„Wilde Menschen“ oder doch „Tiere“? Die speziesistische Grenzziehung verwischt


eine Buchkritik von Martin Balluch

Im Jahr 2003 erschien im Deuticke Verlag das Buch Kaspar Hausers Geschwister. Auf der Suche nach dem wilden Menschen von P. J. Blumenthal mit einem Geleitwort von Elfriede Jelinek. Es fasst eine erstaunliche Vielfalt von Geschichten zusammen, die von Menschen berichten, die entweder von nicht-menschlichen Tieren aufgezogen wurden, oder alleine in der Wildnis bzw. zumindest isoliert von menschlichem Kontakt aufgewachsen sind. Alle diese sogenannten „wilden Menschen“ haben gemeinsam, dass sie keine Sprache sprechen und nicht im herkömmlichen Sinn denken und kommunizieren können. Das Buch ist vom Standpunkt der Tierrechte aus aus mindestens 2 Gründen bemerkenswert. Einerseits sind viele dieser Menschen mit nicht-menschlichen Tieren aufgewachsen und verhalten sich ähnlich wie diese. Sie sind dennoch „geistig gesunde“ Menschen, d.h. sie sind nicht geisteskrank sondern „nur“ nicht in einer menschlichen Gesellschaft sozialisiert worden. Wenn die Gesellschaft also zwischen diesen Wesen und sogenannten „Tieren“ einen himmelhohen Unterschied macht, so kann der Unterschied nur darin liegen, dass die „wilden Menschen“ einfach genetisch Menschen sind, ganz unabhängig von ihren Eigenschaften. Damit ist der Speziesismus der Gesellschaft (wieder einmal) in seiner ganzen Hässlichkeit entlarvt.

Andererseits beeindruckt die tierrechtlerischen LeserInnen die unglaubliche Fülle an Vorurteilen, die der Autor des Buches gegenüber „Tieren“ offensichtlich vollkommen unkritisch und unbewusst auffährt. Er würde sicher auf Anfrage angeben, er sei sehr tierlieb und vielleicht sogar ein Tierschützer, und würde nur staunen wenn man ihn mit seinen speziesistischen Vorurteilen konfrontierte. Auf der anderen Seite sind diese Vorurteile, wenn sie einmal isoliert angesehen werden, so offensichtlich falsch und lächerlich, dass sich wiedereinmal bestätigt wie der Speziesismus überleben kann: „Argumente“ bzw. „Hinweise“ für die eigene Überlegenheit und Höherwertigkeit, vor allem wenn die eigene Höherwertigkeit einem von Kindheit an unkritisch eingeimpft wurde, werden so dankbar angenommen, dass selbst ansonsten kritische Geister sofort danach greifen und sie gebetsmühlenartig wiederholen, offenbar ohne sich darüber näher Gedanken zu machen.

Artübergreifende Gemeinschaften

Es gibt eine ganze Reihe von Beweisen dafür, dass Tiergemeinschaften Individuen anderer Arten bei sich aufnehmen, oft an Kindesstatt, und mit ihnen ihr Leben teilen. Im vorliegenden Buch steht auf Seite 38: „Dass Tiere Artfremde aufnehmen und umsorgen, ist aber aller Skepsis zum Trotz durchaus belegt. Schon der unermüdliche Bibliothekar Tafel [Johann Friedrich Immanuel Tafel, Die Fundamentalphilosophie in genetischer Entwicklung mit besonderer Rücksicht auf die Geschichte jedes einzelnen Problems, Verlags-Expedition, Tübingen 1848] lieferte mehrere Beispiele aus der Tierwelt. Katze säugt Maus, Katze säugt Hund, Hündin säugt und erzieht Katze, Katze brütet Hühner aus und umsorgt die Küken, Henne brühtet Ente aus, Londoner Katze säugt Ratte, Hündin bemuttert Lämmer usw. Eine Münchner Boulevardzeitung brachte im Jahr 2000 das Foto einer Katze, die ein Küken liebevoll umschlingt, nicht allerdings als künftige Mahlzeit. Die Tiere, so der Text, stammten aus Lalin, einer Kleinstadt in Nordspanien. Die Katze säugte drei eigene Junge und hatte gleichzeitig drei verwaiste Küken „adoptiert“. Die Mischfamilie lebte gemeinsam in einem Schuhkarton, wo die Katzenmutter für Ordnung sorgte.“

