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Die Geschichte der Tierrechtsbewegung



Das ethische Denken in den letzten 2000 Jahren der europäischen Menschheitsgeschichte wurde sehr wesentlich durch die Schriften von Aristoteles und sein streng hierarchisches Schema der Wertigkeit von Lebewesen getragen. Spätestens seit Thomas von Aquin ist auch das judeo-christliche Denken diesbezüglich aristotelisch geprägt. Im 19. Jahrhundert entstanden so eine ganze Reihe von Befreiungsbewegungen, um diese Wertehierarchie und die damit einhergehende Unterdrückung zu durchbrechen. Die Tierbefreiungsbewegung hat ihre Wurzeln im wesentlichen in denselben Köpfen, die auch die Sklavenbefreiung, die Ideen der sozialen Gerechtigkeit und den Feminismus mitentwickelt und mitgetragen haben. Henry Salt formulierte 1892 zum ersten Mal die Tierrechte in der Form, wie sie im wesentlichen heute gesehen werden. Nach einer durch 2 Weltkriege bedingten Entwicklungspause erlebte die Tierrechtsbewegung ihre Renaissance und moderne Prägung und Akzeptanz in den 60er und 70er Jahren dieses Jahrhunderts von England ausgehend. Heute ist die Tierrechtsbewegung in den meisten europäischen und nordamerikanischen Ländern, sowie in Australien und Neuseeland, zu einer der größten und vielschichtigsten sozialen Bewegungen geworden. 
Seit jeher haben nicht-menschliche Tiere in den menschlichen Gesellschaften eine wesentliche Rolle gespielt. Von vielen frühen Kulturen ist bekannt, dass sie keinen wesentlichen Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren sahen, dass sie nicht-menschliche Tiere – wie im alten Ägypten – mumifizierten (also für sie ein Leben nach dem Tod erwarteten), dass sie an Götter und Göttinnen in nicht-menschlicher Tiergestalt glaubten, und dass sie aus spirituellen Gründen Respekt vor nicht-menschlichen Tieren hatten und den Vegetarismus praktizierten (gelehrt und gepredigt von z.B. Pythagoras in Griechenland, Zoroaster im Rahmen des Mazdaznan im alten Persien, die Begründer des Hinduismus, Mahavira für den Jainismus und Gautama Buddha für den Buddhismus). Aber da der Tierrechtsgedanke ja nicht spirituell-mythisch begründet ist, gehört das nur bedingt zu seiner Vorgeschichte. 

Das abendländische Denken bzgl. nicht-menschlicher Tiere wurde für die letzten 2 Jahrtausende letztendlich durch Aristoteles geprägt. Seine Ethik fußt auf einer Hierarchie der Wertigkeit von Lebewesen, die auf dem Grad ihrer „Vollkommenheit“ basiert. Ein Lebewesen hat grob gesprochen höhere Vollkommenheit, ist also mehr wert, wenn es mehr Vernunft besitzt. So ist, nach Aristoteles, das Männliche mehr wert als das Weibliche, der Grieche mehr wert als der Sklave bzw. Barbar, der Mensch mehr wert als das „Tier“. Ein Lebewesen, das weniger wert ist als ein anderes, bzw. dem anderen unterlegen ist, soll dem überlegenen, vollkommeneren, wertvolleren Lebewesen dienen, ja es sei sogar von Natur aus so, dass die unterlegenen Lebewesen erst dann ihre Erfüllung fänden. Aristoteles geht sogar so weit einen Krieg zur Unterwerfung unterlegener Lebewesen als „gerecht“ zu bezeichnen. Entsprechend ist die gewalttätige Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere, genauso wie die der menschlichen SklavInnen, gerecht und moralisch richtig. Aristoteles bringt diesen Vergleich selber wiederholt in seinen Schriften (siehe u.a. „Politik“, Buch 1, Kapitel 5 und 8): „Die Kunst der Kriegführung ist eine natürliche Kunst [...], die gegen wilde Tiere und jene Menschen praktiziert werden soll, die von Natur aus dazu bestimmt sind beherrscht zu werden, sich aber nicht unterwerfen; ein Krieg dieser Art ist ein natürlicher und gerechter Krieg.“ 

In der christlichen Tradition, zumindest seit Augustinus, und später auch seit Thomas von Aquin, wird dieses aristotelische Denken im wesentlichen übernommen, nur halt durch die Bibel und Gottes Willen begründet. So schreibt Thomas von Aquin, dass die Menschen den anderen Tieren keinerlei Rücksichtnahme schulden und dass die nicht-menschlichen Tiere nur für die Menschen geschaffen wurden und selbst keinerlei intrinsischen Wert an sich besitzen (Reich, „Encyclopedia of Bioethics“, Verlag Simon & Schuster Macmillan, 1995). Bis heute fordert der Katechismus der katholischen Kirche, dass man „keine Tiere lieben“ und „für sie kein Geld ausgeben“ dürfe (Der Tierfreund Nr. 2/97, Seite 83). 

