Die Philosophie der Tierrechte


Die Einstellung der heutigen Gesellschaft gegenüber "Tieren" basiert auf zwei Grundpfeilern: einerseits die anthropozentrische Trennung zwischen Menschen und "Tieren", verstanden als Trennung zwischen Kultur und Natur, oder zwischen Vernunft und Instinkt, und andererseits die auf Aristoteles zurückzuführende, perfektionistische Ethik. Letztere beinhaltet ein Weltbild, in der es eine klare Hierarchie der Lebewesen gibt, von den höchsten, gottähnlichsten, perfektesten, zu den niedrigsten und unwertesten. Dabei ist es moralisch richtig wenn die höheren Lebewesen die niedrigeren für den eigenen Vorteil nutzen. Ja, es ist sogar ein "gerechter Krieg", wenn höhere Lebewesen niedere unterwerfen und auch gegen ihren Willen nutzbar machen. Aufgeklärte wissenschaftliche Verhaltensforschung im Freiland hat aber ergeben, dass die Trennung zwischen Mensch und "Tier" so eindeutig und scharf nicht ist. Befreiungsbewegungen versuchten schon ab der Aufklärung den aristotelischen Perfektionismus durch eine Gleichberechtigung zu ersetzen. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es eine moderne Tierrechtsbewegung, die auch grundlegende, gleiche Rechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit fordert, und zwar für alle Tiere inklusive den Menschen.

Vor mehr als 2000 Jahren wurde im alten Griechenland, der Wiege unserer heutigen Gesellschaftsordnung, der Grundstein für die gängige Einstellung gegenüber "Tieren" gelegt. Nach Aristoteles sind alle Lebewesen in einer strikten Hierarchie der Wertigkeit eingeteilt. Man nennt das Perfektionismus. Die höchsten und gleichzeitig wertvollsten (bzw. perfektesten) Wesen seien die weißen, griechischen Männer. Sie wären am gottähnlichsten, ausgezeichnet durch den höchsten Grad an Vernunftfähigkeit. Darunter kämen die weißen, griechischen Frauen, dann die Nicht-Griechen oder Barbaren und dann die "Tiere". Diese Hierarchie ist durch Gottähnlichkeit bestimmt, durch abnehmende Vernunftfähigkeit charakterisiert und naturgegeben bzw. gottgewollt.

Die Ethik des Aristoteles reflektiert diese Hierarchie ebenso. Die niedrigeren Lebewesen haben den höheren zu dienen, ja es ist ihre naturgegebene, gottgewollte Rolle für höhere Lebewesen von Nutzen zu sein. Gerechtigkeit spiegelt sich darin wieder, dieser naturgegebenen Ordnung zu folgen. Ist ein niedrigeres Lebewesen aber nicht willens einem höheren zu dienen, dann muß es physisch dazu gezwungen werden. Aristoteles nennt einen Krieg zur Unterwerfung und Versklavung niederer Lebewesen durch höhere einen "gerechten Krieg". Entsprechend ist die gewalttätige Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere, genauso wie die der menschlichen Sklaven, gerecht und moralisch richtig. Aristoteles bringt diesen Vergleich selber wiederholt in seinen Schriften (siehe u.a. "Politik", Buch 1, Kapitel 5 und 8): "Die Kunst der Kriegführung ist eine natürliche Kunst [...], die gegen wilde Tiere und jene Menschen praktiziert werden soll, die von Natur aus dazu bestimmt sind beherrscht zu werden, sich aber nicht unterwerfen; ein Krieg dieser Art ist ein natürlicher und gerechter Krieg."

In der christlichen Tradition setzt sich dieser aristotelische Perfektionismus ungebrochen fort. Vor allem der frühe Kirchenfürst Augustinus, und später Thomas von Aquin, übernehmen dieselbe Wertehierarchie der Lebewesen samt der dazugehörigen Ethik nahezu wörtlich, nur begründen sie sie eben mit dem christlichen Gott und der Bibel. So schreibt Thomas von Aquin, daß die Menschen den anderen Tieren keinerlei Rücksichtnahme schulden und daß die nicht-menschlichen Tiere nur für die Menschen geschaffen wurden und selbst keinerlei inneren Wert an sich besitzen (Reich, "Encyclopedia of Bioethics", Verlag Simon & Schuster Macmillan, 1995). Bis heute fordert der Katechismus der katholischen Kirche, daß man "keine Tiere lieben" und "für sie kein Geld ausgeben" dürfe (Der Tierfreund Nr 2/97, Seite 83).

Erst im Zeitalter der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts begannen einige Menschen sich dieser Weltordnung gedanklich zu widersetzen. Die französische Revolution forderte "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit". Die Abschaffung der Sklaverei, der Folter und der Todesstrafe, sowie Frauen- und Kinderrechte wurden zu Themen, soziale Gerechtigkeit, Abschaffung der Feudalherrschaft durch die Aristokratie und Gleichberechtigung für alle wurden gefordert. Und in diesem Klima des Aufbruchs, und von denselben Vordenkern vertreten, wurden erstmals auch Tierrechte gefordert.

