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Wilhelm Brockhaus (Herausg.), "Das Recht der Tiere in der Zivilisation", F. Hirthammer Verlag München 1975.

Peter Singer's Buch "Tierbefreiung" wurde ungefähr zur gleichen Zeit veröffentlicht wie dieses Buch von Brockhaus, ist aber wesentlich weniger fundiert. D.h. obwohl Singer durchgängig rational argumentiert, bringt er bei weitem nicht soviel Diskussion und Wissen mit Referenzen zu unabhängigen wissenschaftlichen Arbeiten ein, er zitiert weder Henry Salt noch Leonard Nelson, noch erwähnt er das Wort "vegan" oder diskutiert gar veganische Landwirtschaft, wie Brockhaus in seinem Buch. Und trotzdem ist Singer's Buch wesentlich bekannter geworden. Zu Unrecht, wie ich meine.

Für Brockhaus bedeutet die Diskussion über "das Recht der Tiere" in erster Linie eine Diskussion über Vegetarismus und Veganismus. Jagd, Pelz, Tierversuche und dergleichen Tierausbeutungen werden nur am Rande als "Vegetarische Polemik" erwähnt. Ebenso kümmert ihn die Massentierhaltung in diesem Zusammenhang wenig. Die Essenz ist für Brockhaus, dass ein "Recht der Tiere" bedeutet, dass die Menschen keine Tiere für den eigenen Vorteil töten und essen dürfen. Das Fleischessen erkennt er richtig als die Wurzel aller Tierausbeutung. 

So nähert sich Brockhaus, unterstützt von 20 - wie betont wird vegetarischen - KoautorInnen dem Thema, indem er zunächst "naturwissenschaftliche Gründe" für den Vegetarismus anführt. Brockhaus führt hier den Nachweis, daß für Menschen biologisch, also sowohl phylogenetisch (mehrheitlich vegetarische Stammesgeschichte als Sammler), als auch anatomisch (Gebiß, Darm, ...) und physiologisch (Menschen als Fruchtesser und nicht Allesesser, Pflanzenesser oder Fleischesser), aber auch bzgl. des angeborenen Verhaltens der Menschen (nicht existenter Jagd- oder Tötungstrieb; nach Brockhaus gibt es aber sogar eine angeborene Tötungshemmung und einen Abscheuinstinkt vor Fleisch), keine irgendwie geartete Notwendigkeit für den Verzehr tierlicher Produkte besteht. Einige der dafür angeführten Argumente muten heute allerdings etwas antiquiert an, was aber angesichts des Alters des Buches verständlich ist. 

Eine Analyse der Ernährung heute lebender indigener Bevölkerungen, sowie eine Bestandsaufnahme der Gesundheit von VegetarierInnen und ein Überblick über sportliche Höchstleistungen vegetarisch lebender Menschen runden das folgende Bild ab: gesundheitlich spricht alles für, nichts aber gegen den Vegetarismus. Brockhaus versäumt auch nicht auf die wohlbekannten ökonomischen und ökologischen Argumente gegen tierliche Landwirtschaft hinzuweisen. Kenneth O'Brien, ein englischer Veganer mit langjähriger Praxis im veganischen Landbau, beschreibt dann detailliert wie pflanzliche Nahrungsmittel auch ohne tierlichen Dünger gedeihen können. Ein Leben ohne tierliche Produkte ist also zumindest möglich, es besteht die Freiheit der Wahl, und damit ist der Weg für eine ethische Betrachtung darüber geebnet. 

Einleitend dazu diskutiert Brockhaus die Eigenschaften von Tieren und gesteht ihnen zu - im Gegensatz zu Pflanzen - Schmerz, Qual und Angst empfinden zu können. "Die Fähigkeit Schmerz, Qual und Angst zu empfinden, kennzeichnet zusammen mit den anderen psychischen und Verhaltenseigenarten - für uns behelfsmäßig - die eigentliche Lebendigkeit, die wir mit dem Personenhaften, der Persönlichkeit, verbinden. In diesem Sinne sind diese Eigenschaften ethisch bedeutsam." 

