Steven Wise, "Rattling the Cage. Towards legal rights for animals", Perseus Books 2000.

Homepage | Übersicht

Seit 4000 Jahren trenne eine dicke, undurchdringliche Wand die menschlichen von den nicht-menschlichen Tieren, meint Wise. Von den BabylonierInnen aufgestellt, von den IsraelitInnen, GriechInnen und RömerInnen verstärkt, und von den ChristInnen und den EuropäerInnen des Mittelalters ausgebaut, separiert sie "juridische Personen" von "juridischen Sachen". Die fundamentalsten Interessen nicht-menschlicher Tiere, wie z.B. ihre Schmerzen, ihr Leben und ihre Freiheit, werden auf diese Weise vorsätzlich ignoriert. Die alten PhilosophInnen behaupteten, dass die nicht-menschlichen Tiere nur für die Menschen auf der Erde wären. Die alten Rechtsgelehrten meinten, dass Gesetze nur für Menschen geschaffen seien. Nach Wise haben die Philosophie und die Naturwissenschaften ihre diesbezüglichen Ansichten schon revidiert. Das Gesetz ist aber weiterhin nur für Menschen da.

Bildlich gesprochen, meint Wise, bröckelt die oben zitierte Trennmauer zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren also schon ab. Der Verputz ist herunten, der Mörtel am zerfallen, viele Steine fehlen. Sie sieht zwar noch stabil aus, aber ihr intellektuelles Fundament ist so prinzipienlos und willkürlich, so unfair und ungerecht, dass sie früher oder später fallen müsse. Ein einziges gutes Buch könnte nach Wise ausreichen um das zu bewerkstelligen. Und das vorliegende Buch wurde mit der Intention geschrieben dieses Buch zu sein.

Wise identifiziert einen Grundgedanken in der Geistesgeschichte unserer Gesellschaft, der die Ansicht über nicht-menschliche Tiere heute noch bestimmt: die auf Aristoteles zurückgehende Sicht einer strikten Hierarchie für alle Lebewesen, in der das jeweils "niedere" für das "höhere" geschaffen worden sei. Wise beobachtet, dass, jemand, der behauptet, dass es eine solche Hierarchie gäbe, die eigene Gruppe immer an der Spitze dieser Hierarchie sieht. Wise nennt das "das Aristotelische Axiom". Erst Darwin's Erklärung der belebten Welt durch die Evolution brachte die Idee, dass gewisse Lebewesen nur für andere da wären, ins wanken, und ermöglichte so, dass die Gleichheit aller Menschen gesehen und allgemein akzeptiert werden konnte. Bis heute wurde aber nicht erkannt, dass diese Ideen auch die fundamentalsten Prinzipien der heutigen Rechtsauffassung unterminieren. Wie konnte nur eine der grössten geistigen Revolutionen der Menschheitsgeschichte so spurlos an unserem Gesetzsystem vorrübergehen, fragt Wise.

Freiheit und Gleichheit werden als die Grundsteine der heutigen Auffassung von Recht und Gesetz gesehen. Die Freiheit von Sklaverei und die Freiheit von Gefangennahme und Folter werden in den meisten Verfassungen als ein Naturrecht interpretiert, sind also unabhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Rechtslage. Auf der Basis dieser Anschauung wurden z.B. die Naziprozesse in Nürnberg geführt. Die Forderung nach Gleichheit bedeutet, dass eine ungleiche Behandlung nur dann fair und akzeptabel ist, wenn sie sich auf einen relevanten und objektiv nachprüfbaren Unterschied bezieht. Wie auch immer spezifische Gesetze formuliert werden, Freiheit und Gleichheit gelten als absolute Minimalforderungen, und daher als nahezu absolute Rechte, die auch von verfassungsändernden Mehrheiten nicht einfach entzogen werden können. Wise meint, dass diejenigen, die für Schimpansen und Bonobos einen rechtlichen Personenstatus fordern, sich auf diese naturrechtlichen Grundprinzipien berufen müssen.

