Die Kampagne gegen Tierzirkusse (5/99)


Die Zurschaustellung von Exotischem, von Kuriositäten oder von besonderer menschlicher Geschicklichkeit beim Jonglieren oder Seiltanzen etc. durch umherziehende Gaukler gibt es in ungebrochener Kontinuität seit dem Untergang des Römischen Reichs mit seinen Amphitheatern. Dem Zirkus aber, wie wir ihn kennen, hauchten erst die Jahrmärkte im Europa des 17. Jahrhunderts Leben ein. Fast jeder Jahrmarkt zeigte in Nebenschauen menschliche Sonderlinge und Tierkuriositäten, wie z.B. St. Bartholomeus in England: es gab einen Mann mit einem Kopf und zwei Körpern zu sehen, ein „Kind mit einem lebendigen Bären, der auf seinem Rücken wuchs“, eine Frau mit drei Brüsten, sowie „die Verbindung zwischen der rationalen und der triebhaften Kreatur“, das „erstaunlichste Geschöpf, genannt der orientalische Waldgott oder der echte Wilde aus den Wäldern“ – letzterer in Wirklichkeit ein Orang Utan. Alle diese „Sonderlinge der Natur“ wurden als „nicht-menschlich“ angesehen und „Tieren“ gleichgesetzt.

Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Zirkusarena. Als Vater des modernen Zirkus gilt der Engländer Philip Astley (1742-1814). Er zeigte Seiltänzer, Turner, tanzende Hunde und Reitvorführungen, aber noch keine exotischen Wildtiere. Es dauerte bis 1828 bis der erste Elefant in der Zirkusarena zu sehen war. Kurz darauf wurden auch in der Zirkusarena überall exotische Wildtiere neben den „Sonderlingen der Natur“ gezeigt.

Dem Publikum wurde aber diese reine Zurschaustellung bald zu fad, und so kam ein Amerikaner namens Issac R. Van Amburgh (1801-1865) – er wird als der erste bezeichnet, der einen Käfig mit Dschungeltieren in eine öffentliche Ausstellung brachte – auf die Idee, vor den ZuschauerInnen zu den LöwInnen in den Käfig zu steigen. In einem Dschungel-Tarnanzug, eine Peitsche schwingend und Platzpatronen aus seiner Pistole feuernd, betrat er den Käfig, und piesackte und ärgerte die Tiere bewußt, um soviel Wildheit und Aggressivität aus ihnen herauszulocken, wie er konnte. Dann schüchterte er sie solange ein, bis sie ihm ergeben waren. Sein „Meisterstück“ war, die LöwInnen dazu zu bringen, seine Stiefel zu lecken, als äußerstes Zeichen ihrer Bezwingung und kriecherischen Unterwürfigkeit.

Van Ambrugh folgte Clyde Beatty (1903-1965), von dem man sagt, er habe „nicht weniger als 40 schwarzmähnige afrikanische Löwen und Königstiger gleichzeitig unterjocht“. Tatsächlich präsentierte 1934 ein Poster Beatty als „den Dschungelkönig im einhändigen Kampf mit 40 der wildesten Tiere“. Ursprünglich wurden die Tiere in ihrem Transportwagen in die Zirkusarena gezogen. Der deutsche Carl Hagenbeck erfand 1887 den Zentralkäfig, in dem dann mit mehr Platz den Zeichen der Zeit entsprechend die ZirkusdompteurInnen die „Schützlinge aus dem Dschungel in der Rolle von gehorsamen Haustieren präsentieren konnte“.

Zeitzeugen berichteten dennoch, daß die Präsentation großer Dschungelkatzen darauf aufbaute ihnen Angst einzuflößen bis sie in ein Stadium der Hysterie verfielen, indem man Pistolen abfeuerte, Gongs schlug, Peitschen knallte und sie mit rotglühenden Eisen antrieb. Dann brüllten die Tiere stark genug um die ZuschauerInnen zu befriedigen. Das Publikum war so blutrünstig, daß man manchmal Unfälle vortäuschte, obwohl es eine schockierende Anzahl von Fällen gab, wo die DompteurInnen tatsächlich in Stücke gerissen wurden.