Am 12. Jänner 2003 berichtete der ORF, dass eine Löwin in Kenia bereits das sechste Antilopen-Baby adoptiert hatte. „Wie ein Wildhüter des Samburu-Parks der Nachrichtenagentur AFP mitteilte, kuschelt sich die etwa 3 Monate alte Oryxantilope häufig an die Löwin“. Die Liste der Beispiele liesse sich lange fortsetzen.

So verwundert es eigentlich nicht, dass auch Menschen von nicht-menschlichen Tiergemeinschaften oder –familien aufgenommen wurden. Schliesslich ist der Mensch auch nur eine Tierart unter vielen. Auf Seite 41 des vorliegenden Buches steht: „Rein statistisch ist der Wolf das Tier, das dem Menschen am häufigsten als Ersatzmutter gedient haben soll. Ob diese Fürsorge mit der besonderen Beziehung zwischen unserer Gattung und der Hunderasse zusammenhängt, bleibe dahingestellt. An zweiter Stelle, mit 7 bekannten Fällen, steht der Bär.“ Es gab auch Menschenkinder bei u.a. Schweinen, Schafen und Affen.

Für letzteres gibt es einen Fall, der vollständig wissenschaftlich belegt wurde: John Ssebunya aus Uganda, über den BBC 1999 eine Wissenschaftssendung „The Boy who Lived with Monkeys“ ausstrahlte. John Ssebunya flüchtete aus seinem Familienhaus im Dorf Kabonge, als seine Mutter umgebracht wurde und versteckte sich im Wald. Im Jahr 1989 wurde er mehrmals von Dorfbewohnerinnen zusammen mit einer Gruppe von Meerkatzen (ceropithicus aethiops, die gemeine afrikanische graue oder grüne Meerkatze, eine Affenart, die in der Gegend häufig ist und gesellig lebt) beobachtet. Er wurde dann eingefangen. Offenbar hatte er mehrere Jahre mit den Affen gelebt und war zum Zeitpunkt seiner Gefangennahme etwa 5 Jahre alt. Die Primatologin Dr. Debbie Cox untersuchte sein Verhalten und seine Kommunikation mit Meerkatzen und bezeichnete, als Expertin auf dem Gebiet, seine Fähigkeit mit ihnen zu kommunizieren als einmalig: „Kein Zweifel. Er hat bei ihnen gelebt, und zwar für längere Zeit.“ Prof. Douglas Candland, Professor für Tierverhalten an der Bucknell Universität, und Prof. Vernon Reynolds von der Oxford School of Evolutionary Biology, ein führender Verhaltensforscher, bestätigten diese Schlussfolgerung bedingungslos. Später, als John Ssebunya mit großer Mühe wieder stotternd sprechen gelernt hatte, bestätigte er, dass er mit den Affen gelebt hatte (im Buch auf den Seiten 300-304).

Aber auch sogenannte „Wolfskinder“ sind belegt. So wurde z.B. der etwa 10 jährige Seeall um 1890 nahe dem Dorf Sat-Bauri mit einem Wolfsrudel gesehen und gefangen. Er diente als Vorbild für Rudyard Kiplings Buch „Mogli“ (im Buch Seite 191ff).

Die Wolfskinder Amala und Kamala (Buch Seite 210-222)