Durch dieses Denken geprägt wurde das gesamte Mittelalter hindurch bis in die Renaissance der Unterschied zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren nicht mehr graduell sondern absolut gesehen. Die Betonung eines solchen Unterschieds passte auch gerade den Renaissance-DenkerInnen des christlichen Europa ins Konzept, weil sie ja begannen, die Einzigartigkeit und Wichtigkeit der Menschheit zu betonen. Rene Descartes verkündete, dass „Tiere“ keine Seele haben und keine Schmerzen fühlen können (siehe Ryder, „Animal Revolution“, Basil Blackwell 1989). Die Eroberung der Natur, die Kolonialisierung, die Unterwerfung „wilder Menschen“ und der „Tiere“, wurde als das Wesentliche der Zivilisation gesehen. So wurde es besonders wichtig die eigene tierliche Natur zu leugnen. Indem sie den Unterschied zu anderen Tieren betonten, konnten die „zivilisierten“ Menschen sich selber besser definieren (siehe Ryder, „The political Animal“, MacFarland, 1998).

Diesem Denken entsprechend gab es um 1730 z.B. auch in Wien drei Hetztheater, in dem Tierkämpfe organisiert wurden, wie z.B. Hunde, die auf Stiere, Ochsen, Steinböcke und Bären gehetzt wurden, oder Kämpfe zwischen Bären und Stieren usw. Trotz hoher Eintrittspreise fanden diese Tierkämpfe großen Zuspruch eines blutrünstigen Publikums (Der Tierfreund, Nr. 2/1997, Seite 6). Das größte der Hetztheater war ein hölzernes Amphitheater ähnlich einer Stierkampfarena in der Hetzgasse und fasste 3000 ZuschauerInnen. Es wurde erst 1847 abgetragen und mußte dem Bau des Hauptzollamts weichen. Doch es gab auch in der Renaissance Ausnahmen, DenkerInnen, die mit nicht-menschlichen Tieren wegen ihres schweren Loses in der Gesellschaft sympathisierten und z.T. VegetarierInnen wurden, wie z.B. Leonardo da Vinci, Thomas More, Erasmus von Rotterdam, Michel de Montaigne und andere. Aber auch William Shakespear, Isaac Newton und John Locke äußerten sich zuweilen in dieser Hinsicht (siehe z.B. Spencer, „The Heretic’s Feast“, Fourth Estate London, 1993). 

Erst Ende des 18. Jahrhunderts, mit der Aufklärung, begann sich ein Wandel der Einstellung abzuzeichnen. Die philosophische Vorreiterrolle übernahm Jeremy Bentham, der 1789, also zur Zeit der französischen Revolution, in seiner „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ sinngemäß schrieb: „Der Tag wird kommen, an dem die [nicht-menschlichen] Tiere ebenfalls diese Rechte bekommen werden, die ihnen nur durch tyrannische Unterdrückung vorenthalten werden konnten. [...] Ein erwachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich viel rationaler und kommunikativer als ein menschliches Kleinkind im Alter von einem Tag, einer Woche oder sogar einem Monat. Aber was besagt das schon? Es kommt nicht darauf an ob ein Lebewesen denken oder sprechen kann, sondern ob es leiden kann! Wie kann das Gesetz den Schutz leidensfähiger Lebewesen verweigern?“ 

Praktisch zur selben Zeit wurden zahllose Schriften mit ähnlichem Inhalt publiziert, wie z.B. von Francis Hutcheson 1755 („Tiere haben ein Recht darauf, keine unnötigen Schmerzen erleiden zu müssen“), Humphrey Primatt 1776 („Schmerz ist Schmerz, ob er Menschen oder Tieren zugefügt wird“), Lauritz Smith 1790 („das Schicksal der Tiere muss erleichtert werden“), Johann Heinisch Winkler 1770 („Tieren sollte nur so viel Schmerz, wie absolut notwendig, zugefügt werden“), Wilhelm Dieter 1787 („Tiere könnten – so wie Kinder – auch Rechte bekommen“), Hermann Daggett 1791 („was würden wir von uns überlegenen Lebewesen halten, deren Arbeit und Unterhaltung darin bestünde, Menschen zu fangen, zu ängstigen, zu nutzen und zu töten?“) und Thomas Young sowie John Lawrence, jeweils 1798, die unabhängig voneinander zum ersten Mal die Formulierung „Rechte der Tiere“ („rights of animals“ bei Young und „rights of beasts“ bei Lawrence) verwendeten (siehe Ryder, „The political Animal“, MacFarland, 1998). 

