Vegane Ernährung in der Kindheit

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Grundsätzlich unterscheiden sich Neugeborene von vegetarisch/vegan lebenden Frauen hinsichtlich ihres Geburtsgewichtes nicht von anderen Neugeborenen. Sie entwickeln sich bei ausgewogener Energiezufuhr und bei Beachtung einer ausreichenden Zufuhr von den Nährstoffen Eisen, Vitamin B-12 und Vitamin D normal.

Muttermilch

Kinder vegetarischer/veganer Mütter werden häufiger gestillt, als jene omnivorer Eltern. Die Vorteile des Stillens gegenüber industriell hergestellter Säuglingsmilch liegen auf der Hand:

Muttermilch deckt den Nährstoffbedarf des Säuglings optimal. Durch die Nährstoffrelation der Muttermilch wird auch die Absorption der einzelnen Nährstoffe positiv beeinflusst. So fördert das vorhandene Vitamin C die Absorption des Nahrungseisens.

Schutzstoffe der Muttermilch erhöhen die Infektabwehr des Säuglings. Gestillte Kinder erkranken wesentlich seltener an infektiösen Durchfällen. In der Kolostralmilch sind verschiedene Antikörper enthalten.

Die Ernährung des Säuglings mit Muttermilch bietet Schutz vor allergischen Erkrankungen. Kuhmilchallergien sind die häufigsten Allergien im Säuglingsalter. Außerdem steht Kuhmilch unter dem Verdacht Kinderdiabetes zu fördern.

Stillen trägt zur Ausbildung eines besonderen Mutter-Kind-Verhältnisses bei und kostet nichts.


Die Inhaltsstoffe

Veganen stillenden Müttern wird empfohlen, Vitamin B-12 (Cobalamin) zu supplementieren, da sich die Menge der Zufuhr dieses Vitamins in ihrer Milch niederschlägt. Untersuchungen an stillenden Frauen und ihren Säuglingen, die sich makrobiotisch ernähren, zeigen einen niedrigeren Cobalamin-Spiegel im Plasma und in der Milch. Neben Vitamin B-12-Präparaten aus der Apotheke, eignen sich dazu angereicherte Lebensmittel wie Hefe, Sojamilch oder Frühstückscerealien. Bei einer schlechten Vitamin B-12-Versorgung der Mutter kann eine ausreichende Zufuhr des Kindes durch eine regelmäßige Vitamin-B-12-Gabe von 0,4 µg bis zum 6. Lebensmonat und anschließend 0,8 µg bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres sichergestellt werden.

Der Gehalt an Vitamin D in der Frauenmilch variiert mit dessen Aufnahme durch die Nahrung und der wöchentlichen Sonnenbestrahlung der Haut, ist für gewöhnlich aber niedrig. Für Säuglinge empfiehlt sich zur Deckung des Vitamin-D-Bedarfs ein halbstündiger Aufenthalt in der Sonne pro Woche, wenn es nur Windeln trägt, beziehungsweise 2 Stunden pro Woche bei vollständiger Bekleidung. Dunkelhäutige Kinder benötigen einen längeren Aufenthalt an der Sonne. Obwohl in der Haut ausreichend Vitamin D produziert werden kann, empfiehlt die ÖGE (Österreichische Gesellschaft für Ernährung) als Vorsichtsmaßname eine kontinuierliche Prophylaxe mit etwa 10 µg Vitamin D pro Tag. Damit soll der großen Bedeutung regelmäßiger exogener Vitamin-D-Zufuhr im Säuglingsalter zur Vermeidung von Rachitis Rechnung getragen werden.

Frauenmilch, ob von Veganerinnen oder von Mischköstlerinnen, weist eine geringe Eisenkonzentration völlig unabhängig von der zugeführten Menge auf. Die Bioverfügbarkeit von Eisen aus der Muttermilch ist jedoch im Gegensatz zu allen anderen Lebensmitteln ausgesprochen hoch. Obwohl es Hinweise darauf gibt, dass voll gestillte Säuglinge während der ersten 9 bis 12 Monate ausreichend mit Eisen versorgt sind, wird eine externe Eisenzufuhr ab dem 4. bis 6. Lebensmonat empfohlen.

