„The Autobiography of Martin Luther King Jr.“, herausgegeben von Clayborne Carson, Warner Books 1998.

Oft wird die Bürgerrechtsbewegung in den USA, vornehmlich verkörpert in der Person von Martin Luther King, als klassisches Beispiel einer gelungenen, friedlichen Befreiungsbewegung gesehen. King hat seine politische Strategie sehr an Mahatma Ghandis Weg des gewaltfreien Widerstandes angelehnt. Diese Art der „Revolution“ scheint die einzige zu sein, die ohne Gewalt – und damit ohne das bisherige System grundsätzlich in Frage zu stellen bzw. zu gefährden – eine dauerhafte Lösung zu erreichen im Stande sein kann. Die wesentlichen Voraussetzungen für ihren Erfolg sind aber:

  1. Das herrschende politische System muß demokratisch sein.
  2. Die Verfassung bzw. das Grundgesetz der Gesellschaft muß im Prinzip bereits die Umsetzung der Revolutionsziele enthalten.
  3. Die Revolution muß von einer breiten Masse getragen werden, auch wenn diese Masse eine Minderheit ist.

Punkt 2) war sowohl in der Bürgerrechtsbewegung der USA als auch in der Befreiungsbewegung in Indien gegeben: die Verfassung der USA hatte bereits die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen anerkannt, und die Gesetze zur Ausgrenzung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten waren eigentlich verfassungswidrig.

Auf die Tierrechtsbewegung angewandt zeigt sich also, dass diese Art der Revolution nur sehr bedingt anwendbar ist. Punkt 1) ist zwar erfüllt, aber Punkt 2) ganz und gar nicht. Die nicht-menschlichen Tiere gelten juridisch als Sachen in unserer Gesellschaft und werden im Prinzip nicht nur nicht dem Menschen als gleichwertig anerkannt, sondern praktisch überhaupt nicht geschützt. Punkt 3) betreffend wäre zwar eine Einbindung der Massen in die Tierrechtsrevolution grundsätzlich denkbar, aber sehr unwahrscheinlich, weil die Betroffenen, die nicht-menschlichen Tiere selber, nicht in die Revolution eingebunden werden können.

Dennoch gibt es wesentliche Parallelen zwischen der Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er Jahre und der Tierrechtsbewegung heute: in beiden Fällen geht es um die Anerkennung der Grundrechte von Lebewesen, die von der herrschenden Gruppe als minderwertig angesehen werden. Es könnte daher aufschlußreich sein, anhand der Autobiographie von Martin Luther King die Ansichten dieses doch heute von praktisch allen politischen Lagern voller Bewunderung anerkannten Führers der Bürgerrechtsbewegung darzulegen. Martin Luther King jr. gilt – zweifellos zurecht – als einer der bekanntesten und am meisten geachteten Menschenrechtsaktivisten.

Zunächst einmal fällt auf, dass Martin Luther King seine ganze Kraft für den Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung, sowie seine Überzeugung richtig zu handeln, aus seinem christlichen Glauben bezog. Er war Pastor in einer Baptisten Kirche, und das Netzwerk dieser kirchlichen Gemeinschaft innerhalb der schwarzen Bevölkerung bot die Basis auf der die gesamte Befreiungsbewegung aufbauen konnte. In den Predigten wurden revolutionäre Töne angeschlagen, in den Kirchen gab es die politischen Versammlungen. Aus der christlichen Überzeugung einer Gerechtigkeit beim jüngsten Gericht und eines Lebens nach dem Tod, stammte sicher ein wesentlicher Teil der Motivation für die Aufopferung der meisten AktivistInnen für die Sache. King wurde ja am 4. April 1968 ermordet, nachdem er noch am Tag davor in einer Rede auf einer Demonstration sehr klar zum Ausdruck gebracht hatte, dass er täglich mit seiner Ermordung rechnete.

Für heutige Begriffe war King sehr konservativ. Er respektierte auf jeden Fall Gesetz und Ordnung, und natürlich die Autorität der Behörden und der Polizei. Bei seinen Aktionen, die das Gesetz übertraten, berief er sich auf die Verfassung. Klassisch konservative Werte waren auch ihm sehr wichtig. Zweifellos war er ein Patriot.

Anfänglich war er scheinbar ein völlig unpolitischer Mensch. Erst in der Unterstützung der am 1. Dezember 1955 festgenommenen Rosa Parks, die im Widerspruch zu den Segregationsgesetzen als Schwarze einem Weißen in einem öffentlichen Bus nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte, wurde er politisch aktiv. Anfänglich beschränkte sich sein politischer Aktivismus auf die Befreiung der Schwarzen, aber in späteren Jahren betonte er, dass man das Gesamtbild sehen müsse. So wurde er angesichts der Armut weiter Teile der schwarzen Bevölkerung im scheinbar egalitären Norden der USA gegen kapitalistische Ausbeutung aktiv und zwar, wie er dann nicht müde wurde zu unterstreichen, nicht nur weil sie ein Instrument zur Unterdrückung der Schwarzen war, sondern allgemein wegen der Ungerechtigkeit, die Armut immer mit sich bringt, auch wenn sie Weiße trifft. Zuletzt wurde er auch Friedensaktivist, und durch seine starke Beteiligung an der politischen Arbeit gegen den Vietnamkrieg machte er sich auch in der Bürgerrechtsbewegung viele Feinde.