Carl Hagenbeck belieferte übrigens viele Zirkusse seiner Zeit und importierte zwischen 1866-1886 insgesamt 1000 LöwInnen, 400 TigerInnen, 700 LeopardInnen, 1000 BärInnen, 800 Hyänen, 300 ElefantInnen, 26 Nashörner, mindestens 100,000 Vögel und 10,000e von Affen.

Für die ZuschauerInnen unterschieden sich die Tiersonderlinge in der Tierschau nicht nennenswert von den menschlichen Sonderlingen im Abnormitätenkabinett oder in den Anstalten für geistig Behinderte. Es war ein Zeitalter, in dem Geisteskrankheit öffentlich für Geld zur Schau gestellt wurde. In den Anstalten waren die oftmals kalten und feuchten käfigähnlichen Räume kaum mit mehr als Stroh und einem Brett ausgestattet, auf dem die „PatientInnen“ schliefen. Und die gefährlicheren unter ihnen waren oft angekettet. „Verrückte“ wurden nicht als vollwertige menschliche Wesen behandelt, sondern man ordnete sie mit all ihrer Fremdheit eher der Tierwelt zu. Und so wie die BesucherInnen die Insassen der Anstalten anstachelten und provozierten, so taten es auch die BesucherInnen der Tierschauen mit den nicht-menschlichen Tieren.

Eine besondere Form des Zirkus in den USA war die Wild-West Show. Die IndianerInnen wurden dabei – wie die anderen Tiere – als Kuriositäten ausgestellt. Der stolze Indianer wie der stolze Tiger mußten nun in Paraden von Stadt zu Stadt ziehen, nicht länger mehr eine Bedrohung der Weißen, sondern als Zeichen der Überlegenheit der „weißen Rasse“. Der Wilde und das wilde Tier – zwischen beiden wurde praktisch kaum unterschieden, auch nicht in der christlichen Religion, die sie beide als seelenlos einstufte.

Unter der größer werdenden Konkurrenz mit anderen Zirkusnummern mußten den Tieren immer verrücktere Sachen beigebracht werden. So wurde 1846 ein Elefant präsentiert, der am Hochseil ging, 1853 stand der erste Elefant Kopf, kurz danach fuhren sie Fahrrad, spielten Posaune, machten einen einarmigen Handstand und wurden als Menschen gekleidet. Am 15. September 1885 wurde sogar ein Zusammenstoß zwischen einem Elefanten und einer Dampflokomotive vorgeführt, um zu sehen, ob Technik oder Naturgewalt obsiegt. Die Lokomotive entgleiste und der Elefant starb – seine Überreste wurden dann im „Museum of Natural History“ in New York ausgestellt.

Die größten Zirkusunternehmen der neueren Zeit in Europa gehören den Zirkusdynastien Chipperfield, Knie und Krone, wobei sowohl Chipperfield als auch Knie jeweils zwei Zirkusse besitzen. Knie z.B. spaltete sich erst 1993 in den schweizer und den österreichischen Nationalzirkus auf. Die Gebrüder Knie führten auch 1965 die erste kommerzielle Delphinvorstellung auf dem europäischen Festland ein, nämlich im sogenannten „Kinderzoo“ in Rapperswill in der Schweiz.

Der Druck besonders Kurioses in Zirkussen zu zeigen ist heute so aktuell wie eh und je. So gibt es gezüchtete SuperexotInnen wie die 40 weißen TigerInnen der Hawthorne Circus Corporation aus Illinois, USA. Oder der Zirkus Knie, der 1987-89 ein Breitlippennashorn präsentierte, das in der Manege mit einem Tiger auf dem Rücken herumgaloppieren mußte. Und die Ringling Brothers in den USA zeigten noch 1984 vier Ziegen, denen man operativ ein Horn auf der Stirnmitte eingepflanzt hatte, als „Einhörner“.