Oder die Geschichte von den beiden Mädchen Amala und Kamala, die in der Nähe von Godamuri in Indien mehrmals mit einem Wolfsrudel gesehen und für Geister gehalten worden waren. Sie wurden am 17. Oktober 1920 gefangen genommen, nachdem man ihren Wolfsbau augegraben und ihre Wolfsmutter erschossen hatte. Ein Augenzeuge: „Nun erschien ein dritter [Wolf aus dem Wolfsbau]. Er stürzte wie der Blitz heraus und bedrohte die Arbeiter, bevor er wieder eintauchte. Wieder erschien er um die Männer zu verjagen. Er heulte, raste umher, kratzte am Boden wie besessen, knirschte mit den Zähnen. Er war nicht zu verscheuchen. Ich wollte ihn fangen, denn ich begriff, dass es sich hier um das Muttertier handelte. Wild von Natur, doch himmlisch in der Liebe. Ich war sehr beeindruckt. Ich war erstaunt, dass ein Tier solch edle Gefühle zeigte, die auch diejenigen von Menschen – dem Gipfel der Schöpfung – überboten. Es war in der Lage, seine ganze Liebe und Zuneigung wie eine liebende Mutter auf diese merkwürdigen Geschöpfe [Amala und Kamala] zu richten. Sicherlich hatte sie sie einst (oder vielleicht waren es die anderen zwei Wölfe) als Beute für die Welpen geholt [...] Dass sie leben durften und von [den Wölfen] ernährt wurden, ist beinahe göttlich. [...] Daraufhin erschoss ein Mann [die Wölfin] mit Pfeil und Bogen.“

Das ältere der Mädchen, später Kamala genannt, war ungefähr 8 Jahre alt, das jüngere, Amala, eineinhalb. Sie hatten beide lange verknotete Haare und assen nur rohes Fleisch. Bei ihrer Festnahme hatten sie eine dicke Hornhaut an den Knien und den Handoberflächen, was auf ihre Fortbewegung auf allen vieren zurückgeführt wurde. Man versuchte ihnen aufrecht zu gehen beizubringen, aber sie zogen es vor auf Händen und Füssen zu laufen. Am liebsten hockten die Mädchen in ihrem Zimmer, wo sie in der dunkelsten Ecke blieben. So oft wie möglich versuchten sie zu fliehen. Zuweilen griffen sie Menschen, vor allem andere Kinder, mit Zähnen und Fingernägeln an. Kam ihnen ein Kind zu nahe, fletschten sie die Zähne. Sie hatten angeblich ein hervorragendes Nachtsehvermögen und waren stumm, heulten aber in der Nacht wie Wölfe, und konnten Fleisch aus einer Entfernung von 63 m riechen. Sie verfügten über ein besonders empfindliches Gehör, und Finger und Zehen waren durch das Laufen auf allen vieren verformt. Flüssigkeit leckten sie, anstelle zu trinken. Kleider, die man ihnen anzog, rissen sie sich vom Leib, Decken warfen sie von sich. Sie konnten Kälte und Hitze ohne sichtbares Unbehagen überstehen. Sie waren nicht stubenrein und kuschelten sich beim Schlaf aneinander wie Welpen.

Die jüngere, Amala, benutzte nach einigen Monaten erstmals ihre Stimme um etwas mitzuteilen: „bubu“ bedeutete, dass sie Durst hatte. Am 21. September 1921, also 11 Monate nach ihrer Gefangennahme, starb sie an einer Krankheit. Der frühe Tod nach der Gefangennahme ist ein Schicksal, das viele „wilden Kinder“ mit ihr teilten. Während der nächsten Jahre lernte Kamala recht viel, zunächst das aufrechte Stehen. Sie wurde auch fleischlos ernährt. Allerdings suchte sie für ihr Leben gern nach Aas. Lebendige Beutetiere tötete sie nie. Kamala lernte etwa 40 Begriffe in der Bengalisprache, mit denen sie sich verständigte. Auf 2 Beinen laufen konnte sie allerdings nie. Am 14. November 1929, neun Jahre und einen Monat nach ihrer Gefangennahme, starb sie an einer Nierenvergiftung.

Der Wilde von Aveyron blieb ohne Sprache (Buch Seite 129-143)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beobachtete man immer wieder einen nackten Buben in der Gegend von Laucane in Frankreich im Wald. Er wurde fast zum Maskottchen der lokalen Bevölkerung. Im Sommer 1797 wurde er beobachtet, wie er Eicheln und Wurzeln ass. Es gab einen ersten Versuch ihn zu fangen, der aber misslang. 15 Monate später wurde er wieder gesichtet und gejagt, und letztlich gefangen. Nach 8 Tagen konnte er aber wieder entkommen. Nackt überlebte er einen der strengsten Winter seit Menschengedenken in dieser Gegend. Im Jänner 1800 wurde er dann endgültig eingefangen.