King war sicher nicht gegen Hierarchien. Er fand, dass alles in geordneten Bahnen verlaufen müsse, und dass eine gute, verantwortungsvolle Führung die Organisation übernehmen und an der Spitze der Aktion ihren Kopf hinhalten muß. Die Bürgerrechtsbewegung war jedenfalls sehr klar hierarchisch organisiert.

King war offenbar der Meinung, dass die Schwarzen und die Weißen verschiedene Menschenrassen bilden. Er verwendete das Wort „negro“, also „Neger“, ohne damit negative Assoziationen zu verbinden – ganz im Gegensatz zum Wort „nigger“, das auch er als Schimpfwort sah. In einer frühen Rede bezog er sich auf die Befürchtungen weißer RassistInnen. Er sagte, dass die Weißen nicht zu fürchten brauchen, dass die Gleichberechtigung der Schwarzen zu einer Vermischung der Rassen führen würde. Auch er, und mit ihm die Führung der Bürgerrechtsbewegung, möchte nicht, dass weiß und schwarz sich mischen, sondern, dass sie sich gegenseitig respektieren und in Freiheit leben lassen. In wieweit diese Rede nur taktisch zu verstehen ist, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls könnte King aufgrund vieler seiner Bemerkungen mit heutigen Maßstäben durchaus als Rassist bezeichnet werden.

Aufgrund seiner christlich konservativen Grundhaltung wird ihm oft eine sexistische Einstellung nachgesagt. Direkt Sexistisches läßt sich aus dieser Autobiographie nicht herauslesen. Er und seine Frau haben sicherlich in strikter Rollenverteilung gelebt: während er politisch aktiv war, versorgte sie die Kinder und führte den Haushalt. In vielen seiner Reden bezog er sich auf seine Frau und betonte, dass er ohne ihre Hilfe im Hintergrund, ohne ihre bedingungslose Unterstützung seiner Arbeit, ohne ihr Immer-für-ihn-da-sein, niemals seine Aufgabe bewältigen könnte.

Die Gewaltfreiheit in der politischen Arbeit war für ihn ganz wichtig. Oft lag er mit Malcolm X und anderen im Konflikt, die die Revolution mit handfesteren Mitteln erzwingen wollten. King sprach sich z.B. so strikt gegen den Slogan „Black Power“ aus, weil der ihm viel zu aggressiv erschien, dass er an Demos nicht mehr teilnehmen wollte, auf denen „Black Power“ gerufen oder in Reden gefordert wurde. Aus Gründen der Gewaltfreiheit war er im Grunde genommen auch gegen das politische Mittel des Boykotts. Er kannte es als Waffe der Weißen, die z.B. gegen Geschäfte von Weißen, die die Befreiung der Schwarzen unterstützten, angewandt wurde. Er betrachtete das als Gewalt: die BesitzerInnen der Geschäfte wurden faktisch in ihrer Existenz vernichtet. Dennoch organisierte King oft den Boykott z.B. von öffentlichen Bussen, in denen Schwarze laut Gesetz aufstehen mußten, wenn Weiße zustiegen.

Gewaltfreiheit bedeutete für King aber sicher nicht Passivität oder Inaktivität. Nicht-verfassungskonforme Gesetze, die die Freiheit der Schwarzen einschränkten oder ihnen die Grundrechte zu demonstrieren oder sich an Wahlen zu beteiligen nahmen, wurden in Massen auf organisierte Weise immer wieder gebrochen, bis die Gefängnisse und die Gerichte überfüllt waren. Busse oder Restaurants, die Schwarze nicht einliessen oder schlechter als Weiße behandelten, wurden besetzt oder boykottiert. Und reagierte die Polizei mit Gewalt, so schlugen die MenschenrechtsaktivistInnen nicht zurück, gaben aber auch nicht klein bei. Vielmehr kamen sie immer und immer wieder, liessen sich schlagen, mißhandeln und einsperren, und kamen danach sofort wieder, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten.

Diese Gewaltlosigkeit war sowohl taktische Überlegung als auch grundsätzliche christliche Weltanschauung von Martin Luther King. Traurig nur dass er – zumindest in dieser Autobiographie – diese Gewaltlosigkeit nie auf nicht-menschliche Tiere anwandte. Er aß zwar täglich unter einem Bild von Mahatma Ghandi, seinem Idol – aber offenbar die Körper toter Tiere, die in seinem Namen mit Gewalt umgebracht worden waren.

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