Abschaffung versus Reform
oder: Welche Kampagnen führen letztendlich zu Tierrechten?

Tierschutz und Tierrechte

Tierschutz und Tierrechte haben an und für sich eine gänzlich verschiedene Geschichte und gänzlich verschiedene Ansprüche. Tierschutz entstand als Idee schon Mitte des 18. Jahrhunderts. Der erste Tierschutzverein der Welt wurde 1824 in England, der erste Österreichs, der Wiener Tierschutzverein, 1846 in Wien gegründet. Das erste Tierschutzgesetz bei uns entstand im selben Jahr. Tierschutz ist durch Mitgefühl motiviert, das Ziel ist, das Leiden der Tiere zu minimieren. Die ersten Tierschutzvereine arbeiteten ausschließlich daran, in Not geratenen Tieren – vor allem Haustieren – zu helfen. Das Töten selbst ist dabei kein ethisches Thema. Der Nutzungsanspruch des Menschen an die anderen Tiere wird nicht in Frage gestellt. Die Nutzung sollte eben möglichst human erfolgen, das notwendige Leiden auf ein Minimum reduziert werden. Das Mensch-Tier Verhältnis in der Gesellschaft wird nicht in Frage gestellt. Die Tierschutzbewegung versteht sich selbst als sozial – sie will helfen – aber nicht als politisch – sie will nicht die Gesellschaft grundsätzlich verändern. Tierschutz fordert die Menschen auf, gute Menschen zu sein, Tiere zu schonen, Mitgefühl zu zeigen.

Grundsätzlich anders ist im Vergleich dazu die Tierrechtsbewegung. Sie fordert den Respekt vor den gleichen Grundrechten aller Tiere ein. Der Wert eines Tieres soll sich nicht mehr an seinem Wert für die Menschen, an seinem Nutzen, orientieren. Das individuelle Tier wird vom Objekt zum Subjekt, von der Sache zur Person. Die ersten Ideen in diese Richtung wurden Anfang des 19. Jahrhunderts von Lewis Gompertz formuliert, bereits Ende des 19. Jahrhunderts gibt’s den ersten Tierrechtsverein, die Humanitarian League, die von Henry Salt gegründet worden ist. Der Tierrechtsbewegung geht es nicht mehr um das Minimieren von Leiden, sondern um Grundrechte, die die Autonomie der Tiere, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, garantieren. Daher ist der Tod vom Standpunkt der Tierrechte der größtmögliche Schaden, den man ihnen zufügen kann, er ist die ultimative Verletzung ihres Rechts auf Autonomie, ethisch unmittelbar relevant. Die Tierrechtsbewegung möchte das Mensch-Tier Verhältnis grundsätzlich ändern, sie stellt den Nutzungsanspruch der Menschen an andere Tiere in Frage. Sie versteht sich daher als politische Bewegung. Sie fordert alle Menschen auf, gerecht zu handeln, und die Grundrechte anderer Tiere zu respektieren. Die zentrale Motivation für Tierrechtsaktivismus ist, Ungerechtigkeiten in der Welt zu beseitigen.

Von Tierschutz zu Tierrechten

Um zu Tierrechten zu gelangen, so könnte man aufgrund dieser Analyse meinen, ist Tierschutz der falsche Weg. Tierrechte sind etwas grundsätzlich anderes, und daher vermutlich auf einem grundsätzlich anderen Weg zu erreichen. Wie soll sich aus einem Denken innerhalb des Tierschutzes, ohne die Tiernutzung grundsätzlich in Frage zu stellen, eine Einstellung wie Tierrechte ergeben? Ist nicht sogar, schlimmer noch, ein guter Tierschutz, eine „artgerechte“ Haltung und eine „humane“ Tötung, ein Ruhepolster, um sich den viel mühsameren und tiefgreifenderen Fragen nach Tierrechten gar nicht zu stellen?

Auf den zweiten Blick erkennt man allerdings, dass so einfach die Sache nicht ist. Erinnern wir uns: die Motivation für Tierschutz war Mitgefühl, die Grundidee Leiden zu vermeiden. Sind nicht praktisch alle TierrechtlerInnen auch von derartigen Gefühlen beeinflusst? Ist es, rein praktisch-psychologisch, überhaupt möglich, TierrechtlerIn zu werden, ohne durch Mitgefühl bei Tierleid zum Nachdenken über diese Fragen motiviert worden zu sein? Kamen nicht alle, die heute vegan leben, ohne Tiere auszubeuten, über Zwischenschritte, wie nur mehr teurere Tierprodukte – und dafür seltener – aus Freilandhaltung zu kaufen, oder wenigstens vegetarisch zu leben, zu dieser Einstellung? Heißt das vielleicht, die geschichtlich-philosophische Unterscheidung von Tierrechten und Tierschutz suggeriert eine Kluft, die in der realen Praxis gar nicht existiert?

Eine weitere Beobachtung bestätigt diese Ansicht. In der Realität haben sich Tierschutzgesetze bereits vom oben skizzierten Tierschutzideal entfernt und Richtung Tierrechte bewegt. Betrachten wir einige Beispiele von Gesetzen, die selbst die „humane“ Nutzung von nichtmenschlichen Tieren verbieten:

  • §6 (2) Tierschutzgesetz: Hunde und Katzen dürfen zur Produktion keines Tierproduktes wie Pelz oder Fleisch verwendet werden
  • §25 (5) Tierschutzgesetz: Keine Tiere dürfen gehalten werden, um aus ihnen Pelz zu gewinnen
  • §27 (1) Tierschutzgesetz: Die Nutzung von Wildtieren im Zirkus ist grundsätzlich verboten
  • §3 (6) Tierversuchsgesetz: Es ist verboten Menschenaffen (Schimpanse, Bonobo, Gorilla, Orang Utan und Gibbon) zu irgendwelchen Tierversuchen heranzuziehen, die nicht im Interesse der betroffenen Individuen sind

 

Einige Gesetze greifen bereits direkt in das Mensch-Tier Verhältnis ein und unterminieren das grundsätzliche Nutzungsrecht des Menschen:

  • §285a Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch: Tiere sind keine Sachen
  • Verfassung: Der Staat schützt das Leben und das Wohlbefinden der Tiere als Mitgeschöpfe des Menschen
  • §41 Tierschutzgesetz: In jedem Bundesland gibt es eine Tierschutzombudsschaft, die, analog zu Anwaltschaften, in Verwaltungsverfahren und Verwaltungsstrafverfahren nach dem Tierschutzgesetz auf Seiten der betroffenen nichtmenschlichen Tiere eingreifen können, indem sie Akteneinsicht haben und z.B. gegen Freisprüche von TierquälerInnen berufen oder Gutachten einbringen oder ZeugInnen aufrufen

Und einige Gesetze verbieten dezidiert die Tötung von Tieren, auch wenn sie noch so „human“ und schmerzfrei geschieht:

  • §6 (1) Tierschutzgesetz: Es ist verboten, Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten
  • §222 (3) Strafgesetzbuch: Es ist verboten, Wirbeltiere ohne vernünftigen Grund zu töten
  • Verfassung: Der Staat schützt das Leben von Tieren als Mitgeschöpfe des Menschen

Politisch lässt sich tatsächlich ein kontinuierlicher Übergang von der komplett willkürlichen Nutzung der Tiere, über den Tierschutz, bis zu vollständig gleichen Tierrechten, für die auch das Leiden und das Leben aller Tiere gleich zu bewerten ist, angeben:

Willkürliche Nutzung der Tiere
   → indirekter Schutz (das Verbot, Tiere zu quälen, wenn es Menschen stört)
      → minimaler direkter Schutz (das Verbot, Tiere übermäßig zu quälen)
         → relevanter Schutz ökonomisch irrelevanter Tiere (Haustierschutz)
            → ökonomisch einschneidender Tierschutz (z.B. Legebatterieverbot)
               → radikale Nutzungseinschränkung (z.B. nur Freilandhaltung)
                  → Tötungsverbot
                     → sogenannte „schwache Tierrechte“ nach Mary Midgeley
                        → das einzige Recht, dass Tierschutzgesetze eingehalten werden
                           → Grundrechte für manche Tiere (z.B. Menschenaffen: Great Ape Project)
                              → Grundrechte für alle Tiere
                                 → gleicher Lebenswert für alle Tiere (inkl. Menschen)

Von Tierschutz zu Tierrechten zeigt sich also – trotz einer historisch-philosophischen Kluft – psychologisch und realpolitisch ein Kontinuum. Das heißt einerseits, dass es zumindest möglich, wenn nicht sogar statistisch sehr wahrscheinlich ist, dass sich eine Person vom Tiernutz über den Tierschutz zum Tierrecht psychologisch entwickelt. Und es ist ebenso zumindest möglich – wenn wir auch dazu bisher noch keine statistischen Daten über die Wahrscheinlichkeit haben – dass sich eine Gesellschaft politisch über den Tierschutz zu Tierrechten entwickelt. Aus grundsätzlichen Gründen ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht.