Jeremy Bentham schrieb 1789 in seiner "Introduction to the Principles of Morals and Legislation" sinngemäß: "Der Tag wird kommen, an dem die [nicht-menschlichen] Tiere ebenfalls diese Rechte bekommen werden, die ihnen nur durch tyrannische Unterdrückung vorenthalten werden konnten. [...] Ein erwachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich viel rationaler und kommunikativer als ein menschliches Kleinkind im Alter von einem Tag, einer Woche oder sogar einem Monat. Aber was besagt das schon? Es kommt nicht darauf an ob ein Lebewesen denken oder sprechen kann, sondern ob es leiden kann! Wie kann das Gesetz den Schutz leidensfähiger Lebewesen verweigern?"

Praktisch zur selben Zeit wurden zahllose Schriften mit ähnlichem Inhalt publiziert, wie z.B. von Francis Hutcheson 1755 ("Tiere haben ein Recht darauf, keine unnötigen Schmerzen erleiden zu müssen"), Humphrey Primatt 1776 ("Schmerz ist Schmerz, ob er Menschen oder Tieren zugefügt wird"), Lauritz Smith 1790 ("das Schicksal der Tiere muß erleichtert werden"), Johann Heinisch Winkler 1770 ("Tieren sollte nur so viel Schmerz, wie absolut notwendig, zugefügt werden"), Wilhelm Dieter 1787 ("Tiere könnten - so wie Kinder - auch Rechte bekommen"), Hermann Daggett 1791 ("was würden wir von uns überlegenen Lebewesen halten, deren Arbeit und Unterhaltung darin bestünde, Menschen zu fangen, zu ängstigen, zu nutzen und zu töten?") und Thomas Young sowie John Lawrence, jeweils 1798, die unabhängig voneinander zum ersten Mal die Formulierung "Rechte der Tiere" ("rights of animals" bei Young und "rights of beasts" bei Lawrence) verwendeten (siehe Ryder, "The political Animal", MacFarland, 1998).

Bis zu dieser Zeit gab es überhaupt keine Gesetze zum Schutz von nicht-menschlichen Tieren. So wurden um 1730 z.B. auch in Wien in drei Hetztheatern Tierkämpfe organisiert, bei denen z.B. Hunde auf Stiere, Ochsen, Steinböcke oder Bären gehetzt wurden, oder Stiere gegen Bären kämpfen mussten. Trotz hoher Eintrittspreise fanden diese Tierkämpfe großen Zuspruch eines blutrünstigen Publikums (Der Tierfreund, Nr 2/1997, Seite 6). Das größte der Hetztheater war ein hölzernes Amphitheater ähnlich einer Stierkampfarena in der heutigen Hetzgasse (daher der Name) und faßte 3000 Zuschauer. Es wurde erst 1847 abgetragen und mußte dem Bau des Hauptzollamts weichen.

Doch die Aufklärung und ihre neuen Ideen brachten auch hier eine Wende. Am 22. Juli 1822 wurde weltweit das erste parlamentarisch beschlossene Gesetz zum Schutz von nicht-menschlichen Tieren in England, der sogenannte "Martin's Act", erlassen. In diesem Gesetz wurde die absichtliche Mißhandlung von Pferden, Eseln, Schafen oder Rindern verboten, sofern sie öffentlich geschah und nicht durch den Besitzer gesetzt wurde. In Österreich erliess die Hofkanzlei am 8. Jänner 1846 das erste Gesetz gegen Tierquälerei als Dekret Nr. 42996: "Jede in der Öffentlichkeit begangene, Ärgernis erregende Tierquälerei ist als Polizeivergehen anzusehen und entsprechend zu bestrafen". Erst 1893 fielen die Tatbestandsmerkmale der Öffentlichkeit und des Ärgernisses (Farkas, "Grüne Wurzeln", Verlag Podmenik, 1992). Seit dem 10. März 1846 gibt es den ersten österreichischen Tierschutzverein, den Wiener Tierschutzverein, seit Jänner 1895 die erste Tierrettung, und seit Jänner 1896 das erste Tierheim. Im Jahr 1878 wurde in Wien als erste vegetarische Vereinigung in Österreich ein sogenannter "Vegetarianer-Club" gegründet. 1877 schon ist das erste vegetarische Restaurant Österreichs an der Ecke Fahnengasse/Wallnerstraße in Wien von Karl Ramharter für "tierschutzbegeisterte" Vegetarier eröffnet worden (aus Farkas, "130 Jahre Vegetariervereine", in Anima, 1998). Der erste österreichische Vegetariertag wurde 1902 abgehalten.

