Veganes China - Einblicke in eine verkannte Küche

Schnecken, Maden, Hunde, Katzen, alles was läuft und kriecht - die Vorurteile über die Chinesische Küche sind groß. Das waren sie auch bei mir, als ich meine Chinareise plante. Entfernte Orte wie das tiefkühltruhenkalte Jilin oder das subtropische, durch manchmal bedenklichen Haustierkonsum berüchtigte Guangdong, sorgten für große Sorgen in Sachen Lebenserhaltung eines Veganers im Land der Mitte. Darum bereitete ich mich für den Ernstfall vor: 40 Suppenwürfel, Baked Beans und Veggiekekse. So sollte es möglich sein, sich von einer mutmaßlich völlig unveganen und karnivoren Küche unabhängig zu machen. Wenig ermutigend waren auch die Berichte früherer Chinareisender à la: „Du wirst verhungern“, oder einem zynischen: „Viel Spaß, du wirst 10 Kilo abnehmen!“

In China angekommen, schienen so manche Vorurteile erst einmal bestätigt: An jeder Ecke dampften Tintenfische, Hühnerkrallen und Schaschlikspieße im Fett oder auf heißen Kohlen.

Ein Blick in das Internetforum www.happycow.net brachte Hoffnung, denn dort waren tatsächlich selbst im fernen Changchung vegetarische Restaurants verzeichnet. Nach langen Märschen durch den – 25° kalten und von wild hupenden Fußgänger_innen jagenden Autos erfüllten Alltag der betriebsamen Stadt, tauchte vor mir der buddhistische Tempel auf. Zwar hatte der Buddhismus in meinem Ansehen durch die allzu toleranten Äußerungen seines Religionsführers in Sachen Tierkonsum etwas gelitten, aber die Hoffnung war wieder da. Nach weiterem Suchen stand ich vor einem winzigen Eingang in einem Ladenlokal. Dann die Überraschung: In der Tiefkühltruhe stapelte sich das Fake-Fleisch; Berge von Tofu und frischem Gemüse machten Lust auf mehr.

Vegan in China

Die überraschten Blicke der an westliche Gesichter nicht gewöhnten Mitarbeiter_innen vergingen und ich wurde in ein Zimmer mit Tisch geführt. Später erfuhr ich, dass der letzte Westler ein Kanadier vor 7 Jahren gewesen war. Da ich die Karte nicht lesen konnte, sagte ich einfach was ich wollte. Mit etwas Hilfe war das Menü zusammengestellt: Spareribs, Hühnchen und Hot pot mit Krabben. Die Arroganz gleich drei Hauptgerichte zu bestellen lag an meinen Riesenhunger, der Feststellung, dass der Koch Veganer war und natürlich auch auf Ei und Milch verzichtete und der Tatsache, dass die Gerichte durchschnittlich 1-2 Euro kosteten.

Veganes Restaurant in China
Was dann kam war gigantisch: riesige Portionen, perfekt gewürzte knusprige Spareribs, ein Hühnchen, das eher nach Räucheraal schmeckte, und eine extrem scharfe, aber sehr leckere Suppe mit diversen Dingen, die an Seegurken und Muscheln erinnern sollten. Das Essen hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem faden Allerlei deutsch-chinesischer Küche à la Fastenspeise, immer gleich, dafür mit viel Glutamat, zu tun. Es war ein Genuss. Dieser wurde auch nicht durch die kleine Kakerlake geschmälert, die kurz vorbeischaute und vom Koch rücksichtsvoll und vor allem lebendig aus dem Zimmer gebracht wurde. Selbst aus einfachen Tofugerichten zauberte der Koch extrem leckere Speisen, auch wenn asiatischer Seidentofu nicht jedermenschs Sache ist. Auch die Nachspeisen waren hervorragend. Ohne Ei und Milch wurden Knödel mit Pflaumenfüllung, Pudding oder schwer einzuordnende, aber leckere Backwaren dargereicht.


Diese Erlebnisse wiederholten sich mehrmals. Immer wieder wurden meine Erfahrungen, die ich immerhin in dutzenden veganen und vegetarischen Restaurants weltweit gemacht hatte, übertroffen. Speziell die Tatsache, dass das Essen eben nicht auf aufgewärmte oder frittierte Fake-Hähnchen begrenzt wurde, sondern eine ganzheitliche Mischung aus hervorragendem Gemüse, exotischen Zutaten und perfekten Saucen darstellte und gewürzt war, machte das Essen so besonders. Ich lernte neben Seitan und TSP auch neue Fleischersatzzutaten wie den Affenkopfpilz kennen, der mir dank seiner sehr fleischähnlichen Konsistenz ein Schaudern auf den Rücken zauberte.

Veganes Essen in China
Auch die öffentlichen Märkte konnten sich sehen lassen. Dort stapelten sich zu sensationellen Preisen sämtliche bekannte Gemüsesorten, sowie vieles Unbekanntes aber sicher Schmackhaftes. Auch Berge kunstvoll zubereiteten Tofus und diverser Pilzsorten waren zu finden. Ein Paradies für Veganer_innen, wenn mensch das Glück hat eine Küche zur Verfügung zu haben.Veganes Essen in China
Mit diversen Koch- und Zubereitungstipps des Meisterkochs aus Changchung und einem 5-kg-Sack  Affenkopfpilze machte ich mich auf den Heimweg. Abgenommen hatte ich in China wohl kein Gramm, obwohl die meisten Speisen nicht allzu fettig zubereitet gewesen waren. Aber dazugewonnen hatte ich die Erfahrung, dass die Chinesische Küche eben nicht nur aus Tierprodukten besteht, sondern eine der vielfältigsten und gerade für Freund_innen des Fleischersatzes besten veganen Küchen weltweit darstellt.

 

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