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Die "natürliche" Nahrung des Homo sapiens


Nach der "Natürlichkeit" menschlichen Verhaltens zu fragen trägt unmittelbar die Gefahr eines Biologismus in sich. Abgesehen davon hätte eine etwaig nachgewiesene "Natürlichkeit" irgendeines Verhaltens überhaupt keine Relevanz für die ethische Frage seiner Richtigkeit. Dennoch ist es eine Tatsache, daß der menschliche Körper über evolutionäre Anpassung entstanden ist. Anpassung an was? Gerade bei sich auf besonders langen evolutionären Zeitskalen verändernden, phylogenetisch älteren Eigenschaften des Körpers, wie dem Verdauungssystem, ist diese Frage berechtigt. Die Ernährung, an die der Körper optimal angepasst ist, wird wahrscheinlich die gesündeste Ernährung sein. Insofern ist die Frage der "Natürlichkeit" der Ernährung relevant. Eine eingehende Analyse zeigt, daß Homo sapiens als Fruchtesser zu sehen ist, wobei tierliche Anteile der Nahrung bestenfalls im Prozentbreich liegen und sich auf Insekten, Larven, Eier und Kleintiere beschränken.

In der gesamten Geschichte der Erforschung tierlichen Verhaltens, bzw. tierlicher Existenz überhaupt, wurde die Komponente der persönlichen Autonomie und Individualität übersehen bzw. sehr stark unterschätzt. In typischer Anthropozentrik wurde hingegen der Mensch zwar biologisch gezwungenermassen als Tier angesprochen, aber als eines gesehen, das seine Instinkte verloren hätte, das ein körperliches "Mangelwesen" wäre, dessen Geist die fehlende körperliche Fähigkeit ersetzen müsse, und das keinerlei Spezialisierung sondern eine scheinbar unbegrenzte Fähigkeit zur Adaptierung besässe. Und schon ist eine künstliche Kluft zwischen Mensch und "Tier" gedanklich aufgebrochen. 

Wie alle anthropozentrisch motivierten Gedanken, ist auch dieser grundweg falsch und repräsentiert nicht die wahren Gegebenheiten, wie anderswo ausgeführt wurde. Weder sind nicht-menschliche Tiere Instinktmaschinen ohne Autonomie und Individualität, noch sind Menschen völlig unabhängig von biologischen Gegebenheiten und ihrer evolutionären Geschichte. Aber was "natürlich" ist - wie eingeschränkt dieser Begriff letztendlich auch immer auf menschliches Verhalten passt - ist völlig unabhängig davon, was ethisch richtig oder moralisch ist. Es ist sehr wichtig diesen Aspekt nie aus den Augen zu verlieren.

Einer der oft kolportierten Mythen im Rahmen der anthropozentrischen Sicht der Menschen als beliebig "frei" ist der, daß Menschen AllesesserInnen wären. Als AllesesserInnen wäre es "natürlich" nicht-menschliche Tiere (interessanterweise nur diese und keine menschlichen) zu halten, zu töten und zu essen. Es ist leicht umgekehrt zu argumentieren, daß eben gerade weil Menschen AllesesserInnen wären, sie alles essen könnten, aber nicht müßten, und daher den ethischen Freiraum vegan zu leben hätten. So sehr dieses Argument auch richtig und in diesem Zusammenhang das wichtigste ist, soll dennoch im weiteren untersucht werden, was über die "natürliche" Ernährung des Homo sapiens gesagt werden kann. Der Mythos der Menschen als Spitze der Nahrungspyramide, als romantische UrzeitjägerInnen, die alle "FeindInnen" bezwingen, und selbst die größten und stärksten Tiere ihrer Zeit töten und essen konnten, geistert bis heute in den Köpfen der meisten Menschen herum, und ist, wenn auch unbewußt, vielleicht eine der Haupttriebfedern am Fleischessen als "natürlich" oder "gottgegeben" festzuhalten.

Anatomische Aspekte der Ernährung der Menschen

Da der erste Schritt der Verdauung der Nahrung im Mund mit Hilfe der Zähne geschieht, liegt es nahe dort mit der Frage nach der "natürlichen" Ernährung zu beginnen. Im Vergleich zu einem Fleischessergebiß fällt beim menschlichen Gebiß sofort auf, daß die Eckzähne nicht viel größer als die anderen Zähne sind und sich nicht als Reißzähne hoch über die anderen erheben. Weiters fehlen flache, dreieckig-scharfe Scherenzähne als Molare oder Backenzähne. Und drittens steht die Zahnreihe der Premolaren und Molaren in lückenloser, geschlossener Anordnung, wodurch ihre Mahlfunktion verstärkt wird.