In etwa zur gleichen Zeit, genauer 1892, wurde die Philosophie der Tierrechte zum ersten Mal voll ausformuliert. Henry Stephens Salt's (1851-1939) Buch "Animals' Rights Considered in Relation to Social Progress" (1892, Neuerscheinung Fontwell 1980) enthält im wesentlichen alle heute anerkannten Grundlagen der Tierrechtsphilosophie und kann als der Beginn der Tierrechtsbewegung angesehen werden. Salt war es ein Anliegen den Tierschützern klar zu machen, daß nur der Standpunkt der Tierrechte widerspruchsfrei und konsequent war: "Wenn wir Tierversuche bekämpfen wollen, dann müssen wir uns von dieser falschen ‚Tierliebe' trennen, diesem Bemuttern von Haustieren und Schoßhündchen durch Menschen, die sich überhaupt nicht um das wirkliche Wohlergehen von Tieren - oder auch Menschen - kümmern. Wir müssen gegen alles unnötige Leid kämpfen, sei es menschliches oder tierliches - gegen die dummdreisten Grausamkeiten der sozialen Unterdrückung, des Strafsystems, der Mode, der Wissenschaft, der Fleischfresserei, ..." (aus The Vegetarian Review, 1895). Ähnlich äußerte sich Salt über die Inkonsistenz von Menschen, die über das Leiden der Zugpferde Krokodilstränen vergießen, aber selber Tierhäute als Mäntel tragen. Sein Grundargument ist, daß nicht-menschliche Tiere genau dann Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit haben sollen, wenn Menschen diese Rechte haben - und aus denselben Gründen.

Doch Salt's Argumente stiessen ins Leere und wurden mehr oder weniger ignoriert. Die Zeit für diesbezügliche Änderungen war noch nicht reif. Darwin hatte zwar 1859 seine Evolutionstheorie publiziert, die auch bald generell akzeptiert wurde, und nach der die Menschen von den "Tieren" abstammten. Aber alles in allem änderte das nicht wirklich etwas an dem anthropozentrisch-perfektionistischen Weltbild. Menschen waren eben statt der Krone der Schöpfung die Krone der Evolution. War es bisher gottgewollt, dass das höhere das niedrigere Lebewesen nutzte, so wurde es nun als Gesetz der Evolution gesehen: der stärkere, lebensfähigere nutzt den schwächeren nach Belieben zum eigenen Vorteil. Im Sozialdarwinismus fand diese Ethik ihre Umsetzung in die menschliche Gesellschaft und führte über die sogenannte "Rassenhygiene" direkt zum Nationalsozialismus. Eine Entwicklung, die letztendlich in einen Weltkrieg mündete.

So rang man sich 1948 nach Ende des Krieges durch, die allgemeinen Menschenrechte zu proklamieren. Die allgemeinen, gleichen Menschenrechte, deren erste Ideen man in der Aufklärung formuliert hatte, wurden endlich allgemein anerkannt und von den meisten Staaten unterschrieben. Der aristotelische Perfektionismus war zumindest formal überwunden und durch eine Gleichberechtigung ersetzt worden. Allerdings galt das nur für den Bereich der Wertehierarchie innerhalb der menschlichen Spezies. Die "Tiere" galten weiterhin als niederer und minderwertiger als Menschen, und weiterhin wurde es als gerecht empfunden sie nach belieben zu nutzen. Die aristotelisch-christliche Ethik des "gerechten Krieges" zur Unterwerfung und Nutzbarmachung nicht-menschlicher Tiere gegen ihren Willen und mit physischer Gewalt war ungebrochen gültig.

Dieser Auffassung kam der sich nach dem 2. Weltkrieg von den USA ausbreitende Behaviorismus entgegen, der den Menschen jede Möglichkeit nicht-menschliche Tiere als leidende Lebewesen zu thematisieren nahm. Die Freilandforschung im Feld wurde durch Laborexperimente ersetzt. Das Vorhandensein von Bewußtsein wurde vom Behaviorismus zumindest methodologisch negiert und Verhalten so interpretiert, als ob es kein Bewußtsein gäbe. Und bewußtlose Instinktmaschinen, wie "Tiere" jetzt gesehen wurden, haben keine moralische Relevanz. Entsprechend ist es kein moralisches Problem sie nach Belieben zu nutzen.

Doch glücklicherweise konnte sich die moderne Biologie und Verhaltensforschung von dieser Vorgabe letztendlich lösen. Etablierte Biologen wie Griffin und Dawkins konnten das tierliche Bewußtsein im wissenschaftlichen Bereich wieder etablieren. Verschiedene FreilandforscherInnen freundeten sich mit freilebenden Wildtieren wie Schimpansen oder Elefanten an und fanden in jahrzehntelanger geduldiger Beobachtung heraus, dass die Dichotomie Mensch - Tier, die sich auch in den Gegensatzpaaren Kultur - Natur, Vernunft - Instinkt, freier Wille - Trieb oder Selbstbewußtsein - Biomaschine äußert, so nicht haltbar ist. Menschen sind biologisch Tiere und eine entsprechende begriffliche Abtrennung macht weder physisch-genetisch noch geistig-kulturell einen Sinn. Die Übergänge sind fließend, die Unterschiede bestenfalls quantitativ, aber nicht qualitativ.

Bei Schimpansen und Bonobos hat man in der Freilandforschung insgesamt 24 verschiedene Arten von Werkzeuggebrauch gefunden. Ein Beispiel dazu sind Blätter als Schwamm, wobei die Blätter dafür zuerst ausgewählt, dann durchgekaut und zuletzt getrocknet werden. Mittels solcher Schwämme laßt sich dann Wasser aus Astgabelungen aufsaugen, das sonst nicht erreichbar wäre. Ein anderes Beispiel wären Nußknacker, die sorgfältig ausgewählt werden, ein flacher Stein als Amboß, ein anderer als Hammer. Es bedarf langer Übung diese Nußknacker so zu verwenden, daß die Schale geknackt aber die Nuß nicht zerquetscht wird. Im übrigen sind sich die Besitzer effizienter Nußknacker des Werts ihrer Werkzeuge in dem Ausmaß bewußt, daß sie es überallhin mit sich herumtragen. Ein anderes Beispiel eines Werkzeugs sind Termitenangeln, die sorgfältig aus gewissen Zweigen gefertigt werden, indem die Blätter und die Rinde entfernt wird. Danach wird die Angel in den Termitenbau eingeführt und damit vibriert, bis sich einige Termiten daran festgebissen haben, die sich dann herausziehen lassen.