Die einfachste Art zu leben: Massentierhaltungsprodukte

Die praktische Erfahrung zeigt, dass es sehr schwer ist, Durchschnittsmenschen mit der Tierrechtsbotschaft zu erreichen. Am einfachsten ist es, eine Person vom veganen Leben zu überzeugen, wenn diese Person einer veganen Umgebung ausgesetzt wird. Tierrechtsgruppen machen häufig die Erfahrung, dass interessierte Personen als neue AktivistInnen bei ihnen mitmachen wollen, die aber selbst nicht vegan leben. Im allgemeinen dauert es nicht besonders lang, bis diese Person dann praktisch automatisch und ohne extra rationale Überzeugungsarbeit selbst vegan zu leben beginnt. Das soziale Umfeld hat für sozial lebende Tiere wie die Menschen eine sehr prägende Funktion. Umgekehrt bedeutet das aber, dass Personen, die in einer rein speziesistischen Gesellschaft aufwachsen, ganz zwanglos und ohne darüber nachzudenken, speziesistisch werden und entsprechend handeln.

Werden diese Personen jetzt durch eine Berichterstattung in den Medien, oder durch einen zufälligen Besuch beim veganen Sommerfest, oder durch ein intensives Gespräch am Tierrechts-Infostand usw. plötzlich auf die Tierrechtsproblematik und den Veganismus aufmerksam, dann kann zwar unter Umständen ein Bewusstseinswandel eintreten und sie entscheiden vegan zu leben. Durch den Einfluss der sie umgebenden Gesellschaft ist das aber meistens nur von kurzer Dauer.

In einer so stark speziesistischen Gesellschaft wie der unsrigen ist es ein großer Energieaufwand vegan zu leben. Da ist einerseits der psychologische Druck, nicht mehr „normal“ zu sein und aus der Gesellschaft herauszustechen. Mit dem bisherigen Freundeskreis und der Familie sind Konflikte vorprogrammiert. Einerseits wirkt man plötzlich so kompliziert und fundamentalistisch, wenn plötzlich kein unbedachter Konsum mehr möglich ist und die kleinsten Details der Liste der Inhaltsstoffe gelesen werden müssen. Andererseits fühlen sich die FreundInnen und Familienmitglieder kritisiert: immerhin verweigert man das gleiche Essen, das sie konsumieren, aus ethischen Gründen.

Aber damit enden die Probleme nicht. Im Arbeitsumfeld, bei der Freizeitgestaltung, beim täglichen Einkauf, im Gasthaus usw., immer bedarf die vegane Lebensweise des Energieaufwandes sich zu rechtfertigen, nachzufragen, anderen auf die Nerven zu gehen, sich oft zurück zu halten, oder nicht das billigste und am leichtesten Erreichbare zu kaufen. Dieser stetige Zusatzaufwand erodiert die Motivation. Zusätzlich sieht man selbst trotz doch dramatischer Änderung des eigenen Lebenswandels keine Änderung in der Gesellschaft. Langsam wird also die Motivation immer schwächer, bis man sich anpasst und mit dem Veganismus wieder aufhört. Das geschieht besonders dann, wenn man im eigenen Leben eine Krise durchmacht, oder durch anderweitige Lebensumstellungen, wie einen neuen Job, eine neue Partnerschaft, eine Familiengründung oder einen Umzug, unter extra Stress steht oder andere Aspekte des Lebens wichtiger werden.

Diese Ausführungen lassen sich in einem Bild veranschaulichen:Stabilitätshypothese

 

Die Art und Weise wie die Gesellschaft organisiert ist, das Gesellschaftssystem, verändert das Kontinuum von Tiernutz über Tierschutz zu Tierrechten (oben) zu einer strukturierten Kurve (darunter). Einzelne Menschen muss man sich jetzt wie Kugeln vorstellen, die auf dieser Struktur existieren. Ohne Energieaufwand rollen die Kugeln in das Minimum, die tiefste Stelle, hinein. In unserer Gesellschaft ist das der Konsum von Massentierhaltungsprodukten. Menschen, die sich noch brutaleren Tiernutz wünschen, wie illegale Tierkämpfe oder Tierfolter aus Spaß, befinden sich links von diesem Minimum, auf einer sehr steilen Fläche. Da diese Verhaltensweisen verboten sind, ist es ein hoher Energieaufwand an dieser Stelle zu bleiben. Umgekehrt, wenn sich die Menschen in Richtung mehr Tierschutz oder mehr Tierrechten bewegen wollen, dann müssen sie sich rechts vom Minimum aufhalten. Auch dort geht es bergauf, und will man an diesen Orten bleiben (z.B. nur Freilandhaltungsprodukte konsumieren, oder – noch weiter rechts – nur vegetarisch leben, oder – ganz rechts – sogar vegan leben), dann wird der Aufwand immer größer. Wessen Motivation nachlässt, wer nicht mehr bereit ist, soviel Zeit und Energie in diese Lebensweise zu investieren, rollt wieder in das Minimum des normalen Massentierhaltungsproduktkonsums zurück.

Veganisierung durch Systemänderung

Damit derartige singuläre, individuelle Ereignisse, wie wenn eine Person auf die vegane Lebensweise umsteigt, im Großen eine politische Bedeutung bekommen, müssten sie massenhaft auftreten. In Österreich sterben jedes Jahr etwa 80.000 Menschen und neue 80.000 Menschen kommen durch Geburt oder Migration dazu. Um auf diesem Weg auf lange Sicht eine Änderung der Gesellschaft zu erreichen, müsste also deutlich mehr als diese Größenordnung an Menschen pro Jahr vegan werden. In der Realität sind wir aber meilenweit von einer derartigen Entwicklung entfernt, obwohl bereits seit 130 Jahren ethisch motivierte vegetarische Gasthäuser existieren und gerade um die Jahrhundertwende 1900 eine Vielzahl vegetarischer Vereine entstanden ist, die versucht haben, die Menschen vom Tierkonsum abzubringen. Die Zwänge des Lebens in einer speziesistischen Gesellschaft sind eben zu groß. Nach 130 Jahren Versuche, durch individuelle Überzeugung das tierkonsumfreie Leben zu verbreiten, kann man nicht behaupten, es wäre eine vegane Revolution in absehbarer Zukunft zu erwarten. Dafür gibt es keine Anzeichen.

Eine Untersuchung des VGT bestätigt diese Vermutung. Bei einer vom renommierten IFES Institut durchgeführten Studie kam heraus, dass im Jahr 2004 insgesamt 86% der Bevölkerung für eine Legebatterieverbot waren, während gleichzeitig 80% der gekauften Eier aus Legebatterien stammten (http://www.vgt.at/presse/konferenz/20040226umfrage/index.php). Zu diesem Zeitpunkt hatte also die große Mehrheit der BürgerInnen die Überzeugung, dass die Käfighaltung von Legehennen unethisch sei, gleichzeitig kaufte sie aber weiterhin die billigsten und überall erhältlichen Käfigeier. Also selbst wenn diese Leute bereits von der Richtigkeit eines anderen Verhaltens überzeugt waren, so waren die gesellschaftlichen Zwänge doch so stark und die Motivation so gering, dass die allermeisten nicht nach ihrer Überzeugung gehandelt haben. In allen Supermärkten waren die billigsten und am leichtesten erreichbaren Eier aus Käfighaltung. In jedem Hotel und jeder Gastwirtschaft gab es keine Alternative. Wenn man selber Zeit und Geld investiert, um z.B. Freilandeier zu kaufen, zeigt sich kein signifikanter Wechsel in der Gesellschaft. Diese Aspekte zusammen brachten die allermeisten Leute offensichtlich dazu, entgegen ihrer Überzeugung mit dem Strom zu schwimmen und den einfachsten, widerstandslosesten Lebenswandel zu wählen und Käfigeier zu konsumieren.

