Die Grenzen der Freiheit der Kunst


Verfolgt man die Debatten um den Aktionskünstler Nitsch in den Medien, so springt sofort ein Umstand ins Auge: es gibt keine Diskussion über das Für und Wider seiner Kunst, oder über die Grenzen der Freiheit der Kunst überhaupt. Entweder die JournalistInnen lehnen Nitsch als "pervers" ab, und setzen voraus, dass die LeserInnen diese Auffassung selbstredend teilen. Oder sie bezeichnen die KritikerInnen von Nitsch als RepräsentantInnen des "dumpfesten" Österreich (Karin Beck, NEWS vom 15. 2. 2001, Seite 114) und ähnliches, fühlen sich aber ebenso nicht bemüssigt dafür zu argumentieren, sondern gehen auch von der entsprechenden Einstellung bei ihrer Leserschaft aus. Beides befremdet, zumal die Frage nach den Grenzen der Freiheit der Kunst eine sehr wichtige ist, und gerade die Kausa Nitsch eine besonders gute Gelegenheit zu einer Diskussion darüber abgeben könnte. Es scheint, leider, dass die Kunst von Nitsch, als traditioneller Streitfall in Österreichs Kulturgeschichte, zu verhärteten Fronten zwischen rechtskonservativer Ablehnung und links-progressiver Befürwortung geführt hat. Und diese Standpunkte können oder dürfen offenbar nicht mehr hinterfragt werden.

Doch die ethische Position bzgl. nicht-menschlicher Tiere, wie sie vor 40 Jahren am Anfang des Nitsch-Streites vorgeherrscht hat, ist längst überholt. Das war die Zeit der unkritisch akzeptierten Industrialisierung der Tiernutzung in allen Bereichen, der Höhenflug des Behaviourismus in der Biologie, die Zeit, in der es praktisch keine Tierschutzgesetze gegeben hat. Mit Ruth Harrison's Animal Machines 1964 wurde eine Entwicklung eingeleitet, die mittlerweile, aus dem angloamerikanischen Raum kommend, auch Österreich seit einiger Zeit voll erfasst hat. Und diese Entwicklung wird von der Tierrechtsbewegung getragen.

Die Kritik der Tierrechtsbewegung an unserem Gesellschaftssystem ist vielschichtig, die geforderte Änderung fundamental. Die Sichtweise des Verhältnisses von Mensch und sogenanntem "Tier" als Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Person und Sache, zwischen Eigentümer und Eigentum, wird grundsätzlich in Frage gestellt. Dem anthropozentrischen Speziesismus wird die Sichtweise des Opfers, des nicht-menschlichen Tieres als Subjekt, entgegen gestellt. Und vom Standpunkt des Opfers aller Tiernutzung, ob in der Landwirtschaft, im Schlachthof, im Versuchslabor, auf der Jagd, in der Pelzfarm oder in Zirkus und Zoo, ist die Sachlage klar: alle Tiernutzung gegen den Willen der Opfer und nur zum Vorteil der TäterInnen ist unethisch. Hier besteht kein Zweifel.

Angewandt auf die Freiheit der Kunst bedeutet das offensichtlich, dass nur jene Art von Kunst ethisch vertretbar ist, die nicht-menschliche Tiere entweder gar nicht nutzt, oder nur zu ihrem eigenen Vorteil und ohne Zwang und Gewalt. Im Fall der Kunst von Nitsch ist das offensichtlich nicht der Fall. Die Stiere, die im Rahmen des Orgien Mysterien Theaters eine Schauschlachtung durchmachen müssen, aber auch die Schafe und Schweine, die nur für das Orgien Mysterien Theater anderswo getötet werden, werden offenbar mit Gewalt und gegen ihren Willen vom Leben zum Tod befördert, von der brutalen Haltung Zeit ihres Lebens ganz zu schweigen. Vom Standpunkt der Tierrechte ist die Sachlage also klar. So hätte der Konflikt um Nitsch eine Chance geboten, diese Tierrechtsposition zu diskutieren. BefürworterInnen der Nitsch-Kunst müssten jetzt argumentieren, warum die betroffenen Opfer nicht als Subjekte zu betrachten sind, warum ihr Standpunkt hier keine ethische Rolle spielt. Und dabei würden sie sich sicher sehr schwer tun.

