Biologismus und Tierrechte


In unserer anthropozentrischen Gesellschaft werden nicht-menschliche Tiere als Instinktmaschinen angesehen und auf ihre Biologie reduziert. Daß es sich dabei aber um waschechten Biologismus handelt läßt sich leicht z.B. anhand der Homosexualität nicht-menschlicher Tiere zeigen. Zu behaupten daß Menschen auch Tiere sind ist also selber nicht biologistisch, weil Menschen auch als Tiere nicht auf ihre Biologie reduzierbar sind. Gerade weil sogenanntes „natürliches“ Verhalten, wie das Fleischessen oft genannt wird, noch lange kein ethisch richtiges Verhalten ist, wie in der rational-ethischen Forderung nach Veganismus zum Ausdruck kommt, ist bewiesen, daß der Denkansatz der Tierrechtsbewegung dem Biologismus diametral entgegen steht.

Daß unsere Gesellschaft durch und durch anthropozentrisch ist, ist kein Geheimnis mehr. Schon seit 2000 Jahren wird der „Mensch“ – was auch immer damit bezeichnet wurde – als „Maß aller Dinge“ oder als „Krone der Schöpfung“ gesehen. Im Bewußtsein der Menschen sind die Menschen die BewohnerInnen der Erde. Daneben gibt’s die Natur quasi als Ausstattung dieser Wohnung. Dazu gehören „Tiere“, Pflanzen und Pilze. Und dann gibt’s noch die unbelebte Natur, quasi als Wohnraum.

In science fiction Geschichten, wie z.B. in den Star Treck Folgen, sind die BewohnerInnen anderer Sonnensysteme immer so menschenähnliche Kreaturen, mit im Prinzip ganz ähnlichen Verhaltensweisen wie die Menschen auf der Erde, mit Augen als wichtigstem Sinnesorgan, mit Greifhänden, mit zweibeiniger Fortbewegung und mit einer ähnlichen Sprache. Dabei könnte man genausogut Delphine als die BewohnerInnen der Erde ansehen, oder mit gleichem Recht die Ratten, wenn die Anzahl der Individuen ausschlaggebend sein sollte, oder auch andere Tiere. Und die nicht-menschlichen Tiere mit den Pflanzen und Pilzen in einen Topf „Natur“ zu werfen geschieht auch ohne jemals hinterfragt zu werden. Dabei schwingt diese Idee mit, daß „Tiere“ eben – wie Pflanzen und Pilze – auf ihre Biologie reduzierbar wären, daß sie eben Instinktmaschinen sind, kein Bewußtsein haben, oder zumindest keinen freien Willen, nicht selbst entscheidungsfähig sind sondern nur reagieren können, biologisch-genetisch determiniert, ohne Kultur oder sonstige über den Instinkt hinausgehende Intelligenzleistungen.

Diese Sichtweise hat in der heutigen Zeit noch immer eine breite Basis, weil die frühe Ethologie wissenschaftliche Bestätigungen dafür zu liefern vorgab. Konrad Lorenz und KameradInnen sperrten z.B. Tauben unmittelbar nach der Geburt in Rohre, sodaß sie ihre Flügel nie strecken oder bewegen konnten, um festzustellen ob das Fliegen angeboren oder angelernt wäre. So tierverachtend brutal diese „Forschung“ war, so sinnlos und nichtssagend waren ihre Ergebnisse. Ein vielzitiertes Beispiel solcher „Wissenschaft“ lieferte die so bezeichnete „Eirollbewegung“ bei der Graugans.

Konrad Lorenz fand, daß wenn einer Graugans, die im Nest auf ihren Eiern sitzt, ein Ei wegrollt, sie es in einer typischen Bewegung mit dem Schnabel wieder in das Nest zurückschiebt. Nimmt ihr jemand das herausgerollte Ei unter der Bewegung weg, so vollendet sie die Bewegung nichtsdestotrotz als ob sie ein Ei führen würde. Die EthologInnen waren begeistert und die antropozentrische Welt wieder im Lot: die „Eirollbewegung“ ist eine reine Instinktbewegung, sie lauft ohne Einsicht der Gans ab, und mithin sind Graugänse Instinktmaschinen!