Kein Gesetz beschreibt 100% wie in einer realen Situation in der Praxis zu entscheiden ist. RichterInnen extrapolieren die bisher gefassten Entscheidungen und Interpretationen der Gesetze auf den jeweils vorliegenden, realen Fall in verschiedener Weise. Formale RichterInnen werden sich so weit wie möglich an die wörtliche Auslegung des Gesetzes halten, egal wie es gemeint war, oder wie es auf die vorgegebene Situation passt. Prinzipien-RichterInnen werden das Prinzip hinter dem Gesetz sehen, das die GesetzgeberInnen im Auge hatten, und dieses Prinzip dann auf den vorgegebenen Fall anwenden. Inhalt-RichterInnen werden versuchen das vorgegebene Gesetz in dem Sinn zu interpretieren, wie es im gegebenen Moment in der Gesellschaft allgemein gesehen würde. Und Politik-RichterInnen orientieren sich nur daran, was ihr Urteil für Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte, und ob diese allgemein als wünschenswert oder als nicht wünschenswert empfunden würden. Wise meint, dass bei der Entscheidung über den rechtlichen Personenstatus von nicht-menschlichen Tieren der Umstand, wie diese Frage bisher in der Gesellschaft gesehen wurde, nicht relevant sein dürfe. Sich formal an Gesetze zu halten, die zu einer Zeit geschaffen wurden, wo gewisse naturwissenschaftliche Erkenntnisse über nicht-menschliche Tiere noch nicht vorhanden waren, ist offensichtlich ebenso verfehlt. Auch sich an der Meinung einer vielleicht vorurteilsbeladenen Gesellschaft zu orientieren kann für sich allein genommen nicht fair sein. Und die Frage nach den Auswirkungen auf die Gesellschaft darf auf das Urteil darüber, wem Rechte gebühren, keinen Einfluss haben, weil Rechte ja gerade vor solchen utilitaristischen Überlegungen schützen sollen. Die moralischen Grundprinzipien, wie Freiheit und Gleichheit, sind zu isolieren und dann möglichst vorurteilsfrei und objektiv-faktisch belegt zu interpretieren und auf die Frage nach der Rechtsfähigkeit nicht-menschlicher Tiere anzuwenden. Nur so kann ein gerechtes Urteil gefällt werden.

Auf etwa 120 Seiten seines Buches widmet sich Wise dem "Unterschied" zwischen Menschen und anderen Tieren, und konzentriert sich dabei auf die nächsten Verwandten der Menschen, die Schimpansen und Bonobos. Zunächst fasst er die herkömmlichen "Theorien" von Bewusstsein zusammen, um zu zeigen, dass das Wesen von Bewusstsein theoretisch bisher einfach nicht fassbar ist. Und umso weniger verständlich ist dann das sogenannte Selbstbewusstsein. Das Spektrum möglicher Meinungen diesbezüglich variiert von der Ansicht, dass Selbstbewusstsein abstrakte, gedankliche Selbstreflexion bedeutet, bis zur Ansicht, dass jedes Bewusstsein auch achon eine Art von Selbstbewusstsein ist: "Vom evolutionären Standpunkt aus gilt: mit der Fähigkeit zur Bewegung geht Bewusstsein von Wahrnehmungen einher, und mit dem Bewusstsein der eigenen Wahrnehmungen ein Selbstbewusstsein (d.h. ein Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit)".

Schimpansen und Menschen gleichen sich in etwa 98,3% der Gene. Es gibt aber viele Gene, die evolutionäre Überbleibsel sind und keine aktualen Konsequenzen für das Individuum haben. Solche Gene verändern sich mit einer konstanten Mutationsrate, weil sie nicht durch Selektion kontrolliert werden. Sie verändern sich also rascher. Deshalb liegt der größte Teil des genetischen Unterschieds zwischen Menschen und Schimpansen in solchen, für das Individuum völlig irrelevanten, Genen. Betrachtet man nur die relevanten Gene, so gleichen sich Menschen und Schimpansen in 99,5% der Gene. Im Bereich der für die geistigen Fähigkeiten verantwortlichen Gene unterscheiden sich Menschen und Schimpansen konkret nur in etwa 50 Genen. Die Grosshirnrinde macht rund 80% des menschlichen Gehirns, und 75% des Schimpansengehirns aus. Durch diese grosse biologische Nähe der beiden Arten, eine ähnliche Nähe wie Pferd und Esel, gäbe es gute Argumente Schimpansen, Bonobos und Menschen derselben Gattung, nämlich "homo" bzw. "Mensch", zuzuordnen. Jedenfalls müssten diese und ähnliche Fragen nach Wise-Regel 1 ("es bedarf der allergrössten Anstrengung sich selbst in fairer Weise mit anderen Lebewesen zu vergleichen") und Wise-Regel 2 ("wir müssen besonders skeptisch sein gegenüber Argumenten, die unsere eigene extrem gute Meinung über uns selbst bestätigen") sorgfältig und objektiv untersucht werden, und nach Möglichkeit ohne Vorurteile.