Verschiedene Ansätze einer Tierrechtsethik werden dann besprochen, zunächst die "Ehrfurcht vor dem Leben" anhand von Albert Schweitzer und Magnus Schwantje, danach wird Leonard Nelson als herausragendster Tierrechtsphilosoph in einem eigenen Abschnitt gewürdigt. Als allerersten deutschsprachigen Denker, der Tierethik thematisiert, identifiziert Brockhaus den dänischen Theologen und Philosophen Lauritz Smith mit einer diesbezüglichen Publikation aus dem Jahr 1790: "ein jedes lebendige Wesen, ein jedes Thier ist zunächst und unmittelbar seiner selbst wegen da, und um Glückseligkeit durch sein Daseyn zu geniessen". Das sei die Antwort auf die Kant'sche These, dass nur Menschen aber keine anderen Tiere Selbstzweck, also Zwecke an sich selber, wären, und deshalb nicht als Objekte, also als Mittel für eigene Zwecke, behandelt werden dürften. Brockhaus zitiert hier auch zustimmend Henry Salt: "Sein eigenes Leben zu leben, sein wahres Selbst zu verwirklichen, ist der höchste sittliche Zweck von Mensch und Tier." Brockhaus bezeichnet das als den "Ansatz für das Grundrecht der Tiere".

Der neue kategorische Imperativ für das Verhalten gegenüber nicht-menschlichen Tieren wird nach Brockhaus dann: "Die geistig hochstehenden Tiere sollten im positiven Recht so geschützt werden, als ob sie Personen wären" (kursiv durch den Autor). Und auf die Frage, ob wir allen Tieren in gleichem Mass verpflichtet sind, antwortet Brockhaus: "Kein Tier, auch nicht das niederste, dürfen wir ohne Not schädigen oder töten." Aber bei einer notwendigen moralischen Abwägung im Konfliktfall zwischen verschiedenen Tieren schlägt er Patric Corbett folgend 4 Kriterien zur Entscheidungshilfe vor: Organisationshöhe des Lebewesens, Höhe der Lebenserwartung, Ausmaß der Qual und Bedrohtheit der Art.

Brockhaus schließt: "Vegetarische Lebensweise ist naturwissenschaftlich möglich, ohne unsere Gesundheit zu gefährden; [...] Damit ist die Tötung von höheren Tieren, die in der Ernährung üblich sind, die Tötung von Rindern, Schweinen, Kaninchen, Ziegen, Schafen, Rehen, Hasen, Gänsen, Hühnern, Enten usw. Mord!"

Zum Umgang mit Pflanzen stellt Brockhaus fest: "Pflanzen sind auch Lebewesen. [... Aber] Pflanzen lassen beim besten Willen keine Regungen erkennen, die vom Menschen auch nur annähernd als ‚Interesse' gedeutet werden müßten. Wir vermuten nicht, wie bei den Tieren, besonders bei den höheren, ein Ich, für das wir ein wahres Interesse, eine innere geistige Selbsttätigkeit, annehmen müßten. [...] Ich kann aber nur verpflichtet sein, solche Interessen zu achten, die ich kenne oder die zu erkennen mir wenigstens möglich ist."

Hier zitiert Brockhaus Leonard Nelson (1926): "Pflanzeninteressen kennen wir nicht, können sie also nicht willkürlich verletzen; wir können Pflanzen also nicht ausbeuten! Tierinteressen kennen wir. Wir können also Tiere ausbeuten, und wir tun dies, wenn wir uns von ihrem Fleisch ernähren, solange Pflanzen genug da sind."

Brockhaus weiter: "An diesen Feststellungen ändern auch nichts die Hinweise, neuere Untersuchungen hätten ergeben, daß schon bei Annäherung eines Messers z.B. Pflanzen objektiv elektrisch meßbare Reizwirkungen zeigten. Wenn die äußeren Tatbestände solcher Versuche wirklich reproduzierbar nachzuweisen sind [was sich als falsch herausgestellt hat], bleibt die Deutung als ‚psychische' Reaktion fragwürdig. [...] Abgesehen davon [wurde gefunden], daß auch anorganische Versuchsanordnungen schon solche ‚Reaktionen' aufweisen!".