Doch diese Schlußfolgerung ist bei genauerem Hinsehen ähnlich falsch und im Grunde ideologisch motiviert, wie die Ergebnisse der „Rassenlehre“. Ein Beispiel aus der Selbstbeobachtung: Da ich zu Hause für viele Jahre lang Schlapfen trug, und diese die Eigenschaft haben, sich von Socken nicht so leicht abstreifen zu lassen, gewöhnte ich mir vor Verlassen der Wohnung an die Füße drei- viermal kräftig zu schütteln, um die Schlapfen abzustreifen und in die Schuhe steigen zu können. Und siehe da, eines Tages ertappte ich mich dabei diese „Schlapfenabschüttelbewegung“ durchzuführen bevor ich in die Schuhe stieg, ohne überhaupt Schlapfen anzuhaben. Aha, auch ich handle ohne Einsicht in meine Instinkte, auch ich bin nur eine Instinktmaschine, oder was?

Ein anderes Beispiel wäre die „Visieröffenbewegung“ beim Stehenbleiben mit dem Motorrad vor einer Ampel, weil sonst das Visier des Vollvisierhelms anlaufen würde. Wenn man lange genug Motorrad fährt, mit Vollvisierhelm, und sich dann ehrlich beobachtet, wird man finden, daß man diese „Visieröffenbewegung“ ebenso im Leerlauf durchführen wird, wenn das Visier z. B. schon offen ist, oder wenn man einmal gar kein Visier auf dem Helm hat.

Naja, findige EthologInnen antworten mir hier vielleicht, daß die Graugans sich instinktiv „eirollbewegt“, während ich mich nur angelernt „schlapfenschüttel-„ oder „visieröffenbewege“. Aber da kann ich auch Beispiele auftischen, die in der Sprache der EthologInnen „angeboren“ sind, wie zum Beispiel die ruckartigen Hüftenbewegungen beim menschlichen Mann während des Orgasmus. EthologInnen erklären uns, diese Bewegungen sind instinktiv und dienen der Deponierung vom Samen so tief als möglich in der Vagina der Sexualpartnerin um die Befruchtungschancen zu verbessern. Da der Sex aber nur in den seltensten Fällen der Fortpflanzung dient, vollführen die Männer diese „Hüftruckbewegung“ beim coitus interruptus genauso wie bei der Masturbation, beim Analverkehr oder auch beim Sexualverkehr mit sicherer Verhütung, ohne jegliche Einsicht in die funktionale Sinnhaftigkeit ihres Tuns!!

Warum auch immer, aber man hat eben einfach das Bedürfnis diese Handlungen zu setzen, und es ist einem egal ob sie einen funktionalen biologischen evolutionären Sinn erfüllen oder nicht. Ähnlich, so vermute ich, geht’s der Graugans mit den aus ihrem Nest gerollten Eiern. Da ich mir sicher bin keine Instinktmaschine zu sein, folgere ich messerscharf, daß das „Eirollbewegungs“-Argument bei der Graugans auch kein Argument dafür sein kann, daß sie eine willenlose Instinktmaschine ist.

Läßt man sich auf eine Beziehung mit selbstbestimmt und selbstorganisiert lebenden nicht-menschlichen Tieren ein, so erkennt man sehr bald, daß sie keine Instinktmaschinen sind. Das möchte ich anhand der Homosexualität, als eines von vielen Beispielen, erläutern, das ich in diesem Fall der Zeitschrift FACTS Nr. 28, 1999, Seite 84-87 entnehme.

