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Leonard Nelson, System der philosophischen Ethik und Pädagogik, in: Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik, Göttingen 1932 


Leonard Nelson war außerordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Göttingen. Er starb 1927 im Alter von 45 Jahren. Sein wissenschaftliches Werk war die Weiterbildung der kritischen Philosophie Kants im Sinne der Schule von Jakob Friedrich Fries (1773-1843).

"Die Art der Behandlung, die dieses Problem [der unmittelbaren Pflichten gegenüber nicht-menschlichen Tieren] in der Ethik erfahren hat, würde ein vernichtendes Zeugnis für die Kräfte des menschlichen Verstandes abgeben, wenn nicht von vornherein klar wäre, daß hier weniger der Irrtum als ein Interesse im Spiele ist." Nicht die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Begründung und Eingliederung der Tierrechte in das System der Ethik allein haben die PhilosophInnen die nicht-menschlichen Tiere ‚vergessen' lassen, sondern auch die Furcht vor den Konsequenzen im persönlichen und gesellschaftlichen Leben.

Kant hatte den Bereich der Pflichten auf Menschen beschränkt. Nach Kant gibt es gegenüber nicht-menschlichen Tieren nur mittelbare Pflichten. Tierquälerei sei verwerflich, weil sie die Gefühle abstumpfe und so die Erfüllung der Pflichten gegen Mitmenschen gefährde.

Nelson nennt diese Begründung "künstlich". Denn das Verbot der Tierquälerei würde nicht bestehen, wenn diese an und für sich zufälligen Folgen nicht eintreten würden. "Für den, der nur zugibt, daß Tierquälerei überhaupt möglich ist, folgt das Verbot der Tierquälerei unmittelbar aus dem Sittengesetz. Wer nämlich das Quälen eines Tieres für möglich hält, setzt voraus, daß die Tiere Interessen haben. Er braucht sich daher nach dem Sittengesetz nur die Frage vorzulegen, wie er selbst in einer der Lage des Tieres analogen Situation behandelt zu werden wünschen würde. Offenbar wird er nicht einwilligen, von einem anderen Wesen, dessen Willkür er wehrlos ausgesetzt ist, gequält zu werden. Daraus folgt, daß es unrecht ist, wenn er in umgekehrter Lage von seiner Überlegenheit Gebrauch macht und die Tiere wie bloße Sachen als Mittel zu seinen Zwecken behandelt." (zitiert aus: Nelson, System der philosophischen Rechtslehre und Politik, in: Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik, Göttingen 1924).

Nach dem Inhalt des Sittengesetzes haben alle jene Wesen Rechte, die Interessen haben. Pflichten haben alle jene Wesen, "die darüber hinaus der Einsicht in die Anforderungen der Pflicht fähig sind. Diese Einsicht ist nur für vernünftige Wesen möglich." Nelson behauptet, "daß es ein Recht der Tiere gibt, nicht von den Menschen zu beliebigen Zwecken mißbraucht zu werden. Dies ist etwas sehr anderes als ein Recht der Menschen, nicht durch das Ärgernis der Tierquälerei verletzt zu werden. Wem dies nicht einleuchtet, oder wem die damit erhobene Forderung zu weitgehend erscheint, der braucht sich nur die Frage vorzulegen, ob er für sich selbst damit einverstanden sein würde, von einem ihm an Macht überlegenen Wesen nach dessen Belieben mißbraucht zu werden." Diese Forderung ist für Nelson kein "Ausfluß bloßer Sentimentalität", sondern "nur die Erfüllung einer Pflicht". Und der Pflicht der Handelnden entsprechen Rechte der Behandelten.

Nelson unterscheidet Pflichtsubjekt und Rechtssubjekt, sowie Objekte von Rechten und Objekte von Pflichten. Objekte von Pflichten sind Entitäten, denen gegenüber jemand Pflichten hat. Manche Wesen haben Pflichten (Pflichtsubjekte), andere Wesen sind Objekte dieser Pflichten, haben also Rechte gegen die Pflichtsubjekte, sind also Objekte von Rechten. Bei den nicht-menschlichen Tieren konstatiert Nelson, daß sie keine Pflichten haben, aber doch TrägerInnen von Rechten sind. Nicht-menschliche Tiere seien Lebewesen, die "ihrer Natur nach nicht zur vernünftigen Selbstbestimmung gelangen" können, also keine Pflichten haben, dennoch aber Objekte von Rechten sein können. Nelson behauptet "hiermit, daß es Pflichten gegen Tiere gibt, und daß diese Pflichten unmittelbare Pflichten sind, daß sie sich also nicht etwa ableiten aus Pflichten gegen Menschen, d.h. gegenüber vernünftigen Wesen."

Die Unmittelbarkeit der Pflichten gegenüber nicht-menschlichen Tieren ist der Kernpunkt der Nelson'schen Philosophie, die in der Ethik oft abgelehnt wurde. "Die meisten der Argumente [für die Ablehnung] sind so fadenscheinig und sophistisch, daß man sich wundert, wie sie von Menschen, die auf Wissenschaftlichkeit Anspruch erheben, eingewandt werden konnten."