Insgesamt wurden 9 Rohstoffe für solche Werkzeuge bekannt. Diese sind z.B. Moos, Blätter, Zweige, Stöcke, Steine etc. 12 Arten von Werkzeugnutzungen wurden gefunden, wie z.B. Schwamm, Hammer, Angel, Behälter etc. Es gibt sogar Werkzeuge zur Werkzeugherstellung, wenn mit der Hilfe von Steinen z.B. ein entsprechend flacher Amboß für den Nußknacker erst hergestellt wird.

Die Werkzeugnutzung ist eine Kultur, weil verschiedene Stämme genetisch gleicher Individuen, in derselben Umwelt verschiedene Traditionen von Werkzeugnutzung und -herstellung zeigen. Im übrigen ist die Werkzeugnutzung nachweislich angelernt, weil sie Jungtieren erst beigebracht werden muß, bevor die dann diese Tradition weiter tragen.

Ein anderes Beispiel von Kultur bei Schimpansen und Bonobos ist die Medizin. In der Freilandforschung wurden insgesamt 35 verschiedene Stoffe nachgewiesen, die als Medizin benutzt werden. Verwendete Pflanzenteile sind dabei z.B. Blatt, Stengel, Beeren, Rinde, die ganze Pflanze oder Erde von Termitenhügeln usw. Auch in der Art der Einnahme dieser medizinischen Stoffe wird sehr sorgfältig vorgegangen. Manche Stoffe werden für ihre medizinische Anwendung nur gekaut und ausgespuckt, andere geschluckt, wieder andere nur im Mund 5 Sekunden gerieben und dann entfernt usw. Manchmal wird die Medizin ausschließlich bei Morgengrauen eingenommen, und zwar so, daß das Blatt nie mit den Fingern berührt wird, indem der Schimpanse es direkt mit dem Mund von der Pflanze pflückt. Man hat gefunden, daß die medizinisch relevante Chemikalie erst durch den Morgentau aus der Blattoberfläche gelöst wird, und eben bei Berührung mit den Fingern abgewischt werden würde.

Situationen, in denen solche Medizin angewandt wird, sind z.B. Apetitlosigkeit, Verstopfung, Darmparasiten, Darminfektionen, Kopfweh, Magenbeschwerden, Ringwürmer, Menstruationskrämpfe, Wehen einleiten, Abtreibung, Nierenschmerzen, Durchfall, Fieber, Zahnschmerzen usw.

Bei manchen der Mittel ist die Wirkung der Wissenschaft bisher unbekannt, bei manchen gab es eine pharmakologische Bestätigung der medizinischen Wirkung und manche sind auch bei einheimischen Menschen derselben Gegenden als Medizin bekannt. Jedenfalls ist auch diese medizinische Fürsorge ein Kulturgut, wiederum weil verschiedene Stämme, die genetisch gleich sind, in derselben Umwelt verschiedene Traditionen von Medizinanwendungen zeigen, und die Schimpansenkinder die Medizinanwendungen selbst von den Erwachsenen lernen.

Ein weiteres Beispiel für Kultur wäre Kunst bei Schimpansen und Bonobos. Aus der Freilandforschung ist gemeinsames Singen bekannt, in der Gefangenschaft haben einige Individuen auch gemalt und gezeichnet und so Kunstwerke geschaffen, die auf Auktionen höhere Preise erzielt haben, als so manches menschliche Kunstwerk. Der Bonobo Kanzi ist für seine Zeichnungen von Bäumen z.B. bekannt geworden. Im folgenden wird kurz eine Rezension der Kunstwerke der Wiener Orang-Utan Frau Nonja im Zoo Schönbrunn durch den bekannten USAmerikanischen Expressionisten Peter Lamborn Wilson zitiert:

Wir waren von der Qualität der Kunstwerke schwer beeindruckt - unser erster Gedanke war, daß wir lieber eine "Nonja" besäßen, als manche der Malereien, die wir in den verschiedenen Wiener Restaurants in den letzten Tagen zu sehen bekommen hatten! Ihre Pastellzeichnungen sind explosiv und hell, aber wir waren viel mehr von den "Nahrungsmittelfarben"-Malereien begeistert, bei denen die Künstlerin ihre Farben mischt, um eine satte organische Tönung zu produzieren, speziell ein komplexes und eher melancholisches Braun (es erinnert an die notorische Traurigkeit eines Gefängnisses), das von Kunstwerk zu Kunstwerk ein bißchen variiert. Diese Brauntöne werden durch helle Farben kontrastiert. Die gezogenen Linien sind scharf und distinkt, überhaupt nicht wie ein "Gekritzel", sondern erinnern eher an japanische Schrift und Kalligraphie - fast formal, sehr elegant. Es fällt mir sehr schwer jemandem zuzustimmen, der sagt, daß Menschenaffen-Kunst mit dem Gekritzel von 2- oder 3-jährigen Menschen vergleichbar ist, und nur als "Prä-Ästhetik" zu bezeichnen wäre. Am ehesten könnte man noch die Zeichnungen so interpretieren, aber sicher nicht die Malereien, die sehr überlegt wirken und tatsächlich ununterscheidbar sind von der Kunst anerkannter menschlicher abstrakter Expressionisten. Die Gegenständlichkeit fehlt, nicht aber das ästhetische Gefühl, der Geschmack, oder, wenn man so will, der kontrollierte Pinselstrich.

