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Marjorie Spiegel, "The dreaded Comparison. Human and Animal Slavery.", Heretic books 1988.

Spiegel bespricht in einer sehr feinfühligen Weise ein sehr heikles Thema: den Vergleich der (historischen) Versklavung farbiger Menschen in den USA im letzten Jahrhundert mit der heutigen Situation nicht-menschlicher Tiere. Ähnlich wie der sogenannte "KZ-Vergleich" in deutschsprachigen Ländern, ist dieser Vergleich in Nordamerika mit seiner Geschichte der Sklaverei, die fast bis ins 20. Jahrhundert reicht, problematisch. Auch wenn nicht alles völlig gleich, viele Aspekte sogar sehr verschieden sind, so kann so ein Vergleich, sorgfältig geführt, immer auch instruktiv sein, vor allem wenn es gelingt sich von den speziesistischen Vorurteilen zu lösen. Alice Walker schreibt im Vorwort des Buches, daß man nur eine Stunde braucht das Buch zu lesen, aber ein Leben lang um es wieder zu vergessen. Nichtsdestotrotz erscheint der Vergleich in diesem Buch in manchen Passagen nicht so weit geführt, wie es möglich gewesen wäre. Eine ganze Menge sehr eindrucksvoller Fotos und Abbildungen, sowie Zitate Betroffener, lassen aber den Vergleich sehr bildlich erscheinen und machen ihn leicht nachvollziehbar.

Spiegel beginnt mit einem Vergleich der Definitionen von Rassismus und Speziesismus in einem amerikanischen Lexikon:

Rassismus: 
1) Die Überzeugung, daß menschliche Rassen unterschiedliche Charakteristiken haben, die ihre verschiedenen Kulturen bestimmen; das geht normalerweise auch mit der Idee einher, daß die eigene Rasse überlegen ist und das Recht hat, andere Rassen zu dominieren.
2) Politische Aktivität mit dem Ziel der Durchsetzung dieses behaupteten Rechts.
3) Ein politisches System, das auf diesem Recht basiert.

Speziesismus:
1) Die Überzeugung, daß verschiedene Tierarten sich signifikant voneinander hinsichtlich der Fähigkeit Leiden und Freuden zu empfinden und ein autonomes Leben zu führen unterscheiden; das geht normalerweise auch mit der Idee einher, daß die eigene Tierart das Recht hat andere Tierarten zu dominieren und zu benutzen.
2) Politische Aktivität mit dem Ziel der Durchsetzung dieses behaupteten Rechts.
3) Ein politisches System, das auf diesem Recht basiert.

Am Beginn der Diskussion des geschichtlichen Hintergrunds der Sklaverei von Menschen und anderen Tieren zitiert Spiegel Humphrey Primatt 1776: "Schmerz ist Schmerz, ob er jetzt Menschen oder Tieren zugefügt wird; und jenes Lebewesen, das diesen Schmerz spürt, ob Mensch oder Tier, erleidet ein Unrecht. [...] Der weiße Mann kann nicht das Recht haben, nur aufgrund seiner weißen Hautfarbe den schwarzen Mann zu versklaven und zu tyrannisieren. Aus demselben Grund hat der Mensch kein natürliches Recht Tiere zu mißbrauchen und zu quälen."

Historisch war der Unterschied zwischen zivilisiert und "wild" die ethisch relevante Größe. Zivilisierte, weiße EuropäerInnen auf der einen Seite, und wilde, unzivisilierte Tiere oder schwarze Menschen auf der anderen. Ein Aspekt dieser Unterscheidung ist der Versuch der moralischen Rechtfertigung einer auf diesem Unterschied bsierenden Dominanzhierarchie aufgrund von Verstand. Jahrhunderte hindurch wurden farbige Menschen als "irrational" bezeichnet, ähnlich wie heute nicht-menschliche Tiere.