Diesen neuen Ideen folgten letztendlich auch politische Änderungen. Am 22. Juli 1822 wurde weltweit das erste parlamentarisch beschlossene Gesetz zum Schutz der Tiere in England, der sogenannte „Martin’s Act“, erlassen. In diesem Gesetz wurde die absichtliche Mißhandlung von Pferden, Eseln, Schafen oder Rindern verboten, sofern sie öffentlich geschah und nicht durch den/die BesitzerIn gesetzt wurde. Erst 1835 wurde auch der Stierkampf in England verboten. In manchen Städten mußte die Bevölkerung durch Einsatz des Militärs daran gehindert werden, ihre traditionelle Stierfolter weiterhin durchzuführen. In den USA (1829), in Sachsen (1830), Württemberg (1839), der Schweiz und Norwegen (1842), Hannover (1847) und Schweden und Dänemark (1857) folgten ebenso die ersten Gesetze zum Schutz gewisser Tiere vor gewissen Misshandlungen unter gewissen Bedingungen. In Österreich wurde am 8. Jänner 1846 das erste Gesetz gegen Tierquälerei durch die Hofkanzlei als Dekret Nr. 42996 erlassen: „Jede in der Öffentlichkeit begangene, Ärgernis erregende Tierquälerei ist als Polizeivergehen anzusehen und entsprechend zu bestrafen“. Erst 1893 fielen die Tatbestandsmerkmale der Öffentlichkeit und des Ärgernisses (Farkas, „Grüne Wurzeln“, Verlag Podmenik, 1992). 

Den ersten Tierschutzgesetzen folgten die ersten Tierschutzvereine auf den Fuß. In England wurde, wiederum weltweit als erste, am 16. Juni 1824 in London die Society for the Prevention of Cruelty to Animals gegründet. Dresden folgte 1839, Berlin 1841, München 1843, Paris 1845 und Wien, mit dem Wiener Tierschutzverein, am 10. März 1846. In den USA gründete Henry Bergh, ein bekannter Menschenrechtsaktivist, einen ensprechenden Verein im Jahr 1866 in New York. In Österreich gibt es im übrigen seit Jänner 1895 die erste Tierrettung, und seit Jänner 1896 das erste Tierheim. 

Die Gründerväter des ersten Tierschutzvereins der Welt, des SPCA in London, waren durchwegs auch als Menschenrechtler und für ihre Ablehnung von Sklaverei bekannt: Thomas Buxton und William Wilberforce waren führend in der Anti-Sklavereibewegung tätig, James Mackintosh und Richard Martin waren in Kampagnen gegen die Todesstrafe aktiv. Richard Martin hat sich auch politisch für einen Finanzhilfefond für sozial Schwache bei Gerichtsverfahren eingesetzt und durch sein Engagement für die hungerleidenden Armen in Irland den Spitznamen „Humanity Dick“ bekommen. Um 1880 gründete der damalige Generalsekretär des SPCA, John Colam, die Gesellschaft zum Schutz von Kindern in England, die National Society for the Prevention of Cruelty to Children. Diese Idee war aus den USA importiert, wo die Gründer der American Humane Society (1877), eines Vereins, der den Schutz von Kindern und „Tieren“ in seine Statuten geschrieben hat, zwei Jahre früher einen ähnlichen „Kinderschutzverein“ ins Leben gerufen hatten. Mit anderen Worten, alle namhaften ersten Tierschutzaktivisten waren gleichzeitig auch politisch für Menschenschutz (Kinder, sozial Schwache) und Menschenrechte (Todesstrafe, Sklaverei) aktiv. 