Die Tiere werden auch heute noch mißhandelt, um für die Vorführungen in der Arena gefügig zu sein. Als die SchimpansInnenforscherin Jane Goodall und ihre HelferInnen begannen, SchimpansInnen von SchaustellerInnen und TrainerInnen zu konfiszieren, die ihre Tiere mit gummierten Bleiknüppeln zur Folgsamkeit geprügelt und mit brennenden Zigaretten gequält hatten, stellten sie bald fest, wie manche der beschlagnahmten Jungtiere manchmal über Wochen all die schwerwiegenden Symptome des Drogenentzugs durchmachten.

ElefantInnen werden wegen ihrer Größe und Kraft besonders oft geschlagen, um unterwürfig zu sein. Der Maler Hans Falk beobachtete 1978 im Zirkus Knie die ersten Dressurlektionen der jungen Elefantin Malayka: „Sie brachten ihr einen Balanceakt bei, wobei sie über eine Holzplanke laufen mußte. [...] Aber die Elefantin weigerte sich – sie hatte Angst. Nach einiger Zeit verloren Louis Knie und seine Helfer die Geduld und benutzten einen Stock mit einem Metallhaken am Ende. [...] Sie schlugen dem Tier auf die Füße, bis sie bluteten.“

„Wegen der Kälte in den Ställen und den ständigen Schlägen“, erklärt der ElefantInnenexperte Fred Kurt, „können viele Elefanten in Zirkussen mit ihren Rüsseln nicht einmal mehr trinken oder fressen [...]. Und doch werden diese Tiere immer noch bei Vorstellungen eingesetzt.“

Eines der obersten Gesetze im Zirkus ist, daß einE DompteurIn es sich nicht leisten kann, einem ungehorsamen Tier nachzugeben; er/sie muß jederzeit seine Position als MeisterIn wahren. Fred Kurt berichtet von einem Erlebnis beim Zirkus Knie, bei dem der Wärter einem widerspenstigen Elefanten gegenüber begann, seinen Elefantenstock zu schwingen und die dicke doch sensible Haut des Elefanten zu malträtieren. Da fingen die anderen ElefantInnen eineR nach der/dem anderen an, mit den Füßen zu stampfen und mit den Ketten zu rasseln. Dieses Geräusch war so rythmisch und klang so bedrohlich, daß es einen an den spontanen Protest von Gefängnisinsassen erinnerte. William Johnson berichtet in seinem Buch Entzauberte Manege von einer ähnlichen Situation, in der der darauf angesprochene Wärter erklärte: „Merken Sie sich’s! Dies hier sind Tiere. Man sollte nicht zu nett zu ihnen sein. Das verstehen sie nicht. Man muß ihnen zeigen wer der Boß ist, klar?“

Kürzlich enthüllte ein Artikel in der italienischen Zeitschrift Nuova Elettronica, daß man an die Abteilung für Technik des Verlags herangetreten sei. Es ging um die Entwicklung eines Mikro-Elektroschock Geräts – zur Dressur von Zirkustieren. Die Zeitschrift erklärte: „Der Dompteur wollte einen Schaltkreis, der helfen sollte, Tiere zu zähmen. [...] Wir fühlten uns wirklich betroffen, besonders als wir hörten, daß von skrupellosen DompteurInnen noch schmerzhaftere Methoden angewandt werden.“

Solche Dressurmethoden werden u.a. deswegen notwendig, weil viele Wildtiere aus der Wildnis oder zumindest aus ganz anderen Verhältnissen zum Zirkus geholt werden. So hatte der Zirkus Knie z.B. in den Jahren 1987-89 ein Nashorn im Programm, das in der Wildnis in Kenia gefangen worden war. Und in den Jahren 1988 – 1990 importierte der Zirkus Knie 4 Elefantenbabies aus Burma. Dabei brüstet sich dieser Zirkus in seiner gesamten Geschichte (Gründungsjahr 1803) schon 4 ElefantInnen selber gezüchtet zu haben. Zumindest einer dieser vier mit Namen Lohimi starb schon nach 3 Jahren 1988 an einer Krankheit. Ein anderer der vier, Madura, ist schon 1984 eingeschläfert worden, weil er seinen marokkanischen Wärter in Österreich getötet hatte.