Obwohl hier niemand konkret dazu Stellung bezogen hat, lässt sich doch implizit das folgende Argument zur ethischen Rechtfertigung der Nitsch-Kunst aus den verschiedenen Medienkommentaren herausschälen:

Prämisse 1: Das Fleischessen ist gesellschaftlich sanktioniert.

Prämisse 2: Was gesellschaftlich sanktioniert ist, ist ethisch akzeptabel im Rahmen dieser Gesellschaft. Konklusion: Das Fleischessen ist ethisch akzeptabel.

Prämisse 3: Wenn eine Handlung ethisch akzeptabel ist, dann sind auch alle notwendigen bzw. praktischen Voraussetzungen für diese Handlung ethisch akzeptabel.

Prämisse 4: Die herkömmliche Fleischproduktion ist eine notwendige bzw. praktische Voraussetzung für das Fleischessen. Konklusion: Die herkömmliche Fleischproduktion, inklusive Haltung und Schlachtung, sind ethisch akzeptabel.

Prämisse 5: Für die Kunst von Nitsch werden nur Handlungen im Rahmen der herkömmlichen Fleischproduktion gesetzt.

Konklusion: Die Kunst von Nitsch ist ethisch akzeptabel, zumindest im Rahmen unserer Gesellschaft.

Mangels einer echten Diskussion über die Freiheit der Kunst, also Mangels authentischer Argumente, werde ich also obiges Argument als das grundlegende Argument der Nitsch-BefürworterInnen hernehmen. Diejenigen, die sich dadurch nicht repräsentiert fühlen, werden so vielleicht motiviert ihre Thesen endlich selbst zu formulieren.

Interessant ist an obiger Argumentation, dass sie, wenn auch nur implizit, der Freiheit der Kunst doch Grenzen setzt. So scheint die Implikation, dass jene Art der Tiernutzung, die nicht gesellschaftlich sanktioniert oder legal ist, auch für die Kunst nicht gesetzt werden darf. Das beginnt damit, dass Nitsch dann die Freiheit der Kunst überschreiten würde, wenn er die Stiere z.B. lebendig kreuzigen würde. Oder, wenn Nitsch dasselbe, was er mit den Stieren macht, mit z.B. Hunden machen würde. Die Haltung und Tötung von Hunden in der Art, wie die Nitsch'schen Stiere gehalten und getötet wurden, ist nicht gesellschaftlich sanktioniert, und, zumindest für die Produktion von Fleisch, Leder oder Pelz, nicht legal. Was also Stieren, Schweinen und Schafen im Namen der Freiheit der Kunst angetan werden darf, das darf offenbar Hunden im Namen der Freiheit der Kunst nicht angetan werden. Ein seltsamer Widerspruch, an dessen rationaler Aufklärung schon die Fleischindustrie scheitert. Es gibt dafür offensichtlich keine rationalen Argumente, zumal Hunde und Schweine z.B. sowohl was ihre Intelligenz als auch ihr Sozialverhalten betrifft sehr ähnlich sind. Bei der Fleischindustrie kann man bestenfalls erklären, warum dieser Widerspruch geschichtlich entstanden ist, nämlich, weil diese Behandlung von Schweinen aus der tierethischen Steinzeit stammt, und sich seitdem hartnäckig als irrationale Tradition hält. Bei der Kunst von Nitsch ist es möglicherweise ähnlich.