An in Gefangenschaft gehaltenen Schimpansen und Bonobos wurden auch verschiedene Tests der Intelligenz und des Selbstbewußtseins vorgenommen. Ein klassischer dieser Tests, der an über 100 Tieren vorgenommen wurde, ist der Wisser-Rater Test. Dabei wird dem Testindividuum eine Frage gestellt, und zwei Tester bieten Antworten dazu an. Das Testindividuum kennt die richtige Antwort nicht, kann aber durch aufmerksame Beobachtung wissen, daß einer der Tester die Antwort weiß (der Wisser) und einer nicht (der Rater).

Z.B. sitzt das Testindividuum einem Tisch gegenüber, auf dem 10 Becher umgestülpt liegen. Ein Tester, der Wisser, gibt nun einen kleinen Ball unter einen der Becher, sodaß das Testindividuum nicht sieht unter welchen, aber sehr wohl sieht, daß der Wisser den Ball gelegt hat. Der Rater geht während des Balllegens entweder aus dem Zimmer oder stülpt sich einen Sack über den Kopf, sodaß klar werden könnte, daß er nicht weiß, unter welchem Becher der Ball liegt.

Wisser und Rater bieten nun dem Testindividuum einen Vorschlag an, unter welchem Becher der Ball liegt. Schließt sich das Testindividuum dem Wisser an und ignoriert den Vorschlag des Raters, dann gilt der Test als bestanden. Schimpansen und Bonobos bestehen diesen Test regelmäßig ab ungefähr dem Alter von 6 Jahren und beweisen damit, daß sie kognitive Vorgänge in anderen verstehen und richtig interpretieren können. Menschen bestehen diesen Test im übrigen erst ab dem Alter von 4 Jahren mit signifikant hoher Erfolgsrate. Schimpansen und Bonobos mit 6 Jahren sind also bzgl. dieses Intelligenztests mit Menschen mit 4 Jahren vergleichbar.

Ein anderer Test bezieht sich auf die Selbsterkennung und somit das Selbstbewußtsein. Den Testindividuen wird ein live Video oder ein Foto von ihnen vorgeführt, oder ein Spiegel vorgehalten. Dann wird mit verschiedenen Methoden getestet, ob die Testindividuen sich selbst auf Video oder Foto bzw. im Spiegel erkennen, z.B. indem ihnen, ohne daß sie es merken, ein Strich ins Gesicht gemalt wird. Dann wird beobachtet, ob die Testindividuen diesen auf Video, Foto oder im Spiegel sichtbaren Strich in ihrem eigenen Gesicht suchen oder nicht.

Hunderte Schimpansen und Bonobos wurden so getestet und wieder ergab sich relativ konsistent, daß Tiere, die jünger als 6 Jahre alt waren sich nur zu 10% selbst erkannten, während Tiere die älter als 6 Jahre alt waren, sich zu 90% selbst erkannten. Bei Menschen ergab sich, daß Kinder im Alter von 4 Jahren sich erst zu 75% auf dem Video erkannten und jüngere überhaupt nicht. Erstens beweist das, daß Schimpansen und Bonobos Selbstbewußtsein haben, und zweitens zeigt es, daß diese Tiere wiederum im Alter von 6 Jahren bzgl. dieser Tests mit 4 jährigen Menschen vergleichbar sind. Und mit 4 jährigen Menschenkindern kann man über alles Mögliche diskutieren!

Es gibt aber auch eine Reihe von Intelligenztests, bei denen Schimpansen und Bonobos regelmäßig besser abschneiden als erwachsene Menschen. Solche Tests sind z.B. wenn den Testindividuen Bäume auf Fotos gezeigt werden, die sie dann im Wald wiedererkennen müssen oder umgekehrt. Ein anderes Beispiel wäre, daß man dem Testindividuum eine Stimme auf einem Tonband vorführt, die es mit einem ihm/ihr bekannten Individuum assoziieren können müßte. Dann werden dem Testindividuum auf den Kopf gestellte Fotos von ihm/ihr bekannten Individuen vorgeführt, und es muß die Stimmen diesen Fotos zuordnen. Auch bei diesem Intelligenztest schneiden Schimpansen und Bonobos regelmäßig besser ab als erwachsene Menschen. Es gibt auch eine Reihe von Computerspielen, bei denen Schimpansen und Bonobos den Menschen überlegen sind.