Die Zirkustiere werden durch das dauernde Reisen und den Platzmangel bedingt natürlich nur auf engstem Raum gehalten. Rolf Knie, der kürzlich verstorbene Vater des heutigen Zirkusdirektors Louis Knie sen., schrieb noch 1987 in seinem Buch Elefanten und Artisten, daß ElefantInnen ohne Ketten das Zelt in Stücke zerreißen und das Leinen zerstückeln und auffressen würden. Der englische Zirkusexperte William Johnson bestätigt: „Solange es den Zirkussen erlaubt ist, Tiere zu Unterhaltungszwecken in der Welt herumzukutschieren, werden Großkatzen und Bären in Käfigen untergebracht sein, die klein genug für den Transport sind, und Elefanten werden den größten Teil ihres Lebens angekettet verbringen müssen.“

Ein Anfang der 90er Jahre veröffentlichter Bericht der englischen Verhaltensforscherin Marthe Kiley-Worthington, Animals in Circuses, bestätigt, daß TigerInnen und LöwInnen 90 % ihrer Zeit in Käfigwagen verbringen, daß ElefantInnen die meiste Zeit angekettet sind und sich nur unter Schwierigkeiten hinlegen können, und, daß „Tiere, die eine andauernde Abneigung dagegen haben, in die Manege zu gehen, oder Tiere, die nicht den Beifall der Zuschauer finden oder sich nicht daran gewöhnen können aufzutreten, getötet werden.“

Durch die dauernde Mißhandlung der Tiere kommt es immer wieder dazu, daß Zirkustiere sich wehren. Beim Zirkus Knie z.B. fiel ein Elefant 1979 in Berlin zwei Wärter an und brach ihnen sämtliche Knochen. Auch der Elefant Madura des Zirkus Knie hatte genug und tötete im Juni 1984 in Österreich seinen marokkanischen Wärter. „Das ist nicht die Ausnahme, sondern passiert regelmäßig im Zirkus“, wie Fred Kurt bestätigt, „weil die Tiere physisch und geistig gequält werden. Wenn man den Geist des Tieres bricht, sind solche Anfälle praktisch unvermeidlich. Für einen ungehorsamen Elefanten gibt es z.B. als Strafe das „Spannen“, wobei alle vier Beine an Ketten festgemacht werden, und dann werden seine Vorderbeine nach vorne und seine Hinterbeine nach hinten gezogen. Ein Elefant, der sich schließlich gegen seinen Dompteur auflehnt, wird fast immer erschossen.“ Oder die widerspenstigen Tiere werden sogar an Tierversuchslabore verkauft, wie 1983 dem Zirkus Chipperfield in England nachgewiesen werden konnte.

Eine Medienanalyse von TierrechtlerInnen ergab, daß zwischen 1990 und 1997 insgesamt 18 Fälle bekannt geworden sind, in denen der Widerstand der Zirkustiere sogar tödlich für Menschen geendet hat.

In Österreich wurde im Jahr 1996 eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft publiziert, nach der Wildtiere in Zirkussen nicht artgerecht gehalten werden können! Die erstarkende österreichische Tierrechtsbewegung begann daraufhin 1997 speziell gegen den Zirkus Knie permanent zu demonstrieren.

Bei den ersten Demonstrationen außerhalb des Zirkus Knie, in Kitzbühel in Tirol, attackierten die Zirkusleute den Kameramann der DemonstrantInnen, schlugen ihn zusammen und schleuderten ihn auf die verkehrsreiche Straße. Mit lauter Zirkus-Blechmusik wurden die DemonstrantInnen übertönt.

In Wörgl umringten die Zirkusleute die DemonstrantInnen mit Gejohle und Gegröle in bedrohlicher Weise, wurden aber durch Polizeipräsenz an Attacken gehindert. Die vier ElefantInnen wurden dann herausgeführt und bis auf Zentimeter an die DemonstrantInnen herangetrieben. Dabei stießen sie das Infomaterial samt dem Tisch um.