Aber es gibt eine künstlerische Nutzung von nicht-menschlichen Tieren, die an sich genommen sicher nicht gesellschaftlich sanktioniert ist. Ein Beispiel wäre das Kunstprojekt, in dem Goldfische in einem Glasbehälter von BetrachterInnen durch Einschalten eines Mixers zu Tode gebracht werden können. Es wäre interessant zu erfahren, wie Nitsch-BefürworterInnen so ein Kunstprojekt ethisch beurteilen würden. Die Grenzen der Freiheit der Kunst sind offenbar gerade in ethisch so in Veränderung befindlichen Bereichen wie der Tierethik im Moment überhaupt weder abgesteckt noch diskutiert.

Vielleicht wird versucht, die Freiheit der Kunst dadurch mit einer Tierethik kompatibel zu machen, dass die Nutzung von nicht-menschlichen Tieren zwar nicht in Frage gestellt wird, dass diese Nutzung aber so "human" wie möglich zu geschehen habe. Würde das bedeuten, dass wenn der Tierschmerz das zentrale Anliegen eines Kunstwerkes wird, das Zufügen dieser Schmerzen zwar erlaubt wäre, aber so "human" wie möglich zu geschehen habe? Das würde der Freiheit der Kunst keinerlei Grenzen setzen, weil sie immer genau den gewünschten Vorgang, und sei er maximal inhuman, als propagiertes künstlerisches Ziel deklarieren könnte. Der einzig gangbare Weg wäre dann, hier grundsätzlich Leiden als Kunstziel auszuschliessen, und nur die möglichst rasche und schmerzlose Tötung als Grenze der Freiheit der Kunst zu akzeptieren. Das würde allerdings bedeuten, dass auch Hunde oder Schimpansen statt der Stiere im Orgien Mysterien Theater verwendet werden könnten. Das wäre aber unter Garantie nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Abgesehen davon haben die nicht-menschlichen Opfer der Kunst von Nitsch sicherlich mehr gelitten als "notwendig": keines von ihnen war aus Freilandhaltung, obwohl wir ja auch von der Freilandhaltung wissen, dass sie keineswegs artgerecht ist, sondern verbesserungsfähig, und mithin also zumindest so, wie sie ist, kein minimal notwendiges Leid darstellt.

Alle diese Ansätze lassen sich also nicht widerspruchsfrei formulieren. Kehren wir daher zurück zu unserem Grundargument mit den 5 Prämissen, und kontrollieren diese möglichst objektiv.

Prämisse 1, dass Fleischessen gesellschaftlich sanktioniert ist, ist zweifellos im Moment noch richtig, obwohl z.B. die Tierrechtsbewegung hier sehr effektiv an einer Änderung arbeitet, und die ethisch-rationale Basis des Fleischessens mehr als fragwürdig ist. Aber Prämisse 2 ist sicherlich falsch. Prämisse 2 fordert, dass alles, was gesellschaftlich sanktioniert, also von einer wahlberechtigten Mehrheit akzeptiert, ist, auch ethisch akzeptabel sein muss. Prämisse 2 scheint hier vorauszusetzen, dass Mehrheiten ethische Fakten schaffen können, und, dass Ethik immer relativ zur Mehrheitsmeinung einer Gesellschaft zu verstehen ist. Das hiesse, in einer rassistischen Gesellschaft würde Rassismus ethisch akzeptabel. Rassismus ist aber niemals und unter keinen Umständen ethisch akzeptabel. Die Menschenrechte werden als Naturrechte angesehen. So ist es seit den Nürnberger Naziprozessen akzeptierte Praxis, dass die Legalität eines Verbrechens gegen die Menschenrechte in dem Staat, in dem das Verbrechen begangen wurde, keine Rolle dabei spielen darf, ob dieses Verbrechen grundsätzlich ethisch verwerflich und vor einem internationalen Gerichtshof einklagbar ist oder nicht. Die Menschenrechte sind also ein Gegenbeispiel zu Prämisse 2, und damit ist sie widerlegt.