In dem Artikel "Aus purer Lust" beschreibt die Autorin Gaby Schweizer, daß die Verhaltensforschung bei Freilandbeobachtungen bei 450 Tierarten Sex zwischen gleichgeschlechtlichen PartnerInnen nachgewiesen hat. Delfinfrauen schieben ihre Flosse in den Genitalschlitz der Partnerin, Bonobomänner lutschen am Penis anderer Männer, männliche Seekühe bearbeiten die Männlichkeit ihres Partners mangels Händen mit den Flossen, Flußdelfine stecken ihren Penis ins Blasloch des Kumpanen, Koalafrauen besteigen andere Koalafrauen und reiben ihre Vaginas aneinander und männliche Elefanten sowie männliche Giraffen wurden beim Analverkehr beobachtet (für die letzteren beiden Beispiele sind auch eindeutige Fotos im Artikel abgebildet). Vom gelegentlichen homosexuellen Seitensprung bis zur lebenslangen Bindung haben ForscherInnen alle Zwischenstufen beobachtet. Bei über 60 Tierarten wurden Individuen gesehen, die ausschließlich homosexuell sind, d.h. überhaupt keine heterosexuellen Kontakte oder Beziehungen eingehen, und bei Silbermöwen, Pinguinen und Schwänen z.B. sind sich manche dieser Individuen in ihren homosexuellen Beziehungen ein Leben lang treu geblieben.

Noch immer will die Homosexualität nicht ins Bild passen, das sich die Wissenschaft von der Evolution macht. Homosexuelle Handlungen bei Killerwalen werden als "unpassend" und beim Grasläufer als "sexueller nonsense" beschrieben. Reiben zwei Bonobofrauen ihre Geschlechtsteile aneinander und stossen dabei Schreie aus, greifen BiologInnen nach Worten wie "Begrüssungsverhalten", "Beruhigungsverhalten", "Versöhnungsverhalten" oder gar "Futteraustauschverhalten". Alles mögliche soll es darstellen, nur nicht vergnügliches Sexualverhalten.

Die Homosexualität bei nicht-menschlichen Tieren paßt den Menschen eben nicht ins Konzept „Tier als Instinktmaschine“, weil die Sexualität ja der Fortpflanzung dienen soll, und die Homosexualität damit evolutionär unerklärlich und unnatürlich erscheint. Gängige Erklärungsmodelle für Homosexualität bei nicht-menschlichen Tieren waren bisher:

· Homosexualität ist ein Ersatz für Heterosexualität, wenn geeignete PartnerInnen fehlen. FALSCH. Bei sehr vielen Tierarten hat man homosexuelle Individuen gefunden, die mögliche PartnerInnen des anderen Geschlechts ignorieren, auch wenn genügend da sind.

· Gefangenschaft ist die Ursache von Homosexualität. FALSCH. Es gibt eben beliebig viele Beispiele freilebender homosexueller nicht-menschlicher Tiere.

· Homosexuelle Paare dienen Verwandten als HelferInnen beim Aufziehen von Kindern. FALSCH. Es gibt weibliche homosexuelle Paare, die selber Kinder aus bisexuellen Seitensprüngen haben, es gibt homosexuelle Individuen, die überhaupt niemandem beim Aufziehen von Kindern helfen, es gibt Individuen, die im schwangeren Zustand homosexuelle Beziehungen eingehen, etc.

· Bisexualität sei evolutionär erfolgreicher: z.B. wenn eine männliche Gans mit einer weiblichen Kinder hat, dann die Partnerin verjagt und eine homosexuelle Beziehung eingeht. Die beiden homosexuellen Ganter wären dann als Paar allen anderen Paaren überlegen und würden in der Gruppe dominieren, und ihre Kinder damit die besten Chancen haben. Dennoch, FALSCH. Es gibt z.B. Homosexualität ohne Bisexualität.

Mit anderen Worten, evolutionär hat sich die Sexualität mit ihrem gesamten Gefühlskomplex schon längst von der bloßen Fortpflanzung entkoppelt und verselbständigt, und zwar nicht nur beim Menschen. Die Sexualität kann dadurch Bedeutungen im Gefühlsleben bekommen, die weit über die Funktionalität der Fortpflanzung hinausgehen. In dem Moment, in dem das Bewußtsein eine Rolle spielt, läuft eben nichts mehr rein mechanisch-instinktiv ab.