Diese Gruppen waren jedoch alle Tierschutz- im Gegensatz zu Tierrechtsvereine, Vegetarismus oder Veganismus waren nicht wirklich ein Thema, die Nutzung der nicht-menschlichen Tiere durch den Menschen wurde eigentlich nicht in Frage gestellt. Das geschah erst mit Henry Stephens Salt (1851-1939). Sein Buch „Animals‘ Rights Considered in Relation to Social Progress“ (1892, Neuerscheinung Fontwell 1980) enthält im wesentlichen alle heute anerkannten Grundlagen der Tierrechtsphilosophie und kann als der Beginn der Tierrechtsbewegung angesehen werden. Henry Salt war Humanist (siehe sein Buch „Humanitarianism: its general principles and progress“, London 1893) und Sozialist. Er gründete mit anderen SozialistInnen im Jahr 1891 die Humanitarian League, die als erste echte Tierrechtsorganisation gelten kann. Salt und seine MitstreiterInnen setzten sich aber nicht nur gegen die Übertretung fundamentaler Tierrechte ein, sondern organisierten auch Kampagnen gegen den Krieg, das ungerechte gerichtliche Strafsystem, die Ausbeutung der ArbeiterInnen, den Kolonialismus und die strenge Disziplin in den Schulen und beim Militär, sowie für allgemein zugängliche Spitäler (Bekoff, „Encyclopedia of Animal Rights and Animal Welfare“, Greenwood, 1998). Salt’s Tierrechtsgruppe traf sich wöchentlich in einem der neuen vegetarischen Restaurants in London, von denen das erste in Faringdon 1876 gegründet worden war, und von denen es im Jahr 1886 schon 12 gab (Kean, „Animal Rights“, Reaktion Books, 1998). Bei diesen Treffen wurden auch Mahatma Gandhi, sowie bekannte SozialistInnen wie George Bernhard Shaw und Edward Carpenter von der Tierrechtsidee überzeugt. 

Im übrigen wurde die Vegetarian Federal Union, der Zusammenschluß der Vegetarischen Gesellschaften der Länder der Welt, im Jahr 1889 gegründet und ist heute noch als International Vegetarian Union (1908 als Nachfolgeorganisation unter Beteiligung von Österreich, Holland, England und Deutschland gegründet) aktiv. Der erste World Vegetarian Congress fand in Chicago in den USA im Jahr 1893 statt (IVU News, August 1999). Im Jahr 1878 wurde in Wien als erste vegetarische Vereinigung in Österreich ein sogenannter „Vegetarianer-Club“ gegründet. 1877 schon ist das erste vegetarische Restaurant Österreichs an der Ecke Fahnengasse/Wallnerstraße in Wien von Karl Ramharter für „tierschutzbegeisterte“ VegetarierInnen eröffnet worden. Hier trafen sich, wie der jüdische Schriftsteller Friedrich Eckstein in seinen Memoiren berichtet, insbesondere Intellektuelle und Künstler, unter ihnen der sozialdemokratische Parteigründer Victor Adler (aus Farkas, „130 Jahre Vegetariervereine“, in Anima, 1998). Der erste österreichische Vegetariertag wurde 1902 abgehalten. 

Salt war es ein Anliegen den TierschützerInnen klar zu machen, dass nur der Standpunkt der Tierrechte widerspruchsfrei und konsequent war: „Wenn wir Tierversuche bekämpfen wollen, dann müssen wir uns von dieser falschen ‚Tierliebe‘ trennen, diesem Bemuttern von Haustieren und Schoßhündchen durch Menschen, die sich überhaupt nicht um das wirkliche Wohlergehen von Tieren – oder auch Menschen – kümmern. Wir müssen gegen alles unnötige Leid kämpfen, sei es menschliches oder tierliches – gegen die dummdreisten Grausamkeiten der sozialen Unterdrückung, des Strafsystems, der Mode, der Wissenschaft, der Fleischfresserei, ...“ (aus The Vegetarian Review, 1895). Ähnlich äußerte sich Salt über die Inkonsistenz von Menschen, die über das Leiden der Zugpferde Krokodilstränen vergießen, aber selber Tierhäute als Mäntel tragen. 

Im folgenden eine Analyse von Henry Salt’s Gedanken aus seinem Buch „Animals‘ Rights“ nach Flury, „Der moralische Status der Tiere“, Verlag Karl Alber, 1999. Salt verfolgt in seinem Buch drei Ziele: erstens soll das Prinzip der Tierrechte auf eine konsistente und einsichtige Grundlage gestellt werden, zweitens soll diese Grundlage für alle humanistischen Reformen eine gemeinsame Basis sein und drittens sollen die Fehlschlüsse entkräftet werden, die die VerteidigerInnen des Status quo vorgebracht hatten. 

Nach Salt hätten nicht-menschliche Tiere genau dann (natürliche) Rechte, wenn auch Menschen sie haben. Das wesentliche Argument dafür ist, daß nicht-menschliche Tiere wie Menschen Individualität, Charakter und Vernunft besitzen, und alle Wesen mit diesen Eigenschaften das Recht haben sie auszuüben. Daher verlangt die Gerechtigkeit, daß auch nicht-menschliche Tiere ihr Leben in jener maximalen Freiheit führen dürfen, die mit der gleichen Freiheit aller Tiere (inkl. der Menschen) verträglich ist. Die Gerechtigkeit wird aber nicht erreichbar sein, wenn wir fortfahren die nicht-menschlichen Tiere als Lebewesen zu betrachten, die einer ganz anderen Ordnung angehören und die zahlreichen Eigenschaften übersehen, die sie mit den Menschen gemeinsam haben. Die veraltete Vorstellung einer großen Kluft zwischen Mensch und „Tier“ muß aufgegeben werden. 