Wenn versucht wird, Prämisse 2 dadurch zu retten, dass die Menschenrechte explizit ausgenommen werden, so bleiben wir noch immer Argumente dafür schuldig, warum grundlegende Interessen von nicht-menschlichen Tieren hier grundsätzlich anders zu bewerten wären, als dieselben Interessen von Menschen, die eben durch Menschenrechte geschützt sind. Es wäre meiner Ansicht nach sehr schwierig so ein Argument schlüssig zu führen. Legalität, bzw. gesellschaftliche Akzeptanz, sind nicht dasselbe wie Ethik. Chauvinistische Gesellschaften der Vergangenheit haben das eindeutig belegt, und zwar nicht nur bzgl. Menschenrechten.

Aber selbst wenn wir Prämisse 2 als richtig annehmen würden, stolpern wir über die Prämisse 3. Diese sagt aus, dass mit der ethischen Akzeptanz einer Handlung auch alle notwendigen Voraussetzungen für diese Handlung, als eigenständige Handlungen genommen, ethisch akzeptabel sind. In unserem Beispiel des Fleischessens hiesse das, dass, weil Fleischessen ethisch akzeptabel ist, auch die herkömmlichen Haltungs- und Tötungsformen von nicht-menschlichen Tieren für die Fleischproduktion ethisch akzeptabel sind. Gerade heute erleben wir aber, dass das i.a. nicht so gesehen wird. Die EU will jetzt 2 Millionen Rinder auf herkömmliche Weise schlachten und töten, um den Fleischmarkt zu entlasten, bzw. die Fleischpreise zu stabilisieren, nur ihre Kadaver danach nicht als Nahrungsmittel verwenden, sondern verbrennen. Dass diese Rinder nicht gegessen werden sollen, hat einen ethischen Sturm der Entrüstung ausgelöst, gerade unter FleischesserInnen. Offenbar wird die herkömmliche Haltung und Tötung von nicht-menschlichen Tieren nur dann als ethisch akzeptabel empfunden, wenn das Ziel dieser Haltung und Tötung als sinnvoll gesehen wird. Und dabei ist dieses "sinnvoll" sehr eingeschränkt zu verstehen, weil den Fleischmarkt zu entlasten oder den Fleischpreis zu stabilisieren, für sich genommen sehr sinnvolle wirtschaftliche Massnahmen, offenbar nicht als "sinnvoll" genug erlebt wird, um die herkömmliche Haltung und Tötung nicht-menschlicher Tiere als ethisch gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Dabei ist Wirtschaftlichkeit sonst ein sehr durchschlagendes Argument in unseren Breiten.

Die herkömmliche Haltung und Tötung von nicht-menschlichen Tieren in der Fleischindustrie wird also nur dann als gesellschaftlich ethisch akzeptabel zu betrachten sein, wenn das Ziel als sehr sehr "sinnvoll" einzuschätzen ist. Es stellt sich die Frage, ob die Nutzung für Kunst dieses Kriterium erfüllt. Wann ist Kunst sinnvoll? Welche Kunst ist sinnvoll, und wer entscheidet das? Die Grenzen der Freiheit der Kunst an der Sinnhaftigkeit oder dem künstlerischen Wert des fertigen Kunstwerkes festzumachen, ist offensichtlich allein schon deswegen fragwürdig, weil Kunst ja einerseits subjektiv ist, und eine solche Bewertung nicht wirklich zulässt, und andererseits oft gerade im Gegensatz zur Technik davon lebt, nicht "sinnvoll" zu sein.