Doch diese Eigenschaft der meisten Menschen, lieber mit dem Strom schwimmen zu wollen und den Weg des geringsten Widerstands zu wählen, hat auch ihr Gutes. Wie gesagt, auf diese Weise lassen sich Menschen sehr leicht zur veganen Lebensweise bringen, wenn sie in eine vegane Umgebung eingebettet zu leben beginnen. Sogenannte Sekten machen sich diese Eigenschaft sozial lebender Wesen zu nutze, indem sie abgeschlossene Gemeinschaften bilden und dadurch oft Lebensformen entwickeln, die in der Restgesellschaft völlig absurd wirken und für in der Restgesellschaft lebende Mitglieder nicht lange durchzuhalten wären. Die Tierrechtsbewegung begnügt sich aber nicht damit, vegane Lebensgemeinschaften zu etablieren. Sie möchte die Gesellschaft ändern. Wie lässt sich das bewirken?

Im Jahr 1996 begann die österreichische Tierrechtsbewegung mit einer intensiven, konfrontativen Kampagne gegen Wildtierzirkusse. Zu diesem Zeitpunkt war die Mehrheit der BürgerInnen dieser Frage gegenüber indifferent, aber von der Minderheit, die dazu eine Meinung hatte, war die Mehrheit klar für Wildtierzirkusse. Auch die Medienberichterstattung war dementsprechend. Ab 2005 war es aber dennoch soweit: alle Wildtierzirkusse Österreichs wurden per Gesetz verboten und abgeschafft. Ebenso konnten seit diesem Jahr keine ausländischen Wildtierzirkusse mehr nach Österreich einreisen. Seit dieser Zeit kann man in Österreich keinen Wildtierzirkus mehr besuchen.

Die Konsequenz: niemand geht mehr in Österreich in einen Wildtierzirkus. Und niemandem geht der Wildtierzirkus ab. Durch diese Kampagne konnte also eine Verhaltensänderung aller ÖsterreicherInnen erreicht werden, eine 100% Erfolgsrate. Dabei wurde im Laufe der Kampagne gar nicht versucht, die Menschen, die für Wildtierzirkusse waren, individuell einzeln zu überzeugen ihre Meinung zu ändern. Es wurden sozusagen einfach die Wildtierzirkusse entfernt. Dabei zeigte sich: es gab praktische keine Leute, denen diese Wildtierzirkusse besonders wichtig waren. Wenn sie im Ort waren, ging man einfach hin. Kaum kommen sie nicht mehr, geht man einfach nicht mehr hin, sondern beschäftigt sich und seine Kinder anderweitig. Die Systemänderung – keine Wildtierzirkusse mehr vorhanden – hat eine lückenlose Verhaltensänderung bewirkt, ohne eine Bewusstseinsänderung in den einzelnen Personen vorauszusetzen. Die Kurve im obigen Bild wurde so verändert, dass das Minimum – das Leben mit geringstem Energieaufwand – einfach nach rechts zu mehr Tierschutz gewandert ist.

Andererseits berichten die Medien seit dem Wildtierzirkusverbot auffallend stark gegen Wildtierzirkusse, die z.B. im Ausland auftreten. Nach den Regeln der Sozialisation wird es nur 1 – 2 Generationen dauern, die in einer wildtierzirkusfreien Gesellschaft aufgewachsen sind, und plötzlich wird die ganze Gesellschaft auch von ihrer Überzeugung her gegen Wildtierzirkusse sein. Wildtierzirkusse sind eine Sache der Vergangenheit, eine Tierquälerei aus jener Zeit, in der Tierschutz noch nicht viel gegolten hat. Diese Meinung findet man heute immer öfter.

Ein ähnliches deutliches Beispiel dieser Art bietet die Käfigeikampagne. Ab dem Jahr 2005 versuchten TierrechtlerInnen in einer konzertierten Kampagne alle Supermärkte und den gesamten Handel Österreichs dazu zu bewegen, keine Käfigeier mehr zum Verkauf anzubieten. Es wurde bereits erwähnt: zu diesem Zeitpunkt waren 86% der Bevölkerung der Meinung, Käfigeier seien unethisch, aber nur 20% zeigten ein entsprechendes Kaufverhalten. Die Kampagne zielte wiederum nicht darauf ab, die Menschen zu überzeugen. Das wäre verlorene Liebesmüh, zumal die meisten Menschen ja bereits überzeugt waren. Also konzentrierte man sich auf den Handel, um die Käfigeier aus den Regalen zu bekommen. Und tatsächlich, seit 2007 gibt es in Österreich praktisch keine Käfigeier mehr zu kaufen.

Wie reagierten die KonsumentInnen? Sie passten sich den Gegebenheiten einfach an. Niemandem gehen die Käfigeier ab. Die leichteste Art zu leben war jetzt, einfach keine Käfigeier mehr zu kaufen bzw. zu verlangen. Und genau das geschah. Die Kampagne, die jeden einzelnen Menschen zu überzeugen versucht hatte, war nicht erfolgreich. Die Kampagne aber, die das System in der Gesellschaft geändert hat, zeigte eine 100% Erfolgsrate: niemand mehr kauft heute Käfigeier.

Die Daten sprechen also eine deutliche Sprache: während der Versuch, einzelne Menschen durch Überzeugung zu verändern, nicht nur eine geringe Erfolgsrate, sondern auch eine hohe Rückfallsrate aufweist, zeitigt die Systemänderung den gewünschten Erfolg zu 100%. Auf den Veganismus umgemünzt bedeutet das also, politische TierrechtsaktivistInnen sollten primär auf eine Systemänderung hinarbeiten, und nicht durch Überzeugung einzelner die Gesellschaft zu verändern versuchen. Letzteres ist schlicht ein hoffnungsloses Unterfangen, allein schon weil die jährliche Veränderungsrate der Individuen wesentlich höher ist, als jede realistische, nachhaltige Veganisierungsrate.

Betrachten wir ein Beispiel. Sagen wir, in Holland soll ein Teil des Wattmeers trockengelegt werden, um das Areal bewohnbar zu machen. Im Moment ist es vom Meer umspült. Das Überzeugen einzelner Personen wäre jetzt damit vergleichbar, zu versuchen, mit dem Löffel das Meer auszulöffeln. Ja, mit jedem Löffel geht ein bisschen Wasser aus dem Areal hinaus, individuell verändert sich etwas. Aber das Meer ist viel größer, die Wasserbewegung über die Arealgrenze unvergleichlich mehr und der Löffel lächerlich klein, und so gibts zwar individuelle Tropfen, die so aus dem Meer kommen, aber im Grossen, quasi politisch gesehen, hat sich nichts verändert. Niemals könnten genügend Leute gleichzeitig löffeln, um genug Wasser aus dem Areal zu bekommen, sodass es trocken und bewohnbar wird.

Eine Systemänderung entspricht jetzt der Idee, mit einem Bagger hineinzufahren und einen Damm zu bauen. Ja, wenn der Damm steht, hat sich eigentlich nichts geändert. Das Wasser im jetzt vom Meer abgeschnittenen Areal ist noch immer da, und ist noch immer dasselbe. Aber wir haben das System geändert. In diesem Fall ist das Wasser nicht mehr mit dem offenen Meer verbunden. Was jetzt passiert, ist, dass es langsam austrocknet. Das abgesperrte Wasser verdunstet. Irgendwann ist dann das Areal trocken und wir können es bewohnen, und zwar ohne, dass wir einzelne Tropfen entfernen mussten. Wir haben einfach das System geändert, aber nicht den individuellen Tropfen. Nach der Systemänderung mussten wir nur warten, die Zeit arbeitet für uns, und letztendlich sind wir 100% erfolgreich!