Brockhaus stützt sich auf die vergleichenden Zahnforscher Richard Lehne und Hans Lüttschwager, wenn er ausführt: "Der Mensch ist kein Fleischesser; [...] kein einziger Zahn in seinem Gebiß weist auch nur andeutungsweise auf Fleischnahrung hin. Daß das Fleisch nicht die natürliche Nahrung des Menschen ist, geht auch schon daraus hervor, daß er versucht, es zu zerkauen. Das Zerkauen von Fleisch ist aber an sich schon eine unnatürliche Betätigung, denn nicht ein einziges freilebendes Tier kaut das Fleisch. Es wird in schluckgerechten Bissen verschlungen. Ebensowenig ist der Mensch ein Omnivor, denn es fehlt ihm der vordere karnivore Teil des Gebisses (wie etwa beim Schwein). Auch ein Pflanzenesser ist der Mensch nicht. Seine Backenzähne haben nicht einmal annähernd die Form und Struktur eines Pferdemolaren; er ist auch kein Blätteresser, denn dann müßten seine Backenzähne spitze Höcker haben. [...] Sie haben aber stumpfe Höcker." Brockhaus beschreibt den Menschen zuletzt aufgrund seines Gebisses als Fruchtesser, wobei Nüsse und Wurzeln zu den Früchten subsummiert werden (Brockhaus 1975, "Das Recht der Tiere in der Zivilisation", Hirthammer Verlag).

Im Gegensatz zu FleischesserInnen ist der menschliche Kauapparat auf das Zermahlen von Nahrung ausgerichtet. Die Kiefer können sich seitlich gegeneinander bewegen, die Backenzähne treffen aufeinander und nicht, wie bei einer Schere, nebeneinander. Der menschliche Speichel ist, um den Stärkeabbau zu ermöglichen, alkalisch und es gibt viele Speicheldrüsen. FleischesserInnen haben einen sauren Speichel zur Verdauung tierlichen Proteins, es fehlt das stärkeabbauende Enzym Ptyalin, und es gibt wenig Speicheldrüsen.

Der Magen-Darm-Trakt variiert ebenso abhängig von der Nahrung stark. Bei FleischesserInnen dominiert der Dünndarm. Der Magen ist im Gegensatz dazu einfach, der Dickdarm kurz und der Blinddarm fehlt völlig bzw. ist verkümmert. PflanzenesserInnen benötigen dagegen einen viel größeren Verdauungsbereich, um die bakterielle Fermentierung der Zellulose der Zellwände der Blätter zu ermöglichen. Dazu ist der Blinddarm und vor allem der erste Teil des Dickdarms stark erweitert. Der Dünndarm ist im Vergleich zu FleischesserInnen relativ kleiner, der Magen relativ größer. FruchtesserInnen befinden sich bzgl. der relativen Darmgrößen in der Mitte zwischen PflanzenesserInnen und FleischesserInnen.

Um hier einen Vergleich zu ermöglichen, kann man für verschiedene Tierarten die Oberfläche des Magens, des Dünndarms, des Dickdarms und des Blinddarms in einem vierdimensionalen Graphen gegeneinander auftragen. Dabei ergeben sich recht eindeutig voneinander abgegrenzte Bereiche für FleischesserInnen (inkl. InsektenesserInnen), FruchtesserInnen, PflanzenesserInnen die im Magen fermentieren (WiederkäuerInnen) und PflanzenesserInnen die im Darm fermentieren (z.B. Pferde). Die Art Homo sapiens befindet sich, zusammen mit fast allen Primaten und z.B. den Eichhörnchen, im Bereich der FruchtesserInnen, allerdings am Rand in Richtung FleischesserInnen (David Chivers 1992, "Diets and guts", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Im Gegensatz zu dem sehr einfachen, runden, sehr salzsäurehaltigen Magen der FleischesserInnen, haben Menschen einen länglichen Magen mit komplizierterer Struktur, mit wenig Salzsäure und Pepsinen. Der Darm ist länger und verschlungener und hat eine größere Oberfläche. Anders als bei FleischesserInnen vermag die Leber nur die vom Körper selbst gebildete Harnsäure abzubauen, und Vitamin C kann nicht selbst synthetisiert, sondern muß täglich zugeführt werden. Der Urin ist viel weniger sauer als bei FleischesserInnen.

Wie in vielen, ethisch äußerst fragwürdigen Tierversuchen bestätigt wurde, können Individuen fleischessender Tierarten (wie z.B. Hunde) beliebige Mengen an tierlichen, gesättigten Fetten aufnehmen, und sie entwickeln keine Arteriosklerose, haben kein erhöhtes Cholesterin, keine Arterienverengung. Umgekehrt, wenn pflanzenessenden Tieren wie z.B. Kaninchen tierliche Fette mit gesättigten Fettsäuren zwangsverfüttert werden, bekommen sie sehr rasch diese Symptome. Bei Menschen ist Arteriosklerose, und die damit zusammenhängenden Herz-Kreislauferkrankungen, Todesursache Nummer eins in der sogenannten westlichen Welt.

Umgekehrt hat eine Studie an der Cornell Universität in den USA ergeben, daß Menschen sogar recht effizient Zellulose verdauen können. Eine detaillierte Untersuchung an 24 männlichen Studenten ergab, daß Bakterienkulturen im Dickdarm drei Viertel aller Zellwände von verschiedenen Früchten und Pflanzen zersetzen konnten. Über 90% der Fettsäuren, die bei der Zersetzung frei wurden, konnten im Blut der Probanden nachgewiesen werden (Katharine Milton 1993, "Diet and Primate Evolution", Scientific American August 1993). 

