein Anachronismus aus jener Zeit, in der „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung“ noch ein religiöses Dogma war. Für nicht-speziesistische sprachliche Verwendungen wird der Begriff „Tier“, der den Menschen miteinbezieht, benutzt, oder aber der Begriff „nicht-menschliche Tiere“, wenn Menschen explizit ausgeklammert werden sollen. Diese sprachlichen Verwendungsformen fassen heute im angloamerikanischen Raum langsam Fuß.

Mit der Problematik eines negativ bewerteten Tierbegriffs einher geht das Problem mit dem Begriff „tierisch“. Dieser Begriff ist schon so negativ überladen, und im übrigen vom Begriff „menschlich“ auch in seiner Endung phonetisch unterschieden, daß die Tierrechtsbewegung diesbezüglich einen neuen Begriff kreieren mußte: „tierlich“. Fleisch wird also vom „tierischen Nahrungsmittel“ zum „tierlichen Leichenteil“ in der speziesismenfreien Sprache.

Zuletzt noch eine Bemerkung zum Begriff „man“, wie z.B. in „man lernt durchs Leben“. Es wurde argumentiert, daß dieses „man“ vom Wort „Mann“ abstammen soll, und seine Verwendung daher patriarchalische Herrschaftsverhältnisse bekräftigen hilft, als ob nur Männer z.B. durchs Leben lernen könnten. So wurde vorgeschlagen den Begriff „mensch“ zu verwenden, wenn sich die entsprechende Aussage generell auf Männer und Frauen bezieht. Aber nicht nur Menschen lernen durchs Leben. Daher ist die Verwendung des Begriffs „mensch“ unter Umständen speziesistisch. Wird also obiger Argumentation der Abstammung des Begriffs „man“ vom Wort „Mann“ gefolgt, dann müßte immer dann, wenn das Subjekt des Satzes für alle Lebewesen mit Bewußtsein steht (da z.B. alle bewußten Lebewesen durchs Leben lernen können), statt „man“ bzw. „mensch“ der Begriff „tier“ gesetzt werden. Also in unserem Beispiel müßte gesagt werden „tier lernt durchs Leben“. Nur die letztere Formulierung ist wirklich frei von Herrschaftshierarchien in der Sprache.

Seitenanfang | Übersicht | Homepage