Eine Änderung des Gesellschaftssystems wäre im obigen Bild der Struktur des Tiernutz-Tierschutz-Tierrechts Kontinuums eine Verschiebung des Minimums nach rechts. Gelingt es uns, das Minimum nach rechts zu mehr Tierschutz zu verschieben, dann werden sich die Massen dieser neuen Struktur anpassen und weiterhin im Minimum bleiben. Dadurch werden praktisch alle Menschen plötzlich tierschutzkonformer leben, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein, oder jedenfalls selbst eine Bewusstseinsänderung vollzogen zu haben. Dass z.B. keine Käfigeier mehr erhältlich sind, ist ein Verschieben des Minimums nach rechts zu Bodenhaltungseiern. Das ultimative Ziel ist dann letztendlich das Minimum ganz nach rechts bis hin zu Tierrechten und Veganismus zu verschieben.

Systemänderung durch Schwächung der Tierindustrie

Wie lässt sich aber jetzt eine Systemänderung in Richtung Veganismus erreichen? In der parlamentarischen Demokratie bestimmt im Prinzip das Volk, was Gesetz wird und was nicht. Allerdings gilt das in der Realität nur sehr bedingt, vor allem wenn es sich, wie bei uns, um eine repräsentative Demokratie handelt, d.h. wenn man für 5 Jahre eine politische Vertretung in Form einer Partei wählen muss, und ansonsten nicht in den Gesetzgebungsprozess eingreifen kann.

Wir wählen also eine Vertretung ins Parlament. Diese Vertretung wird zwar nicht in allem so handeln, wie wir, ihre WählerInnen, das wollen. Möchte sie aber wiedergewählt werden, dann darf sie den Bogen nicht überspannen. Dieses Bogen-Überspannen zeigt sich durch politische Konflikte. Je schärfer ein Konflikt in der Gesellschaft ausbricht, desto größer ist die Unzufriedenheit der Wählerschaft und desto eher wird bei der nächsten Wahl eine andere Partei in die Regierung gewählt. Regierungen wollen also Konflikte in der Gesellschaft vermeiden. Umgekehrt interessieren sie sich nicht für Kritik, die völlig konfliktfrei und freundlich vorgebracht wird. Solange ein freundliches Klima herrscht, ist die Wiederwahl nicht gefährdet.

Systemänderungen müssen also durch Konflikte entstehen. Ein Segment der Gesellschaft ist hinreichend unzufrieden mit dem Status Quo in einem Bereich und produziert deshalb einen Konflikt. Reagiert die Politik nicht, dann eskaliert der Konflikt und die Wiederwahl der Regierung ist in Gefahr. Gibt es zwei Konfliktparteien, dann gewinnt in diesem politischen Konflikt diejenige Seite, die in der Lage ist, eine größere Krise bzw. einen größeren Druck zu erzeugen. Dabei spielt natürlich die Sympathie der Öffentlichkeit eine große Rolle. Ein Protestgeschrei einer Konfliktpartei wird sicherlich dann mehr politischen Druck erzeugen können, wenn sie in den Augen der Öffentlichkeit ein berechtigtes Anliegen hat, wenn ihr also Unrecht geschieht.

Bei Tierrechtskonflikten ist die Tierrechtsbewegung eine der Konfliktparteien und die Tiernutzungsseite, im weiteren Tierindustrie genannt, die andere. Der Konflikt um eine Systemänderung in Richtung Ende der Tierausbeutung und Veganismus, ist also ein direkter politischer Konflikt zwischen Tierrechtsbewegung und Tierausbeutungsseite bzw. Tierindustrie. Diejenige Seite, die mehr politischen Druck entwickeln kann, setzt sich letztendlich durch. Die Öffentlichkeit steht dabei zwischen den Stühlen und beide Konfliktparteien versuchen sie auf ihre Seite zu ziehen. Da die Tierindustrie politisch sehr mächtig ist, wird eine Systemänderung gegen ihren Willen nicht leicht sein, aber es ist wichtig zwischen der Regierung und der Tierindustrie zu unterscheiden und zu erkennen, dass auf die genannte Weise im Prinzip jede Systemänderung möglich ist.

Bei politischen Überlegungen ist es notwendig, sich immer wieder auf die vorhandenen Erfahrungsdaten zu beziehen, um zu prüfen, ob wir noch immer von realistischen Szenarien sprechen. Politik ist die Kunst, die Gesellschaft zu verändern. Dabei spielen aber derartig viele unbekannte Parameter eine Rolle, dass rein theoretische Überlegungen zur Politik von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Woher weiß ich z.B., ob ein Faktor, der auf eine Entwicklung in eine Richtung hindeutet, mehr oder weniger wichtig ist, als ein Faktor, der auf eine Entwicklung in die andere Richtung hindeutet? Nur durch die Erfahrung. Was gibt es also für systemändernde Erfahrungen in der Tierrechtsbewegung?

Die Kampagne gegen die Wildtierzirkusse in Österreich richtete sich gegen die Wildtierzirkusse selbst, und nur marginal an die Öffentlichkeit. Durch permanente Demonstrationen vor den Zirkussen wurde den BesucherInnen der Spaß am Zirkusbesuch vergällt. Die Öffentlichkeit blieb mehr oder weniger ungerührt. Der Konflikt eskalierte, mit brutalster Gewalt seitens der Zirkusse gegen DemonstrantInnen auf der einen Seite, und 3 Brandanschlägen gegen die Zirkusse auf der anderen. Zusätzlich klagten die Zirkusse die AktivistInnen wegen Geschäftsschädigung, Besitzstörung usw., während die AktivistInnen wiederum die Zirkusse laufend wegen Tierquälerei anzeigten und die AmtstierärztInnen mobilisierten. Zuletzt gingen nach 6 Jahren Kampagne alle Wildtierzirkusse bankrott. Die Politik hatte nicht reagiert, weil der Konflikt nie wirklich gesellschaftliche Dimensionen angenommen hatte. Dazu waren die Zirkusse wie die Tierrechtsbewegung zu schwach, und die Öffentlichkeit und die Medien zu desinteressiert. Aber ohne Wildtierzirkusse gab es keinen politischen Widerstand gegen ein Wildtierzirkusverbot und so wurde es bald darauf Realität. Durch die Schwächung und letztendliche Vernichtung dieses Sektors der Tierindustrie konnte die Tierrechtsbewegung die Systemänderung erreichen.

Ein weiteres Fallbeispiel bietet die Kampagne für ein Legebatterieverbot. Hier war die Tierindustrie sehr mächtig, sie konnte mit Arbeitslosigkeit und Entzug lokal wichtiger Industriebetriebe bzw. Steuergeldquellen drohen. Im Prinzip war die Tierindustrie in diesem Konflikt eine völlig übermächtige Gegnerin. Aber bzgl. Legebatterien hatte die Tierrechtsbewegung schon gründliche Vorarbeit geleistet. Über Jahrzehnte hinweg ist die Legebatterie zu dem Paradebeispiel von Tierquälerei hochstilisiert worden. Selbst Kinderbücher handeln davon, und es ist ein wichtiges Thema in den Schulen. So konnte erreicht werden, dass im Jahr 2004 bereits 86% der BürgerInnen für ein Legebatterieverbot waren.

Das allein hätte aber keine Änderung gebracht. Wie gesagt, 80% der Bevölkerung kaufte weiterhin Käfigeier und für die Politik gab es keinen Grund zu handeln, weil kein Konflikt zu bemerken war. In dieser Situation entschloss sich die Tierrechtsbewegung im Jahr 2003 eine konsequente politische Kampagne zu fahren. Die parlamentarische Konstellation war günstig, weil mit SPÖ und Grünen eine starke Opposition gegeben war, die als Bündnispartnerin gewonnen werden konnte. Dagegen stellte sich nur die ÖVP, die in der Regierung war, und durch den politischen Druck der Legebatterieindustrie bei der Stange gehalten wurde.