Der Körperbau des Menschen ist auch überhaupt nicht für die Jagd geschaffen. Weder kann der Mensch kurzfristig sehr schnell laufen, noch hat er natürliche Waffen wie Krallen oder scharfe Eckzähne, noch kann er den Mund weit genug aufreissen, um tödlich zubeissen zu können. Vielmehr sind Hände und aufrechter Gang zum Sammeln pflanzlicher Nahrung sehr gut geeignet. Tierliche Nahrung könnte also bestenfalls aus Insekten, Larven, Eiern und vielleicht Kleintieren bestehen, die man ohne Jagd sozusagen einsammeln kann.

Einige klassische VerhaltensforscherInnen gingen davon aus, daß Menschen einen Jagdtrieb und einen Tötungsinstinkt hätten. Heute noch verteidigen JägerInnen ihre Passion mit solchen Argumenten. Anderswo wird argumentiert, daß das Konzept "Trieb" oder "Instinkt" überhaupt nicht auf eine so komplexe Verhaltensweise wie die Jagd passen kann. Es ist unmöglich hier strikt biologisch-mechanische Verhaltensabläufe zu isolieren. Das Jagen und das Töten mit "Trieben" zu rechtfertigen ist also von vornherein schon zum Scheitern verurteilt. Andererseits zeigt eine einfache Beobachtung, daß hier die Dinge grundsätzlich anders liegen. Trifft man mit einer Wandergruppe beim Bergsteigen auf ein Feld von Heidelbeeren oder Eierschwammerln z.B., dann fangen alle für unabsehbare Zeit zu sammeln an, und erleben das offensichtlich sehr lustvoll. Trifft man mit derselben Wandergruppe aber ein Kaninchen, oder ein Reh, eine Gemse oder ein Murmeltier, so wird das entsprechende Tier zwar begeistert beobachtet, niemand aber kommt auf die Idee es zu jagen, oder gar töten und essen zu wollen. Soviel zum "Jagdtrieb" der Menschen.

Ernährung indigener Bevölkerungen

Bei einer Untersuchung von insgesamt 58 indigenen Jäger-Sammler Menschengruppen zeigte sich, daß Fleisch normalerweise einen sehr geringen Anteil an der Ernährung hat, ausser in den hohen nördlichen Breiten, am Eisrand, wo Pflanzen nur spärlich vorhanden sind. "[...] Die Jagd hat nur in den Teilen der Erde, die über dem 60. Breitengrad liegen, einen dominierenden Anteil an der Nahrungsbeschaffung [bei indigenen Jäger-Sammler Menschengruppen]" (David Harris 1992, "Human diet and subsistence", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Die !Kung Buschmänner in Südafrika leben in der Steppe und betreiben Jagd. Aber "das Sammeln von Pflanzennahrung ist, selbst in der Trockenzeit, die einzig zuverlässige und sichere Nahrungsquelle. Pflanzennahrung macht tatsächlich den weit überwiegenden und einzig beständigen Teil der Nahrung aus. [...] Sie benötigen nur etwa 3 Stunden täglich für die Nahrungssuche" (Metz, Hart und Hapending 1970, "Iron, Folate and Vitamin B12 - nutrition in a hunter-gatherer people", Verlag Johannesburg).

Im Jahr 1936/37 wurde 1 Jahr lang die Lebensweise der indigenen Inuits Ostgrönlands im Rahmen der Höygaard-Expedition untersucht. Die Nahrung dieser Menschen bestand zu fast 90% aus Fleisch und Fisch. Es zeigte sich, daß diese Menschen früh alterten, infektanfällig wurden, von Kopfschmerzen, Schwindel und Mandelentzündung geplagt waren und nach dem 30. Lebensjahr derart an Bluthochdruck und Atheromatose (Erweichung der Arterienwand) erkrankten, daß sie zur Jagd untauglich wurden (Bircher 1961, "Eskimoernährung und Gesundheit", Verlag Stuttgart). 

1958 wurde die Ernährung der Bantu untersucht, die einen großen Teil der südlichen Hälfte Afrikas bewohnen. Fleisch, Fisch und Eier spielen in der Bantukost eine Ausnahmerolle, die kaum der Rede wert ist. Milchprodukte kommen gar nicht vor. Die Nahrung besteht durchwegs aus pflanzlicher Vollwertkost mit Mais als Grundlage. Die Bantu wurden als praktisch frei von Zivilisationskrankheiten und als erstaunlich gesund und leistungsfähig beschrieben. Die Kalziumbilanz war trotz unternormaler Kalziumzufuhr günstig (Annals of the New York Academy of Science 69-1958-989).

Der Sanitätsdirektor Patterson der damaligen Kolonie Kenia berichtete vom zentralafrikanischen Stamm der Kikuyu, daß sie sich praktisch nur von Pflanzenkost ernährten. Sie wären zwar klein, aber ungemein leistungsfähig (Patterson 1935, Annual report Kenya Medical Department, Nairobi).

Bei einer Untersuchung der Gesundheit der schwer arbeitenden Landbevölkerung in Java, deren Nahrung nur verschwindenen tierlichen Anteil hatte, fand man, daß praktisch sämtliche Zivilisationskrankheiten fehlten, und daß bei nur 2100 Kalorien und 51g pflanzliches Eiweiß pro Tag trotz schwerer Feldarbeit das Körpergewicht und die Gesundheit im Gleichgewicht blieben (Van Veen und Postmus 1947, "Vitamin A Deficiencies in the Netherlands East Indies", Journal of the American Dietetic Association August 1947).

