Peter Singer, "Praktische Ethik", Reclam 1994.

Peter Singer wurde hierzulande hauptsächlich durch seine Äußerungen bzgl. Euthanasie bekannt und berüchtigt. Da auch einige seiner Bücher, vor allem „Animal Liberation“ (Thorsons 1991), von der Befreiung der Tiere handeln, und sogar oft als Auslöser für die Tierrechtsbewegung betrachtet werden, wurde die berechtigte Skepsis Singer gegenüber auf die gesamte Tierrechtsidee übertragen. Eine Analyse seiner ethischen Ideen anhand seines Buches „Praktische Ethik“ (Reclam 1994) zeigt, daß seine fragwürdigen Forderungen bzgl. Euthanasie eine Folge des utilitaristischen Ansatzes und der Trennung in bewußte und selbstbewußte Lebewesen sind, wobei nur letzteren ein Interesse am Leben zu bleiben zuerkannt wird. Die Philosophie der Tierrechte folgt aber einem ontologischen Ansatz und erkennt allen Lebewesen mit Bewußtsein ein Recht auf Leben zu, ist also gerade bzgl. dieser zwei Punkte im Widerspruch zu Singer. Daher folgt aus der Tierrechtsphilosophie keine Berechtigung zur Euthanasie. Singer’s Verdienst bleibt es jedoch, das ethische Prinzip der Gleichheit bzw. Gerechtigkeit so eindeutig formuliert zu haben, daß es jede sexistische, rassistische, nationalistische oder speziesistische Form der Unterdrückung offenlegt. Die Kritik der Tierrechtsphilosophie an Peter Singer soll weder die Würdigung seiner Rolle in den Anfängen der Tierbefreiungsbewegung schmälern, noch die berechtigte Vehemenz der Ablehnung seiner Aussagen bzgl. Euthanasie mindern.

Peter Singer ist ein Kind jüdischer Eltern aus Wien, die vor dem „Anschluss“ ans Dritte Reich geflohen und nach Australien ausgewandert waren. Seine Großeltern sind als jüdische Menschen in Vernichtungslagern der Nazis umgebracht worden. Peter Singer ist dadurch im angloamerikanischen Raum aufgewachsen, und hat es durch die Geschichte seiner Familie bedingt in seinen eigenen Schriften nicht für notwendig gehalten, besonders sensitiv mit Begriffen, die im deutschsprachigen Raum Assoziationen mit Geschehnissen im Dritten Reich wecken, umzugehen. Euthanasie ist im angloamerikanischen Raum ein Begriff, den eher die progressive Linke benützt. Er steht dort im Zusammenhang mit dem Recht auf den eigenen Tod, das dem katholisch-christlichen Konzept der Heiligkeit des Lebens und dem Selbstmordverbot widerspricht. Entsprechend kommen dort auch die KritikerInnen von Singer praktisch ausschließlich aus dem rechts-konservativen, religiösen Lager. Im englischsprachigen Raum gilt Singer als „linksintellektueller Jude“.

Man muss also vorsichtig sein, Begriffe wie Euthanasie, die im Deutschen mit der hiesigen Geschichte eine ganz andere Färbung haben als im Englischen, einfach so direkt zu übersetzen und aus dem angloamerikanischen gesellschaftlichen Kontext zu nehmen, in dem sie geschrieben wurden. Dennoch ist es natürlich legitim, Singer’s Thesen zu analysieren und gegebenenfalls zu kritisieren. Die folgende Analyse orientiert sich an seinem Buch „Praktische Ethik“ (Reclam 1994).

Singer unterscheidet zunächst – grob gesprochen und ohne Anspruch auf exakte Definition – zwischen willkürlichem Handeln, das auf Egoismus und dem Recht des Stärkeren basiert, und ethischem Handeln, das rational und universell gültig sein soll. Da es keine ethische Forderung geben kann, ethisch zu handeln, genauso wie es keine rationale Begründung geben kann, rational vorzugehen, ist die Überlegung von Anfang an am wohlbekannten Problem der Letztbegründung festgefahren. Singer entscheidet sich hier für die rationale Ethik.