Nach Salt umfaßt die Bereitschaft die Rechte anderer zu respektieren zunächst die Familie, dann die gesellschaftliche Klasse, dann die Nation, dann den Zusammenschluß von Nationen, dann die gesamte Menschheit und zuletzt alle Tiere. Salt zweifelt die Einschätzung des Sozialdarwinismus an, daß der Wettstreit das einzige Gesetz sei, das die Natur regiert. Er verweist auf die Geschichte des Kampfes der Arbeiterschaft um ihre Emanzipation, der von ihren GegnerInnen ebenso fälschlicherweise die Idee der natürlichen Selektion und des Überlebens des/der Tüchtigsten entgegengehalten wurde. Die Wissenschaft sei aber nach Salt dabei zu erkennen, daß es auch kooperative Grundmuster im grundlegenden Charakterzug der Natur gäbe. 

Gegen den Vorwurf der Sentimentalität verteidigt sich Salt, indem er darauf verweist, dass der Vorwurf sinnvollerweise nur gegen eine Position gerichtet werden kann, die inkonsistent ist und Mitgefühl in einem Fall aufbringt, aber in einem anderen vermissen lässt, ohne dass sich die beiden Fälle in einer relevanten Hinsicht unterscheiden würden. Aufbauend auf diesem Argument sieht Salt den Grundsatz, allen fühlenden Dingen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die Rechte von Menschen und anderen Tieren gleicher weise zu achten, als bestes Mittel gegen die Gefahr der Sentimentalität. 

Die Annahme, das Prinzip der Tierrechte sei in irgendeiner Form den Menschenrechten entgegengesetzt, stellt nach Salt einen gravierenden Irrtum dar. Er warnt vor dem speziesistischen Fehlschluß („specious fallacy“) es sei notwendig zuerst die zahlreichen Verletzungen der Menschenrechte zu bekämpfen und die Tierrechtsfrage bis zur Erreichung dieses Ziels auf sich beruhen zu lassen. Vielmehr ist ein ausgedehntes, nüchternes Studium beider Komplexe notwendig, um eine Lösung für beide Probleme zu finden. 

Am Ende seiner Ausführungen zur Grundlegung der Tierrechtstheorie schreibt Salt, dass alle Tiere, inklusive der Menschen, Rechte haben, und dass diese Rechte genau all das zu tun umfassen, das die gleichen Rechte anderer Tiere nicht übertritt. Diese Ansicht sei durchaus mit den grundlegenden Gesetzen der Natur vereinbar. Wenn jemand getötet werden muss, ob ein menschliches oder ein nicht-menschliches Tier, dann soll es getötet werden; wenn Schmerzen zugefügt werden müssen, dann muss es eben sein, ohne Inkonsistenzen oder Ausflüchte. Aber – und das ist der Punkt – vorher muss geklärt sein, dass das auch wirklich notwendig ist; niemand soll wissentlich die unnötigen Leiden anderer Lebewesen einkalkulieren, und dann versuchen unser Gewissen mit lächerlichen Ausflüchten zu beruhigen, die nicht einem einzigen Moment rationaler Analyse widerstünden.. 

Zuletzt diskutiert Salt die praktischen Konsequenzen seiner Ideen. Er gesteht den Menschen das Recht zu, sich gegenüber anderen Tierarten zu behaupten, indem sie z.B. die Vermehrung auch freilebender Tierarten einschränken. Aber darüber hinaus haben Menschen keine moralisch legitimierbaren Privilegien gegenüber anderen Tieren, und kein Recht ihnen auch nur das Mindeste an unnötigem Schmerz oder Unterwerfung zuzumuten. Vom Leiden der Tiere aus kulinarischem, sportlichem, wissenschaftlichem oder modischem Interesse zu profitieren ist für Salt mit den Tierrechten unvereinbar. Da er aber die konkreten Umstände der jeweiligen Situation in die moralische Beurteilung mit einbezieht, findet Salt das Tragen von Pelzkleidung für Inuits – im Gegensatz zu EngländerInnen – legitimierbar. Eine Reflexion zeige klar, daß zumindest in der englischen Gesellschaft alle Produkte tierlicher Provenienz ersetzbar seien, sobald sich eine ausreichende Nachfrage nach den entsprechenden Alternativgütern gebildet hat, und dementsprechend sind alle tierlichen Produkte in England unmoralisch. Die Wurzel allen Tiermißbrauchs, so endet Salt, liegt – wie er immer wieder das gesamte Buch hindurch betont – in der verabscheuungswürdigen Annahme (und sie sei gleich verabscheuungswürdig ob sie jetzt auf pseudo-religiösen oder pseudo-wissenschaftlichen Argumenten basiert), dass eine Kluft, eine unüberbrückbare Barriere, zwischen Menschen und „Tieren“ bestünde. 