Im Hochland von Mexiko wurden die Tarahumare Indios untersucht. 50.000 Tarahumare bewohnen ein karges, zerklüftetes Gebirgsland von 130.000 Quadratkilometer Ausdehnung. Ihre Nahrung besteht zu 70-80% aus Mais und Bohnen, sowie auch aus Wildsammelkost, enthält aber keine Milchprodukte, und Fleisch nur als sehr seltene Ausnahme (Bircher 1975, "Historische Gegebenheiten", in: Das Recht der Tiere in der Zivilisation, Hirthammer Verlag). Die Untersuchung von 1000 Indio-Kindern in Mexiko ergab, daß sie wesentlich gesünder als bürgerliche, USAmerikanische Kinder waren. Als Nahrung der Kinder wurden Vollmaisfladen, Bohnen, Malvenspinat, etwas Pfefferschoten und Obst angegeben (Harris 1946, Journal of the American Dietetic Association Nov. 1946).

Die Zeitschrift "Time" vom 23. 3. 1970 berichtete von rund 5 Millionen Indios im Hochland um den Titicaca See. Sie leben fast ausschliesslich vegan, mit Mais als Hauptnahrung, ergänzt durch Erdäpfel und andere Knollenarten, sowie Bohnen, Erdnüsse, Gemüse und Früchte. 

Die Ernährung der Karai-Guarani, die von Jamaika bis Parana leben, wurde gründlich untersucht. Ihr oberster Gott Kaaihpora gebot ihnen, sich der Erde zuzuwenden und sie mit Pflanzen zu bebauen, um für die tägliche Nahrung zu sorgen, niemals Eier zu essen und nur wenn notwendig jagen zu gehen. Die Grundnahrung bestand aus Maniok, Bataten, Mehlbananen, Mais, Bohnen, Spinat, Sprossen, Obst und Nüssen. Früchte assen die Guarani zu jeder Mahlzeit, und zwar Ananas, Baummelonen, Netzanonen, Nierenbaumfrüchte und Butterfrüchte. Bei festlichen Ausnahmeanlässen wurde auch Fleisch gegessen (Bircher 1975, "Historische Gegebenheiten", in: Das Recht der Tiere in der Zivilisation, Hirthammer Verlag).

Eine Untersuchung der Ernährung der indigenen Landbevölkerung in China ergab, daß der Durchschnittskonsum von Fleisch, Fisch und Eiern zusammen weniger als 3% der Gesamtnahrungsmenge ausmachte. Dazu fehlten jegliche Milchprodukte. Die Nahrung bestand zu 88% aus Vollgetreide, ergänzt durch Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse (Adolph 1946, Journal of the American Dietetic Association Oct. 1946).

Im Winter 1956/57 wurde die Ernährung der BewohnerInnen von Portinico, 30 km südlich von Palermo in Italien, eineinhalb Monate lang untersucht. Fleisch gab es 3-4 mal im Jahr, Eier ähnlich oft, aber keine Milchprodukte. Die Hautpnahrung bestand aus Brot, Oliven, Kichererbsen, Zichorienwurzeln und anderem Wildgemüse (Parodi 1960, "Wie sizilianische Landleute sich ernähren", Der Wendepunkt).

Aus all diesen und weiteren ähnlich gelagerten Beispielen läßt sich schliessen, daß indigene Menschengruppen, sofern ihre natürliche Umgebung das zuläßt, in allererster Linie von Früchten, Samen und Wurzelgemüse verschiedener Arten leben, in zweiter Linie von Blättern und Pflanzenteilen und erst in dritter Linie von tierlichen Nahrungsmitteln. Diejenigen Menschengruppen aber, die aufgrund ihrer natürlichen Umgebung hauptsächlich auf tierliche Nahrungsmittel angewiesen sind, müssen schwere, negative Konsequenzen für ihre Gesundheit tragen.

Nahrung nah verwandter Tierarten

Zur Frage der "natürlichen" Ernährung der Menschen ist es vielleicht auch instruktiv zu fragen, wie sich die den Menschen am nähersten verwandten Tierarten ernähren. Das ist im Zusammenhang mit der Ernährung besonders relevant, weil das Verdauungssystem so phylogenetisch alt ist, daß es sich in den letzten Jahrmillionen nicht viel verändert haben wird. Am Yerkes Primate Center in Atlanta, USA, wurden einige Schimpansen und gleich viele Menschen diesbezüglich untersucht. Alle Testsubjekte erhielten genau dieselbe Nahrung, die im Lauf der Experimente in ihrem Zelluloseanteil variierte. Dabei wurde anhand von Fäkal- und Blutuntersuchungen die Verdauungsfähigkeit und -geschwindigkeit verglichen. Das Resultat war, daß sich Schimpansen und Menschen in allen gemessenen Variablen völlig glichen. Offenbar sind die Verdauungsapparate von Schimpansen und Menschen im wesentlichen gleich (Milton und Demment 1988, Journal of Nutrition, Vol. 118, No. 9, pg 1082). 