Für eine rationale Ethik gibt es wiederum zwei Möglichkeiten – ebenso ohne Anspruch auf exakte Definition oder Allgemeingültigkeit. Einerseits gibt es den ontologischen Ansatz, bei dem ethische Forderungen mit dem Seienden begründet werden, wenn z.B. Rechte aus existierenden Qualitäten folgen. Andererseits gibt’s den konsequentialistischen oder teleologischen Ansatz, bei dem ethische Forderungen mit den Auswirkungen der Handlungen begründet werden.

Der ontologische Ansatz setzt eine Theorie oder Vorstellung der objektiven Wahrheit und Wirklichkeit voraus, ähnlich zu der Sichtweise in der Naturwissenschaft, daß wissenschaftliche Theorien die Wirklichkeit beschreiben. Der konsequentialistische Ansatz erinnert an den Positivismus in der Naturwissenschaft, der der Einstellung entspricht, daß wissenschaftliche Theorien nichts über die Wirklichkeit aussagen, sondern nur als Vorhersagen über Ergebnisse von Experimenten zu sehen sind. Singer wählt den konsequentialistischen Ansatz in der Ethik, weil es ihm „ehrlicher“ erscheint kein Wissen über die Wirklichkeit annehmen zu müssen, da ja eigentlich nur die gesamten Auswirkungen von Handlungen bemerkbar sind , und nicht die Gründe (und wenn letztere bemerkbar sind, dann wieder nur über irgendwelche Auswirkungen, da Gründe, die keine Auswirkungen haben, auch nicht direkt merkbar sind).

Für Singer bedeutet also Ethik so zu handeln, daß die Auswirkungen der Handlungen „gut“ sind. Aber „gut“ an sich wäre wieder ontologisch, und daher muß „gut“ definiert werden als relativ zu jemandem, der es als „gut“ empfindet. Mit anderen Worten, „gut“ ist Glück, erfüllte Präferenzen, entsprochene Interessen, befriedigte Wünsche etc. von allen, die Glück fühlen oder Präferenzen, Interessen oder Wünsche haben können.

Singer’s Ethik ist also die des (Präferenz-) Utilitarismus: Handlungen sind ethisch richtig bzw. gut, wenn sie maximal Glück schaffen, Präferenzen erfüllen, Interessen entsprechen, etc.

Da die Ethik universell und rational sein soll, folgert Singer das Prinzip der Gleicheit (bzw. Gerechtigkeit): gleiches Glück, gleiche Präferenzen, gleiche Interessen etc. (von wem auch immer) sind gleich wichtig (d.h. gleich zu werten in der Abschätzung von Auswirkungen der Handlungen).

Um dieses Prinzip in die ethische Praxis umzusetzen, muß zunächst geklärt werden, was Glück bedeutet, bzw. was für Präferenzen und Interessen es gibt und wer Glück fühlen und Präferenzen und Interessen haben kann. Da ist zunächst einmal die Präferenz nicht leiden zu müssen. Diese setzt Bewußtsein, also Leidensfähigkeit, voraus. Nach Singer haben das alle Tiere (inklusive der Menschen), woraus gefolgert wird, daß es ethische Pflicht ist, alle Tiere von „unnötigem“ Leiden zu befreien. Diese Überlegung ist der Grundstein für den Begriff „Tierbefreiung“ (Animal Liberation), der zumindest im angloamerikanischen Raum sehr stark mit Singer verbunden wird.

Aber da gibt es auch die Präferenz zu leben. Das setzt Selbstbewußtsein voraus, also sich selbst in der Zeit – eben auch in der Zukunft – sehen zu können, und damit Zukunftspläne zu haben. Singer definiert den Begriff „Person“ so, daß alle Lebewesen, die ein Selbstbewußtsein in diesem Sinn haben, Personen sind. Da alle Präferenzen berücksichtigt werden müssen, aber nur Personen eine Präferenz zu leben haben, sind es nur Personen für die ihr eigener plötzlicher, schmerzloser Tod für sie selber eine Relevanz hat.

