Rassismus und AusländerInnenfeindlichkeit im Tierschutz

Es gibt zweifellos rassistische und ausländerfeindliche Individuen in der Tierschutzbewegung. Was auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein scheint, kann dadurch verständlicher gemacht werden, daß grausam und mitleidlos nicht-menschlichen Tieren gegenüber zu sein auch als „unanständig“ und für eine höhere Rasse „nicht würdig“ angesehen werden kann. Bei so einer Auffassung wird allerdings die grundsätzliche Nutzung „niederer“, nicht-menschlicher Tiere nicht in Frage gestellt. Dem steht die Tierrechtsbewegung mit ihrer Forderung nach der Gleichberechtigung aller Tiere, inklusive aller Menschen, diametral entgegen. RassistInnen können daher prinzipiell keine TierrechtlerInnen sein. Eine diesbezügliche klare Abgrenzung ließe sich daher forcieren, wenn die Tierrechtsbewegung ein größeres Augenmerk darauf legen würde, sich vom reinen Tierschutz, der die grundsätzliche Tiernutzung nicht in Frage stellt, abzugrenzen.

Wer sich mit der Tierschutzszene ein bißchen beschäftigt, wird früher oder später auf das Phänomen stoßen, daß es vereinzelt RassistInnen gibt, die sich in undefinierter Form für den Tierschutz einsetzen. Zunächst einmal scheint das ein Widerspruch zu sein, weil es doch verwundert, daß ein Mensch, der sich Mitmenschen anderer Hautfarbe oder Herkunft gegenüber ohne Mitgefühl und Toleranz zeigt, diese plötzlich gegenüber nicht-menschlichen Tieren aufbringen können soll. Im übrigen sind Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in der Tierschutzszene eine auf Einzelfälle reduzierte Minderheit, und sicher seltener anzutreffen als in der Umweltschutzszene oder in der Grünen Bewegung generell. Die neue Rechte spricht heute gerne von der Erhaltung und Höherwertigkeit ihrer Kultur statt ihrer „Rasse“, zumal sich das Konzept „Rasse“ ja als wissenschaftlich nicht haltbar erwiesen hat. Da das aber im Grund genommen nur eine terminologische Veränderung ist, aber dasselbe meint, werde ich im weiteren trotzdem nur vom „Rassismus“ sprechen, aber auch diesen „Kulturismus“ meinen.

RassistInnen sind im Tierschutz oft insofern aktiv, als daß sie z.B. das Schächten als Argument verwenden, um gegen jüdische Menschen vorzugehen. Hier liegt es nahe zu vermuten, daß das Tierschutzargument nur als Mittel zum eigentlichen Zweck, dem Antisemitismus, genutzt wurde, ohne dem Tierschutz eigenständige Bedeutung zu geben. Ähnliches könnte der Grund einschlägig bekannter RassistInnen sein, Tierschutzargumente gegen sogenannte „entartete Kunst“ vorzubringen. In allen diesen Fällen ist den RassistInnen das Schicksal der nicht-menschlichen Tiere im Grund genommen egal. Das Deckmäntelchen Tierschutz dient nur dazu, Unterstützung aus politischen Lagern zu bekommen, die rassistischen Argumenten ablehnend gegenüber stehen. Die Situation erinnert an unheilvolle Koalitionen zwischen erzkonservativen, christlichen Vereinigungen und FeministInnen gegen Pornographie.

Aber damit lassen sich nicht alle Fälle von RassistInnen im Tierschutzbereich abdecken. Mehr Licht auf diese Sache wirft ein Zitat von Alexander von Humboldt: „[Grausamkeit gegen Tiere] ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes.“ Da RassistInnen ihr eigenes „Volk“ bzw. ihre „Rasse“ vermutlich als „hoch und edel“ betrachten, kann es also RassistInnen geben, die in ihrem Selbstverständnis als höherwertige, bessere Lebewesen, für sich und ihresgleichen ein „anständiges“ Umgehen mit den minderwertigen, niederen Lebewesen fordern, das explizite Grausamkeiten ausschließt. Und wie ist dann zu verstehen, daß dieselben RassistInnen ein ähnlich „anständiges“ Verhalten gegenüber Menschen vermeintlich minderer „Rassen“ vermissen lassen?

