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Die Unterdrückbarkeit nicht-menschlicher Tiere


In unserer Gesellschaft werden nicht-menschliche Tiere auf eine Art und Weise gebraucht und genutzt, die, auf Menschen angewandt, als faschistische Unterdrückung bezeichnet würde. KritikerInnen der Tierrechtsbewegung sprechen aber nicht-menschlichen Tieren die Fähigkeit überhaupt unterdrückbar zu sein, ab. Eine herrschaftsfreie Auseinandersetzung mit nicht-menschlichen Tieren zeigt aber, daß sie durchaus zu einem reziproken sozialen Verhältnis auf gleicher Ebene mit Menschen fähig, und damit durch Menschen unterdrückbar, sind. Die nicht-menschlichen Tiere in unserer Gesellschaft werden also ausgebeutet und unterdrückt, im vollen Sinn des Wortes. 
In der gesamten Geschichte unserer Gesellschaft wurden die nicht-menschlichen Tiere für menschliche Vorteile genutzt. Von Anfang an in irgendeiner Form auch Teil der menschlichen Gesellschaft, wurden sie als Arbeitskräfte oder zur Produktion tierlicher Nahrungsmittel eingesetzt, oder zur Unterhaltung gedehmütigt, ihrer Freiheit beraubt, mißbraucht und massakriert. Innerhalb der Gesellschaft war und ist das Verhältnis zwischen „Mensch“ und „Tier“ immer in einer eindeutigen Hierarchie.

Aber auch außerhalb der menschlichen Gesellschaft wird diese Hierarchie beibehalten. Nicht-menschliche Tiere wurden und werden als Konkurrenten bekämpft, als Schädlinge verfolgt oder als Gefahr für Leib und Leben prophylaktisch angegriffen. So wurde z.B. im Jahr 1881 das österreichische Militär eingesetzt um systematisch alle Bären in den Zillertaler Alpen in Tirol zu töten. Ähnlich ging man, ebenso mit Militär, gegen den Bartgeier vor. Davor waren schon Luchs und Wolf als Erbfeinde Nummer eins ausgerottet worden. Aber selbst gegen Giftschlangen wurde von der tiroler Landesregierung in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Gesetz erlassen, das jedem ein Kopfgeld bot, der den Kopf einer getöteten Giftschlange einsenden würde.

Das Verhältnis zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren trägt also alle Züge eines Unterdrückungsverhältnisses, eines Hierarchiedenkens zwischen höherwertigem und minderwertigem Leben. Die Tierrechtsbewegung erkennt in diesem Verhältnis dieselben Herrschaftsstrukturen wieder, wie sie zur Unterdrückung sogenannter „minderer Rassen“ oder anderer Menschengruppen verwendet werden. KritikerInnen der Tierrechtsbewegung behaupten aber, daß Menschen keine Tiere seien, und daß nicht-menschliche Tiere eben grundsätzlich nicht unterdrückbar wären. Dadurch wäre kein Vergleich zur Unterdrückung anderer Menschengruppen gegeben, und man könnte überhaupt nicht von einer Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere sprechen.

Ein Argument, daß nicht-menschliche Tiere nicht wie Menschen unterdrückbar wären, ist konsequentialistisch. Gesellschaften, die gewisse Menschengruppen als „Tiere“ angesehen hätten, hätten dann diese Menschengruppen (genauso) faschistisch unterdrückt und mißhandelt, wie sie eben die „Tiere“ behandeln. Deshalb sei es faschistisch Menschen als „Tiere“ anzusehen, weil das faschistische Konsequenzen für diese Menschen hätte.

Dieses Argument bestätigt aber nur die grundsätzliche These der Tierrechtsbewegung, daß die Hierarchie „Mensch“ über „Tier“ die Herrschaftsverhältnisse erst begründet. Wenn jetzt innerhalb dieser Hierarchie einige Individuen von der Gruppe „Mensch“ zur Gruppe „Tier“ wechseln, und damit zu Unterdrückten werden, so spricht das nur für die Willkürlichkeit dieser hierarchischen Gruppeneinteilung und dafür, daß erst das komplette Aufbrechen dieser Trennung in „Mensch“ und „Tier“ die Herrschaftsverhältnisse generell beenden kann. TierrechtlerInnen fordern ja nicht alle Menschen zu „Tieren“ zu machen und die Mensch-„Tier“ Hierarchie beizubehalten. Bisher gab es historisch keine Gesellschaft, die ALLE Menschen als Tiere betrachtet hat, und allen Tieren einen gleichen immanenten Wert gegeben hat. Nur wenn so eine Gesellschaft faschistisch wäre, würde das konsequentialistische Argument der Tierrechts-KritikerInnen greifen.