Ein Augenzeuge berichtete von ihm, dass er unruhiges Verhalten zeigte und auf keine Fragen reagierte. Er ass Erdäpfel, Nüsse und Kastanien im rohen Zustand, gewöhnte sich aber nach und nach an Suppe mit Schwarzbrot. Gekochtes oder rohes Fleisch, Brot, Käse, Äpfel, Birnen, Trauben, Pastinaken und Orangen, die man ihm anbot, verschmähte er. Kleidung wollte er nicht dulden, er entfernte oder zerriss sie. Er lehnte anfänglich im Bett zu schlafen ab, gewöhnte sich aber später daran. Wiederholt machte er Fluchtversuche. Er war Kälte und Hitze gegenüber erstaunlich unempfindlich.

Der später Victor genannte Bub war bei seiner Gefangennahme 12-13 Jahre alt. Er ging nicht, sondern trabte vielmehr und bückte sich dabei nach vorne. Er hörte ganz normal, sprach aber kein Wort. Die aufkeimende Wissenschaft der Aufklärung befasste sich ausgiebig mit Victor von Aveyron. So wurde z.B. ein Spiegel-Selbsterkennungstest MSR mit ihm gemacht, den er nicht bestand. Er erkannte sich also nicht selbst im Spiegel. Er konnte aber nach einiger Zeit den Spiegel benutzen um Probleme zu lösen, d.h. er erkannte, dass der Spiegel eine Reflexion zeigt. 2 Jahre nach seiner Gefangennahme begann er Lautäußerungen zu machen, allerdings konnte er nur „a“, „e“, „i“, „o“, „d“, „g“ und „l“ aussprechen. Am häufigsten bediente er sich der Zeichen- und Körpersprache. So deutete er z.B. auf Dinge, die er wollte.

Sein Fortschritt stagnierte allerdings und so verlor die Wissenschaft das Interesse. Nach 6 Jahren verfügte er anhand seiner Metallbuchstaben und seiner Abbildungen von Gegenständen über einen bescheidenen Wortschatz, vermochte Sachen nach Größe, Beschaffenheit, Temperatur, Farbe und Gewicht adjektivisch zu unterscheiden und konnte auf Befehl auch ein paar Worte schreiben. Da wurden die wissenschaftlichen Versuche an ihm eingestellt. Victor von Aveyron starb im Jahr 1828 im Alter von etwa 40 Jahren. Wie und in welchem Alter er in den Wald gekommen war, blieb ungeklärt. Er lernte nie richtig sprechen.

Aufgrund dieser und vieler anderer Umstände wird gemutmasst, dass Menschen nur während einer gewissen Zeitspanne ihrer Kindheitsentwicklung sprechen lernen können. Wird dieses „Fenster“ verpasst, so lernen sie es nie mehr. Man kennt ähnliche genetisch vorgegebenen Lernfähigkeitsphasen auch bei anderen Tieren. Menschenaffen konnten ebenso bei Versuchen nur dann richtig sprechen lernen, wenn sie in ihrer frühen Kindheit bereits der Sprache ausgesetzt waren.

Wenn „wilde Menschen“ erst nach Erlernen einer Sprache „wild“ wurden, dann verloren sie zwar ihre Sprache, konnten aber nach verschieden langer Zeit des Übens ihre Sprachfähigkeit wieder zurück bekommen. Ein gut dokumentiertes Beispiel dafür ist der schottische Matrose Alexander Selkirk (im Buch Seite 95-97), das Vorbild für das Buch „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Selkirk wurde im Jahr 1704 im Alter von 28 Jahren auf der Insel San Fernandez in chilenischem Gewässer im Streit ausgesetzt.

Während der ersten eineinhalb Jahre seiner Isolierung von anderen Menschen las er viel in der Bibel, dem einzigen Buch, das er mit hatte. Überleben konnte er relativ leicht. Er lebte mit Katzen und Ziegen zusammen. Letzteren las er aus der Bibel vor, sang für sie und tanzte mit ihnen.