Für den kritischen Verstand sehr verdächtig ist hier auch der Umstand, dass sich die Misshandlung der nicht-menschlichen Tiere im Namen der Kunst von Nitsch gezielt an der herkömmlichen Misshandlung nicht-menschlicher Tiere im Rahmen der Fleischproduktion orientiert. Das scheint zum Ziel zu haben, die etwas unkritische und irrationale Reaktion bei FleischesserInnen auslösen zu wollen: "Du isst ja auch Fleisch, da kannst Du Dich über den Nitsch nicht aufregen." Die Sinnhaftigkeit der Kunst hat also hier keine Eigenständigkeit, sondern wird hinter der Sinnhaftigkeit des Fleischessens versteckt. Das spricht dafür, dass eine eigenständige Sinnhaftigkeit dieser Kunst selbst gar nicht gesehen wird. Sonst müsste man ja nicht moralisch die Sinnhaftigkeit des Fleischessens vorschieben, sondern könnte, wie z.B. bei Tierversuchen, eine unabhängige Sinnhaftigkeit formulieren, und das angerichtete Tierleid von Vergleichen mit der Fleischproduktion freihalten. Legale Tierversuche werden als sinnvoll verkauft und akzeptiert, und dafür werden oft schwerwiegende Misshandlungen der nicht-menschlichen Opfer "in Kauf" genommen. Die Sinnhaftigkeit der Tierversuche orientiert sich also nicht am Fleischessen, sie ist eigenständig. Könnte Nitsch seine Opfer ähnlich quälen, wie das in Tierversuchen mit nicht-menschlichen Tieren geschieht? Warum nicht, wenn seine Kunst im obigen Sinne als "sinnvoll" empfunden wird?

In Österreich wurde es gesellschaftlicher Konsens, dass der ästhetische und/oder sinnliche Genuss des Tragens von Pelzen nicht genügend "sinnvoll" ist, als dass das die Pelztierleiden rechtfertigen würde. So wurden Pelztierfarmen generell verboten, obwohl deren Leiden nicht grösser ist, als z.B. das Leiden von Hühnern in der Legebatterie. Ähnliches gilt für Delikatessen wie Stopfleber oder Froschschenkel. Die Produktion von Leder versteckt sich genauso hinter der Sinnhaftigkeit des Fleischessens, wie die Kunst von Nitsch. Beides wäre offenbar für sich genommen nicht "sinnvoll" genug. Wenn nicht-menschliche Tiere ausschliesslich für die Lederproduktion in herkömmlicher Weise gehalten und getötet würden, dann wäre das genauso verboten, wie die Pelzfarmen verboten würden. Der Unterschied in der gesetzlichen Regelung zwischen Pelz- und Lederproduktion ist ja ausschliesslich der, dass Leder ein Nebenprodukt der Fleischproduktion ist. Nur deswegen ist Lederproduktion legal, aber Pelzproduktion nicht. Auf die Nitsch'sche Kunst angewendet bedeutet das, dass spätestens dann, wenn erkannt wird, dass die Schweine, Schafe und Rinder ausschliesslich für die Kunst intensiv gehalten und getötet werden, dieses Verstecken hinter der Sinnhaftigkeit des Fleischessens nicht mehr möglich ist. Genauso, wie die herkömmliche Haltung und Tötung ausschliesslich zur Lederproduktion nicht als "sinnvoll" erlebt wird, weil sonst die 2 Millionen überschüssigen EU-Rinder keine Ethikkrise heraufbeschwören hätten müssen, weil man sie ja einfach zu Leder verarbeiten hätte können. Die Nitsch'sche Nutzung nicht-menschlicher Tiere wäre also nur dann gesellschaftlich ethisch akzeptabel, wenn diese nicht-menschlichen Tiere zumindest auch zum Fleischessen gebraucht worden wären. Genau deshalb hat Nitsch diese Nutzung vorgegaukelt, bis findige BeobachterInnen aufdeckten, dass dem nicht so war bzw. ist. Zur logischen Folgerung, der ethischen Verurteilung der Nitsch'schen Kunst, kam es aber nicht, weil die ProtagonistInnen obigen Arguments sich aus Prinzip jeder rationalen Diskussion über die Grenzen der Freiheit der Kunst widersetzten.