Industriell hergestellte Säuglingsmilch

Für vegane Mütter, die ihr Kind nicht stillen können oder nicht (mehr) wollen, stellt der Markt mit Methionin angereicherte Ersatzprodukte auf Sojabasis bereit. Sie sind nur in Apotheken erhältlich und stellen derzeit die einzige Alternative für vegan ernährte Säuglinge dar. Von selbst hergestelltem Milchersatz, wie etwa Mandelmilch oder Getreidemilch sowie Reismilch oder Sojamilch als Ersatz für Muttermilch wird abgeraten, da er sich in seinem Nährstoffgehalt von Frauenmilch unterscheidet. Die Milch anderer Arten, wie z.B. Kuhmilch oder Ziegenmilch eignen sich in unmodifizierter Form aus denselben Gründen nicht zur Säuglingsernährung.

Die erste feste Nahrung

Etwa in der Hälfte des ersten Lebensjahres beginnt sich das Baby für feste Nahrung zu interessieren. Die ersten Nahrungsmittel eines veganen Säuglings sind dieselben, wie die eines wie üblich ernährten Kindes: Getreide, Obst und Gemüse. Schritt für Schritt wird eine Muttermilch- oder Milchpräparat-Mahlzeit durch eine Breimahlzeit ersetzt. Gleichzeitig wird so lange wie möglich – auch bis über den ersten Geburtstag hinaus – weitergestillt. Für den Getreidebrei eignen sich vor dem vollendeten 1. Lebensjahr glutenfreie Getreide wie Reis, Hirse, Amaranth, Quinoa, Mais sowie Buchweizen (ein Knöterichgewächs), um die Allergiegefahr zu mindern. Ab dem 8. Monat vergrößern Hafer, Gerste und Dinkel das Angebot und ab dem 12. Monat können alle Getreidearten gefüttert werden. Getreide, Obst und Gemüse werden vorerst püriert und können nach und nach in gröberer Form verabreicht werden. Nitrathältige Gemüsesorten wie Spinat, Karotten, Rote Rüben sollten sparsam eingesetzt werden, da sich bei Säuglingen eine Methämoglobin-Anämie entwickeln kann. Das Sauerstoff transportierende Hämoglobin wird von Nitrit zu Methämoglobin umgewandelt, kann in den ersten Lebensmonaten nicht wie beim Erwachsenen wieder zurückgebildet werden, und verliert seine Funktion. Ein inneres Ersticken ist die Folge. Selbst dem Nitratgehalt des Trinkwassers muss aus diesem Grund Beachtung geschenkt werden. Gemüse aus biologischem Anbau sind generell weniger nitrathältig und in der Kinderernährung sehr empfehlenswert. Als Proteinquelle dienen ab dem 7. bis 8. Monat fein pürierte Hülsenfrüchte – besonders gut geeignet sind Rote Linsen und Kichererbsen – Tofu, Soja-Joghurt und Mandelmus. Nach dem 1. Lebensjahr werden die anderen Nußmuse (Haselnuß-, Cashewnuß-, Erdnußmus,...) und geriebene Samen wie Tahina (Sesammus) oder Sonnenblumenkerne in den Speiseplan eingefügt.

Wichtige Nahrungsbestandteile in der Säuglingsernährung

Energie. Je größeren Anteil die Beikost einnimmt, desto wichtiger ist es, auf eine hohe Nährstoffdichte der Lebensmittel zu achten. Tofu, Bohnenaufstriche und Avocado weisen einen hohen Energiegehalt bei einer hohen Konzentration an Nährstoffen auf. Häufigere Zwischenmahlzeiten sichern die notwendige Energieaufnahme. Pflanzliche Öle sollten in den Speiseplan aufgenommen werden.

Protein. Durch abwechslungsreiche Kost, die Muttermilch oder industriell hergestellte Säuglingsmilch beinhaltet, kann dem Proteinbedarf leicht gerecht werden.