Im Februar 1709, nach 4 Jahren und 4 Monaten, wurde Selkirk von 2 Schiffen gefunden. Doch als er versuchte mit den Matrosen zu reden, konnte er nur noch stammeln. Einer der Kapitäne: „Als er an Bord kam, hatte er seine Sprache derart verlernt, dass wir ihn kaum verstehen konnten. Es schien, als ob er seine Worte halbieren würde.“ Doch Selkirk lernte recht bald wieder zu sprechen. Seine Geschichte wurde vielfach veröffentlicht.

Kaspar Hauser (im Buch Seite 151-165) wurde im Jahr 1828 in Nürnberg auf der Strasse gefunden. Er war zu der Zeit etwa 16-17 Jahre alt und war etwa 12 Jahre lang in einem dunklen Verlies sitzend bei Wasser und Brot gehalten worden. Bei seinem Auffinden konnte er nicht sprechen, lernte das aber sehr rasch wieder, was belegt, dass er vor seiner Zeit im Verlies bereits sprechen gekonnt haben musste. Hauser hat übrigens – ohne in einer speziesistischen Gesellschaft aufgewachsen zu sein – nicht zwischen „Tier“ und Mensch unterschieden und meinte sogar, beide hätten die gleichen Rechte und Pflichten. 5 ½ Jahre nach seinem Auffinden wurde er erstochen. Dr. Heidenreich, der Hauser’s Gehirn obduzierte, schrieb dazu, dass es sehr klein gewesen wäre und nur wenige Windungen an der Oberfläche gehabt hätte, also im ganzen eine „tierähnliche Bildung“ aufwiese, und schloss: „das Organ blieb in seiner Entwicklung durch Mangel aller geistigen Tätigkeit und Erregung zurück“.

Mensch oder Tier?


Es gibt sogenannte „Tiere“, wie die Schimpansin Lucy, die in einer Menschenfamilie aufgewachsen ist und nicht nur menschliche Verhaltensweisen angenommen hat, sondern auch in allen ihren sozialen Äußerungen auf Menschen geprägt wurde, wie im Buch „Lucy. Growing up Human“ von Maurice K. Temerlin, Souvenir Press 1975, beschrieben. Es gibt aber auch Menschen, die in Tiergemeinschaften aufgewachsen sind, und sich deren Verhalten voll angepasst haben, wie z.B. Kamala oder John Ssebunya. Es gibt Menschen, die isoliert von der menschlichen Gesellschaft aufgewachsen sind, und sich nie wieder einordnen und nie sprechen lernen konnten, wie Victor von Aveyron. Und dennoch sind das genetisch Menschen.

Unsere Gesellschaft unterteilt zwischen Mensch und „Tier“, der eine Person, Rechtsträger und Eigentümer, das andere Sache, grundsätzlich vollkommen rechtlos und Eigentum. Da weder das Gesetzbuch noch das Gesellschaftssystem eine Definition für Menschen angibt, sondern sich dafür auf das „gesunde Volksempfinden“ verlässt, ist zu fragen, wie das nun mit sogenannten „wilden Menschen“ ist. In ihrem Verhalten, in ihrer Gruppenzugehörigkeit und in ihrem Denken „Tier“. Genetisch allerdings Mensch. Sind sie Personen, RechtsträgerInnen und EigentümerInnen, oder Sachen, rechtlos und Eigentum? Vermutlich wird sich hier unsere Gesellschaft auf die biologische Definition des Menschen über sein Genom zurückziehen. Ja, die „wilden Menschen“ sind Menschen, ganz egal wie sie sich verhalten, wofür sie sich selber halten, ob sie in der menschlichen Gesellschaft leben oder nicht, und ob sie sprechen und wie sie denken. Ausschliesslich der Gencode gibt ihren Status vor. Offenbar. Sehen das eigentlich die „wilden Kinder“ selber auch so? Halten sie ihre nicht-menschlichen Ziehmütter für rechtlose Sachen, oder vielleicht doch für Personen?