Die Schimpansen von Kanyawara, Kibale Forest Reserve, Uganda, und die Bonobos vom Lomako Forest, Zaire, ernähren sich wie folgt (Chapman, Wright und Wrangham 1994, "Party size in Chimpanzees and Bonobos", in: Chimpanzee Cultures, Harvard Univ. Press):

Nahrung 

Bonobos 

Schimpansen

Früchte 

72.1%

82.1%

Blätter 

24.9%

8.0%

Tierliches 

0.1%

0.2%

Kräuter

2.1%

9.6%

Anderes 

0.8%

0.1%

Bonobos und Schimpansen sind also in allererster Linie FruchtesserInnen. Den Rest der Nahrung machen Blätter und Kräuter aus. Der tierliche Nahrungsanteil ist verschwindend gering. Natürlich variieren die verschiedenen Prozentsätze bei den verschiedenen Schimpansen- und Bonobogruppen, aber grundsätzlich bleibt diese Aussage gültig. Die nächstnäheren heute lebenden Verwandten sind dann die Gorillas, die zwar auch fast vollständig vegan leben (mit der seltenen Ausnahme von Insekten und Larven), aber einen höheren Pflanzen- und einen niedrigeren Früchteanteil in ihrer Nahrung aufweisen. Die Orang Utans schliesslich, die den afrikanischen Menschenaffen (inkl. der Menschen) entferntest verwandten Menschenaffen, leben wiederum fast ausschliesslich von Früchten, und zwar nachweislich von mindestens 400 verschiedenen Arten (Galdikas 1995, "Reflections of Eden", Chatham, Kent). 

Die Dicke des Zahnschmelz an den Zähnen sagt auch einiges über die Ernährungsweise aus. Zahnschmelz ist die härteste bekannte biologische Substanz. Orang Utans und Menschen haben einen dickeren Zahnschmelz als Gorillas und Schimpansen. Dickerer Zahnschmelz deutet auf härtere Nahrungsmittel hin. Je mehr Nüsse, Wurzeln und Samen, also Nahrungsmittel, die härter sind und daher stärker gekaut und zermahlen werden müssen, Teil der Ernährung sind, statt Blätter und junge Triebe, desto eher ist eine dickere Zahnschmelzschicht zu erwarten. Fleisch wird jedenfalls gar nicht gekaut, und daher ist dicker Zahnschmelz ein Zeichen dafür, daß Fleisch zumindest nicht zu den Hauptnahrungsmitteln gehört (Dean 1992, "Jaws and teeth", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Früchte haben alles, was der menschliche Körper zur Nahrung braucht. Sie haben alle Mineralien und Spurenelemente, wie z.B. Kalium, Kalzium, Magnesium, Phosphor, Natrium, Eisen, Kobalt, Kupfer and Fluor, dazu alle Vitamine wie C, B1, B2, K, P, Provitamin A - und Vitamin B12 durch organischen Schmutz. Zusätzlich enthalten Früchte Fruchtsäure und Pektine, die die leichtere Verdaulichkeit ermöglichen. Und Früchte haben natürlich auch komplexe Kohlenhydrate, die dem Körper die nötige Energie liefern, sowie Ballaststoffe. Früchte enthalten nur relativ wenig - aber doch auch - Protein und Fett. So liefert die Orange z.B. 8% ihrer Kalorien durch Protein. 

FrüchteesserInnen müssen also entweder sehr viele Früchte essen, um entsprechende Protein- und Fettwerte aufzunehmen (wie das die Orang Utans tun, die praktisch dauernd Früchte suchen und essen), oder sie supplementieren die Fruchtnahrung mit Pflanzen, und da vor allem mit Blättern und jungen Trieben (der Weg, den Schimpansen und Bonobos eingeschlagen haben). Gorillas haben einen noch höheren Pflanzenanteil in der Nahrung, vielleicht weil sie durch ihr Gewicht nicht an die Früchte oben auf den Bäumen herankommen. Natürlich könnte die Supplementierung von Protein und Fett auch durch andere energiedichte Nahrungsquellen erfolgen, also im Prinzip auch durch tierliche Nahrungsmittel, wie es ja zu einem kleinen Teil tatsächlich geschieht. Die meisten Menschenaffen essen auch Insekten oder Larven, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Schimpansen sind ja dafür bekannt z.B. stundenlang nach Termiten zu angeln. Und manche Schimpansengruppen jagen sogar Affen oder Buschschweine.

Praktisch alle 236 Primatenarten, und da vor allem die Affen und Menschenaffen, sind FruchtesserInnen. Die ersten Primaten vor 50 Millionen Jahren waren InsektenesserInnen, etwa Eichhörnchen gross, und lebten auf Bäumen (Cartmill 1992, "Non-human Primates", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). Heute gibt es nur noch 3 Halbaffenarten, die sich hauptsächlich von Insekten ernähren. Alle anderen Primaten haben sich aufs Fruchtessen (zwischen 55% und 80% Nahrungsanteil), mit mehr oder weniger pflanzlichen (und einige wenige sogar mit ein bißchen tierlichen) Beigaben, spezialisiert. Es gibt keine Primaten, die als AllesesserInnen zu bezeichnen wären (David Chivers 1992, "Diets and guts", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press).