Es liessen sich noch viele weitere Beispiele anführen, im Bereich von Sexualität, Politik, Krieg, Altruismus, Gefühlen usw., wo bislang als rein menschliches Unikat erachtete Qualitäten bei nicht-menschlichen Tieren gefunden wurden. Die wesentliche Aussage dieser Forschungsergebnisse ist jedenfalls, dass nicht-menschliche Tiere sich nicht qualitativ sondern bestensfalls quantitativ, eben graduell, von Menschen unterscheiden.

Der erste bekanntere Philosoph, der dieser Erkenntnis Rechnung trug, war Peter Singer. In seinem 1975 erschienen Buch "Tierbefreiung" formuliert er das Prinzip der Gerechtigkeit, bzw. den Gleichheitsgrundsatz so: "Gleiches soll moralisch gleich behandelt werden". Wenn also eine Handlung z.B. einem Lebewesen einen Schmerz gewisser Größe verursacht, dann ist es für die moralische Bewertung dieser Handlung egal, ob dieser Schmerz von einem Mann oder einer Frau empfunden wird. Wichtig ist nur die Größe des Schmerzes. Genauso ist es aber auch egal, ob dieser Schmerz von einem Menschen oder einem Schwein empfunden wird, Schmerz ist Schmerz. Gerechtigkeit und Fairness kann nur bedeuten, dass wir den gleichen Schmerz von jedem Lebewesen gleich ernst nehmen. Damit wird dem aristotelischen Gerechtigkeitsbegriff eine Absage erteilt. War es bis dahin noch als gerecht angesehen worden, einem "niederen" Lebewesen (wie einem Schwein) Schmerzen zuzufügen, um einem "höheren" (wie einem Menschen) zu nützen, z.B. in der Schweinemast, so ist das nach Singer ungerecht. Gerechtigkeit bedeutet gleiche Schmerzen gleich zu werten, egal ob Menschen oder Schweine sie empfinden.

Dabei ist aber zu bedenken, dass die gleiche Schmerzempfindung, aber nicht die gleiche Handlung, moralisch gleich zu bewerten ist. Einen leichten Schlag mit der Hand wird ein Pferd nicht als unangenehm empfinden. Derselbe Schlag könnte aber einem menschlichen Säugling heftige Schmerzen bereiten. Moralisch gleich zu bewerten sind also verschiedene Schläge, die bei Pferd und Säugling in etwa die gleichen Schmerzempfindungen auslösen.

Es ist also aufgrund des Gleichheitsprinzips geboten Männern und Frauen die gleichen Chancen auf universitäre Ausbildung zu bieten, weil beide ein gleich grosses Interesse daran haben, bzw. beide gleich viel geschädigt würden, wenn man es ihnen verwehrte. Ein Schwein aber, das sich für eine universitäre Ausbildung nicht interessiert, wird dadurch nicht ungerecht behandelt, dass es keine Möglichkeit zur universitären Ausbildung bekommt. Was aber Schmerzen betrifft, oder das Bedürfnis frei zu sein, da können Menschen und Schweine sehr wohl vergleichbar empfinden und sollten daher diesbezüglich auch moralisch gleich behandelt werden.

Regan führt diesen Punkt 1983 in seinem Buch "The Case for Animal Rights" noch weiter aus. Die allgemeinen Menschenrechte basieren laut Menschenrechtsdeklaration auf der Menschenwürde, einem inneren Wert, den alle Menschen teilen. Regan fragt, durch was diese Würde gegeben sei. Dafür kann weder Intelligenz noch kulturelles Schaffen oder dergleichen verantwortlich sein, weil sich die Menschen in diesen Fähigkeiten sehr stark unterscheiden, aber alle Menschen ja die gleiche Menschenwürde haben sollen. Vielmehr vermutet Regan, dass es darum geht, dass für alle Menschen selber ihr eigenes Leben von gleichem Wert ist. Lebewesen, die ihr Leben selber als wertvoll empfinden, müssen ein komplexes emotionales Leben haben, das nach Regan durch die Fähigkeit zu Wahrnehmungen, einem Gedächtnis, zu Wünschen, Vorstellungen, einem Bewußtsein, Intentionen, einer Vorstellung von der Zukunft, zu Gefühlen und Empfindungen gekennzeichnet ist. Die meisten Menschen betrachten diese Qualitäten - zumindest bei Menschen - als notwendige und hinreichende Kriterien um sie als Person anzuerkennen. Regan nennt Lebewesen mit dieser Eigenschaft "Subjekte eines Lebens" und stellt fest, dass auch sehr viele, aber nicht alle, nicht-menschlichen Tiere solche Subjekte eines Lebens sind.