In Kufstein rissen die Zirkusleute Fotos vom Infostand, stahlen Infomaterial, zerstörten Plakate und umringten die DemonstrantInnen erneut bedrohlich. Erst nach energischer Intervention der TierrechtlerInnen griff die Gendarmerie ein. Der Zirkusdirektor Louis Knie drohte den DemonstrantInnen, daß ihnen Schlimmes geschehen werde.

In Innsbruck kam der Zirkusdirektor persönlich heraus und versuchte den Infostand umzuwerfen und trat einen Demonstranten, worauf er von der Polizei entfernt wurde. Wieder wurden ElefantInnen gegen die DemonstrantInnen eingesetzt.

In Knittelfeld in der Steiermark wurden die DemonstrantInnen von Zirkusleuten attackiert und geschlagen. In Vorarlberg gingen die Zirkusleute wiederum mit physischer Gewalt sogar auf jugendliche TierrechtlerInnen los. In Amstetten in Niederösterreich wurden die DemonstrantInnen mit Traktoren und Wohnwägen bedrängt und an Ihrem Protest gehindert. Laute Musik sollte die Kundgebung übertönen. In Purkersdorf bei Wien kam es letztendlich zum Höhepunkt: zunächst griff ein Zirkusclown einen Tierrechtler während der Demonstration an. Als sich der Tierrechtler entfernte um weitere Flugblätter aus dem Auto zu holen, lauerte ihm der Clown im dunklen Park auf und es kam zu einer sehr ernsten Schlägerei. Der entschlossene Widerstand des Tierrechtlers vertrieb den Clown letztendlich. In Wiener Neustadt, Wels, Baden, St. Pölten und anderen Städten wurden die Demos weiter geführt. Selbst eine Gastvorführung in Rosenheim in Deutschland wurde mit der Hilfe deutscher TierrechtlerInnen erfolgreich belagert.

Über den einmonatigen Aufenthalt des Zirkus Knie in Wien über Weihnachten und Neujahr 1997/98 wurde praktisch permanent jeweils eine ganze Stunde vor den Vorführungen demonstriert. Alle BesucherInnen bekamen Flugblätter ausgehändigt, Parolen wurden gerufen und die Öffentlichkeit mit dem Megaphon aufgeklärt. Eine angekündigte Gegendemonstration des Zirkus Knie stellte sich als reine Finte heraus, um die Versammlungsbehörde dazu zu bringen, die Tierrechtsdemo zu verbieten. Im Vorfeld dieses Wien Aufenthalts hatte jemand 600 Zirkusplakate in Wien entfernt und weitere 300 mit dem Schriftzug „abgesagt“ überklebt. Vier TierrechtlerInnen wurden in Wien angezeigt 5 Zirkusplakate zerstört zu haben. Sie wurden zu insgesamt 4800 Schilling Strafe und 5500 Schilling Kompensation an den Zirkus verurteilt.

Einige Zirkusse, wie der Zirkus Althoff-Jacobi, gaben durch diesen Druck die Haltung von Wildtieren völlig auf und erklärten sie sogar öffentlich als unethisch. Allerdings haben diese Zirkusse oft noch immer Pferde und Hunde im Programm. Heute gibt es nur noch den Zirkus Knie in Österreich, der Wildtiere hält, sowie ausländische Zirkusse, die in Österreich mit Wildtieren gastieren, wie den Zirkus Krone.

Etwa zu dieser Zeit wurde der Zirkusdirektor Louis Knie sen. vom Gericht für schuldig befunden einen Tiroler Tierrechtler geohrfeigt zu haben. Er mußte allerdings kein Schmerzensgeld zahlen. Ab Neujahr 1998 jedenfalls änderte der Zirkus Knie seine Taktik: keine Gewalttaten gegen TierrechtlerInnen mehr. Statt dessen wurden 3 Zirkusanwälte aktiv, die von den Beamten der Versammlungsbehörde bis zu den bei den Demos anwesenden PolizistInnen alle permanent gegen die TierrechtlerInnen aufzubringen versuchen.