Diese und viele weitere Beispiele belegen eindeutig, daß nicht-menschliche Tiere auf ihre Biologie zu reduzieren wesentliche Teile ihrer Persönlichkeit, ihrer Individualität und ihres Lebens außer acht läßt, und damit völlig falsch und biologistisch ist. Es wird daher notwendig diese Denkhierarchie von Menschen als BewohnerInnen der Erde, und „Tieren“ als Teil der natürlichen Ausstattung der Erde aufzubrechen. Die Tiere, inklusive der Menschen, sind nicht auf ihre Biologie reduzierbar. Durch ihr Bewußtsein haben sie eine eigene Individualität und Persönlichkeit, einen freien Willen und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, also einen immanenten Wert unabhängig von ihrer Biologie.

Ein anderer Aspekt des Biologismus ist, daß versucht wird gewisse eigene Verhaltensweisen, die selber gesetzt werden, aber rational nicht gerechtfertigt werden können, als „natürlich“ zu erklären. Ein typisches Beispiel dazu im Bezug auf die Ausbeutung nicht-menschlicher Tiere ist das Fleischessen, oder die Abscheu bzw. das Grausen vor Individuen gewisser anderer Tierarten, oder die Bevorzugung von Angehörigen der eigenen Art, oder einfach Tierausbeutung zur Unterhaltung. Es ist geradezu verblüffend mit was für einer Besessenheit verschiedene VerhaltensforscherInnen und AnthropologInnen sich gegenseitig bestätigen, daß die Menschen „natürlich“ JägerInnen und SammlerInnen sind, meistens die Männer die Jäger und die Frauen die Sammlerinnen, und daß das schon immer so war, seit Millionen von Jahren. Ein Hinterfragen dieser Thesen zeigt sehr bald, auf was für einem unsicheren Boden sie stehen, und daß der diesbezügliche Konsens nur auf dem Wunschdenken nach Erhaltung des gesellschaftlichen Status Quo basiert.

Ein paar Beispiele zur Kritik an dieser These: Noch bis vor 100,000 Jahren hat es nicht einmal irgendwelche Waffen gegeben, mit denen die Menschen auf Entfernung töten – und damit jagen – hätten können. Kratzspuren von Steinwerkzeugen an verschiedenen Knochenfunden von als Jagdopfer betrachteten Tieren zeigten eindeutig, daß das Tier vorher gestorben war, bevor die Kratzspuren entstanden sind, und also wenn überhaupt, dann die Menschen als AasfresserInnen und nicht als JägerInnen betrachtet werden müssen. Aber Aasfressen hat halt nicht so einen hehren Ruf wie die Jägerei, ist eben nicht Zeichen der eigenen Überlegenheit! Viele weitere Beispiele könnten folgen, von wegen Darmlänge, Zahnstruktur, körpereigener Vitaminproduktion bei Menschen usw. usf.

Zuletzt ein Gegenbeispiel aus dem täglichen Leben: Sooft ich mit Menschen durch die Bergwälder wandere, und wir auf Heidelbeerfelder oder Eierschwammerlkolonien stoßen, gibt’s kein Weiterkommen mehr: alles sammelt mit Begeisterung die Beeren oder Pilze ein. Sooft ich aber mit Menschen in Bergwäldern auf Schneehasen oder Rehe stoße, bewundert man sie still und leise, aber kein Mensch kommt auf die Idee diese Tiere jagen oder essen zu wollen! Wenn also schon angeborenes „natürliches“ Eßverhalten angenommen wird, liegt es dann näher anzunehmen, daß der Mensch Sammler oder Jäger ist, frag ich mich dann.

Aber die wesentliche Aussage der Tierrechtsidee dazu ist die, daß es egal ist, welche Handlung „natürlich“ wäre und welche nicht. Wesentlich ist, was sich unabhängig davon als moralisch richtige Handlung erweist. Und dafür spielt jegliche Art von „Natürlichkeit“ überhaupt keine Rolle. Daher ist die Position der Tierrechtsbewegung die Antithese zum Biologismus.

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