Speziesistische Vorurteile

Die rationale Analyse belegt also den extrem speziesistischen Charakter unserer Gesellschaft: Ganz egal welche Eigenschaften ein Wesen hat, hat es ein menschliches Genom ist es eine Person mit allen Rechten, hat es kein menschliches Genom ist es eine rechtlose Sache. Diese Position lässt sich offenbar nicht rational rechtfertigen. Daher greifen SpeziesistInnen zur Lebenslüge: „Tieren“ werden unbewusst Eigenschaften angedichtet, die ihre Andersartigkeit und Minderwertigkeit belegen sollen, und diese Vorurteile werden unkritisch in aller Unschuld angenommen und weitergegeben, als handle es sich um Fakten.

Ein typisches Beispiel von vielen liefert uns der Autor des vorliegenden Buches auf Seite 17: „Ich war 3 Jahre alt, als ich eines Sommertags auf Händen und Knien der Katze unter den Bungalow nachkroch, um ihr beim Verschlingen einer Schlange [...] zuzuschauen. [...] Ich hielt lange inne und fixierte das gefräßige Tier mit meinem Blick, als wäre ich selbst eine Katze. Doch zunehmend nahm ich den modernden Geruch des feuchten Bodens wahr. Die Stille, die Dunkelheit, die Enge und die Einsamkeit des Unterschlupfs wurden mir allmählich unheimlich. Panik stieg in mir auf, und ich spürte plötzlich eine starke Sehnsucht nach meiner Mutter und nach dem hellichten Tag. Augenblicklich wollte ich mich von der Tierwelt verabschieden. Auch wenn ich gerne Tier gespielt hatte, war ich eben Mensch. Ich kroch eilig in die Gesellschaft meiner Artgenossen zurück.“

Das „Tier“ wird hier völlig unreflektiert und biologisch falsch als ein Wesen dargestellt, das „gefräßig“ ist und in der modernden, feuchten Enge, in der Dunkelheit, Einsamkeit und Stille lebt. Der Mensch dagegen geht aufrecht, im hellen Licht der Sonne, in der Weite des Raums und in einem „lauten“, kommunikativen Umfeld. Dunkle, gefrässige, gebückte „Tiere“ im engen Gedränge, versus aufrechte, klare, ehrliche Menschen im offenen Feld. Allein in dieser scheinbar harmlosen Beschreibung kommen alle Vorurteile bereits durch, die für die Vernichtung und Massenausbeutung nicht-menschlicher Tiere letztendlich als Rechtfertigung herangezogen werden. Der Nazi-Jargon bzgl. slawischer oder jüdischer „Untermenschen“ versus „nordischer, germanischer Arier“ klingt zum Verwechseln ähnlich.

Diese „natürliche Überlegenheit“ des Menschen gegenüber „dem Tier“ muss sich natürlich auch bei „wilden Menschen“ zeigen. So wird z.B. behauptet, dass der Mensch, wenn er mit „Tieren“ aufwachst, sich ihrem Verhalten anpasst, und daraus sei zu schliessen, dass der Mensch vom Wesen her frei und prägbar ist, und keine Instinktmaschine wie die „Tiere“. Umgekehrt, in den Fällen in denen sich die nicht-menschlichen Tiere den Menschen anpassen, sei das deswegen, weil die „Tiere“ die Überlegenheit des Menschen anerkennen.

