Wilhelm Dietler: Gerechtigkeit gegen Thiere, 1787; Neuerscheinung 1997 ASKU-PRESSE.

Dieses Büchlein des Mainzer Philosophieprofessors Wilhelm Dietler stammt aus dem Jahr 1787, wurde also sowohl vor Jeremy Bentham’s „An Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ von 1789, als auch vor Lauritz Smith’s deutschsprachigem Buch „Ueber die Natur und Bestimmung der Thiere wie auch von den Pflichten der Menschen gegen Thiere“, Kopenhagen 1790, geschrieben und veröffentlicht. In Dietler’s Werk kommt vermutlich zum allerersten Mal der deutsche Terminus „Thierrechte“ vor.

Interessant und sehr modern muten Dietler’s Antworten auf Argumente gegen Tierrechte an:

  1. Vernunft kann nicht das Kriterium für Grundrechte sein, sonst würden wir Menschenkindern keine Rechte zugestehen, weil diese ja keine Vernunft haben.
  2. Rechte müssen nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, weil sonst würden wir auch Menschenkindern keine Rechte zugestehen, weil diese unsere Rechte ja auch nicht respektieren können.

"Man muss sich etwas sehr sonderbares unter Thierrechten denken oder eine sehr hoelzerne Philosophie haben, wenn man aus Wortstreitsucht den Thieren keine Rechte zugestehen will aus dem wunderlichen Grunde, weil sie keine Vernunft haben. Freilich, wenn man niemand Rechte lassen will, als wer im Stande ist uns belangen zu koennen, so hat man Grund sie den Thieren abzusprechen, denn sie werden wohl schwerlich je mit uns wegen zugefügter Beleidigungen vor Gericht erscheinen. Aber dieses kann ja auch das unmündige Kind nicht, und doch laeugnet man nicht, es sei widerrechtlich, ungerecht, das Kind zu toeden, zu verletzen oder dergleichen, das Kind habe also gewisse Rechte. Folglich koennen ja die Thiere eben so wohl gewisse Rechte haben, das heißt, mancheHandlungen gegen dieselben koennen ungerecht, unerlaubt sein. Und weiter will man ja nichts behaupten, wenn man sagt: die Thiere haben Rechte, als daß der Mensch Pflichten gegen dieselben habe." [Zitat Seite 23/24]

3) Der Mensch ist als Krone der Schöpfung nicht das einzig moralisch relevante Wesen, weil diese Vorstellung eine krankhafte Selbstüberschätzung ist und der Idee eines liebenden Gottes widerspricht.

"Denn zu glauben, dass des gütigen Allvaters Liebe sich blos auf den Menschen einschraenke, waere Gotteslaesterung. Er, die Quelle des Wohlwollens und der Seligkeit, sollte wegen dieser Handvoll Menschen die unendlichen Weltsysteme aufgethürmt haben? Und jene ganze unübersehliche Lebenskette sollte blos Mittel, blos Werkzeug sein für den Menschen, den einzigen Liebling des Schoepfers? Er, selbst der seligste, sollte es gleichgiltig ansehen, ob Millionen seiner Glückseligkeitsfaehigen Geschoepfe glücklich oder elend sind? Seine unendliche Kraft sollte nichts zur Absicht haben, als das Wohl so weniger Menschen? – Wahrlich kurzsichtige, grundlose, der unendlichen Gottheit unwürdige Einfaelle! Nur der aufgeblasenste Eigendünkel des staubleckenden Menschenstolzes kann solche Fiebertraeume aushecken. Widerlegung verdienen sie nicht" [Zitat Seite 28/29]

Als Begründung für Tierrechte werden hingegen folgende Argumente angegeben:

1) Ein liebender Gott kann nicht wollen, dass die von ihm leidensfähig geschaffenen Wesen leiden müssen. Es kann nur Unrecht sein, ein Wesen, das von dem liebenden Gott mit der Fähigkeit versehen wurde, glücklich sein zu können, ins Unglück zu stürzen.