Im Jahr 1998 zeigte sich ansonsten das gleiche Bild wie davor: wo auch immer der Zirkus Knie und der Golden Zirkus auftauchen, wird gegen sie demonstriert, vor allem in Tirol und Niederösterreich bzw. Wien. Ein markanter Unterschied zwischen den beiden Zirkussen ist allerdings, daß die Medien den Golden Zirkus wegen seiner beiden Tanzbären verdammen, aber den Zirkus Knie in den Himmel loben. Der Golden Zirkus bekommt sogar Aufenthaltsverbote im 22. Bezirk in Wien und anderswo. Einer möglichen Beschlagnahmung seiner Bären entzieht er sich durch Flucht. Der Zirkus Knie indessen genießt noch immer die Patronanz des Bundespräsidenten Klestil.

Einer der Clowns des Golden Zirkus verließ den Zirkus und informierte die TierrechtlerInnen über die Zustände. Die Mißhandlung der Bären wurde dadurch bestätigt, sowie daß die Demos einen großen Effekt auf die Moral aber auch auf die finanzielle Lage des Zirkus haben.

Aber auch politisch bewegte sich etwas. Die Landeshauptleute unterschrieben eine Vereinbarung nach §15a B-VG, der zufolge in allen österreichischen Bundesländern bis zum Jahr 2005 alle Wildtiere außer Lurche, Reptilien, Papageien, TigerInnen, LöwInnen, Zebras und Kamele verboten werden sollen. Das heißt BärInnen, ElefantInnen, Hyänen, LeopardInnen, Jaguare, WölfInnen, Delphine, Affen usw. werden dann verboten sein. Nashörner und Menschenaffen sollen sofort verboten werden. Gerüchten zufolge war es die Intervention des Zirkus Knie bei seinen Freunderln in der Politik, die dafür verantwortlich zu machen ist, daß zuletzt plötzlich LöwInnen und TigerInnen vom Verbot ausgenommen wurden. Aber mit diesem doch recht weitreichenden Verbot wird Österreich Finnland und anderen skandinavischen Ländern folgen, die schon vor geraumer Zeit ein umfangreiches Verbot für Zirkustierschauen und dressierte Wildtiere ausgesprochen haben. In England sind auch schon in hunderten der Counties Wildtierzirkusse zum Teil schon seit 1986 verboten. Obige Vereinbarung in Österreich gilt übrigens nur als Mindestmaß. Zumindest in Salzburg werden ab dem 1. 1. 2005 auch LöwInnen und TigerInnen verboten sein.

Im Jahr 1998 infiltrierten englische TierrechtlerInnen insgesamt 6 Zirkusse in England, darunter den bekannt brutalen Zirkus Harlequins, sowie die beiden Ableger der Zirkusdynastie Chipperfield. Dabei ließen sich die TierrechtlerInnen als TierpflegerInnen anstellen und filmten mit versteckten Kameras das Geschehen, speziell die Dressuren, das „Brechen“ neuer Wildtiere, aber auch die täglichen Tiertragödien im Zirkus und die unendliche Monotonie in den winzigen Käfigen.

Aus 400 Stunden Videomaterial wurde ein 26 minütiges Video zusammengestellt, das in Österreich seitdem bei den Demos vor dem Zirkus der Öffentlichkeit vorgeführt wird. Es zeigt die brutalste Mißhandlung der Tiere. Der Tierpfleger Stephen Gills der Zirkustierdressurfarm Mary Chipperfield wird gezeigt wie er erklärt, wie man ElefantInnen am besten weh tun kann, nämlich durch Schläge mit einer Eisenstange mit spitzem Haken am Ende auf die Füße und die Seite des Kopfes der ElefantInnen. Danach sieht man diese Erklärungen auch in die Praxis umgesetzt: ständiges Schlagen der angeketteten ElefantInnen, Tag für Tag. Dieser Tierpfleger wurde übrigens aufgrund der Videobeweise wegen Tierquälerei angezeigt und zu 4 Monaten Haft verurteilt.

