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Die De-Konstruktion des Mensch-Begriffs


Der „Mensch“-Begriff ist ein soziales Konstrukt, das schon seit geschichtlichen Zeiten nur dazu gedient hat und weiterhin dient, Herrschaftsstrukturen aufzubauen und zu festigen. Dieser Begriff hat keine in irgendeiner Form gerechtfertigte Basis oder Definition. Die Konsequenzen des Begriffs für die „Nicht-Menschen“ waren und sind brutale Unterdrückung, Ausbeutung oder sogar Ausrottung. Um diese Folgen abzuwenden und die Herrschaftsverhältnisse aufzubrechen ist es notwendig, den „Mensch“-Begriff zu de-konstruieren.

Der „Mensch“-Begriff hat eine lange Tradition. Schon im klassischen Altertum wurde zwischen „Menschen“ und „Barbaren“ unterschieden und damit die Ausgrenzung und Versklavung letzterer gerechtfertigt. Um ein Herrschaftsverhältnis aufzubauen muß zwischen Herrschenden und Beherrschten klar unterschieden werden. Die sprachliche Trennung in diese Kategorien geht mit dem Gefühl der Andersartigkeit der anderen, der „Nicht-Menschen“, einher, und liefert emotional und politisch die Basis für deren Unterdrückung. „Nicht-Menschen“ oder Barbaren sind hemmungslos, instinktgetrieben, kulturlos, unzivilisiert, unmoralisch, sexbesessen, ungepflegt, usw., mit einem Wort sie sind „tierisch“.

Im Mittelalter hat sich diese Trennung in „Menschen“ versus Hexen, Krüppel, Aussätzige, Asoziale etc. fortgesetzt. Körperlich Behinderte wurden als Krüppel in Freakshows auf Jahrmärkten ausgestellt, Frauen als Hexen auf Scheiterhaufen verbrannt, EinsiedlerInnen als Asoziale verfolgt. Gemeinsam ist allen diesen Mißhandlungen die begriffliche Abtrennung vom „normalen Menschen“, die Auffassung der unheimlichen Andersartigkeit dieser „Nicht-Menschen“, ihre Unberechenbarkeit, ihre Wildheit, ihre Unkultiviertheit, ihr „tierisches“ Wesen. Entsprechend wurde auch der Teufel als „das Tier“ bezeichnet und meistens mit behuftem Fuß, Hörnern und Schwanz dargestellt.

In der frühen Neuzeit setzte sich diese Begrifflichkeit fort: „Mensch“ versus Wilder, also die indigene Bevölkerung in den kolonialisierten, „neu entdeckten“ Kontinenten. Sowohl die amerikanischen IndianerInnen als auch die australischen Aborigines wurden in der Diktion der neuen MachthaberInnen als „Nicht-Menschen“ angesehen und die Unterdrückung entsprechend gerechtfertigt. Die tasmanische indigene Bevölkerung wurde wie die tasmanischen BeutelwölfInnen von den neuen europäischen Herren auf die gleiche Weise innerhalb von 100 Jahren bis zur Ausrottung gejagt. Wanderzirkusse mit „Nicht-Menschen“ als exotischen Kuriositäten, von LöwInnen und TigerInnen bis zu ganzen Stämmen und Familienverbänden von farbigen AfrikanerInnen oder IndianerInnen aus Amerika, zogen durch Europa.

Aber auch das Gegensatzpaar „Mensch“ versus Frau ist ein Aspekt des „Mensch“-Begriffs, wie er sich z.B. im englischen „man“ für „Mensch“, bzw. „mankind“ für „Mensch“heit widerspiegelt. Frauen wurden im Gegensatz zum „Menschen“ als seelenlos, irrational, emotionsgetrieben, usw. gesehen, und oft auch als sexbesessen und hemmungslos, als „tierisch“ (im Gegensatz zu „menschlich“), dargestellt.

Der „Mensch“-Begriff spielt auch in der Rechtfertigung der Todesstrafe eine wesentliche Rolle, wenn Straftaten als „bestialisch“ und die TäterInnen als „Bestien“ bezeichnet werden. In den Nachrichten wurde das Verhalten serbischer paramilitärischer Einheiten wiederholt als „wie die Tiere“ bezeichnet. So verlieren die TäterInnen den „Menschen“status und damit das Lebensrecht. Die Ideologie der Todesstrafe, harte Strafen zur Abschreckung, Strafe als Rache etc. sind die Folge.

Wenn auch die Aufklärung und einige Befreiungsbewegungen dazu geführt haben, verschiedene Gruppen von Individuen in den hehren Kreis der „Menschen“ aufzunehmen, so ist doch das Grundsätzliche geblieben: es gibt sowas wie „Nicht-Menschen“, die man generell und nach belieben unterdrücken und beherrschen kann. Als Archetypus der „Nicht-Menschen“ gilt und galt immer schon das „Tier“, und entsprechend extrem ist daher auch die Ausbeutung dieser „Nicht-Menschen“ in unserer Gesellschaft. „Nicht-Menschen“ sind völlig rechtlos, sie können besessen werden, d.h. ein „Mensch“ hat ihnen gegenüber Eigentumsrechte, „Nicht-Menschen“ gelten vor dem Gesetz als Sachen, usw.

Worauf basiert dieser „Mensch“-Begriff nun eigentlich? Wie ist er definiert? Gibt es „Menschen“ überhaupt?