Weil allen Subjekten eines Lebens ihr Leben selber gleich viel wert ist, und alle ein komplexes emotionales Leben haben, haben sie nach Regan die gleiche Würde, bzw. den gleichen inhärenten oder inneren Wert. Die Moral muß diesen inneren Wert der Lebewesen respektieren. Mit anderen Worten, Subjekte eines Lebens dürfen nie als Mittel zum Zweck, als Objekte für den eigenen Vorteil, behandelt werden, sondern ihren Wert zu respektieren heißt sie als Subjekte, als Zwecke für sich selbst zu behandeln. Dieses Grundrecht als Subjekt und nicht als Objekt behandelt zu werden, und die damit einhergehenden Rechte auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit, nennt Regan Tierrechte. Solange nicht-menschliche Tiere aber Eigentum von Menschen sein können, solange es ein Nutzungsrecht über sie gibt, werden sie immer als Mittel für menschliche Zwecke gebraucht, und ihr Wert in ihrem Nutzen für Menschen bemessen werden. Das ist aber prinzipiell mit ihrem inneren Wert bzw. ihrer Würde, also mit den Tierrechten nach Regan nicht vereinbar. Daher ist die unmittelbare Konsequenz von Regans Überlegungen die Abschaffung des Eigentumsrechts und des Nutzungsrechts über nicht-menschliche Tiere.

Wenn nicht-menschliche Tiere aber von Menschen weder besessen noch genutzt werden dürfen, dann ist jede Produktion tierlicher Produkte wie Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte, aber auch Leder, Daune und Pelz, usw. unmöglich. Ohne die Nutzung jeglicher tierlicher Produkte zu leben wird "vegan" genannt. Die erste Vegane Gesellschaft der Welt wurde 1944 in England gegründet. In Österreich gibt es seit 1999 auch eine solche Gesellschaft. Insgesamt sind etwa 1 Million Menschen in Europa ethische VeganerInnen. In der heutigen Gesellschaft ist es ohne größere Hindernisse leicht möglich gesund vegan zu leben.

Als ersten Schritt zu Tierrechten fordern namhafte Wissenschaftler und Philosophen zusammen mit Regan und Singer, daß zumindest alle Menschenaffen drei grundlegende Rechte erhalten sollten, nämlich die Rechte auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit. In England wurden schon alle Tierversuche an Menschenaffen generell verboten. In Österreich ist es Zirkussen und Varietes verboten, Menschenaffen vorzuführen. Und in Neuseeland hat man Anfang 2000 eine gesetzliche Erweiterung der obigen Rechte auf alle Menschenaffen im Parlament erwogen und letztendlich beschlossen. Das Great Ape Project, eine internationale Koalition von Experten und engagierten Individuen, hat zum Ziel einen entsprechenden Antrag auf Sicherstellung dieser drei Grundrechte für alle Menschenaffen der UN Generalversammlung vorzulegen, damit sie von allen Staaten der Welt unterschrieben und ratifiziert werden kann.

Die Forderung nach Tierrechten wurde von der Gesellschaft zunächst einmal belächelt und ignoriert. Die meisten Philosophen äußerten sich nicht dazu. Doch von denjenigen, die sich dem Thema annahmen, sprachen sich mehr und mehr ebenfalls für Tierrechte aus. Heute gibt es etwa 250 Bücher von namhaften Autoren, die Tierrechte philosophisch diskutieren und unterstützen. Das hat zuletzt auch zu Gegenstimmen geführt. So behauptet Carruthers in seinem Buch "The Animals Issue", dass nicht-menschliche Tiere moralisch völlig irrelevant wären, weil sie im menschlichen Sinn nicht leiden könnten. Andere Autoren, wie Frey und Leahy, meinen, dass nur Selbstbewusstein, das sich in Sprache und selbstreflexivem, abstraktem Denken zeige, Grundrechte verdienen würde, im Gegensatz zur blossen Leidensfähigkeit. Der Sentientismus hält dem entgegen, dass die Leidensfähigkeit eine minimale Voraussetzung von Empfindungsfähigkeit generell ist, und damit dem Lebewesen ermöglicht zu unterscheiden ob etwas gut oder schlecht für das Lebewesen selber ist. Kann das Lebewesen aber diese Unterscheidung treffen, dann hat es Interessen, und gleiche Interessen z.B. an einem unversehrten Leben in Freiheit müssen nach dem Gerechtigkeitsprinzip moralisch gleich gewichtet werden. Demnach dürften dann menschliche Interessen an Leben, Freiheit und Unversehrtheit nicht höher bewertet werden, als die gleichen Interessen aller leidensfähigen Lebewesen. Da die Tiere salopp gesprochen als die leidensfähigen Lebewesen gelten, nennt man diese Grundrecht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit für alle leidensfähigen Lebewesen die Tierrechte.

Die gängige, allerdings meistens unartikulierte Ansicht in der Gesellschaft über nicht-menschliche Tiere ist aber die des Tierschutzes. Dabei wird das Eigentums- und Nutzungsrecht über nicht-menschliche Tiere nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Eine entsprechende Nutzung sollte aber "schonungsvoll" erfolgen, im Sinne von nur "minimales" oder notwendiges Leiden verursachen. Dieses Leiden, sowie auch oft der Tod nicht-menschlicher Tiere zum Vorteil des Menschen, wären eben ein notwendiges Übel und dürfte nicht durch Tierrechte eingeschränkt werden.

Eine MORI Umfrage im Jahr 1998 in England zu diesem Thema ergab folgendes Bild. 45% der Befragten sagten, dass sie Tierrechte befürworten, die genauso wichtig wie Menschenrechte sind. 50% der Befragten fanden, dass es zwar Tierrechte geben solle, aber dass sie nicht so wichtig wie Menschenrechte wären (eine Position, die in etwa dem des Tierschutzes entspricht). Und 3% sprachen nicht-menschlichen Tieren grundsätzlich alle Rechte ab (und 2% hatten keine Meinung).