Allerdings hat eine komplexe Vernetzung von sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren die menschliche Sklaverei aufrecht erhalten. Und diese Faktoren unterscheiden sich von den Faktoren, die die Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere bedingen, doch wesentlich. Aber so sehr sich die speziellen Grausamkeiten und das dahinterstehende System auch unterscheiden, so gibt es doch eine Menge von Gemeinsamkeiten. Das Leiden der farbigen Menschen mit dem Leiden nicht-menschlicher Tiere in ihrer jeweiligen Unterdrückung zu vergleichen, finden nur SpeziesistInnen beleidigend, meint die Autorin.

Spiegel zitiert einen Reisebericht eines Engländers aus dem 18. Jahrhundert: "Die Portugiesen brandmarken ihre Sklaven wie wir unsere Schafe, mit einem glühenden Eisen, und am Sklavenmarkt in Konstantinopel nehmen die Käufer ihre Sklaven ins Hinterzimmer und inspizieren sie nackt, und behandeln sie wie wir unsere Nutztiere, um ihre körperliche Statur und ihre Stärke festzustellen."

Es gibt viele Beispiele von Gemeinsamkeiten in der Unterdrückung von Schwarzen und nicht-menschlichen Tieren in der Literatur und in unserer Sprache. Beide Gruppen werden als "Wilde" und "Unzivilisierte" beschrieben. Man sah beide Gruppen auch als promiskuitiv an und sprach ihnen die Fähigkeit wirklich zu lieben ab. Nur "tierische Lust" und "tierische Anziehung" seien für intime Partnerverbindungen bei Schwarzen und nicht-menschlichen Tieren verantwortlich. 

Das Ideal für amerikanische SklavInnen war totale Passivität und der komplette Verlust der Individualität, jede Lebensäußerung sollte dem Willen der Weißen unterworfen sein. Ähnlich ist das heute mit nicht-menschlichen Tieren. Wenn ein Hund brav bei Fuß geht, bei der Begegnung mit anderen Hunden kein großes Interesse an ihnen zeigt, nicht läuft außer wenn es explizit erlaubt ist, nicht bellt außer wenn es von ihm erwartet wird, und keine emotionalen Bedürfnisse hat außer wenn die BesitzerInnen das auch gerade wollen, dann nennen wir den Hund einen "guten" Hund.

Spiegel zitiert dazu aus einem Hundekatalog: "Ein gut trainierter Hund ist eine Freude und Grund für Stolz. Ein untrainierter Hund ist eine andauernde Belästigung für alle". Und weiter aus Cobb 1858, einer Studie über die gesetzliche Lage der Schwarzen in den USA: "Im Zustand der Versklavung erreicht der Neger die größte Lebensfreude und die höchste Ausbildung seiner Fähigkeiten, zu der seine Natur in der Lage ist". 

Einer der furchtbarsten Seiten des Lebens menschlicher SklavInnen und nicht-menschlicher Tiere in unserer Gesellschaft ist die Zerstörung ihrer Familiengefüge, und, in einem weiteren Sinn, die Zerstörung ihrer gesamten sozialen Struktur. Die Trennung von PartnerInnen, Geschwistern, von Mutter und Kind, von Familien und Gruppen, ist und war die Regel in beiden Fällen.

Der Transport von SklavInnen und von nicht-menschlichen Tieren hat ebenso eine Vielzahl von Parallelen. Spiegel zitiert dazu einen Priester aus dem 18. Jahrhundert: "Sie behandeln die Sklaven sehr inhuman auf den Schiffen, eine große Zahl stirbt durch Ersticken in ihrem eigenen Gestank oder durch schlechte Behandlung. In einer Nacht starben 30 Sklaven auf einem Schiff, während es im Hafen vor Anker lag, weil die Besatzung die Laderampen nicht öffnen wollte, um zu verhindern, daß die Sklaven fliehen. Wie sehr die sterbenden Menschen auch von innen an die Ladetore schlugen und darum baten, daß sie geöffnet werden, weil die Leute schon sterben würden; die einzige Antwort war, daß sie als "Hunde" und dergl. beschimpft wurden." Ähnliche Grausamkeiten bei Lebendtiertransporten sind zur Genüge bekannt.