Zunächst definiert unsere Gesellschaft den „Menschen“ durch seine Genetik. Aber das hat auch schon lange Tradition, Herrschaftsverhältnisse mit Genetik zu rechtfertigen. Dieser Standpunkt ist biologistisch. War der Neandertaler ein „Mensch“, oder der homo erectus, oder der Australopitecus? Ist ein gemeinsamer Nachkomme von „Menschen“ und SchimpansInnen ein „Mensch“ (ob durch Geschlechtsverkehr oder im Reagenzglas erzeugt), oder ein Nachkomme eines „Menschen“ und eines „Menschen“-SchimpansInnen Nachkommens? Offensichtlich sind auch da die Übergänge fließend und eine diesbezügliche Trennung künstlich.

Eine andere Antwort könnte sein, daß „Menschen“ durch ihr Äußeres erkennbar bzw. definierbar sind. Mit einem Blick sieht man, wer ein „Mensch“ ist und wer nicht, oder? Die mit der flachen Stirn und den großen Überaugenwülsten, oder die mit der dunklen Haut und den vielen Haaren, oder die auf allen Vieren gehen und nicht aufrecht und erhaben, das sind keine „Menschen“. Genau diese Auffassung ist aber die Grundlage für Rassismus und AusländerInnenfeindlichkeit. Herrschaftsverhältnisse lassen sich nicht mit dem Äußeren der Beherrschten rechtfertigen.

Vielleicht wird der „Mensch“ durch seine Kommunikationsfähigkeit und seinen Sozialkontakt definiert? Läßt sich die Herrschaft gegenüber „Nicht-Menschen“ damit rechtfertigen, daß diese nicht gleichberechtigte PartnerInnen in der Gesellschaft sind bzw. sein könnten? Diese Ansicht schließt allerdings einerseits senile Alte, geistig Behinderte, AutistInnen, Kleinkinder oder sogenannte Asoziale aus dem Kreis der „Menschen“ aus, andererseits übersieht sie, daß Unterdrückte durch das Unterdrückungsverhältnis bedingt keine gleichberechtigten PartnerInnen sind und ihre diesbezüglichen Fähigkeiten gar nicht unter Beweis stellen können. Auch diese „Mensch“-Definition zementiert also das Herrschaftsverhältnis ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Unterdrückten.

Auch ein Gegensatzpaar Kultur bzw. Zivilisation versus Wildnis läßt sich nicht als „Mensch“-Definition nutzen. Weil die eigene Kultur der Herrschenden natürlich als Maßstab genommen wird, zementiert diese Definition das Unterdrückungsverhältnis wie z.B. gegenüber der sogenannten 4ten Welt, der der indigenen Bevölkerungsgruppen.

Und die Sprache als Trennungsmerkmal zwischen „Menschen“ und „Nicht-Menschen“ herzunehmen hat dazu geführt, daß früher wie heute geistig und körperlich Behinderte in psychiatrischen Kliniken unwürdig gehalten, zu medizinischen Versuchen genutzt und bei Bedarf angefesselt, mit Elektroschocks gequält und niedergespritzt werden.

Vielleicht könnte der „Mensch“-Begriff negativ definiert werden, also durch das, was er nicht ist? Der archetypische „Nicht-Mensch“, das sogenannte „Tier“, wird durch sein „tierisches“ Verhalten charakterisiert. „Tierisch“ sein heißt hemmungslos, instinktgetrieben, kulturlos, wild, unmoralisch, pervers, sexbesessen, dreckig, ungepflegt, etc. sein. Eine herrschaftsfreie Auseinandersetzung mit anderen Lebewesen zeigt aber, daß es überhaupt keine Lebewesen gibt, die obiger Charakterisierung entsprechen. Allein schon der negative Beigeschmack jeder einzelnen der obigen Eigenschaften zeigt schon, daß sie nur zur Abgrenzung, zur Stigmatisierung, zur Herabwürdigung, und damit zur Unterdrückung anderer dienen.

Der „Mensch“-Begriff ist also ohne jede reale Basis, ohne schlüssige Definition, nur ein soziales Konstrukt, das dazu dient gewisse Gruppen zu unterdrücken und zu beherrschen. Irgendeine Eigenschaft wird diesen Gruppen zugeordnet, die „normale Menschen“ nicht haben, und dadurch wird die Unterdrückung gerechtfertigt. Es gibt keine herrschaftsfreie Verwendung des „Mensch“-Begriffs.

Anthropozentrismus ist die Ideologie, die auf diesem „Mensch“-Begriff aufbaut. Unsere Gesellschaft ist durch und durch anthropozentrisch, indem sie alles „Nicht-Menschliche“ verachtet, negiert und als minderwertig einstuft und entsprechend behandelt. Dieses Herrschaftsverhältnis läßt sich nur dadurch aufbrechen, daß der „Mensch“-Begriff abgeschafft wird. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft kann keine genetisch rein „menschliche“ Gesellschaft sein. In einer herrschaftsfreien Gesellschaft werden die Individuen als solche akzeptiert und nicht in Kategorien von „Menschen“ und „Nicht-Menschen“ eingeteilt. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft respektiert die verschiedenen Bedürfnisse jedes einzelnen Individuums, egal ob es ein „Mensch“ ist oder nicht. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft muß daher vegan sein.