Als einer der herausragendsten Träger der Tierrechtsidee ist der deutsche Philosoph und Sozialist Leonard Nelson (1882-1927) zu erwähnen, der eine wissenschaftliche Ethik nach den Grundsätzen des liberalen Sozialismus anstrebte und mit seinem posthum 1932 erschienen Aufsatz „Pflichten gegenüber Tieren“ weltweit den ersten systematischen Beitrag zur Begründung von Tierrechten in Ethik und positivem Recht leistete. Die Erkenntnis, daß die Welt sich nie nach dem richten wird, was in Büchern geschrieben steht, sondern nach der „Macht der für oder gegen eine Sache sich einsetzenden Interessen“, trieb ihn in den organisierten Widerstand gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung – auch der nicht-menschlichen Tiere. 

Neben SozialistInnen und MenschenrechtlerInnen waren auch frühe Feministinnen im Tierrechtsbereich, und da vor allem gegen Tierversuche, aktiv. Frances Cobbe, z.B., war führend politisch für die Rechte von Frauen und Kindern tätig, bekämpfte Pornographie und organisierte gleichzeitig Petitionen gegen Tierversuche sowie gegen andere Formen der Tierausbeutung. Nach ihrem Tod 1904 übernahm die Schwedin Louise Lind-af-Hageby die Führung der Anti-Tierversuchsbewegung und organisierte Massendemonstrationen zwischen 1906 und 1912 in London und anderswo. Charlotte Despard, Vegetarierin und Tierversuchsgegnerin, war Generalsekretärin der Women’s Social and Political Union, und ging sogar für ihren Einsatz für das Wahlrecht für Frauen ins Gefängnis. Im Jahr 1907 schlossen sich in London GerwerkschafterInnen, FeministInnen und TierversuchsgegnerInnen zusammen und lieferten sich wegen der Tierversuche mit ÄrztInnen und MedizinstudentInnen Straßenkämpfe, was als „Old Brown Dog Riots“ in die Geschichte einging. Erst massiver Einsatz berittener Polizei konnte den „Aufruhr“ beenden. In ihrer historischen Analyse dieses Vorfalls findet Coral Lansbury, dass sowohl die Frauen als auch die ArbeiterInnen in den Tierversuchen Symbole ihrer eigenen Unterdrückung fanden. Im übrigen geht auch aus Briefen von Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis hervor, dass sie sehr mit der Idee der Tierrechte sympathisierte. Und Bertha von Suttner, Pazifistin und österreichische Friedensnobelpreisträgerin, tendierte ebenfalls in diese Richtung („Meiner Überzeugung nach wird auch einst die Zeit kommen, wo niemand sich wird mit Leichen ernähren wollen, wo niemand mehr sich zum Schlächterhandwerk bereit finden wird“; Zitat aus dem Internet www.vegetarimus.ch/zitate.htm). 

Karl Marx wäre wahrscheinlich gegen Tierrechte gewesen, genauso wie er, übrigens, gegen Menschenrechte war. Marx sah einen Unterschied zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren in der „bewußten Lebensaktivität“. Während die Lebensaktivität von Menschen selbst Objekt ihres Bewußtseins wäre, könnten nicht-menschliche Tiere nur eins mit ihrer Lebensaktivität sein. Marx hatte diese Idee entweder von Hegel, der meinte nicht-menschliche Tiere hätten kein Selbstbewußtsein, oder von Descartes, der ihnen überhaupt die Leidensfähigkeit absprach. Heute ist allgemein akzeptiert, dass sowohl Marx als auch Hegel und Descartes diesbezüglich irrten. Wie Tierrechte auch immer gesehen werden, unbestreitbar ist, dass sich auch nicht-menschliche Tiere im kapitalistischen System in fundamentaler Weise ihrem Wesen nach nicht entfalten können. 