Die Ernährung der Vorfahren heutiger Menschen

Die ersten Menschenaffen lebten vor etwa 25 Millionen Jahren im tropischen Afrika. Vor 15 Millionen Jahren breiteten sie sich auch nach Europa und Asien aus. Vor zwischen 15 und 8 Millionen Jahren gab es Menschenaffen in praktisch ganz Afrika, Asien und Europa. Alle diese mittlerweile ausgestorbenen Menschenaffenarten lebten im Wald, die meisten auf den Bäumen, manche aber auf dem Boden. Alle waren FruchtesserInnen, aber bei einigen wenigen Ausnahmen, wie Rangwapithecus gordoni, bildeten Blätter einen relativ hohen Nahrungsanteil. In den saisonal variierenden Wäldern höherer Breiten sind Früchte nicht das ganze Jahr über zu finden. Einige Menschenaffenarten, z.B. Gripopithecus alpani in der heutigen Türkei, spezialisierten sich auf Nuß- und Samennahrung, wie ihr dickerer Zahnschmelz, die starke Abnutzung der Zähne und die massiven Kiefer mit kräftiger Kiefermuskulatur verraten. Alle diese Menschenaffenarten gelten im erweiterten Sinn als FruchtesserInnen und ernährten sich praktisch überhaupt nicht von anderen Tieren (Andrews 1997, "What environment did fossil apes live in?", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group).

DNA Analysen zufolge lebten die gemeinsamen Vorfahren von heutigen Orang Utans und den afrikanischen Menschenaffen (inkl. der Menschen) vor 13 Millionen Jahren, die gemeinsamen Vorfahren der Gorillas und der restlichen afrikanischen Menschenaffen vor 7.7 Millionen Jahren, und die gemeinsamen Vorfahren der heutigen Menschen und heutigen Schimpansen bzw. Bonobos vor 4.7 Millionen Jahren (Horai et al. 1992, J Mol Evol 35:32-43). Die ersten Vorfahren der Menschen, die aufrecht gingen, waren verschiedene Arten der Gattung Australopithecus, die von vor etwa 4.4 bis vor 1 Million Jahren lebten (Wood 1994, "The oldest hominid yet", Nature Vol. 371, pg 280). Sie waren kleiner und graziler als die heute lebenden Menschen (Lucy, ein erwachsener weiblicher Australopithecus vor 3.2 Millionen Jahren, war 1.07m groß und 23.5kg schwer), erzeugten keine Steinwerkzeuge und gelten in der Klassifikation nicht als Menschen (Wood 1992, "Evolution of australopithecines", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). Ihre Zähne entwickelten sich von relativ kleinen Backenzähnen, aber grossen Schneide- und Eckzähnen (Australopithecus ramidus vor 4.4 Millionen Jahren), zu grossen Backenzähnen mit viel kleineren Schneide- und Eckzähnen (Australopithecus boisei oder Nussknackermensch bis vor 1 Million Jahren). Offensichtlich wurde hier in der Ernährung das Zermahlen der Nahrungsmittel mit den Backenzähnen immer wichtiger. Es muss sich also hauptsächlich um pflanzliche Nahrung gehandelt haben, wobei sich der Schwerpunkt der Nahrung von Früchten am Baum zu Nüssen und Samen in der Steppe verschoben hat, was mit der immer besseren Adaptierung zu aufrechtem Gang und zum Leben in der Steppe statt auf Bäumen im Wald zusammenpasst (Dean 1992, "Jaws and teeth", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die Australopithecinen sicherlich nicht von tierlicher Nahrung gelebt haben können. Dagegen sprechen sowohl die Zähne, als auch ihre mangelnde Grösse, Kraft und Schnelligkeit (durch ihren aufrechten Gang). Sie hatten ja auch keine Waffen zu etwaiger Jagd zur Verfügung. Zusätzlich lebten sie ausschliesslich in Afrika, also nicht in höheren Breiten. Sie waren sicher eher die Beute von Raubtieren, als selber Raubtiere zu sein. Es gibt zumindest ein fossiles Beispiel eines Australopithecinen vor 1,5 Millionen Jahren, der nachweislich Opfer eines Leoparden geworden war (Thackeray 1997, "The South African Australopithecines", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group).

Die ersten Menschen, also Individuen der Gattung Homo, gibt es seit etwas mehr als 2 Millionen Jahren (Wood 1992, "Origin and evolution of the genus Homo", Nature, Vol. 355, pg 783). Sie sind aber keine direkten Nachfahren der robusten Australopithecinen mit dem kräftigen Gebiß (die parallel noch bis vor etwa 1 Million Jahren weiterlebten). Mit der Ankunft der ersten Menschen findet man die ersten gezielt erzeugten Steinwerkzeuge aus Lava oder Feuerstein. Vor etwa 1 Million Jahren gibt es Menschen zum ersten Mal ausserhalb Afrikas, in Asien, in Indonesien und China, sowie Georgien und Südeuropa. Es ist möglich, daß diese Frühmenschen zu der Zeit schon Werkzeuge aus Holz oder Bambus fabrizierten, was aber sehr schwer mit Fossilienfunden nachzuweisen ist. Als sicher gilt, dass keine Werkzeuge aus Knochen, Geweih oder Elfenbein gemacht worden sind. Feuer wurde zu der Zeit sicherlich auch noch nicht benutzt (Stringer 1992, "Evolution of early humans", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Es stellt sich also die Frage, ob diese Menschen, die jetzt schon größer und schwerer als die Australopithecinen waren (ein gut erhaltenes Skelett eines 11 jährigen Buben, 1,5 Millionen Jahre alt, zeigt, daß er 1,6m groß und 48kg schwer war; Walker 1997, "Homo erectus: Africa", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group.) Fleisch in relevantem Ausmass gegessen haben bzw. gejagt haben können. Sie hatten kein Feuer, keine auf Distanz tödlichen Wurfgeschosse, und keine besondere Kraft oder Schnelligkeit. Allerdings wurden zusammen mit ihren Steinwerkzeugen und Knochenüberresten oft auch Knochenreste von anderen Tieren gefunden. 