Singer teilt also alle Entitäten ethisch in 3 Gruppen:
  1. Lebewesen ohne Bewußtsein und tote Materie. Was mit diesen Lebewesen geschieht ist ethisch nur insofern relevant, als es andere Lebewesen mit Bewußtsein beeinträchtigt (weil ethisch „gut“ nur bzgl. einem Bewußtsein, das etwas als gut empfindet, definiert ist).
  2. Lebewesen mit Bewußtsein aber ohne Selbstbewußtsein. Alle ihre Präferenzen und Interessen verdienen gleiche Berücksichtigung, aber sie haben keine Präferenz zu leben. Schmerzloses, plötzliches Töten dieser Lebewesen ist also ethisch nur insofern relevant, als es die Präferenzen und Interessen anderer Lebewesen mit Bewußtsein beeinträchtigt (indirekte Relevanz).
  3. Lebewesen mit Selbstbewußtsein, sogenannte Personen. Sie sind die einzigen, die neben anderen Präferenzen auch die Präferenz zu leben haben. Daher ist auch der schmerzlose, plötzliche Tod von Personen für sie selber von Bedeutung.

Wesentlich für die praktische Ethik ist nun die Einteilung, welche Lebewesen in welche Kategorie fallen. Für Singer sind die Fische sicher keine Personen, die Primaten (inklusive der Menschen) sicher schon, die Vögel wahrscheinlich nicht, die Säugetiere eher schon. In der praktischen Anwendung sind also, grob gesprochen, die Säugetiere Personen mit Selbstbewußtsein, die Tiere Lebewesen mit Bewußtsein und die Pflanzen, Pilze, Bakterien etc. Lebewesen ohne Bewußtsein.

Töten ohne in irgendeiner Form Leiden zu schaffen, also schmerzloses, plötzliches Töten von Lebewesen ohne Selbstbewußtsein aber mit Bewußtsein, ohne Präferenzen von anderen Lebewesen mit Bewußtsein zu übergehen, ist in der tierlichen Nahrungsmittelproduktion praktisch nicht möglich. Auch Milchprodukte lassen sich nicht ohne Präferenzverletzungen bewußter Lebewesen erzeugen. Ähnliches gilt für die Produktion von Eiern, auch wenn sie noch so sehr aus Freilandhaltung stammen, schon allein deswegen, weil alle männlichen Küken von Legehuhn“rassen“ nach der Geburt getötet werden, und das in einem Fleischwolf, durch den sie lebend „gemust“ werden. In einem öffentlichen Vortrag in London im Jahr 1995 gab Singer dennoch an, Freilandeier unter gewissen Bedingungen, die nicht näher spezifiziert wurden, zu essen. Mit Ausnahme dieser jedenfalls klärungsbedürftigen Aussage folgt meines Erachtens dennoch nach Singer, daß Veganismus eine ethische Pflicht ist, weil die Präferenz von tierlichen Nahrungsmitteln gegenüber pflanzlichen eine sehr oberflächliche ist. Ausnahmen zu dieser Pflicht zum Veganismus gibt es natürlich schon, wie das Essen von schon tot aufgefundenen Körpern, oder wenn die Präferenzen nicht-vegan zu essen so schwerwiegend sind (vor dem Hungertod, oder wenn gravierende gesundheitliche Probleme drohen), daß sie die immer als schwerwiegend einzustufenden Präferenzen der zu Nahrungsmittel zu verarbeitenden Opfer ethisch überwiegen. Allerdings verbietet Singer’s Ethik nicht explizit die tierliche Nahrungsmittelproduktion, sondern nur in der praktischen Anwendung. Zweifelsohne lassen sich theoretisch Situationen konstruieren, in denen eine tierliche Nahrungsmittelerzeugung nach Singer ethisch vertretbar wäre, allerdings, wie Singer selber betont, bleibt das ohne praktische Bedeutung.