In dieser Phase begann die Tierrechtsbewegung die ÖVP bei jeder der 3 folgenden Wahlen (Landtagswahlen in Salzburg und Kärnten, sowie die Bundespräsidentenwahl) heftig anzugreifen. Zahllose Plakate erschienen am Straßenrand, die die Wahl der ÖVP mit der Wahl von Tierquälerei in Legebatterien gleichsetzten. Auf der anderen Seite wurden ÖVP-Wahlplakate übermalt und überklebt, bis eigene Teams zum Schutz der Plakate aufgestellt wurden, die vor allem des Nachts durch die Städte patrouillierten. Tatsächlich kam es dann auch zu mehreren Konflikten mit TierrechtsaktivistInnen.

TierrechtlerInnen störten aber auch konsequent die Wahlveranstaltungen der ÖVP und hielten Gegenveranstaltungen ab. Dabei geriet z.B. der Agrarsprecher und Chef der ÖVP-Kärnten so sehr in Rage, dass er in aller Öffentlichkeit einem Tierrechtler ins Gesicht schlug und dessen Transparent zerriss. Am nächsten Tag, dem Wahltag, war dieser Vorfall in allen Zeitungen. Die ÖVP verlor fast 50% der Stimmen. In Salzburg musste sie sogar den Sitz des Landeshauptmanns abgeben. Bei der Bundespräsidentenwahl geriet die Kandidatin der ÖVP so sehr unter Druck, dass sie bei ihrer letzten Pressekonferenz auch ein Verbot von Legebatterien forderte. Sie verlor die Wahl dennoch – und kurz darauf gab die ÖVP nach. Im Jahr 2005 wurde schließlich ein echtes Legebatterieverbot erlassen, das auch ausgestaltete Käfige verbietet und ab 2009 in Kraft tritt. Wer diese Kampagne miterlebt hat, kann nicht umhin zuzugeben, dass ausschließlich der politische Druck zu diesem Ergebnis geführt hat. In einem offenen Konflikt war es der Tierrechtsbewegung mit Hilfe der Sympathie der Öffentlichkeit gelungen, die starke Legebatterieindustrie ins Abseits zu drängen. Dadurch wurde der Weg zur Systemänderung frei. Wie gesagt, heute kauft niemand mehr in Österreich Käfigeier.

Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen. Eines sticht dabei besonders ins Auge, der Konflikt um den Singvogelfang im oö Salzkammergut. Bei Erhebung des Tierschutzes von einer Landessache zu einer Angelegenheit des Bundes im Jahr 2005, wurden die Tierquälereiparagraphen der Länder zu einem Bundesgesetz vereinheitlicht. Dabei wurde versehentlich, d.h. ohne es gezielt zu wollen oder überhaupt zu bemerken, auch der Singvogelfang im oö Salzkammergut, für den es im Landesgesetz immer Ausnahmen gab, verboten. Der oö Landeshautpmann intervenierte und wollte die Tierschutzministerin dazu bringen, ins Bundesgesetz eine Ausnahmeregelung einzuführen. Im Land OÖ haben die Singvogelfänger eine große Hausmacht. Sie sind vor allem in ihrer Region in der Lage, durch Aufbrechen von Konflikten allen Parteien das Fürchten zu lehren. Entsprechend reagieren die Landesparteien sehr sensibel und versuchen es den Singvogelfängern recht zu machen. Umgekehrt ist die Tierrechtsbewegung auf der oö Landesebene im Vergleich dazu schwach.

Dadurch wurde der Landeshauptmann von OÖ zur Intervention im Bundesministerium gebracht. Das Bundesministerium spürt aber den Druck der Singvogelfänger viel weniger. Umgekehrt ist es der vollen Kraft der Tierrechtsbewegung viel mehr ausgeliefert. Und die österreichweite Öffentlichkeit hat für den Singvogelfang kein Verständnis und sympathisiert daher mit den TierrechtlerInnen. Durch eine sehr konfrontative Kampagne, bei der monatelang täglich vor dem Büro der Tierschutzministerin demonstriert und jede ihrer Veranstaltungen gestört wurde, entstand ein derartiger politischer Druck, dass die Ausnahmeregelung nicht realisiert wurde. Umgekehrt aber lag der Vollzug des Verbots in der Hand der Landesbehörden, auf die aber die Singvogelfänger wiederum einen viel größeren Druck ausüben konnten, als die Tierrechtsbewegung, und in der Folge blieb zwar das Verbot bestehen, es wurde aber nicht exekutiert. Wir sehen: ausschließlich der politische Konflikt in der Gesellschaft zwischen Tierrechtsbewegung und Tierindustrie bestimmt die Gesetzgebung. Diejenige Seite, die mehr Druck erzeugen kann, setzt sich durch. Daraus entsteht eine gesellschaftliche Realität, die den Umgang mit den Tieren in der Gesellschaft bestimmt. Die Einstellung selbst der Mehrheit der Bevölkerung ist dahingegen sekundär. Auch eine große Mehrheit für ein Legebatterieverbot bedeutete weder automatisch, dass Legebatterien gesetzlich verboten wurden, noch dass fast niemand mehr Käfigeier kaufte. Erst die durch politischen Druck erzeugte Systemänderung hat diese Erfolge gebracht.

Führen sukzessive Systemänderungen zu Tierrechten?

Die bisher präsentierten Daten bestätigen klar, dass eine Systemänderung durch einen politischen Konflikt mit der Tierindustrie erkämpft werden kann. Eine Systemänderung, die den Veganismus bringt, bedeutet aber das komplette Ende der Tierindustrie. Kann die Tierindustrie durch sukzessive Reformschritte gänzlich zum Verschwinden gebracht werden?

Rein theoretisch folgt aus dem Umstand, dass es eine psychologisch-politische Kontinuität von totaler Tiernutzung über Tierschutz bis zu Tierrechten gibt, dass das möglich sein müsste. Eine Gesellschaft mit totaler Tiernutzung ohne Tierschutzgesetze sieht nichtmenschliche Tiere völlig ohne jede ethische Bedeutung. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass die BürgerInnen einer derartigen Gesellschaft viel Mitgefühl mit Tieren haben werden. Das historische Beispiel unserer Gesellschaft vor dem ersten Tierschutzgesetz bestätigt das.

Historisch haben sich dann langsam Mitgefühl, ein Tierschutzbewusstsein und Tierschutzgesetze entwickelt. In diesem gesellschaftlichen Umfeld konnte am Ende des 19. Jahrhunderts auch der ethische Vegetarismus fußfassen. Langsam gab es auch die ersten Tierrechtsideen, die letztendlich ab den 1980er Jahren in Österreich zur Bildung einer lebendigen Tierrechtsbewegung führten. Die Tierrechtsidee und die Tierrechtsbewegung haben also im Tierschutz ihre psychologisch-politischen Wurzeln.

Ähnlich zeigt auch die psychologische Erfahrung mit der Lebensgeschichte einzelner Personen, dass die meisten über Tierschutz und Mitgefühl, sei es durch weniger Fleischkonsum oder den Konsum reiner Freilandprodukte, letztendlich zu Vegetarismus und Veganismus kommen. Psychologisch und politisch bildet der Tierschutz zweifellos den Nährboden für Tierrechte.

Als Beispiel einer Tierrechtskampagne kann hier vielleicht das Pelzfarmverbot dienen. Im Jahr 1998 wurde erreicht, dass in 6 von 9 österreichischen Bundesländern ein Totalverbot von Pelzfarmen zustande kam, aber in Salzburg, Kärnten und dem Burgenland waren Pelzfarmen unter hohen Auflagen weiterhin erlaubt. So durften Füchse nicht mehr in Käfigen sondern nur mehr auf Naturböden gehalten werden, und Nerzen mussten Schwimmwasserbecken zur Verfügung gestellt werden. Diese rein auf „artgerechtere Haltung“ abzielenden Tierschutzmaßnahmen waren aber die Basis für ein komplettes, bundesweites Verbot Tiere zur Produktion von Pelz zu halten, das schließlich 2005, also 7 Jahre später, tatsächlich kam. Das komplette Pelzfarmverbot verbietet die Haltung von Tieren zur Pelzgewinnung in jeder Form, auch völlig „artgerecht“. Entsprechend kann dieses Gesetz nicht mehr als reines Tierschutzgesetz gesehen werden. Es enthält wesentliche Elemente von Tierrechten, nämlich die Ablehnung der Idee, dass Tiere nur für den Nutzen von Menschen da sind. Pelz ist jedenfalls kein Nutzen mehr, den man Tieren aufzwingen kann, auch wenn das noch so „human“ geschieht. Das komplette Verbot ist also auf dem oben skizzierten Kontinuum von Tierschutz zu Tierrechten wesentlich näher bei Tierrechten als die höheren Auflagen für die Tierhaltung.