In den 1960er Jahren galt als gesichert, daß die menschlichen Vorfahren "Killeraffen" waren, sehr gewandte JägerInnen, die ihre tierliche Umwelt dominierten. Das ist aber eher auf die gesellschaftliche Stimmung der "Wiederaufbaujahre" in den 50er und 60er Jahren zurückzuführen, als auf gesicherte, objektive Fakten. Seit den 1980er Jahren wird diese "Jäger-Hypothese" mehr und mehr in Frage gestellt. Viele Fälle von Ansammlungen von Steinwerkzeugen und Tierknochen zeigten sich bei näherem Hinsehen als Folge der Koexistenz von Menschen und anderen Tieren, die diese Tierknochen herbeigeschafft hatten. Selbst bei jenen Knochen, die nachweislich von Menschen bearbeitet worden waren, stellte sich heraus, daß sie nicht gejagt, sondern als Aas gesammelt worden waren. Die menschliche Jagd ist nicht älter als vielleicht 60.000 Jahre (Binford 1992, "Subsistence - a key to the past", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Im Dezember 1994 gab es im BBC, im englischen Fernsehen, eine Dokumentation von Donald Johanson, dem Entdecker des Australopithecus afarensis Skeletts genannt Lucy, zu diesem Thema. Johanson vertrat dieselbe Ansicht, nämlich, daß die menschlichen Vorfahren bis vor einigen zehntausend Jahren keine Jagd durchgeführt hätten. Er belegte das durch eingehende Analysen von Kratzmalen durch Steinwerkzeuge auf Tierknochen, und deren Vergleich mit Kratzspuren durch Tierzähne, bzw. dem zeitlichen Ablauf der Entstehung der Spuren und dem Todeszeitpunkt des betroffenen Tiers. Johanson vertrat auch die Ansicht, daß die wenigen vor etwa 1 Million Jahren nachgewiesenermassen von Menschen bearbeiteten Tierknochen aus Überresten von Raubtiermahlzeiten stammen würden. Die heutigen !Kung Buschmänner, die etwa 15% ihrer Nahrung mit Fleisch decken, sammeln auch noch Aas, das von Leoparden auf Bäume geschleppt worden ist. Ähnlich sieht Johanson die Situation im Fall der frühen Menschen.

Strontium ist ein Mineral, das im Grundwasser vorhanden ist. Auf diese Weise gelangt es in die Pflanzen. PflanzenesserInnen haben also höhere Strontiumwerte im Vergleich zum Kalzium in ihren Knochen, als FleischesserInnen. Eine Strontiumanalyse von Knochenfossilien kann daher darüber Aufschluß geben, ob die Lebewesen eher Fleisch oder Pflanzen gegessen haben. Aufgrund der Strontiumanalyse der Knochen früher Menschen in Südeuropa kann man sagen, daß sie "eine fast ausschliesslich vegetarische Kost" ("an almost exclusively vegetarian diet" - gemeint ist eigentlich "vegan") hatten (Fornaciari und Mallegni 1987, Anthropologischer Anzeiger Dez 1987, 45 (4), pg 361).

Der archaische Homo sapiens taucht etwa vor 400.000 Jahren erstmals auf. Aus ihm gehen vor etwa 200.000 Jahren die NeanderthalerInnen hervor, die aber keine direkten Vorfahren der heutigen Menschen waren. Vor etwa 130.000 Jahren entwickelte sich aus dem archaischen Homo sapiens in Afrika die heutige menschliche Art, der Homo sapiens. Vor etwa 40.000 Jahren kam dieser Homo sapiens nach Europa und rottete binnen 10.000 Jahren die NeanderthalerInnen aus (Aiello und Bennike 1997, "The story of human evolution", The United Exhibits Group). Vereinzelte Reste von Feuer mit verkohlten Tierknochen hat man schon im Alter von 300.000 Jahren gefunden. Echte Feuerstellen sind aber erst ab dem Alter von 40.000 Jahren nachgewiesen. Die NeanderthalerInnen benutzten nur Faustkeile, und vielleicht auch Holzspeere mit Steinspitzen. Alle komplexeren Werkzeuge, wie z.B. Pfeil und Bogen, die erst seit weniger als 40.000 Jahren nachgewiesen sind, sind dem Homo sapiens vorbehalten geblieben. Echte Begräbnisse, Felsmalereien, Schmuck, Figuren und dergleichen sind alle nur vom Homo sapiens bekannt (Gowlett 1992, "Tools - the palaeolithic record", in: Cambridge Encyclopedia of Human Evolution, Cambridge Univ. Press). 