"Dieses liebreichste, gerechteste, vollkommenste Wesen [Gott] muß notwendig jedes seiner, aus Liebe und Güte hervorgebrachten, Geschoepfe so glücklich wollen, als dasselbe seiner Natur nach faehig ist und dem Ganzen unbeschadet werden kann. Folglich kann kein Wesen – es sei von welcher Klasse es wolle – die Glückseligkeit eines Mitgeschoepfes mindern oder stoeren, ohne den Absichten, dem Willen seines Schoepfers und Richters entgegen, d.h. pflichtwidrig, zu handeln. [...] Als Geschoepfe des nehmlichen liebevollen Schoepfers sind wir alle gleich, mit gleichen Rechten zu gleichen Zwecken bestimmt." [Zitat Seite 27/28]

2) Weil wir auch wollen, dass mächtigere Wesen uns schonen, sollten wir diejenigen, gegenüber denen wir mächtiger sind, ebenso schonen.

"Es ist daher Pflicht, jedes seiner Mitgeschoepfe (es sei auch von der niedrigsten Art – in der Natur giebts kein Ungeziefer) zu lieben, zu schonen, und seine Glückseligkeit so viel wie moeglich zu erhoehen, wie wir wünschen, daß hoehere Wesen, und Gott selbst uns schonen und beglücken moegen. [...] Du willst ja doch selbst glücklich leben, willst, daß dich andere – etwa Staerkere und Klügere – daran nicht hindern. Fülst dich gekraenkt, wenn sie es doch thun." [Zitat Seite 28 und 30]

3) Wer für sich Rechte proklamiert, aus welchen Gründen auch immer, wird sehen, dass andere Menschen und Tiere diese Gründe auch anführen könnten. Es muß daher allen jenen Wesen, für die dieselben Gründe auch erfüllt sind, Rechte zugestanden werden.

"Sollte aber jemand so unglücklich sein, keine Uiberzeugung zu fülen von dem Dasein Gottes, so würde es ihm doch nicht an Gründen fehlen, gerecht zu sein gegen Thiere. [...] Wenn du aber Anspruch auf Glückseligkeit, wenn du Rechte hast; warum sollen sie die Thiere nicht auch haben? Eben den Rechtsgrund, welchen du für dich anführen magst – es sei welcher es wolle – koennten ja sie auch angeben. Und so niedertraechtig wirst du doch nicht sein, daß du dir selbst alle Rechte absprichst, zugiebst, es sei alles recht, was andere dir thun. So lang du nicht so tief gesunken bist, mußt du auch eingestehen, daß andere Menschen, daß Thiere Rechte, du Pflichten gegen sie habest: denn aus welchem Grund wolltest du anderen absprechen was du dir nicht willst absprechen lassen?" [Zitat Seite 30/31]

Da Dietler von einem liebenden Schöpfergott überzeugt ist, der vorsätzlich keine Grausamkeiten erschaffen würde, muss der Umstand, dass einige Tiere, z.B. Raubtiere, andere töten und essen, grundsätzlich gut sein. Er vermutet, dass diese Tötungen deswegen gut seien, weil sonst die rein pflanzenessenden Tiere Überhand nehmen würden, und viel mehr leiden müssten, z.B. durch Verhungern oder durch Verwüsten der Landschaft. Abgesehen davon, behauptet er, sei ersichtlich, dass die Tötungen von Tieren durch Raubtiere immer rasch und schmerzlos geschehen würden. Da er nun den Menschen für das grösste aller Raubtiere auf Erden ansieht, und das durchaus positiv belegt, kann es auch für den Menschen nicht moralisch falsch sein, andere Tiere für die Ernährung zu töten. Diese Tötungen müssten nur so rasch und schmerzlos wie möglich geschehen.

Würde der Mensch keine Tiere töten um sie zu essen, dann müsste er viel mehr Pflanzen essen. Diese müsste er dann anderen pflanzenessenden Tieren wegnehmen, und diese dafür töten, bzw. sie abwehren und verhungern lassen. Unter dem Strich würden so viel mehr Tiere leiden und sterben, als wenn die Menschen gleich Tiere zur Ernährung töten würden. Deshalb ist das Töten von Tieren zur Ernährung für den Menschen der moralisch richtige Weg.

Der Mensch hat für seine Ernährung Tiere domestiziert. Dietler sieht darin einen guten Handel für beide Seiten. Den betroffenen Tieren wird Schutz und Nahrung geboten, dafür müssen sie arbeiten oder werden rasch und schmerzlos und vor allem unerwartet getötet. Solange also Haltung und Tötung ohne irgendwelche Qualen verlaufen, ist diese Art der Mensch-Tier Beziehung richtig und gottgewollt.