Natürlich bedeutet das Verbot von Pelzfarmen eine Schwächung der Pelzindustrie, in Österreich ist dadurch der Produktionssektor völlig verschwunden. Allerdings hat das Pelzfarmverbot an sich keinen Rückgang im Pelzhandel bewirkt, es wurden eben Pelze aus dem Ausland nach Österreich eingeführt. Heißt das, dass ein Pelzfarmverbot also kein Schritt Richtung Tierrechte ist?

Die österreichische Tierrechtsbewegung kann nur in Österreich eine Änderung bewirken. Aber das österreichische Vorbild des Pelzfarmverbots hat bereits in vielen anderen Ländern zu Verboten geführt, insbesondere in England, Schottland, Wales, Italien, Kroatien, Holland und Schweden. Wenn die Verbote sich immer mehr ausbreiten und letztendlich die gesamte EU umfassen, dann könnte einerseits ein Importverbot erlassen werden, und dadurch der Pelzverbrauch durch EU-BürgerInnen zum Erliegen kommen. Andererseits besteht kein Grund zur Annahme, dass nicht auch in anderen Kontinenten die Tierrechtsbewegungen genügend politischen Druck entwickeln könnten, um die dortigen Pelzfarmen abzuschaffen. In diesem Sinn ist zweifellos das Pelzfarmverbot in Österreich ein erster Schritt in Richtung Abschaffung von Pelz als Konsumprodukt.

Ein weiteres Beispiel dieser Art ist das Legebatterieverbot. Im Gegensatz zum Pelzfarmverbot bedeutet das Legebatterieverbot kein Ende der Eierproduktion in Österreich. Aber nichtsdestotrotz hat es unmittelbar einen Rückgang der Eierproduktion um 35% zur Folge gehabt, d.h. nach Einführung des Verbots sind jetzt 35% weniger Legehühner in Legehennenhaltungen in Österreich, als noch vor dem Verbot (diese Zahl stammt aus der Pressekonferenz zum Tag des Eis der Eierindustrie im Jahr 2007, sowie aus Angaben nach Anfragen bei der Eierindustrie und der Kontrollstelle, die fast alle Legehennenbetriebe, die keine Käfiganlagen benützen, kontrolliert). Das ist erstens dadurch bedingt, dass in eine Legebatteriehalle, wenn sie zur intensivst möglichen Bodenhaltung umgerüstet wird, nur mehr halb so viele Hennen hineinpassen. Und zweitens brauchen Bodenhaltungshühner durch die vermehrte Bewegung etwa doppelt so viel Nahrung wie Käfighühner, um die gleiche Anzahl von Eiern zu produzieren. Das deshalb, weil bei Bodenhaltungshühnern die Nahrungsenergie zu einem guten Teil in Bewegungsenergie und Wärmeenergie durch Bewegung investiert wird, bei Käfighühnern, die zur Bewegungslosigkeit verdammt sind, aber nicht.

Das Legebatterieverbot brachte also eine drastische Reduktion der Anzahl der benutzten Legehühner mit sich. Zusätzlich wurde die Eierproduktion für die Betriebe etwa doppelt so teuer. Bisher hat die Industrie es nicht gewagt, diese Erhöhung der Produktionskosten vollständig auf den Preis aufzuschlagen. Das deshalb, weil alle einschlägigen Umfragen bestätigen, dass das wichtigste Kriterium für KonsumentInnen, nach dieser und nicht nach jener Ware zu greifen, der Preis ist. Eine Preiserhöhung reduziert unmittelbar die Kaufbereitschaft und die Menge der gekauften Ware.

Aber genau diesen Effekt kann die Tierrechtsbewegung nutzen. Wenn es gelingt, gegen den Widerstand der Tierindustrie scharfe Tierschutzauflagen durchzusetzen, die eine Verringerung der Produktionskapazität und eine Verteuerung der Produktion mit sich bringen, dann wird dadurch die Tierindustrie geschwächt. Die KonsumentInnen werden, ohne dass sich in ihrer Einstellung etwas ändert, einfach weniger der entsprechenden Tierprodukte kaufen. Sehr teures Fleisch oder sehr teure Eier machen diese Produkte zu Luxusprodukten, die entsprechend seltener konsumiert werden. Die überlebende Tierindustrie ist geschrumpft. Das bedeutet einerseits, dass sie eine schwächere politische Gegnerin für weitere Reformen ist, aber auch andererseits, dass auf dem freien Markt konkurrierende vegane Produkte eine bessere Chance haben, sich durchzusetzen.

Beim Fleisch liegt dabei die größte Hoffnung für vegane Konkurrenzprodukte im pflanzlichen Fleischersatz sowie im tissue engineering, d.h. in-vitro Fleisch aus dem Reagenzglas, siehe z.B. die Webseiten http://en.wikipedia.org/wiki/In_vitro_meat oder http://futurefood.org.

Kann sich future food wirtschaftlich etablieren und das Tierfleisch vom Markt verdrängen, dann schwächt das die Tierindustrie ins Bodenlose. Dadurch beschleunigt sich ihre Abschaffung umso mehr, da durch eine schwächere Tierindustrie noch schärfere Tierschutzgesetze möglich werden. Je teurer dann die Tierproduktion durch scharfe Tierschutzgesetze, desto besser die wirtschaftlichen Chancen des Fleisches aus dem Reagenzglas. Ist das Tierfleisch einmal vom Markt verdrängt, dann wird ein Verbot der Tierproduktion ganz von selbst kommen, zuerst in Österreich, dann in Europa und zuletzt weltweit. Und das wird erreicht, im Prinzip ohne einen einzigen Menschen persönlich zum Veganismus zu bekehren, ja, die Leute können sogar praktisch das gleiche Fleisch mit den gleichen Zellen weiter essen - auch wenn in der Praxis der Veganismus verbreiteter und die Tierrechtsbewegung immer stärker und akzeptierter werden wird, wenn Tierprodukte teurer sind und Respekt vor nichtmenschlichen Tieren allgemein anerkannter ist.

Zementieren Tierschutzreformen das Bewusstsein in der Bevölkerung ein, Tiere seien Nutzobjekte?

Da durch die Tierrechtsbewegung der Tierschutz ein positives Image in der Gesellschaft bekommen hat, kann er im Prinzip auch als Werbemittel dienen. Viele Tierprodukte werden mit Tierschutzetikette vermarktet, auch wenn die Produktionsform selbst mit Tierschutz überhaupt nichts zu tun hat. Entsprechend könnten sehr schwache Tierschutzgesetze, die z.B. den Platz pro Legehenne im Käfig etwas vergrößern, ohne dass die Produktion signifikant teurer wird, durchaus auch eine fast kostenlose Werbewirkung für die Produkte haben und damit die Tierindustrie stärken. Die Tierindustrie bewirbt allerdings in jedem Fall ihre Produkte, weshalb eine derartige Werbewirkung keinen nachhaltigen Effekt zu haben verspricht.

Aber ein anderer Aspekt wird diesbezüglich oft ins Treffen geführt. Wenn gewisse Tierprodukte als tierschutzkonform vermarktet werden, insbesondere direkt oder zumindest indirekt unterstützt von Tierschutz- oder Tierrechtsvereinen, dann könnten bereits tierschutzkritische KonsumentInnen ihr Gewissen beruhigen und nicht auf weitere Tierschutzverschärfungen drängen, sondern diese tierschutzkonformen Produkte vielleicht sogar vermehrt konsumieren. Zusätzlich stünden dann diese Tierschutzreformen der Verbreitung von tierrechtskritischen Gedanken im Weg, dass die Tiernutzung grundsätzlich hinterfragt werden müsse.