Ein weiteres Argument gegen die Auffaßung, daß Menschen auch Tiere sind, und damit letztere nicht unterdrückbar wären, ist das des Biologismus. Menschen auf ihre Biologie zu reduzieren ist Biologismus mit allen bekannten Konsequenzen. Menschen als Tiere anzusehen, so die Tierrechts-KritikerInnen weiter, würde aber die Menschen auf ihre Biologie reduzieren, und wäre damit biologistisch. Das stimmt allerdings nur, wenn nicht-menschliche Tiere auf ihre Biologie reduzierbar wären. Und das ist nicht der Fall. Nicht-menschliche Tiere haben genauso Individualität, Selbstbewußtsein, freien Willen, ein komplexes mentales Leben usw., und sind also nicht auf ihre Biologie reduzierbar. Im Gegenteil, sie auf ihre Biologie zu reduzieren, und damit ihre Unterdrückbarkeit zu negieren, ist der eigentliche Biologismus, mit den wohlbekannten Folgen faschistischer Herrschaftsverhältnisse.

Tierrechts-KritikerInnen führen auch manchmal das Argument an, daß nur diejenigen Gruppen unterdrückbar sind und ihre Freiheit verdienen, die sich selbst befreien können. Nicht-menschliche Tiere könnten ihre Befreiungsbewegung nie selber übernehmen, und könnten daher auch keine echte Befreiungsbewegung haben, und wären deshalb nicht unterdrückbar. Dieses Argument ist allerdings äußerst kapitalistisch. Wie auf dem kapitalistischen „freien Markt“ verdienen es nur diejenigen sich durchzusetzen, die sich durchsetzen können. Diese Sichtweise macht allerdings auch Kinder nicht unterdrückbar, weil ja auch die Kinder nie ihre Befreiung von Herrschaftsverhältnissen selber in die Hand nehmen können. Unterdrückbarkeit geht eben Hand in Hand mit eigenen Bedürfnissen und Interessen, und nicht mit der Fähigkeit im politischen „freien Markt“ zu bestehen.

Als entscheidendes Merkmal für die Unterdrückbarkeit wird oft angegeben, daß ein Individuum im Prinzip in der Lage sein muß ein reziprokes, gleiches soziales Verhältnis mit den potentiellen UnterdrückerInnen eingehen zu können. Die Unterdrückung ist dann die Verschiebung der Gleichheit dieses Verhältnisses zuungunsten des unterdrückten Individuums bis ein Herrschaftsverhältnis entsteht.

Dieses Unterdrückbarkeitskriterium bei nicht-menschlichen Tieren nachzuprüfen scheint auf den ersten Blick sehr schwierig zu sein. Nicht-menschliche Tiere sind eben sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gesellschaft meistens in einem Eigentumsverhältnis zu den Menschen, wodurch die soziale Beziehung schon so verschoben ist, daß ein reziprokes, gleiches, soziales Verhältnis gar nicht wirklich entstehen kann. Selbst bei den Haustieren Katze und Hund ist das so. Solange die BesitzerInnen das Sagen haben, solange es BesitzerInnen gibt, solange kann das Verhältnis nicht wirklich gleich und reziprok sein.