Am 9. April 1999 wurde auch die Besitzerin dieser Dressurfarm, Mary Chipperfield, wegen 12 facher Tierquälerei für schuldig befunden, aber nur zu 400,000 Schilling Strafe verurteilt. In ihrem Fall war die Mißhandlung des Schimpansenmädchens Trudy ausschlaggebend. Sie hatte Trudy regelmäßig mit einer Reitgerte geschlagen und bis zu 14 Stunden am Tag in eine kleine Kiste zur „Nachtruhe“ eingesperrt. Trudy wurde ihr wenigstens entzogen und lebt jetzt in Südengland mit TierrechtlerInnen und anderen Menschenaffen im „Monkey World“ Gnadenhof für Primaten zusammen. Aber einige SchimpansInnen bleiben weiterhin im Chipperfield Zirkus. Gerüchten zufolge sollen diese jetzt aus England geschafft werden, um weiteren Anzeigen und dem Druck der TierrechtlerInnen zu entgehen. Ende April wurde bekannt, daß Mary Chipperfield 6 der ElefantInnen, die auf dem Video permanent geschlagen wurden, für insgesamt 2,500,000 Schilling verkaufen konnte.

Bei ihren Gerichtsverhandlungen wurde Mary Chipperfield in klassisch englischer Manier von hunderten von TierrechtlerInnen empfangen, deren Wut sie nur mit knapper Not lebend entkam. Obwohl sie vor den DemonstrantInnen mit Polizeikräften geschützt wurde, gelang es doch sie zu verletzen und ihr so viele Haare vom Kopf zu reissen, sodaß sie sich aus kosmetischen Gründen eine Kurzhaarfrisur zulegen mußte. Der Western Daily Express vom 19. April 1999 berichtete, daß sie niemals so viele wütende DemonstrantInnen erwartet hätte. Sie sagte der Zeitung, daß sie so behandelt wurde, als hätte sie einen schrecklichen Sexualmord [an einem Menschen] begangen. Sie fügte hinzu: „ich war nahe am völligen Zusammenbruch“. Insgesamt kostete ihr der Prozeß etwa 2,000,000 Schilling, inklusive ihrer Anwaltskosten und der Pflegekosten für die anfänglich beschlagnahmten Tiere. Außer Trudy wurden ihr aber zuletzt alle Tiere wieder ausgehändigt.

In der Saison 1998 hatte der Zirkus Knie nach eigenen Angaben 7 BengaltigerInnen samt englischer Dompteurin Marnie Lousie Dock aus der „renommierten Zirkusfamilie Chipperfield“, die im Programm des Zirkus Knie auch als „angesehene Tierschule“ bezeichnet wird. In der Saison 1999 waren nach Angaben von TierwärterInnen des Zirkus Knie auch 2 ElefantInnen dieser „angesehenen Tierschule Chipperfield“ dabei. Die Vernetzung zwischen diesen Zirkussen ist also offensichtlich sehr eng.

Vom Zirkus Chipperfield ist übrigens auch ein Fall aus dem Jahr 1986 bekannt geworden, wo drei ElefantInnen über insgesamt drei Monate hinweg in einem dunklen Käfig im Laderaum eines Schiffes angekettet waren. Chipperfield verlautete damals dazu „wir lieben unsere Elefanten“, und es sei nur „eine Verwechslung bei den Papieren passiert“. Der englische Tierschutzinspektor Stefan Ormrod meinte nach der Untersuchung des Falls, daß solche Tiere „besser dran wären, wenn sie tot wären“.

Im übrigen gibt es Tierfarmen der Mary Chipperfield in Spanien, Deutschland und Österreich. Während in ihrer deutschen Niederlassung auch TigerInnen und andere exotische Wildtiere gehalten werden, handelt es sich bei ihrer österreichischen Niederlassung um ein Araber-Pferdegestüt.

Der Dauerdruck durch die Tierrechtsdemos vor dem Zirkus Knie zeigte Ende 1998 erste Wirkungen: der Zirkus Knie verkündete offiziell während seines 1-monatigen Wienaufenthalts über Weihnachten und Neujahr keine Wildtiere verwenden zu wollen! Es wurden daraufhin weder Zirkusplakate entfernt noch Demos vor dem Zirkus abgehalten. Der Zirkus hatte tatsächlich keine ElefantInnen, Raubkatzen oder BärInnen und dergleichen, aber Kamele. Es gab natürlich auch einen Streichelzoo. Chris Krenger vom Zirkus Knie bestätigte öffentlich, daß „viele Zirkusse schon um das finanzielle Überleben kämpfen“.