Im Jahr 1965 wurde Marcos Rodriguez Pantoja in der Sierra Morena als „verwilderter Mensch“ im Alter von 19 Jahren aufgefunden und gegen seinen Widerstand gefangen genommen (im Buch Seite 255-261). Er hatte 12 Jahre lang in einem abgelegenen Tal ganz allein ohne menschlichen Kontakt gelebt, nachdem ihn seine Stiefmutter dorthin bringen hatte lassen. Da er bereits 7 Jahre alt war, wie er in die Wildnis gebracht wurde, lernte er nach seinem Wiedereintritt in die menschliche Gesellschaft relativ rasch wieder zu sprechen. So konnte er selbst von seinen Erlebnissen erzählen: „Ich begann [die Wolfswelpen im benachbarten Wolfsbau mit freundlicher Duldung des Rudels] zu füttern, und sie vertrauten mir [...] Ich roch wie sie. [...] Wenn ich sie brauchte, zum Beispiel wenn ich in Gefahr geriet oder mich verlaufen hatte, dann heulte ich [...] und die Wölfe kamen zu mir. [...] Dann zeigten sie mir den Weg zu ihrer Höhle. Am Wolfsbau angekommen wusste ich wie ich nach Hause fände.“ Er freundete sich mit einer Reihe weiterer Tiere an, u.a. auch mit Adlern, Füchsen und einem Hund. Von den Tieren lernte er auch, die giftigen Pflanzen von den genießbaren zu unterscheiden. Manchmal sang er auch in der Wildnis. Er konnte zwar keine Lieder, aber er ahmte mit seiner Stimme das Heulen und Summen der Tiere nach. Auch später kam er immer wieder auf sein früheres Leben in der Sierra Modena zu sprechen und auf den Frieden, den er dort genossen hatte, in enger Freundschaft mit vielen nicht-menschlichen Tieren.

Der Buchautor kommentiert diese Schilderungen ohne ersichtlichen Grund mit den Worten: „Obwohl Marcos so eng mit seinen Tieren zusammenlebte, blieb ihm der Unterschied zwischen Mensch und Tier stets bewusst. [...] Marcos war zum König des Tals geworden. [...] Doch hat Marcos wirklich so enge Freundschaften mit Fuchs und Schlange, Wolf und Adler geschlossen? Oder haben wir es hier lediglich mit verklärten Erinnerungen bzw. dem Wunschdenken eines einsamen Jünglings zu tun?“

Im Jahr 1998 wurde ein 6 jähriger Bub in Moskau aufgegriffen, der 2 Jahre lang mit einem Rudel streunender Hunde gelebt hatte. „Es ging mir bei den Hunden besser. Sie liebten und beschützten mich“, erzählte der kleine Iwan Mischkukow nach seiner Gefangennahme. Die Empfindungen zwischen dem Kind und den Hunden beruhte auf Gegenseitigkeit. So überlebten sie zusammen Winternächte mit bis zu –30 Grad ohne Schutz. Die Verbindung zwischen dem Knaben und den Hunden war derart intensiv, dass die Polizei einen ganzen Monat benötigte, um sie auseinander zu bekommen. Drei Versuche scheiterten, weil Iwan sich weigerte hervorzutreten und weil ihn die Hunde wie wild beschützten.

Wieder kommentiert der Buchautor ohne jegliche Begründung: „Der wilde [4 jährige] Iwan war nie „Mithund“, sondern stets „Überhund“, wenn man so will. Die Tiere haben sich von ihm leiten lassen. [...] Es ist nicht anzunehmen, dass sich Iwan jemals wie ein Hund fühlte. Er war sich seines Menschseins immer bewußt.“

Es verwundert daher nicht mehr, wenn das Buch mit folgenden Worten schließt: „Mensch bleibt Mensch. Tier bleibt Tier. Nur in der Literatur ist die Verbrüderung von Mensch und Tier möglich.“ Das ist ziemlich genau das Gegenteil von der Schlußfolgerung, die kritische LeserInnen aus den faktischen Informationen des Buches ziehen, wenn sie in der Lage sind ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen.

Und entsprechend dieser Einstellung des Autors, fällt auch sein moralisches Urteil aus. Nach den Fakten zu Genie von Temple City (im Buch Seite 283-291), die von ihren Eltern in einem Zimmer in Los Angeles, USA, jahrelang bis 1970 wie ein Legebatteriehuhn eingesperrt, wie ein Schwein im Kastenstand angefesselt und ohne intellektuellen Anspruch gehalten worden war, kommentiert er: „Was Genie ertragen musste, zählt zu den grauenvollsten Schicksalen, die man auf dieser Erde erleiden kann.“ Und dann beisst er, ohne weiter nachzudenken oder sich in irgendeiner Form einer Schuld bewußt zu sein, in ein Legebatterie-Ei und ein Massentierhaltungs-Schweineschnitzel.