In ihrem Manifest „The American Left Should Support Animal Rights“ schließen Charlton, Coe und Francione jedenfalls, daß die Wurzeln der Tierrechtsbewegung nicht in der bürgerlichen Klasse bzw. der gesellschaftlichen „Elite“ lagen, sondern auch von Frauen, der ArbeiterInnenklasse und Linksintellektuellen wesentlich mitgetragen wurden. Obwohl es ein bürgerliches Element gab, das sich für Tierschutz einsetzte – zumeist allerdings nur für Hunde und Katzen – kann sicher nicht behauptet werden, daß dieses Element den primären Einfluß zur Entwicklung der heutigen Tierrechtsbewegung darstellt. 

Die beiden Weltkriege bedingen einen fast vollständigen Entwicklungsstopp der Tierrechtsidee. In Österreich wird aber immerhin am 21. Juli 1925 das nicht-menschliche Tier zum ersten Mal Rechtssubjekt, indem das Gesetz auch die Tierquälerei des/der BesitzerIn am „persönlichen Eigentum Tier“ strafbar macht. Im Februar 1927 wird der Sozialdemokratische Tierschutzverein gegründet, aber schon im Jahr 1934 vom Austrofaschismus aufgelöst. Im Oktober 1927 wird die erste österreichische Tierschutzwoche organisiert und die erste Webpelzmodeschau abgehalten. In den Folgejahren gibt es sogar Massendemonstrationen in Wien für ein neues österreichisches Tierschutzgesetz, aber auch diese Aktivität kommt bald zum Erliegen. 

Im Jahr 1944 gründet Donald Watson in England die erste Vegane Gesellschaft der Welt, die Vegan Society UK, und erfindet das Wort „vegan“ für „völlig ohne tierliche Produkte“, das sich aus den ersten drei und letzten zwei Buchstaben von „vegetarian“ zusammensetzt. Die Gesellschaft ist bis heute aktiv und hat in den meisten europäischen und nordamerikanischen Ländern sowie in Australien und Neuseeland (und auch in Österreich seit 1999) NachahmerInnen gefunden.

Erst in den 1960er Jahren wacht die Tierrechtsbewegung wieder richtig auf. Der englische Journalist John Prestige gründet im Jahr 1963 die englische Hunt Saboteurs Association und sabotiert am 26. Dezember 1963 mit FreundInnen zusammen zum ersten Mal eine Jagd. Diese Vereinigung blieb bis heute aktiv und zählt im Moment etwa 150 regionale Gruppen über England, Schottland und Wales verteilt. Seitdem gab es in den verschiedensten anderen Ländern – auch in Österreich – Jagdsabotagen. 

Im Jahr 1964 veröffentlicht Ruth Harrison ihr Buch „Animal Machines“ (Vincent Stuart, 1964), in dem zum ersten Mal die Massentierhaltung angeprangert wird. Am 10. Oktober 1965 erscheint der Artikel „The Rights of Animals“ in der Sunday Times in England, die erste Abhandlung dieses Themas seit Salt’s Buch aus dem Jahr 1892. Im Jahr 1969 publiziert Richard Ryder 3 Artikel über Tierrechte im Daily Telegraph und entwickelt im Jahr 1970 den Begriff „Speziesismus“ für „die willkürliche Benachteiligung anderer aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Tierart“, der das erste Mal in einem Flugblatt auftaucht. 1973 erscheint das Buch „Animals, Men and Morals“, eine Sammlung von Artikeln über Tierrechte, editiert von Godlovitch, Godlovitch und Harris, im Verlag Taplinger. Heute wird dieses Buch als Manifest für die Tierbefreiungsbewegung bezeichnet, das die moderne Bewegung ins Rollen gebracht hat (Garner, „Animal Rights“, New York Univ. Press, 1996). In Oxford formiert sich die „Oxford group“, aus der schließlich die namhaften Tierrechtsphilosophen der ersten Stunde hervorgehen: der Australier Peter Singer, der 1975 sein Buch „Animal Liberation“ herausbringt, der USAmerikaner Tom Regan, dessen Standardwerk „The Case for Animal Rights“ 1983 herauskommt, sowie die Engländer Stephen Clark und Andrew Linzey mit mittlerweile einer Vielzahl von Büchern zu dem Thema. 

Das alles brachte den Stein ins Rollen und jetzt ging es Schlag auf Schlag. 1972 gründet Ronnie Lee die „Band of Mercy“, aus der 1976 die Animal Liberation Front (ALF) wird, die sich letztendlich in die meisten europäischen und nordamerikanischen Länder, sowie nach Australien und Neuseeland, ausbreitet. Bis 1998 mußten schon über 600 TierrechtlerInnen für ihre Überzeugung ins Gefängnis. 1977 findet am Trinity College in Cambridge die erste internationale Tierrechtskonferenz statt, bei der alle TeilnehmerInnen eine Deklaration gegen Speziesismus unterschreiben. 