Eisen. Hülsenfrüchte und grüne Blattgemüse enthalten reichlich Eisen. Wird gleichzeitig Vitamin C enthaltendes Gemüse oder Obst verzehrt, erhöht sich die Eisenaufnahme im Darm. Bei Kuhmilch-Konsum besteht die Gefahr einer Eisenanämie durch Magenblutungen bzw. durch Senkung der Bioverfügbarkeit des Eisens.

Calcium. Sowohl Muttermilch als auch industriell hergestellte Säuglingsmilch decken den Calciumbedarf. Calciumhältige Beikost ist angereicherter Fruchtsaft, grünes Blattgemüse und mit Calciumsulfat gefällter Tofu.

Vitamin D. Empfehlungen zufolge sollte nur bei ausreichender Sonnenlichtexposition auf Vitamin-D-Gaben verzichtet werden. Der medizinischen Fachpresse nach sind aber weltweit nur 2 Fälle von Rachitis bei veganen Säuglingen beschrieben worden.

Vitamin B-12. Da Lebensmittel, denen für gewöhnlich Vitamin B-12 zugesetzt werden, meist nicht für Kinder unter einem Jahr geeignet sind, empfiehlt sich eine Vitamin B-12-Gabe von etwa 0,8 µg pro Tag für abgestillte Säuglinge.

In jüngster Zeit hat die offizielle Ernährungsforschung erkannt, dass eine vegetarische Ernährung von Kindern durchaus möglich und sinnvoll ist. Bei veganen Kindern sehen die ErnährungsforscherInnen noch immer Probleme bei der Versorgung mit Vitamin B-12, Eisen und Kalzium. Dagegen sprechen mehrere Generationen von Veganerkindern, die problemlos aufgewachsen sind.

Praktische Tipps für die Umstellung:
Energie
  • Dicken Getreidebrei statt dünnen Haferschleim zubereiten.
  • Ein wenig pflanzliches Öl erhöht den Kaloriengehalt und macht ihn schmackhafter.
  • Vor den Mahlzeiten nicht zu viel Flüssigkeit trinken.
  • Brot mit Margarine (evtl. angereichert mit den Vitaminen D und B-12), Tahina, Erdnussbutter, Nussmusen bestreichen.
  • Gargekochte, zerdrückte Hülsenfrüchte.
  • Avocado, Banane
Eiweiß Gargekochte, zerdrückte Hülsenfrüchte, Tofu, abwechslungsreiche Kost.
Vitamin B12 Angereicherte Nahrungsmittel wie Margarine, salzarmer Hefeextrakt, Sojamilch, Fertigprodukte für Kleinkinder.

Vitamin D Regelmäßige Aufenthalte in der frischen Luft, nicht voll bekleidet; im Winter angereicherte Nahrungsmittel (Margarine, Sojamilch) oder Vitamin D-2-Zusatz.
Eisen Schwarze Melasse, Sojamehl, Weizenkeime, Hirse, gemahlene Mandeln, Vollkornbrot, getrocknete Feigen, getrocknete Aprikosen.
Zur Verbesserung der Eisenaufnahme Zitrusfrüchte, Kartoffeln, grünes Blattgemüse oder Tomaten beimischen.
Calcium

Schwarze Melasse, mit Calciumsulfat gefällter Tofu, grünes Blattgemüse (außer Spinat), angereicherte Sojamilch.

Vitamine und Mineralstoffe Salzarmer Hefeextrakt ist ein ergiebiger Mineralstoff- und Vitaminlieferant.

Brigitte Wolf
arbeitkreis vegane ernährungswissenschafterInnen

Literaturhinweise:

  • Vegetarian Nutrition DPG: „Vegetarian Diets in Lactation”, Fact Sheet 1998
  • J Am Diet Assoc 1997,97:1317-21: “Position of The American Dietetic Association: Vegetarian Diets”
  • Messina MJ, Messina VL: “The Dietitian´s Guide to Vegetarian Diets: Issues an Applications.” Gaithersburg, MD:Aspen Publishers, Inc, 1996
  • DGE, ÖGE, SGE, SVE: ”D.A.CH. Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr“, Umschau/Braus 2000
  • Dr. Gill Langley: „Vegane Ernährung“, Echo Verlag,1999

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