In einem eigenen Kapitel diskutieren dann einige KoautorInnen die Ansicht verschiedener Religionen zum Vegetarismus. Es zeigt sich, daß bei genauerem Hinsehen in den Glaubensgrundsätzen zumindest des Judentums, des Christentums, sowohl des katholischen als auch des evangelischen, der 7.-Tag AdventistInnen, des Hinduismus, des Sikhismus, des Buddhismus, des Mazdaznan und der Anthroposophie von Rudolf Steiner, Argumente für den Vegetarismus gefunden werden können.

Vegetarische Gemeinschaften sind ein weiteres Thema des Buches. So schildert Brockhaus die Geschichte der Siedlung Oranienburg-Eden, die 1893 von 18 Männern in Berlin gegründet worden war. Im Lauf der Zeit entstanden in Eden etwa 400 Siedlungshäuser, jedes mit einem Obst- und Gemüsegarten. 1939 hatte Eden 1200 EinwohnerInnen. Zur Zeit der Herausgabe des Buches 1975 war die Siedlung Eden, in der DDR gelegen, noch immer als Eden-Waren-GmbH aktiv und belieferte viele Länder mit vegetarisch/veganen Produkten.

Im November 1959 wurde die Vegetarier Siedlung Amirim in Obergaliläa in Israel von 30 Personen gegründet. Im Jahr 1975 lebten dort 160 VegetarierInnen (hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen), zum Großteil junge Familien mit einem hohen Prozentsatz an Kindern. Jedes Haus hat 2-3000 Quadratmeter Anbaufläche. Hauptpflanzen sind Wein, Pfirsich, Marille, Apfel, Walnuß, Feige und Granatapfel. Der größere Teil der BewohnerInnen von Amirim lebt von Außenarbeit als LehrerInnen, Beamte, usw. Die ursprüngliche Absicht die Siedlung auf Landwirtschaft aufzubauen konnte aufgrund der Unfruchtbarkeit des Bodens nicht umgesetzt werden. Es gibt keine Restaurants, aber Gastunterkünfte für TouristInnen. Ein Kindergarten ist vorhanden, nicht aber eine Schule. Es gibt auch eine Bibliothek mit vegetarischer Literatur.

Zuletzt diskutiert Brockhaus seine Vision von Vegetarismus in Unterricht und Erziehung: "Es kommt darauf an, Konflikte des Menschen mit den [anderen] Tieren zu sehen und zu erörtern, nicht immer aber, Lösungen zu finden oder zu oktroyieren. Es ist viel erreicht, wenn es gelingt, die vegetarische Fragestellung ins Gespräch zu bringen. Mehr ist der Schule nicht zuzumuten. Wohl darf verlangt werden, daß, wenn über Vegetarismus gesprochen wird, eine zutreffende Darstellung gegeben und der Begriff richtig erläutert wird, gleichgültig, ob der Lehrer diese Sache billigt oder nicht. Es gehört zur Bildung, daß man weiß, woher unser Brot kommt, wie es gebacken wird - ein klassisches Unterrichtsthema. Wissen unsere Kinder auch vom Inferno der Schlachthöfe mitten in unserem friedlichen Wohn- und Arbeitsland? Kriegs- und Jagdfilme dürfen vom Lehrer gewagt werden; darf ein Lehrer seine Schüler auch auf den in Betrieb befindlichen Schlachthof führen, wo etwas so Alltägliches wie unser Fleisch produziert wird?"

Die wichtigsten Themen im Schulunterricht in Sachen Tierrecht wären nach Brockhaus: "Das Recht der Tiere auf ihr Leben nach ihren angeborenen Bedürfnissen, Zucht und Tiertötung zu Nahrungszwecken, Tiernutzung zu Unterhaltungs- und Kleidungszwecken (Tierkämpfe, Pelze, Leder), Tierversuche der Wissenschaft, Gefangenhaltung, Tiergärten und die Jagd."

Liest man dieses Buch 25 Jahre nach seinem Erscheinen, wirkt es seiner Zeit unglaublich weit voraus. In vieler Hinsicht ist es daher viel eher als "Bibel" der Tierrechtsbewegung geeignet als andere, denen dieser Titel gegeben wurde. Eine Neuauflage des Buches mit modernsten wissenschaftlichen Referenzen, aber im wesentlichen mit demselben Aufbau, vielleicht noch mit einer Geschichte der Tierrechtsbewegung seit 1975 dabei, wäre sehr zu begrüßen.