Manuela Linnemann kommentiert diese Ansicht Dietler’s im Nachwort der neuen Auflage 1997 mit folgenden Worten: „Man ist versucht zu fragen, ob es tatsächlich im Sinne des Schöpfers ist, wenn der Mensch als der ‚brüderliche Vormund‘ der Tiere seine ‚unweiseren Brüder‘ zu Leberwurst verarbeitet. Eine solche Tendenz zur Doppelmoral läßt sich auch später noch bei den entschiedensten Verfechtern einer die Tiere miteinschliessenden Mitleidsethik ausmachen, die offensichtlich kein Problem damit hatten, den Gegenstand ihres Mitleidens zu verspeisen. [...] Oft genug sind die Begründungen für den Fleischverzehr jedoch leicht zu durchschauen; sie kommen gewissermassen ‚aus dem Bauch heraus‘, denn, wie schon der Arzt Johann Unzer 1769 gerade heraus zugab, nicht selten wird die Frage, ob die Menschen das Recht haben, Tiere zu essen, von den Gelehrten ‚bey einem Rinderbraten entschieden‘ – Zitat aus J. Unzer 1769: „Neun und zwanzigstes Stück“, in: Der Arzt 396-409“.

Messerscharf erkennt Dietler aber, dass diese Idylle der artgerechten Haltung und schmerzlosen Tötung in seiner Gesellschaft in keinster Weise verwirklicht ist: Tiere werden vorsätzlich misshandelt, brutal getötet, geschlagen, aus Lust gejagt, bei der Arbeit überanstrengt, kastriert, gemästet und in sinnlosen Tierversuchen gequält. Gegen all das spricht er sich aus. Vor allem gegen die Parforce-Jagd argumentiert er vehement und viele Seiten seines Buches lang. Jegliche Jagd nur aus Lust ist für ihn vollkommen verwerflich. Die von den BefürworterInnen offenbar angeführten Argumente für die Jagd – Förderung der Männlichkeit, Stärkung des Körpers durch Bewegung in der Natur, Stärkung der Kampfkraft und Entschlossenheit, Verhinderung der Verweichlichung – verwirft er. So meint er z.B. dass körperliche Ertüchtigung viel besser zu erzielen wäre, wenn man statt mit der Kutsche zu Fuss reisen würde. So müssten auch die Pferde nicht zuviel arbeiten. Und Männlichkeit, Entschlossenheit und Mut findet man auf andere Weise als durch die Jagd:

"Wer einen Unterschied zu machen weiß zwischen der eitelen Verwegenheit roher Moerder und dem weisen, maennlichen Muthe des wahren, gerechten Helden, wird wohl begreifen, daß meine Grundsätze auch von dieser Seite für das gute und die wahre Vollkommeheit des Menschen nicht nachteilig, sondern befoerderlich seien. Freilich wird der, welcher danach lebt, sehr weit entfernt sein von dem kühnen Blutdurste jener Ungeheuer, welche mit den Haeuptern ihrer Brüder spielen wie Buben mit Mohnkoepfen, welche Blut versprützen, wie Springwasser zur Luft. Sind sie aber darum weniger muthig, weniger maennlich, weniger Helden? [...]

Ganz verschieden von jener kühnen Wildheit [des Jägers] ist der wahre Muth des Mannes, und hat gar nichts gemein mit den gewohnlichen Lustpartien auf Jagden. Der Held wünscht Glück dem Gegner und daß er nicht sein müsse das Werkzeug zu seinem Verderben. Ist er aber einmal überzeugt von der Nothwendigkeit seines Untergangs durch die Grundsaetze der Wahrheit, so kennt sein gesetzter Muth keine Grenzen. Denn seine Weisheit will alle Mittel, seinen guten Zweck zu erreichen. Wie ein reissender Strom schwillt er daher, und wenn er stehet, ein Fels mit waldigtem Gipfel. Seine Stirne eine Gewitterwolke, seine Augen wie Blitze des Himmels. Seine Streiche treffen nie fehl; denn Nüchternheit hat sie gemessen. Sein Schenkel wankt nie, denn der Geist fült Uiberzeugung der Pflicht zu kaempfen für das Gute. Er fürchtet nichts; denn das Schlimmste waere, der Pflicht nicht zu gehorchen. Begegne ihm wehrhaft, sein Arm schwer, wie die stürzende Eiche, zerschmettert dich, wie der Donnerkeil schnell. Strecke die Waffen, sein Auge laechelt dir sanft wie die Morgenroethe. Troestend richtet er dich auf aus dem Staube des Zagens. Nie traf sein Schwerde den laechelnden Saeugling oder das wehrlose Weib. – Nur der vermag solchen Frevel, der sich an Mordlust gewoehnet.