RassistInnen haben eine klare Hierarchie von Lebenswertigkeit, mit ihresgleichen an der Spitze, und vermeintlich mindereren Lebewesen darunter folgend. Wenn die gesellschaftliche Realität in den Augen der RassistInnen diese Wertehierarchie respektiert und sie durch Individuen minderer „Rassen“ nicht gefährdet ist, dann ist aus dem Selbstverständnis der eigenen Überlegenheit und Höherwertigkeit heraus ein „anständiges“ Benehmen den „Unterlegenen“ gegenüber angezeigt. Es gibt und gab tatsächlich auch RassistInnen, die in die sogenannte Dritte Welt gereist sind, um die dortigen „minderbemittelten“ Menschen mit ihrer höheren Intelligenz zu beglücken und ihnen zu helfen. Solange die anderen „Rassen“ dort bleiben, wo sie herkommen, können ihnen auch gestandene RassistInnen als TouristInnen oder HilfestellerInnen „anständig“ begegnen. Selbst einzelne „andersartige“ Individuen können von RassistInnen sogar in der „Heimat“ der RassistInnen, sozusagen als Kuriositäten, eine gewisse „Anständigkeit“ im Verhalten ihnen gegenüber erwarten.

Erst wenn die RassistInnen ihre „Rasse“ als überschwemmt empfinden und sich in ihrer rassischen Existenz bedroht fühlen, wenn ihrer Ansicht nach die Umvolkung und Überfremdung bevorsteht, wenn die „AusländerInnen“ bzw. „Andersartigen“ als „SozialschmarotzerInnen“ am „Volkskörper“ saugen, dann hat es mit der „Anständigkeit“ ein Ende. Ist die Heimat oder die bodenständige Kultur, und sind die Kinder, in vermeintlicher Gefahr, dann muß gehandelt.

Umgelegt auf die Tierschutzproblematik bedeutet das folgendes. Zunächst ordnen RassistInnen die nicht-menschlichen Tiere natürlich auch irgendwo unterhalb ihresgleichen in die Wertehierarchie der Lebewesen ein. In der Realität unserer Gesellschaft wird diese Wertehierarchie bzgl. der Minderwertigkeit nicht-menschlicher Tiere völlig respektiert und sogar von den meisten Anti-RassistInnen mitgetragen. Daher geht, nach obiger Analyse, keine Gefahr für die Höherstellung der eigenen „Rasse“ durch nicht-menschliche Tiere aus, und so können bzw. sollen sie „anständig“ behandelt werden. Durch ihre vermeintliche Minderwertigkeit allerdings, wird ihre Nutzung für das Wohl der „Herrenrasse“ nicht prinzipiell in Frage gestellt. Das widerspricht der gängigen Auffassung von Tierschutz nicht, sehr wohl aber in sehr fundamentaler Weise der Tierrechtsphilosophie.

Und so können RassistInnen durchaus gegen Grausamkeiten gegenüber nicht-menschlichen Tieren auftreten, wie z.B. gegen Tiertransporte, Massentierhaltung, oder „unanständige“ Tierversuche, aber natürlich auch gegen das Schächten und die grausame Nutzung von nicht-menschlichen Tieren für „entartete“ Kunst. Das Fleischessen wird allerdings nicht aus Tierschutzgründen kritisiert, sondern bestenfalls mit utilitaristischen Argumenten wie Umweltschutz oder (Volks-)Gesundheit. RassistInnen werden allerdings nicht für Tierschutzaktivitäten gegen die „anständige“ Jagd, gegen Leder, gegen Milch, gegen Tiernutzung schlechthin oder gegen sogenannte „Schädlingsbekämpfung“ (also für den Schutz von Kanalratten) und dergleichen gewonnen werden können. Die Tierrechtsbewegung mit ihrer Forderung nach Gleichberechtigung aller Tiere inklusive der Menschen in den fundamentalen Bereichen wie Leben, Freiheit und Unversehrtheit, wird von solchen rassistischen TierschützerInnen notwendigerweise prinzipiell abgelehnt.

Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist die Jagd. Nach Hespeler („Jäger wohin“, BLV München, Wien, Zürich 1990) wurde der Begriff der Weidgerechtigkeit im Deutschen Reichsjagdgesetz 1938 unter Hitler zum ersten Mal gesetzlich verankert, und ist damit faschistischen Ursprungs. Weidgerechte JägerInnen verhalten sich „anständig“ gegenüber nicht-menschlichen Tieren. Die weidgerechte Jagd ist die faire, mannhafte Jagd. In diesem ersten Gesetz wird dargelegt (und das ist bis heute gültig), daß nur weidgerechte Jagd gesetzlich erlaubt sei. Im gewissen Sinn könnte das ein Tierschutzgesetz genannt werden, zumal ja damit nicht-menschliche Tiere vor „unanständiger“, unfairer, vielleicht grausamer Behandlung durch JägerInnen geschützt werden sollen. Die prinzipielle Richtigkeit der Jagd wird damit natürlich nicht in Frage gestellt, im Gegenteil.