Es gibt auch Menschen, denen Singer kein Selbstbewußtsein zutraut, wie z.B. Neugeborene bis mindestens zum ersten Monat nach der Geburt, entsprechend schwer geistig behinderte Menschen, oder entsprechend schwer senile alte Menschen, usw. Diese Menschen fallen nach Singer daher nicht in die Kategorie Personen, sondern in die Kategorie Lebewesen mit Bewußtsein aber ohne Selbstbewußtsein. Sie hätten also keine Präferenz zu leben.

Singer setzt im übrigen nicht das „Person-sein“ mit der Fähigkeit moralisch handeln zu können, gleich. Für die Berücksichtigung von Präferenzen und Interessen ist die Fähigkeit moralisch handeln zu können irrelevant.

Da die Interessen aller gleich gewertet werden sollen, fordert Singer in dem Buch „Praktische Ethik“ explizit, daß die Interessen von behinderten Menschen nicht denen nicht-behinderter Menschen unterzuordnen sind, und deshalb Chancengleichheit und Gleichberechtigung für behinderte Menschen ebenso ethische Pflicht ist.

Ethisch zu handeln heißt also jetzt nach Singer, die Auswirkungen der zu setzenden Handlung auf die Präferenzen aller zu berücksichtigen, und dann jene Handlung zu setzen , die in Summe die wenigsten Präferenzen verletzt und die meisten Präferenzen fördert. Bei dieser Abwägung sollen die wesentlichen Grundinteressen einzelner mehr zählen, als die oberflächlichen Interessen vieler.

Anwendungen dieser ethischen Prinzipien

Im Problemkreis Abtreibung ist zunächst einmal zu bedenken, daß die Potentialität von Bewußtsein oder Selbstbewußtsein belanglos ist. Wenn Präferenzen, die ein Lebewesen in der Zukunft einmal haben könnte aber jetzt nicht hat, durch eine Handlung verletzt werden, so ist das ethisch irrelevant. Jeder Gedanke an heterosexuellen Verkehr trägt die Potentialität in sich, einmal zu einem Lebewesen mit Selbstbewußtsein zu werden, aber diesen Gedanken zu verwerfen ist etwas ganz anderes, als ein aus diesem Gedanken vielleicht einmal später entstandenes Lebewesen mit Selbstbewußtsein zu töten.

Der menschliche Fötus ist vor der Bewußtseinsbildung ethisch irrelevant, ausgenommen sein Schicksal hat Auswirkungen auf die Präferenzen anderer Lebewesen mit Bewußtsein. Das schmerzlose, plötzliche Töten eines Fötus nach der Bewußtseinsbildung ist auch nur insofern ein ethisches Problem, als es Präferenzen anderer Lebewesen mit Bewußtsein beeinträchtigt, da der Fötus selbst, nach Singer, kein Selbstbewußtsein hat. Weil die Auswirkungen einer Handlung, die das Schicksal des Fötus beeinflußt, am ehesten die Präferenzen der Mutter betreffen, soll die Mutter Entscheidungsträgerin bzgl. solcher Handlungen sein.

Singer schließt aus diesen Überlegungen, daß die Abtreibung, wie sie heute praktiziert wird, ethisch richtig ist.

Als nächstes wird in der „Praktischen Ethik“ das Problem Euthanasie behandelt. Singer folgert zunächst aus seinen Überlegungen, daß es ethische Pflicht ist, ein Leben zu nehmen, das für das Subjekt dieses Lebens mehr Leid als Glück bedeutet. Die freiwillige Euthanasie sei daher – unter kontrollierten Bedingungen – ethisch richtig. Die unfreiwillige Euthanasie, bei der das betroffene Lebewesen sich selber gegen die Euthanasie entscheidet, kann auch nach Singer niemals ethisch richtig sein. Die nicht-freiwillige Euthanasie eines Lebewesens, das keine Person ist aber ein Bewußtsein hat, ist laut Singer aber ethisch richtig, wenn die Präferenzen anderer Lebewesen (wie z.B. die nach bester Information entscheidenden Eltern oder nächsten Verwandten) dafür sprechen.