Zusammenfassend haben wir also gefunden, dass zunächst die objektive, rationale Betrachtung die Subjektivität der nicht-menschlichen Tiere, die Opfer von Kunstprojekten sind, mit einbezieht. Demnach ist die Grenze der Freiheit der Kunst erreicht, wenn leidensfähige Lebewesen mit Bewusstsein, also Subjekte, gegen ihren Willen in das Kunstprojekt mit einbezogen, und als Objekte, als Mittel zum Zweck des künstlerischen Schaffens, missbraucht werden. Entzieht man sich dieser rationalen Diskussion durch die dogmatische Ansicht, dass nicht-menschliche Tiere nicht als Subjekte zu betrachten wären, so lässt sich dennoch keine widerspruchsfreie Formulierung finden, die gleichzeitig sowohl den gängigen Tierschutznormen genügt, als auch die Nitsch'sche oder eine gleichwertige Nutzung von nicht-menschlichen Tieren in der Kunst erlaubt. Selbst der Versuch, die Nitsch'sche Tiernutzung hinter der Sinnhaftigkeit des Fleischessens zu verbergen, schlug fehl. Keine Tiernutzung in Kunstprojekten, mit der die Tötung oder qualvolle Behandlung der betroffenen nicht-menschlichen Tiere einhergeht, ist mit Tierschutz vereinbar. Auch nicht für FleischesserInnen.

Zuletzt bleibt uns noch das praktisch-taktische Argument zu bewerten, dass selbst wenn die Nitsch'sche Kunst unethisch ist, eine Aktivität gegen sie unterbleiben sollte, weil es entweder wichtigere Tierschutzthemen gäbe, oder weil dadurch rechtskonservativem Denken Vorschub geleistet würde.

Das erstere Argument ist unrichtig, weil vom Standpunkt der Tierrechte, aber auch des Tierschutzes, das individuelle Leiden von einzelnen Lebewesen das zentrale Thema ist. Individuelles Leiden lässt sich aber nicht addieren. Wenn nur gegen die zahlenmässig grösste Tierquälerei von Wirbeltieren vorgegangen werden dürfte, dann müsste man sich wahrscheinlich ausschliesslich mit dem Fischfang beschäftigen. Nein, jedes Schicksal ist ein Einzelschicksal. Jedes Leiden unendlich wichtig. Ob jetzt das Leiden von einem oder einer Million Individuen. Jede andere Position wäre utilitaristisch, und mit grundsätzlichen Tierrechten nicht vereinbar. Aus taktischen Gründen sollten TierrechtlerInnen vielmehr eher jene Themen wählen, bei denen die Erfolgsaussichten auf Änderung am ehesten gegeben sind. Das könnte ohne weiteres die Einschränkung der Freiheit der Kunst auf tiernutzungsfreie Projekte sein.

Dass eine Kritik an Nitsch rechtskonservativem Denken Vorschub leisten muss, ist nicht notwendig gegeben. Eine sorgfältig vorgebrachte Kritik muss immer möglich sein, vor allem, wenn sie berechtigt ist, wie im vorliegenden Fall oben dargelegt. Vielmehr war es die Schuld der progressiven Medien, sich nicht auf eine ehrliche, rationale Diskussion über die Grenzen der Freiheit der Kunst einzulassen. Das hat dazu geführt, dass scheinbar jede Nitschkritik als rechtskonservativ angesehen und abgestempelt wurde, ohne nähere Betrachtung, ohne sie einer ernsthaften Kritik zu würdigen. Kein Medium war bereit, diese wichtige Diskussion aufzugreifen. Kein Medium hat den hier vertretenen Standpunkt wenigstens dargelegt. Dieses Versäumnis kann man sicher nicht Nitsch-kritischen TierrechtlerInnen in die Schuhe schieben. Jetzt von Nitsch-KritikerInnen als den RepräsentantInnen des "dumpfesten Österreich" zu sprechen, zeugt nur von der eignen Unfähigkeit zuzuhören, Vorurteile zu hinterfragen und rationale Argumente als solche zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren.

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