Eine Unzahl von Tierrechtsgruppen werden überall gegründet, zuerst in England, 1980 dann auch in den USA (PETA) und in vielen anderen Ländern. In den 80er Jahren erlitt die explosionsartige Entwicklung der englischen Tierrechtsbewegung durch den erzkonservativen Kurs der Regierung von Margaret Thatcher einen Dämpfer, doch spätestens seit Beginn der 90er Jahre verbreitet sie sich stärker als je zuvor. Heute ist die Philosophie der Tierrechte völlig etabliert und wird auf Universitäten gelehrt. Gerade in englischsprachigen Ländern ist die Flut der jährlichen Neuerscheinungen von Büchern und Artikeln zum Thema Tierrechte nicht mehr überschaubar. In Europa gab es 1998 Statistiken zufolge schon über 1 Million ethische VeganerInnen. Seit 1993 gibt es auch das „Große Menschenaffen Projekt“, das zum Ziel hat eine Deklaration für die Erweiterung der Menschenrechte auf alle Menschenaffen von der UNO Hauptversammlung beschliessen zu lassen. 

Doch es sind auch einige Opfer zu beklagen. Am 6. 1. 1976 wird der englische Jagdgegner William Sweet von einem Jäger ermordet, der sich durch ihn bei der Vogeljagd gestört gefühlt hatte. Im Jahr 1986 wird ein Jagdsaboteur beim Versuch das „Hare Coursing“ des Waterloo Cup in Altcar nahe Liverpool zu stören von einem Teilnehmer dieser Veranstaltung, bei der Windhunde im Rahmen eines Wettkampfs auf Hasen gehetzt werden, so brutal mit der Eisenstange auf den Kopf geschlagen, daß er lebenslang gehirngeschädigt bleibt. Und weitere Tote folgen: im Februar 1991 der Jagdsaboteur Michael Hill in Cheshire in England, im April 1993 der Jagdsaboteur Thomas Worby in Cambridge in England und im Febraur 1995 die Tierrechtlerin Jill Phipps beim Versuch einen Lebendtiertransporter am Flughafen in Coventry in England zu stoppen. In den frühen 90er Jahren wird auch ein holländischer Journalist beim Versuch die Machenschaften der Fleischindustrie aufzudecken unter mysteriösen Umständen ermordet. 

In Österreich hat die Entwicklung der Tierschutzvereine hin zu Tierrechten auch in den späten 80er Jahren voll eingesetzt. Die Österreichische Vegetarier Union wurde allerdings schon 1970 gegründet und ist bis heute aktiv. Seit 1985 gibt es die Zeitschrift „Anima“, mit dem Untertitel „Zeitschrift für Tierrechte“, die bis heute in Graz publiziert wird. Mitte der 80er Jahre wurden auch Vorlesungen über Tierrechte an der Universität Graz organisiert, die mit hunderten StundentInnen gut besucht waren. Die Tierrechtsinitiativen waren allerdings in erster Linie gegen Tierversuche orientiert und gipfelten in einem bundesweiten Tierversuchsgesetz. 1988 wurde der §285a ins Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch eingeführt, der „Tiere“ als leidensfähige Lebewesen anerkennt, die von Sachen verschieden sind. Ab 1988 sind auch ALF Aktionen in Österreich bekannt, und die AktivistInnen bezeichnen sich in Presseaussendungen selbst als TierrechtlerInnen. Im Jahr 1988 wird auch das erste österreichische Buch über die Tierrechtsphilosophie von Helmut Kaplan veröffentlicht (Kaplan, „Philosophie des Vegetarismus: Kritische Würdigung und Weiterführung von Peter Singers Ansatz“, Frankfurt/M: Lang, 1988), gefolgt von „Warum Vegetarier? Grundlagen einer universalen Ethik“ vom selben Autor 1989 und „Sind wir Kannibalen? Fleischessen im Lichte des Gleichheitsprinzips“ 1991. Die Tierrechtsbewegung in Österreich und weltweit hat jetzt Ausmaße angenommen, die sicherstellen, dass dieses Thema die gesellschaftlichen Konflikte des nächsten Jahrhunderts wesentlich bestimmen wird. Selbst der österreichische Bauernbund anerkennt in einer Aussendung vom 2. März 1999 die Existenz der Tierrechtsbewegung und informiert seine Mitglieder über deren Grundideen. Die wesentliche Herausforderung für die Tierrechtsbewegung in der Zukunft wird darin liegen, wie gut sie den Konflikt mit transnationalen Firmen und globalen Vertretungskörperschaften des Welthandels und der Wirtschaft besteht.