Gegen ZweiflerInnen an tierlichem Bewusstsein, die meinen, nur sprachliches Denken wäre ein Denken, und daher Sprache Voraussetzung von Bewusstsein, erinnert Wise an nicht-verbales Denken bei Menschen, das immer mit komplexen nicht-verbalen Aktivitäten einhergeht. Dann widerlegt er sehr sorgfältig die Pseudoargumente gegen die Sprachfähigkeit von Schimpansen und Bonobos, die aufgrund von Terrace's "Arbeit" mit dem Schimpansen Nim vorgebracht werden. Das Wunder sei eher, dass Nim überhaupt etwas gelernt hätte, unter den Bedingungen, die er bei Terrace ausgesetzt war. Schimpansen benötigen nämlich, wie auch Menschen natürlich, ein entsprechendes soziales Klima, um lernen zu können. Überhaupt dürfe man nur "enculturated" (also beim Aufwachsen einer intellektuell stimulierenden Umgebung ausgesetzten) Schimpansen in ihren intellektuellen Fähigkeiten mit Menschen vergleichen (die ja immer in so einer Umgebung aufwachsen). Wenn Menschenkinder beim Aufwachsen sozial völlig isoliert sind und geistig überhaupt nicht gefordert werden, dann würden sie später natürlich auch schlechte Lernleistungen und Intelligenztestresultate liefern. Kanzi und andere Menschenaffen in der Sprachforschung wurden jedenfalls von frühester Kindheit an einem Sprachumfeld ausgesetzt. Man hat sie nicht Sprache unterrichtet, sondern Sprache einfach in ihrer Umgebung benutzt. Menschenaffen, die aus so einem Milieu stammen, liefern erstaunliche Testresultate im intellektuellen Bereich, die mit denen 4 jähriger Menschenkinder durchaus vergleichbar sind.

Wise meint, dass Menschenrechte i.a. durch die Würde der Menschen begründet werden, die wiederum auf der menschlichen Autonomie bzw. Willensfreiheit basiert. Aber eine volle Autonomie im Kant'schen Sinne, die auf einer durchgehenden rationalen Analyse aller Aspekte beruht, die mit einer möglichen Handlung in Zusammenhang stehen, habe praktisch auch kein Mensch. Viele geistig kranke u.a. Menschen haben fast überhaupt keine Autonomie. Und dennoch bekommen sie volle Rechte und gelten rechtlich als Personen. Die Würde, auf der die Rechte basieren, ist entweder da oder nicht. Und so führt schon die kleinste Autonomie zum rechtlichen Status als Person. Viele nicht-menschlichen Tiere haben aber grössere Autonomie als manche Menschen. Bei Gerichtsverhandlungen, in denen die Rechte von Menschen mit sehr eingeschränkter Autonomie behandelt werden, agieren die RichterInnen immer mit der legalen Fiktion als ob die betroffenen Menschen volle Autonomie hätten. Ein Vormund entscheidet dann anstelle der Betroffenen. Dasselbe könnte mit nicht-menschlichen Tieren getan werden. Auch wenn Menschen mit stark eingeschränkter Autonomie dann halt eingeschränkte Rechte haben (z.B. kein Wahlrecht), so sind sie dennoch rechtlich keine "Sachen" ohne Rechte. In grundsätzlichen Rechten gelten sie nicht weniger als andere Menschen. Dasselbe sollte dann aber auch für zumindest einige nicht-menschliche Tiere gelten.

Wo hier die Grenze zu ziehen ist, wer als juridische Person zu gelten hat und wer nicht, müsste nach Wise die Wissenschaft entscheiden. Aber sowie Säugetiere mit Sicherheit dazu gehörten, würden Insekten ebenso sicher nicht darunter fallen. Der wesentliche nächste Schritt wäre aber jetzt einmal die Artengrenze zu überbrücken und erstmals nicht-menschlichen Tieren Personenstatus zu geben, der ihnen so lange schon durch auf Vorurteile gegründete Willkür vorenthalten wurde.