Aber seit den 60er Jahren dieses Jahrhunderts hat es einige Ansätze gegeben, so ein reziprok gleiches Verhältnis auf die Weise aufzubauen, daß sich Menschen und andere Tiere auf gleicher Ebene treffen. In der Freilanderforschung tierlichen Verhaltens war man notgedrungen darauf angewiesen, unabhängige, freie nicht-menschliche Tiere in ihren indogenen Lebensräumen aufzusuchen. Um den Störfaktor Mensch als etwas Neues, eine potentielle Gefahr, auszuschalten, mußten die ForscherInnen zunächst in jahrelanger Arbeit ein soziales Verhältnis zu den Tieren aufbauen. Dieses soziale Verhältnis ist aber nur dann kein Störfaktor im Verhalten der tierlichen Gruppe, wenn es genau ein gleiches, reziprokes Verhältnis ist, in dem beide Sozialpartner sich respektieren, unabhängig sind und frei über das Verhältnis entscheiden können.

Jane Goodall hat als erste begonnen ein solches Verhältnis mit indogenen SchimpansInnen am Gombe Reservat in Tanzania erfolgreich aufzubauen. Diane Fossey bei den Gorillas, Birute Galdikas bei den Orang Utans und Takayoshi Kano bei den Bonobos folgten. Aber nicht nur die Menschenaffen sind zu einem gleichen, reziproken sozialen Verhältnis mit Menschen fähig. David Mech freundete sich mit Wölfen in der Arktis an, David McDonald mit Rotfüchsen in England, Jonathan Scott mit Wildhunden in Afrika, Erich Hoyt mit Orcas in Kanada, Hans Kummer mit Hamadryas Pavianen in Ägypten, Cynthia Moss mit Elefanten in Afrika, usw. Einer Forscherin ist es sogar geglückt, von einem Prairiehunde-Clan akzeptiert zu werden, sodaß sie deren Sprache verstehen lernen konnte. Und die Berichte von gleichen, reziproken sozialen Beziehungen zwischen Menschen und Delphinen sind Legion, wie z.B. die von Heathcote Williams etc.

Aber selbst mit klassischen Haus- und Nutztieren lasst sich ein gleiches, reziprokes soziales Verhältnis mit einiger Einfühlung fast völlig verwirklichen. Wenn man z.B. mit einem Hund in die Berge geht und dort versucht gemeinsam und gleichberechtigt zu entscheiden, was getan wird, so ist das jedenfalls viel eher möglich, als in der Stadt, mit ihrem Straßenverkehr und ihren versperrten Türen. Oder aus der Intensivmast befreite Schweine in einem Großareal, indem sie sich selbstbestimmt organisieren, ernähren und fortpflanzen können, wie z.B. bei einem Projekt in Schweden, lassen sich sehr wohl auf gleiche, reziproke soziale Verhältnisse mit Menschen ein, wenn man ihnen Zeit läßt und sehr vorsichtig-einfühlsam begegnet. Dasselbe ist nachweislich auch mit Hühnern möglich.

Als langjähriger Mitarbeiter in einem Wildtierspital habe ich auch ein gleiches, reziprokes soziales Verhältnis mit einem Vogel erlebt. Eine Krähe wurde wegen Schussverletzungen am Flügel eingeliefert. Nach einer geglückten Operation und ihrer Genesung wurde sie wieder in die Freiheit rehabilitiert. Seitdem ist sie regelmäßig Gast im Wildtierspital, setzt sich auf die Schultern ihrer ehemaligen Pfleger, lässt sich so sogar in das Gebäude hineintragen, und wird dabei aber nicht von den Menschen gefüttert. Diese Krähe ist aus eigenen, freien Stücken, scheinbar aus Dankbarkeit, ein echtes, gleiches, reziprokes soziales Verhältnis mit den Menschen dort eingegangen. Die Beispiele ließen sich unbegrenzt fortsetzen.

Nicht-menschliche Tiere sind also sehr wohl zu einem gleichen, reziproken sozialen Verhältnis mit Menschen fähig, und daher kann dieses Verhältnis auch zu einem Herrschaftsverhältnis verschoben werden. In diesem Fall kann man also mit vollem Recht von einer Unterdrückung sprechen. Daher sind alle nicht-menschlichen Tiere in unserer Gesellschaft tatsächlich unterdrückt und die Tierrechtsbewegung vergleicht diese Unterdrückung zurecht mit der anderer Menschengruppen in Vergangenheit und Gegenwart. Nur in einer veganen Gesellschaft wäre es möglich ohne Unterdrückungen und Herrschaftsverhältnisse zu leben.