Dem steht allerdings die Wirkung entgegen, die ein positives Tierschutzimage an sich in der Bevölkerung hat, indem z.B. Mitgefühl mit Tieren gestärkt und das Verständnis für schärfere Tierschutzreformen gefördert wird. Öffnen sich Menschen nämlich einmal grundsätzlich dem Tierschutzgedanken, dann sind sie erfahrungsgemäß auch eher bereit, über Tierrechte nachzudenken. Wie mehrfach erwähnt bildet eben der Tierschutz die psychologische Basis für Tierrechte.

Zunächst einmal muss an dieser Stelle betont werden, dass es keinerlei Erfahrungsdaten dafür gibt, dass dieser oben genannte Effekt der Einzementierung der Tiernutzungsideologie durch scharfe Tierschutzgesetze eine relevante Auswirkung hat. Im Gegenteil, es gibt viele Hinweise auf die umgekehrte Wirkung.

In Österreich werden alljährlich mehrere Tierschutzbestimmungen verschärft. Das Tempo und der Grad dieser Verschärfungen nimmt dabei tendenziell eher zu als ab. Einer scharfen Einschränkung von Pelztierfarmen folgte 7 Jahre später ein völliges Verbot. Einem schwachen Tierschutzgesetz für Zirkustiere folgte ein völliges Verbot der Wildtierhaltung. Das Tierversuchsgesetz wurde 2006 um ein generelles Verbot, Versuche an Menschenaffen durchzuführen, erweitert. Diese Entwicklung, die sich in der Praxis zeigt, belegt die oben ausgeführte Theorie, dass ein psychologisch-politisches Kontinuum von Tiernutz zu Tierschutz besteht, und die Überwindung der besonderen Tierquälereien in der Tiernutzung zu immer mehr Tierschutz bis hin zu Tierrechten führt, wenn ganze Produktionssparten abgeschafft werden (Pelzfarmverbot) oder die auch noch so humane Tötung verboten wird.

Ein schärferes Tierschutzgesetz in einem Sektor kann sogar in anderen Sektoren als Auslöser für Verschärfungen dienen, wie z.B. das Käfigverbot für Kaninchen 2008 mit Bezug auf das Käfigverbot für Legehennen 2005 durchgesetzt werden konnte.

Ist es jetzt denkbar, dass ein Tierschutzstandard erreicht wird, der dann in alle Zukunft nie mehr verschärfbar ist, sodass jeder weitere Schritt in Richtung Tierrechte verbaut bleibt? Auch dafür gibt es keine Belege. Nach dem Legebatterieverbot in Österreich wurde die Standardproduktionsform die Bodenhaltung mit Volieren. Auch dabei handelt es sich um eine klassische Massentierhaltung mit 9 Hennen pro m² nutzbarer Fläche. Kaum ist das Verbot in Kraft getreten und wird die Bodenhaltung zur Normalität, gibt es bereits die ersten Stimmen, die ein Verbot der Bodenhaltung fordern. Neu gegründete Tierrechtsvereine, die die alten Legebatterien gar nicht mehr kannten, haben bereits die tierquälerischen Zustände von Bodenhaltungsbetrieben an die Öffentlichkeit gebracht. Und selbst VertreterInnen von einschlägigen Supermarktketten denken offen über eine Auslistung von Bodenhaltungseiern nach. Viel früher als erwartet, stehen also bereits die Bodenhaltungsbetriebe unter Kritik. Auch wenn in naher Zukunft politisch kein weiterer Schritt in dieser Richtung zu erwarten ist, stehen alle Zeichen auf einer weiteren Verschärfung in vielleicht 10 Jahren. Wenn dann auch die Bodenhaltung als Produktionsform für Eier abgeschafft ist, was soll die Tierrechtsbewegung daran hindern, auch die Freilandhaltung sukzessive mit immer schärferen Auflagen zu versehen? Was sollte grundsätzlich davon abhalten, die Hühnerhaltung zur Eierproduktion analog zur Pelztierhaltung zur Pelzproduktion letztendlich vollständig zu verbieten?

Da die Kritik an tierquälerischer Nutzung von Tieren und der Tierschutz die psychologische Vorstufe von Tierrechten sind, ist zu erwarten, dass gerade in Gesellschaften mit hohen Tierschutzstandards auch eine größere Tierrechtsbewegung, mehr Tierrechtskritik und mehr vegane Lebensmöglichkeiten geboten werden. Und genau das trifft auch zu. In allen europäischen Ländern mit hohen Tierschutzstandards, wie England, Schweden oder Österreich, gibt es auch eine sehr lebendige Tierrechtsbewegung und viele vegane Alternativen. Umgekehrt zeigen Länder mit niedrigen Tierschutzstandards ein öffentliches Desinteresse am Schicksal der Tiere und damit einhergehend eine sehr kleine Tierrechtsbewegung. Veganismus ist dort ein Fremdwort.

Scharfe Tierschutzgesetzreformen sind also, wenn man alle Aspekte berücksichtigt und die bisher erhältlichen Erfahrungsdaten auswertet, nicht nur kein Hindernis für die Entwicklung von Tierrechten, sondern sie fördern sie sogar.

Zusätzliche Aspekte des sukzessiven Reformprozesses

  • Was abolitionistische Gesetze sind, und was reformistische, ist von der jeweiligen zugrunde gelegten Theorie abhängig. Gary Francione gibt in seinem Buch Rain without Thunder (Temple University Press, Philadelphia 1996) 5 Kriterien an, wann Tierschutzgesetze als abolitionistisch bezeichnet werden können. Ein echtes Legebatterieverbot (inklusive des Verbots ausgestalteter Käfige) führt er dabei sogar als Beispiel eines abolitionistischen Gesetzes an, weil es das Bedürfnis der Hennen nach Bewegung respektiere, ohne dabei einen Nutzen für die Industrie zu bringen. Francione argumentiert dabei aber rein theoretisch und definiert den Abolitionismus ontologisch. Eine politische Kampagne ist also seiner Meinung nach an sich entweder abolitionistisch oder reformistisch, egal was für Auswirkungen sie hat. Politik ist aber als Kunst die Gesellschaft zu verändern rein konsequentialistisch. Im Gegensatz zu Franciones Meinung, muss man also die Konsequenzen politischer Kampagnen analysieren und mit Daten belegen, um zu entscheiden welche Kampagne zum Abolitionismus führt und damit abolitionistisch ist.
  • Wesentlich radikaler und konsequenter sieht das Lee Hall in ihrem Buch Capers in the Churchyard (Nectra Bat Press 2006). Für sie ist jedes Gesetz, das nicht allen Tieren grundsätzlich gleiche Grundrechte zugesteht und damit jegliche Nutzung abschafft, ein reformistisches Gesetz und daher abzulehnen. Weil jedes derartige Gesetz heißt implizit die Tiernutzung, die es nicht abschafft, für gut. Hall meint auch, dass jede Kampagne, wie z.B. eine Pelzkampagne, die nicht auf eine gleichzeitige Abschaffung aller Tierausbeutung, wie z.B. Leder, abzielt, ebenso reformistisch sei, weil sie implizit jede Tiernutzung, die außerhalb der Forderungen der Kampagne liegt, legitimiert. Nur die vegane Überzeugungsarbeit mit freundlichem Gesicht wäre eine abolitionistische Tätigkeit. Hall bietet aber keinerlei Erfahrungsdaten, um ihre These zu stützen, weder in ihrem Buch noch auf Anfrage.
  • Tierschutzreformen bieten auch i.a. jetzt und hier eine Verbesserung der Lebensqualität der einzelnen betroffenen Tiere. Eine Legehenne im Käfig oder in der Bodenhaltung wird sich anders fühlen. Dieser Aspekt, so sehr er für die betroffenen Tiere zentral sein mag, ist aber in der politischen Bewertung, ob eine Kampagne in Richtung Umsetzung von Tierrechten führt, irrelevant.
  • Mehr als 2000 TierrechtsaktivistInnen weltweit wurden bereits für ihre Aktionen ins Gefängnis gesteckt, weil sie speziesistische Gesetze gebrochen haben. Vom ethischen Standpunkt der Tierrechte ist ihr Gefängnisaufenthalt ein Unrecht und ein Bruch ihrer Grundrechte auf Freiheit. Mehrere Gruppen von TierrechtlerInnen setzen sich politisch für die Verbesserung ihrer Haftbedingungen als realistisches Ziel ein, und führen keine Kampagnen zu ihrer Freilassung durch. Dabei wird nicht gefragt, ob das jetzt abolitionistisch oder reformistisch ist, ob dadurch ein Unrecht legitimiert wird und sich im Bewusstsein der Bevölkerung verankert (nämlich dass es richtig ist, TierbefreierInnen einzusperren, solange sie „human“ gehalten werden) oder nicht.
  • Die Tierschutz-Reformbewegung hat eine große Zahl zum Teil sehr finanzkräftiger Vereine produziert, die nicht nur eine signifikante politische Macht entwickelt haben, sondern auch tendenziell in den letzten Jahrzehnten immer radikaler in ihrer Ausrichtung wurden, d.h. immer mehr Richtung Tierrechte gerückt sind. Viele dieser Vereine verbreiten zumindest Werte wie Mitgefühl mit Tieren und Verständnis für Tierschutzgesetze in der Gesellschaft. Einige bieten zusätzlich auch explizit vegane Kampagnen neben ihrer Reformtätigkeit an.
  • Im Prinzip kann auch die Verwendung von Bildmaterial, das gequälte Tiere zeigt, als reformistisches politisches Propagandamittel bezeichnet werden. Man könnte argumentieren, dass diese Bilder den BetrachterInnen lediglich suggerieren, dass die gezeigte Qual abzulehnen sei, nicht jedoch die Haltung bzw. Nutzung der Tiere an sich. Derartiges Filmmaterial ist aber nach der bisherigen politischen Erfahrung das mit Abstand effektivste Mittel, nicht nur um Tierschutzgesetze zu erreichen, sondern auch um Menschen zum grundsätzlichen Nachdenken über Tiernutzung und über Veganismus zu bewegen.
  • Reformistische Kampagnen zeitigen Erfolge. Und Erfolge bringen den AktivistInnen die Motivation, ihre kostbare Freizeit dem Kampf gegen die Tierausbeutung zu widmen. Motivation ist das um und auf in politischen Befreiungsbewegungen, um erfolgreich zu sein. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass AktivistInnen ununterbrochene, freundliche Vegan-Überzeugungskampagnen ohne erkennbare Erfolge lange durchhalten würden.