Entlaufene SklavInnen wurden in ganz ähnlicher Weise gejagt wie heute nicht-menschliche Tiere. Es war üblich für die Jagd auf geflüchtete SklavInnen speziell trainierte Hunde einzusetzen, die besonders auf schwarze Menschen scharf gemacht worden waren. Bis 1831 gab es im gesamten Süden der USA Menschen, deren Beruf es war solche "Nigger Hunde" zu trainieren und damit entlaufene SklavInnen zu verfolgen und zu fangen. Die Jagd war und ist bis heute ein Ausdruck der Macht der herrschenden Rasse bzw. Art über die Machtlosen.

Medizinische Versuche wurden ebenso an SklavInnen wie an nicht-menschlichen Tieren durchgeführt. Vorsätzlich mit Syphilis infizierte Schimpansen haben ihre Entsprechung in den tausenden schwarzen Männern der Tuskegee Syphilis Experimente in Macon County, Alabama, die ab dem Jahr 1932 viele Jahrzehnte hindurch vom Public Health Service der USA finanziert worden sind.

Im Jahr 1832 schrieb John Kennedy den Roman "Swallow Barn", in dem der Erzähler vorgeblich aus dem liberalen Norden kommend Baumwollplantagen in Virginia besucht. Er erwartet, alle möglichen Formen der Grausamkeit gegenüber den Opfern der Sklaverei zu sehen. Aber er findet nur "freundliche Patriarchie und dankbare, fröhliche Sklaven". Ein typisches Beispiel von dem Versuch der Gesellschaft die Realität zu verstecken. Wir sollen die Schreie unserer SklavInnen nicht mehr hören, wir sollen glauben, daß ihr vergossenes Blut etwas ganz anderes ist als unseres, und daß unsere Dominanz über sie nur zu ihrem Vorteil ist und ihnen Sicherheit bietet. Genauso wird heute mit Grausamkeiten gegenüber nicht-menschlichen Tieren umgegangen. Schlachthöfe, Tierfabriken und Tierversuchslabors sollen den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Die Sklaven- und die Tierindustrie haben auch das Grundprinzip Profit als höchstes Gut gemeinsam, speziell wenn es um die Bedürfnisse und Gefühle der Opfer dieser Industrie geht. Und mit denselben Worten wird damals wie heute gegen Reformen argumentiert: "[...] der Kreuzzug gegen die Sklaverei, [...] das Gejammer einer Handvoll sich als was Besseres fühlender Moralisten, [...] die versucht haben einen so wichtigen und notwendigen Industriezweig abzuschaffen, wäre sofort wie ein Insekt zerdrückt worden, wenn ihre eitlen Führer, die so engstirnig waren nicht auf das Gemeinwohl Rücksicht zu nehmen, nicht so unscheinbar gewirkt hätten und dadurch die große Mehrheit der Farmer, Verkäufer und anderer, die in diesem Handel tätig waren, in der Meinung ließen, daß keine Gefahr für ihr Gewerbe bestand." (James Boswell 1791, "Life of Johnson").

Nach Spiegel teilen auch alle SklavInnenhalterInnen die Eigenschaft das Gefühl der Macht über ihre SklavInnen zu geniessen. Diese Macht nutzen sie auch, meint Spiegel, um durch Gewalt gegen die Machtlosen symbolisch gegen diejenigen ihrer Eigenschaften vorzugehen, die sie für verwerflich halten und zu verleugnen versuchen. So haben weiße Männer, die selber schwarze Frauen vergewaltigt hatten, oft schwarze Männer als Vergewaltiger weißer Frauen dargestellt. Ähnlich rechtfertigen viele Menschen, die selber Krieg, Gewalt und Sklaverei von Menschen verursachen, ihre Gewalt gegen nicht-menschliche Tiere damit, daß diese unfähig wären selber moralisch zu handeln. Nach Spiegel ist es diese grundlegende Gemeinsamkeit aller Mächtigen, die ihre Rechtfertigungen, Aktionen, und sogar ihre Sprache so ähnlich erscheinen läßt, selbst wenn ihre Opfer sehr verschieden sind. 

"Die Befreiung [der Menschen] von Grausamkeit und Ungerechtigkeit wird die Befreiung der Tiere nach sich ziehen. Beide Befreiungen sind untrennbar verbunden, keine kann ohne die andere voll realisiert werden." (Salt 1894).