Solchen Muth erwirbt man gewiss nicht auf Jagden; denn Weisheit ist sein letzter Grund." [Zitat Seite 47-49]

Die Jagd für den Nahrungserwerb, mit kurzem schmerzlosen Tod, ist natürlich wieder kein moralisches Problem für Dietler.

Angesichts dieser Art der Argumentation gegen die Jagd ist es nicht ganz verwunderlich, dass Dietler einen Punkt immer wieder herausstreicht: seine Motivation ist nicht Gefühlsduselei. Weder in der reinen, kalten Rationalität (Tierausbeutung), noch im Überschwang der Gefühle ohne Vernunft (Vegetarismus) liege die Wahrheit, sondern im goldenen Mittelweg eines vernünftigen Gefühls und einer mitfühlenden Vernunft: Tiernutzung ja, aber ohne unnötige Grausamkeiten. Fleischessen ja, aber nur nach artgerechter Haltung und schmerzloser Tötung.

Dabei betont er schon, dass Tiere nicht nur Barmherzigkeit und Mitleid verdienen, sondern Gerechtigkeit.

"Die besten von uns reden hoechstens von Mitleiden, Barmherzigkeit und Schonen der Thiere. Sie rechnen es sich schon als etwas sehr edles an, wenn sie keine Grausamkeiten gegen dieselben begehen, und ihnen gelinder begegnen als Andere. Pflicht gegen Thiere ist ein beleidigender Ausdruck für unser zaertlich verwoehntes Ohr. Wir wollen nichts davon hoeren, koennen es uns nicht denken. Warum? – Weil wir noch nie daran gedacht haben. Es ist zu neu für unser eingerostetes Gedanken- und Handelnssystem; unsere traege Gemaechlichkeit verloer zu viel dabei, welcher es weit mehr behagt, fein bequem den ausgetretnen Pfad fortzutaumeln; es beleidigt zu sehr unsern kurzsichtigen Eigendünkel, welcher uns verleitet, auf uns, als einzigen Mittelpunkt, alles zu beziehen, uns als einzig gebietende Herren über alles hinaus zu setzen." [Zitat Seite 4/5]

Eine Änderung könnte man nur so bewirken, dass die Kinder von Anfang an zum respektvollen Umgang mit nicht-menschlichen Tieren erzogen werden.

"Wenn wir unsere Kinder von der Wiege an in der Ausübung an solche Grundsaetze gewoehnten, so würden sie stets die Straße der Gerechtigkeit ohne Straucheln wandeln koennen, und nicht, wie es gewoehnlich geschieht, entweder auf die Seite der Grausamkeit oder der Empfindelei, oder von einer zur anderen schwanken." [Zitat Seite 54]

Wenn wir nur der fühlenden Vernunft folgen, dann brauchen wir keine Tierschutzgesetze.

"Brauchen wir Strafgesetze, um uns von dem abzuhalten, was die Natur schon jedem unverdorbenen verabscheuungswürdig gemacht hat?" [Zitat Seite 7]

Und seine Zukunftsvision trägt wieder Züge der Aufklärung:

"Und wir wollten nicht streben, uns nach diesem Gipfel der Vollkommenheit zu erheben? – Laß den Traum von Herrschaft fahren! Nur lenken sollt ihr andere, daß sie glücklich werden mit euch und durch euch, sofern sie noch Leitung bedaerfen nebst ihren Trieben. [...] Denkt, daß alles Lebende, so gut als ihr, bestimmt sei zum Vergnügen! Alle sind eure Brüder! Liebet sie alle, und behandelt sie – Menschen und Thiere – nach den Gesetzen der Gerechtigkeit!" [Zitat Seite 58]

Seitenanfang | Übersicht | Homepage