Es ist fast nicht vorstellbar, daß die im Europa der Eiszeiten lebenden NeanderthalerInnen nicht auch von Fleisch gelebt haben sollen. Auffällig ist, daß praktisch alle NeanderthalerInnen schwere Anzeichen von Krankheiten, mangelhafter Ernährung und Knochenbrüchen zeigen, letzteres in der Art ähnlich wie RodeoreiterInnen. Es gibt kaum NeanderthalerInnen, die über 40 Jahre alt wurden. Ein besonders hoher Prozentsatz starb in ganz jungen Jahren. Die Zähne der NeanderthalerInnen zeigen starke Zahnschmelzdeformationen, was normalerweise mit Krankheiten und Mangelernährung in der Kindheit, zur Zeit der Zahnbildung, assoziiert wird. Erwachsene NeanderthalerInnen haben extrem abgenützte Schneidezähne, was möglicherweise auf das Bearbeiten von Tierhäuten hinweist. Allerdings fand man niemals Knöpfe oder Nadeln, die von NeanderthalerInnen stammen. Die afrikanischen Homo sapiens waren unvergleichlich viel gesünder als die NeanderthalerInnen (Aiello 1997, "Neanderthal lifestyle", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group).

Homo sapiens ist erstmals vor 100.000 Jahren außerhalb Afrikas, in Höhlen im heutigen Israel, nachgewiesen. Dort lebten sie etwa 50.000 Jahre lang neben den NeanderthalerInnen. Beide Menschenarten hatten zu dieser Zeit ganz ähnliche Steinwerkzeuge, es gibt noch keine Anzeichen komplexerer Werkzeuge oder Waffen, oder von Kunst (Bräuer 1997, "Modern humans in the near east and Europe", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group). Aber im wärmeren nahen Osten konnten diese Menschenarten ähnlich wie in Afrika leben, eine Notwendigkeit auf tierliche Nahrung umzusteigen war nicht gegeben, das Eis der Eiszeiten reichte nicht bis zu ihnen hin.

Irgendwann vor etwa 50.000 Jahren haben Homo sapiens plötzlich immer komplexere Werkzeuge entwickelt. Individuen dieser Art erreichten vor 53.000 Jahren Australien, vor 40.000 Jahren Ostasien und Europa und vor 20.000-12.000 Jahren Amerika. Die Ereignisse überstürzen sich, Kunst, Pfeil und Bogen, weitreichende tödliche Waffen entstehen, ebenso wie Gefässe, Nadeln, Knöpfe, Schmuck, Figuren, Begräbnisbeigaben und vieles mehr (Clottes 1997, "Life for the first modern humans in Europe", in: The story of human evolution, The United Exhibits Group). Irgendwann zu dieser Zeit müssen diese Menschen mit dem Leben als sogenannte "Jäger und Sammler" begonnen haben. Spätestens die Höhlenmalereien vor 30.000 Jahren geben davon Zeugnis. Aber allein schon das rudimentäre Werkzeugmaterial, die fehlenden auf Entfernung tötenden Waffen, das Fehlen regelmässiger Feuerstellen usw. sind Hinweise darauf, daß das Jagen als relevanter Beitrag zur Ernährung nicht viel älter als vielleicht 50.000 Jahre sein kann. In so kurzer Zeit kann sich aber der Verdauungsapparat nicht wirklich umstellen und adaptieren. Zusätzlich muß man sich, wie die Ernährungweise kontemporärer indigener Bevölkerungen nahelegt, diese Jagd nur als Supplementierung der hauptsächlich pflanzlichen Nahrung vorstellen.

Schlußfolgerung

Das menschliche Verdauungssystem ist ans Fruchtessen angepasst. Menschen sind also weder Carnivore noch Omnivore oder Herbivore sondern Frugivore. Das bedeutet, daß etwa 70-80% der Nahrung Früchte aller Art, sowie Beeren, Samen, Getreide, Knospen, Wurzeln, Rüben und Knollen sind. Der restliche Teil besteht aus Blättern und jungen Trieben. Tierliche Nahrungsmittel, wie Insekten, Larven, Schnecken und vielleicht auch Kleintiere und kleine Fische, sind höchstens eine Supplementierung der pflanzlichen Nahrung im Prozentbereich, um die Protein- und Fettaufnahme zu erhöhen. Sie sind jedenfalls in keinster Weise ein essentieller Teil der Nahrung, der nicht auch grundsätzlich verzichtbar oder ersetzbar ist. Im Gegenteil. Da nämlich das menschliche Verdauungssystem also auf viele Ballaststoffe und Fasern eingestellt ist, und keine größeren Mengen tierlicher Fette verarbeiten kann, besteht sehr rasch eine Gefahr für die Gesundheit, wenn zuviel an tierlichen Nahrungsmitteln aufgenommen wird, vor allem wenn sie nicht nur von Insekten und Kleintieren stammen, sondern Fett und Muskelpartien größerer Tiere enthalten.