 

Zusammenfassung

Die Analyse von politischem Aktivismus zusammen mit der Fülle vorgelegten Datenmaterials legt der Tierrechtsbewegung folgende Vorgangsweise nahe:

Die Hauptaufgabe der Tierrechtsbewegung ist es, politischen Druck zu erzeugen, um sukzessive Reformen in Richtung Tierrechte durchzusetzen. Eine diesbezüglich effektive Reform ist dabei eine, die einen Sektor der Tierindustrie entscheidend schwächt. Gegnerin in diesem politischen Konflikt um Tierrechte ist nämlich allein die Tierindustrie, ihre Schwächung bereitet daher den Boden für ihre Abschaffung und die Etablierung von Tierrechten. Schärfere Tierschutzgesetze verhindern nicht die Entwicklung Richtung Tierrechte, sie fördern sie sogar, weil der Tierschutz die psychologische Basis für Tierrechte bildet.

Um genügend politischen Druck erzeugen zu können, braucht man viele tatkräftige AkivistInnen und die Sympathie der Öffentlichkeit. Beides zu erreichen ist also die sekundäre Aufgabe der Tierrechtsbewegung, mit dem Ziel, ihrer primären Aufgabe, der Schwächung der Tierindustrie, dadurch effektiver nachkommen zu können.

Der Versuch einer reinen Überzeugungsarbeit einzelner Personen ist so lange zum Scheitern verurteilt, solange das System unverändert bleibt. Das gesellschaftliche System bestimmt nämlich im wesentlichen das Verhalten der Menschen. In einer extrem speziesistischen Gesellschaft ist die vegane Lebensform zu mühsam, als dass sie auch nur eine politisch signifikante Minderheit jemals gleichzeitig annehmen und lange genug durchhalten würde. Umgekehrt, wenn das System automatisch ein veganes Leben bedingt, z.B. weil Tierprodukte nicht erhältlich sind, dann wird spätestens in jenen Generationen, die in dieser Lebensform aufgewachsen sind, ein Bewusstseinswandel zu Tierrechten hin eintreten.

Durch rationale Argumente können wir nachweisen, dass Tierrechte in der Gesellschaft das ethische Ideal sind. Dafür bedarf es weder empirischer Überprüfung noch müssen wir die momentane politische Situation oder psychologische Erkenntnisse über die Menschen berücksichtigen. Das ethische Ideal wird ohne Bezug zur Praxis deontologisch und nicht konsequentialistisch begründet.

Wollen wir dieses ethische Ideal, nämlich Tierrechte, in der Praxis umsetzen, dann bedarf es dazu aber sehr wohl eines psychologischen Inputs. Politik ist erfolgreich, wenn sie die Gesellschaft in Richtung ethisches Ideal ändert. Im Gegensatz zum ethischen Ideal ist die Richtigkeit von Politik also ausschließlich konsequentialistisch zu messen, d.h. nur die Konsequenzen der Politik machen ihren Wert aus. Es gibt keine „an sich richtige“ Politik, wie das noch Immanuel Kant gesehen hat, der z.B. die Lüge als „unethisch an sich“ abgelehnt hat, auch wenn man durch politische Notlügen Menschen retten oder die Gesellschaft zum Besseren in Richtung ethisches Ideal verändern könnte.

Die grundlegende psychologische Erkenntnis über Menschen ist aber, dass sie viel eher soziale als rationale Tiere sind. Wären sie rationale Tiere, dann könnte man auch in der Politik die Psychologie ignorieren und könnte rein rational argumentieren, ohne empirische Überprüfung, wie auch für das ethische Ideal. Praxis und Theorie würden sich gleichen. Aber dass Menschen eben viel eher soziale als rationale Tiere sind, bedeutet im wesentlichen:

  • Eine wichtige Handlungsmotivation für Menschen sind soziale Größen wie Mitgefühl und Leid, und nicht abstrakt-rationale Größen wie Personenstatus oder Rechte.
  • Eine der allerwichtigsten Komponenten, die das Handeln von Menschen bestimmen, ist die Anpassung an das soziale Umfeld.
  • Bei Menschen besteht ein großes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, d.h. danach, dass alles so bleibt, wie es immer war, dass sich nichts rasch verändern darf.

An diese psychologischen Grundlagen müssen sich die politischen Kampagnen anpassen. D.h. Kampagnen sollten also folgendes berücksichtigen:

  • Zeige vorrangig Leid im Kampagnenmaterial und stimuliere das Mitgefühl der Menschen. Rational-abstrakte Termini, wie Rechte und Personenstatus, sollten nur eine untergeordnete Rolle spielen.
  • Das Kampagnenziel sollte so präsentiert werden, dass es ein unmittelbar gerade auftretendes Leid, das klar erkennbar und deren Gründe isolierbar sind, abschafft.
  • Ziel der Kampagne sollte nicht die Änderung der Einstellung von einzelnen Menschen sein, sondern eine Änderung ihres sozialen Umfelds, der Gesellschaft.
  • Das Kampagnenziel darf keine zu große Änderung in der Gesellschaft hervorrufen. Es muss realisierbar sein, ohne dass sich irgendetwas fundamental ändert. Die gesamte Entwicklung muss langsam und schrittweise gehen.

Es ist also sehr wichtig, zwischen rational-abstrakter Philosophie auf Basis deontologischer Argumente in der Theorie zur Begründung des ethischen Ideals, und sozial-angewandter Psychologie auf Basis konsequentialistischer Argumente in der Praxis als Grundlage für konkrete Kampagnenpolitik zu unterscheiden.

 

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