Zeiler („Jagd und Nachhaltigkeit“, Umweltbundesamt, Wien 1996) führt z.B. aus, daß seit diesem Reichsjagdgesetz von 1938 die Winterfütterung von Paarhufern Voraussetzung für Weidgerechtigkeit ist. Begründet wird das damit, daß „anständige“ JägerInnen die armen Viecherln eben durch den harten Winter bringen müssen. Dadurch wird natürlich gleichzeitig die Abhängigkeit dieser Tiere vom Menschen geschaffen, sie verlieren ihre Selbständigkeit, und der Mensch bestätigt seine „Höherwertigkeit“ wieder einmal damit, daß alle diese Tiere ohne ihn hilflos wären. De facto wird durch die Winterfütterung gezielt eine höhere Bevölkerungsdichte der Paarhufer erreicht, sodaß viel mehr Tiere geschossen werden können. Zusätzlich können die JägerInnen so eine Zuchtselektion zu sogenannten „besseren Trophäen“ durchzusetzen versuchen, indem sie Gott und „natürliche Selektion“ in ihren Revieren spielen. TierrechtlerInnen sind aus all den genannten Gründen gegen jede Winterfütterung und für eine Selbständigkeit und Selbstorganisation der Wildtiere in eigenen Refugien, die vom Menschen unangetastet bleiben sollten.

So wie JägerInnen mit ihrem Weidgerechtigkeitsethos sich als TierschützerInnen fühlen können und auch manchmal fühlen, so können auch RassistInnen mit dem Anspruch des „anständigen“ Verhaltens gegenüber „niederen Tieren“ als TierschützerInnen auftreten. Aber weder JägerInnen noch RassistInnen können TierrechtlerInnen sein, weil sowohl die Jagd als auch der Rassismus der Tierrechtsphilosophie im Prinzip widerspricht. Jegliche Nutzung und Diskriminierung nicht-menschlicher Tiere aufgrund ihrer Artzugehörigkeit wird von TierrechtlerInnen grundsätzlich abgelehnt. Die Gleichberechtigung aller Tiere inklusive der Menschen ist mit Jagd oder Rassismus unvereinbar. Tierrechte fordern kein „anständiges“ Verhalten, Freundlichkeit oder Mitleid gegenüber Tieren, sondern sie sind Grundrechte aller Tiere, die nicht angetastet werden dürfen. Nicht-menschliche Tiere zu mögen, oder ein „grundanständiger“ Mensch zu sein, hat mit dem Respektieren von Tierrechten überhaupt nichts zu tun.

Ich glaube nicht, daß Tierrechtsthemen, die auch von RassistInnen aufgegriffen werden, von der Tierrechtsbewegung deshalb fallen gelassen werden sollten. Wenn die Tierrechtsbewegung in ihren Aktivitäten ihre prinzipielle Zielrichtung „Tierrechte“ mehr betont, und sich eindeutiger vom Tierschutz mit seiner grundsätzlichen Zustimmung zur Tiernutzung abgrenzt, dann werden die im Tierschutz eh nur vereinzelt vorhandenen RassistInnen von vornherein ausgegrenzt und isoliert. Die Tierrechtsbewegung könnte auch eine größere Betonung auf solche Themen legen, bei denen rassistische TierschützerInnen aufgrund ihrer Überzeugung nicht mithalten können, wie z.B. die Jagd oder die Lederindustrie. Je mehr der ideologische Hintergrund eine Befreiungsbewegung zu sein deutlich wird, desto weniger werden RassistInnen TrittbrettfahrerInnen dieser Bewegung sein können.

Die Tierrechtsbewegung ist im Vergleich zu der Menschenrechtsbewegung noch in den Kinderschuhen. Die anstehenden Probleme sind wesentlich elementarer, die Übertretungen der Rechte viel grundlegender. Entsprechend bezieht sich die heutige Tierrechtsbewegung nur auf die Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Ihr wesentliches Ziel ist es, das Eigentumsrecht über nicht-menschliche Tiere zu beseitigen. Da aber die Anti-Rassismus Bewegung heute weit über so elementare Forderungen hinausgeht, ist es natürlich im Prinzip möglich, daß ein Mensch die Grundrechte für alle Tiere inkl. der Menschen respektiert, aber dennoch spezifische Menschenrechte, die über diese Grund-Tierrechte hinausgehen, für alle Menschen ablehnt. 

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