Die Tourneesaison 1999 begann der Zirkus Knie allerdings wieder wie gehabt: 8 LöwInnen, 5 Elefantinnen, sowie Kamele werden in der Arena vorgeführt. Die Elefantinnen müssen dabei sogar Kopfstehen, auf den Hinterbeinen gehen, einen Handstand machen und dergleichen, obwohl die Studie der Wiener Umweltanwaltschaft 1996 eindeutig erklärt, daß alle „Dressurleistungen“ aus gesundheitlichen Gründen verboten werden müssen, die eine „statische Belastung einzelner Körperteile verursachen. [...] Dazu gehören Kopf- und Handstand sowie das Aufrechtgehen bzw. das Stehen nur auf den Hinterbeinen, da dies bei erwachsenen Elefanten zu Gelenks- und Bandscheibenschäden führen kann. Beim Handstand können durch Überdruck Nagelrisse entstehen“.

In der Saison 1999 hat der Zirkus Knie sogar ein Ponykarussell mit, in dem einige Ponys permanent stupide im Kreis zu gehen haben. Natürlich gibt’s auch wieder einen Streichelzoo und einige Tiere nur zum Anglotzen in der Tierschau. Entsprechend dessen begannen die TierrechtlerInnen noch intensiver als bisher den Zirkus mit ihren Demonstrationen zu verfolgen.

Demonstrationen gab es vor den meisten Vorführungen in Niederösterreich, wie in Schwechat, St. Pölten, Amstetten, Hainburg, aber auch in Wels und Linz, sowie durch den gesamten Monat Mai in Wien praktisch täglich. In Schwechat konnte auch beobachtet werden, wie Louis Knie jun. die Elefantinnen mit der bekannten Eisenstange vor dem Auftritt schlug. Durch die Intervention der TierrechtlerInnen konnte das zumindest für dieses Mal unterbunden werden. In Amstetten wurden 2 Tierrechtler wegen Besitzstörung und auf Unterlassung zivil vom Zirkus verklagt. Der Streitwert liegt bei fast 20,000 Schilling. Die Verhandlungen beginnen Anfang Juni. Es gab auch einige Orte in Niederösterreich, die der Zirkus nicht mehr besuchen durfte, wie Wr. Neustadt, Baden und Mödling. Internen Informationen zufolge sind diese Verbote tatsächlich auf die Wildtiere im Zirkus zurückzuführen.

Im Mai in Wien versuchte der Zirkus Knie mit 3 Rechtsanwälten bei der Versammlungsbehörde zu intervenieren, um die Tierrechtsdemos zu unterbinden. Nach zweimaligen Verhandlungen mit der Behörde, einmal sogar 2 ½ Stunden lang, wurde schließlich entschieden, daß die Tierrechtsdemos wie gehabt stattfinden könnten. Die 3 hochbezahlten Anwälte zogen wutschnaubend ab um ihrem Chef über die Niederlage zu berichten. Naja, wieder 10,000e Schillinge Anwaltskosten beim Teufel! Jedenfalls kündigte der Zirkus Knie weitere zivilrechtliche Klagen an, u.a. eine Klage wegen Geschäftsschädigung.

Es ist jetzt notwendig, die Demotätigkeit und den Druck auf den Zirkus noch weiter zu verstärken. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Zirkus stark unter Druck steht. Ein weiteres Einlenken des Zirkus wie beim Jahreswechsel 1998/99 wäre durchaus möglich. Und nur noch der Zirkus Knie steht wirklich einer Neufassung der Zirkustierverbote in Österreich im Weg: falls es ein neues Bundestierschutzgesetz geben wird, muß darin unbedingt auch die Haltung von LöwInnen und TigerInnen für Zirkusse verboten werden! Wir müssen den Boden für dieses Verbot jetzt und hier bereiten!

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