Die Auffassung des Tierschutzes ist dadurch charakterisiert, dass genau alle Menschen Rechte hätten, und keine anderen Tiere. Es wird also eine sehr wesentliche moralische Grenze an der Artengrenze von Menschen zu anderen Tieren gezogen.

Pluhar ("Beyond Prejudice", 1995) identifiziert in dieser Auffassung allerdings das folgende rationale Dilemma: Es gibt KEINE moralrelevante Eigenschaft, die genau ALLE Menschen aber KEINE nicht-menschlichen Tiere haben. Wenn ich also moralische Grundrechte an irgendeiner moralrelevanten Eigenschaft der Individuen festmache, dann müssen entweder NICHT ALLE Menschen, oder aber alle Menschen UND andere Tiere zu den Rechtsträgern gehören. Nimmt man zum Beispiel die Fähigkeit zu abstrakter Mathematik als moralrelevante Eigenschaft, so haben das vielleicht keine nicht-menschlichen Tiere, aber eben auch nicht alle Menschen. Nimmt man aber andererseits die Leidensfähigkeit als moralrelevante Eigenschaft, so haben die zwar alle Menschen aber auch viele nicht-menschliche Tiere. Es gibt keine moralrelevante Eigenschaft, die genau an der Speziesgrenze zwischen Menschen und anderen Tieren verläuft. Da aber die allgemeinen Menschenrechte sich als Grundkonsens der Gesellschaft auf alle Menschen beziehen, können zumindest einige nicht-menschliche Tiere von den Grundrechten nicht ausgeschlossen werden.

In unserer Gesellschaft geschieht das aber dennoch, und zwar dogmatisch. Ohne Rechtfertigung oder rationale Basis werden einfach die Grundrechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit auf die menschliche Art willkürlich eingeschränkt. Diese Einstellung, ohne Rechtfertigung eine willkürliche moralische Grenze an der Artgrenze festzulegen, nennt man Speziesismus. Diese Begriffsbezeichnung wurde von Ryder 1970 in Anlehnung an die Begriffe Rassismus und Sexismus eingeführt, die ebenso willkürliche moralische Grenzziehungen an der "Rassen"- oder Geschlechtergrenze bezeichnen. Die meisten Menschen in der Gesellschaft erkennen diese dogmatische Grenzziehung nicht einmal als Problem an. Das läßt sich nur mit der jahrtausendelangen aristotelisch-christlichen Tradition des Perfektionismus erklären.

Doch Rowlands ("Animal Rights", 1998) bietet die folgende Widerlegung des Speziesismus. In einem Gedankenexperiment nimmt er an, dass vor 500 Jahren UFOs auf der Erde gelandet seien, die genauso ausschauen sollen wie Menschen, aber genetisch natürlich völlig verschieden sind (so wie z.B. in den Star Trek Folgen, wo der Spok ja ganz andere Gene als die Menschen hat, aber ähnlich aussieht). Dieser Umstand, so nimmt Rowlands weiter an, sei vergessen worden bis in die heutige Zeit, und niemand weiß jetzt, daß einige vermeintliche Menschen in Wirklichkeit von Außerirdischen abstammen und gar keine Menschen sind. Niemand weiss auch, welche der "Menschen" das eigentlich ist, und welche nicht. Bei einer Genomuntersuchung wüßte man das sofort, aber so etwas wurde bisher noch nicht gemacht. Weiters nimmt Rowlands an, daß Außerirdische und Menschen Sex miteinander haben können, nur natürlich keine Kinder zeugen könnten, außer vielleicht unfruchtbare (wie es ja bei Sex zwischen verschiedenen Arten möglich ist).

Ein Speziesist müßte jetzt der Meinung sein, alle diese Außerirdischen haben ein weniger wertvolles Leben als die Menschen, haben keine vergleichbaren Grundrechte und könnten gegessen und für "Tier"versuche verwendet werden, weil sie nicht zur menschlichen Art gehören, also keine Menschen sind. Nun könnte dieses Szenario ja Wirklichkeit sein, und der Speziesist ohne es zu wissen selbst ein Außerirdischer. Mit diesem Gedankenexperiment konfrontiert dürfte kein Speziesist weiterhin den Speziesismus aufrecht erhalten können, weil er sich ja selbst damit alle Rechte absprechen würde.

Nehmen wir an, eine technisch und intellektuell weit überlegene außerirdische Zivilisation würde auf der Erde landen, und die Menschen ähnlich zu behandeln beginnen, wie wir Menschen die nicht-menschlichen Tiere behandeln. Würden wir das als gerecht empfinden? Wenn nein, wieso nicht? Könnte man diese Begründung nicht genauso dafür verwenden zu zeigen, dass unsere Behandlung der nicht-menschlichen Tiere heute ungerecht ist? Wie würden wir dafür argumentieren, dass diese Außerirdischen uns verschonen und mit Respekt behandeln sollen? Könnte man nicht ebenso dieselben Argumente dafür verwenden, von uns Menschen heute den gleichen Respekt für nicht-menschliche Tiere zu verlangen?

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