Singer schließt daraus, daß das Töten von Neugeborenen bis zum 1. Lebensmonat ethisch richtig ist, wenn die Eltern das nach bester Information so entscheiden und die Tötung schmerzlos geschieht.

Singer schließt nun in seiner utilitaristischen Abwägung der Präferenzen aller (in der Gesellschaft), daß behinderte Neugeborene z.B., und Neugeborene mit allen möglichen anderen sogenannten „genetischen Defekten“ oder „Erbkrankheiten“, bis zum 1. Lebensmonat einfach getötet werden können, wenn die Eltern dem zustimmen. Es ist diese Folgerung des Singer’schen Denkens, das in deutschsprachigen Ländern zurecht zu heftiger Kritik geführt hat.

Zum Problemkreis Eigentumsrecht sagen ontologisch-ethische Ansätze üblicherweise, daß Egoismus nicht unethisch ist, solange anderen dadurch nicht geschadet wird, bzw. die Rechte anderer dadurch nicht übertreten werden. Es gibt also keine Pflicht Bedürftigen zu helfen.

Für Singer’s Utilitarismus ist es aber ethische Pflicht, das größtmögliche Glück zu schaffen, und nicht nur die Beeinträchtigungen des Wohlbefindens anderer durch die eigenen Handlungen zu berücksichtigen, sondern auch wie sehr man ihnen helfen kann. Die Hilfe für Bedürftige ist also nach Singer ethische Pflicht.

Singer meint daher, daß es kein Eigentumsrecht gibt, und Eigentum nur für das Notwendigste ethisch richtig ist, während der Rest für die Hilfe Bedürftiger verwendet werden muß.

In der Asylproblematik fordert wiederum die ontologische Ethik normalerweise, daß es der Gruppe bzw. dem Staat überlassen bleiben soll, wie viele Asylsuchende er aufnimmt. Für Singer’s Utilitarismus ist es allerdings ethische Pflicht so viele Bedürftige aufzunehmen, daß das soziale Gefüge der Gruppe bzw. des Staates gerade noch nicht gefährdet ist.

Beim Umweltschutz spielt Singer’s These die wesentliche Rolle, daß das Gute an sich nicht existiert, und damit nichts ethisch einen absoluten Wert hat, sondern nur relativ zu den Präferenzen von bewußten Lebewesen. Nach Singer ist damit die Umwelt nur als Lebensraum von Lebewesen mit Bewußtsein ethisch relevant.

Zu Zweck und Mittel im politischen Aktivismus meint Singer, daß es, weil es keine Rechte gibt, auch kein Recht auf Notwehr oder solidarische Notwehr geben kann. Allerdings ist jedes Mittel (jede Aktion) ethisch richtig, wenn letztendlich alle Konsequenzen einer Aktion zusammengenommen „besser“ im Sinne der Präferenzen aller sind, selbst wenn die Aktion illegal oder gewalttätig usw. war.

Tierrechtskritik an Peter Singer’s Philosophie

Es gibt keinen „Schlüssel“, nach dem sich Freuden und Leiden, erfüllte und verletzte Präferenzen oder Interessen gegenseitig addieren oder aufheben. Die Vergewaltigung eines Lebewesens kann z.B. nicht durch die Erfüllung von anderen Präferenzen dieses oder gar anderer Lebewesen wieder gut gemacht werden. Deshalb kann ein Lebewesen nicht der Mehrheit „geopfert“ werden, auch wenn nach irgendeiner undurchschaubaren Arithmetik die Förderung der wesentlichen Präferenzen der vielen die verletzte Präferenz des einzelnen Individuums aufheben sollen. Also kann ein Utilitarismus rational nicht funktionieren.

Jedes Bewußtsein hat Wünsche und Bedürfnisse für die Zukunft, und ist damit in irgendeiner Weise auch Selbstbewußtsein mit Präferenzen zu leben. Daher ist auch das schmerzlose, plötzliche Töten jedes bewußten Lebewesens unethisch, weil es seine Präferenzen verletzt.

Der Ansatz der Tierrechtsbewegung in ontologischer Weise (also nicht utilitaristisch) für alle bewußten Lebewesen nicht nur ein Recht auf Freiheit und Unversehrtheit, sondern auch ein Recht auf Leben zu folgern, basiert auf den obigen zwei Kritikpunkten an der Singer’schen Ethik. Es folgt auch unmittelbar, daß die Aussagen von Singer bzgl. der Euthanasie gesellschaftlich „unerwünschten“ menschlichen Lebens bis zum 1. Lebensmonat nach Zustimmung der Eltern auf Basis der Tierrechtsphilosophie natürlich völlig unethisch sind. Auch gesellschaftliche „unerwünschte“ Menschen, die jünger als 1 Monat sind, haben ein Recht auf Leben, weil sie ein Bewußtsein haben. Und dieses Recht auf Leben ist, weil es ontologisch auf dem Bewußtsein dieser Menschen basiert, nicht im utilitaristischen Sinn von den Wünschen der gesamten Gesellschaft oder auch nur der Eltern abhängig.

Das wesentliche Verdienst Singer’s, das ethische Gleischheitsprinzip bzw. das Prinzip der Gerechtigkeit, daß die Präferenzen aller präferenz-fähigen Lebewesen, also aller Lebewesen mit Bewußtsein, gleich ethisch berücksichtigt werden müssen, über die Artgrenzen hinweg aufgestellt zu haben, bleibt, von der Kritik unberührt, den Grundideen der Tierrechtsphilosophie erhalten.

Helmut Kaplan formuliert diese Kritik an Singer in seinem Buch „Leichenschmaus“ (rororo 1993) so: „Singers Verknüpfung von Gleichheitsprinzip und Utilitarismus bzw. seine utilitaristische Interpretation des Gleichheitsprinzips ist [...] hauptverantwortlich dafür, daß seine theoretischen Ausführungen [...] befremdlich sind und dem widersprechen, was er im nichtwissenschaftlichen Kontext als seine humanitären Absichten und Ziele formuliert. [...] Nehmen wir die Situation eines Behinderten [Neugeborenen] und seiner Angehörigen: Ich kann die Interessen der einzelnen Betroffenen eruieren und diese dann jeweils gleich berücksichtigen, wie ich möchte, daß meine eigenen Interessen berücksichtigt würden (Gleichheitsprinzip). Oder ich kann die Interessen aller Betroffenen betrachten und dann jene Handlungsalternative wählen, bei der insgesamt die meisten Interessen erfüllt werden, d.h. bei der die Summe des Glücks insgesamt am größten bzw. die Summe des Leids insgesamt am kleinsten ist (Utilitarismus). Letztere utilitaristische Vorgehensweise ist nun aber – und das ist der Punkt! – nicht unbedingt jene, die für den Behinderten [Neugeborenen] am besten ist. Die entscheidende Frage ist: soll ich mich an den Interessen der einzelnen Betroffenen orientieren und diese dann gleich berücksichtigen (Gleichheitsprinzip), oder soll ich mich an den Interessen aller Betroffener orientieren und diese dann maximieren (Utilitarismus)? Akzeptabel und konsequent kann man in der Euthanasie-Debatte nur mit dem Gleichheitsprinzip argumentieren, nicht aber mit dem Utilitarismus. [...] Um sein humanitäres Anliegen verständlich und glaubwürdig vermitteln zu können, muß Peter Singer meines Erachtens seinen Utilitarismus aufgeben“.

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