Daß nicht-menschliche Tiere Interessen haben schließe ich nach Nelson in Analogie zu meinen eigenen Erfahrungen. Auf Analogieschlüsse bin ich aber nicht nur bei nicht-menschlichen Tieren sondern auch bei Menschen angewiesen, denn unmittelbar kann ich Interessen auch bei Menschen nicht erfahren. Wer den Analogieschluß ablehnt, müßte ihn konsequenterweise bei allen Tieren inklusive den Menschen ablehnen, und dann wären "Menschen [...] ebenso rechtlos wie Tiere". Beim Menschen hilft hier auch die Sprache nicht aus der Verlegenheit, denn sie kann sowohl zur ehrlichen Mitteilung als auch zum Vortäuschen innerer Vorgänge benutzt werden. Auch der Hinweis, daß es einen Bereich gibt, wo ich nicht mit Sicherheit bestimmen kann, ob das betreffende Wesen ein nicht-menschliches Tier (nach Nelson mit Interessen) oder eine Pflanze (ohne erkennbare Interessen) ist, entkräftet nicht die Tatsache, daß es einen großen Bereich gibt, in dem diese Unsicherheit nicht besteht, und die Frage nach Interessen entscheidbar ist.

Nicht-menschliche Tiere äußern ihre Interessen mehr oder weniger erkennbar; aber sie sind nach Nelson weder in der Lage, ihr wahres Interesse selbst zu erkennen, noch auch stets entsprechend zu handeln. Die faktisch geäußerten Interessen brauchen aber nicht immer mit dem wahren Interesse überein zu stimmen. Die mangelnde intellektuelle Entwicklung ermöglicht nicht-menschlichen Tieren nach Nelson nicht, ihre wahren Interessen stets selbst zu erkennen, vor allem nicht in der Welt der Zivilisation.

Nelson fordert eine wichtige Korrektur bei der bei den GesetzgeberInnen noch heute vorherrschenden Auffassung, daß nicht-menschliche Tiere rechtlich Sachen und keine Rechtswesen oder Rechtspersonen sind. Solange nicht-menschliche Tiere als bloße Sachen angesehen werden, kann von einem eigentlichen Recht der nicht-menschlichen Tiere keine Rede sein. Das müsse sich ändern. "Halten wir uns an das Kriterium der Pflicht, so brauchen wir uns zur Entscheidung darüber, ob es ein Recht der Tiere gibt, nur die einfache Frage vorzulegen, ob, bei Abstraktion vom numerischen Unterschied, wir in die fraglichen Handlungen einwilligen können, mit anderen Worten: ob wir einwilligen würden, als bloßes Mittel für die Zwecke eines anderen gebraucht zu werden, der uns an Kraft und Intelligenz weit überlegen ist. Diese Frage beantwortet sich selber. Es ist rein zufällig, daß der Mensch in der Lage ist, die seiner Willkür ausgesetzten Wesen als Mittel zu seinen Zwecken benutzen zu können."

In Nelsons rechtsphilosophischem System gehört das Recht der nicht-menschlichen Tiere zum Vormundschaftsrecht, das solche Personen betrifft, die ihre rechtlichen Verhältnisse nicht selber ordnen können, also unmündig sind. "Unmündig ist ein Wesen, das entweder keiner vernünftigen Einsicht fähig [ist ...] oder sich doch nicht durch sie zum Handeln bestimmen lassen kann." Auch solche Wesen können aber Interessen haben, sind dann nicht Sachen, und haben Anspruch auf Achtung dieser Interessen (wie z.B. Kinder, geistig Kranke, nicht-menschliche Tiere). 

Nelson formuliert einen neuen Kategorischen Imperativ (er nennt ihn "Gebot der gerechten Abwägung"): "Handle nie so, daß Du nicht auch in Deine Handlungsweise einwilligen könntest, wenn die Interessen der von ihr Betroffenen auch Deine eigenen wären." Er bemerkt dazu: "Das Kriterium der gerechten Abwägung liegt also in der Vereinigung der Interessen in einer und derselben Person." Wir brauchen also nur unsere Interessen und die kollidierenden Interessen unserer PartnerInnen in uns vereinigt denken, und sie gegeneinander abzuwägen, um so zum konkreten moralischen Gebot zu gelangen, welche Interessen vorzuziehen sind, was also zu tun ist.

Nelson verficht keinen Altruismus zugunsten der nicht-menschlichen Tiere. "Es handelt sich allein um das Gebot der Gerechtigkeit". Im Falle der Kollision von Interessen muß in gerechter Abwägung entschieden werden, welche Interessen vorzuziehen sind. Es "gibt [...] kein allgemeines, philosophisch begründbares Gebot, unser Interesse unter allen Umständen dem der Tiere hintanzusetzen. [...] So kann es sehr wohl erlaubt sein, das Interesse eines Tieres zu verletzen, wenn sonst ein überwiegendes Interesse unsererseits verletzt würde. Interessensverletzung kann überhaupt nur ethisch erörtert werden, wenn wirklich Kollision vorliegt. Dann muß das nach Stärke und Wert überwiegende Interesse festgestellt werden. [...] Keinesfalls ist es zulässig, das Interesse eines Tieres ohne weiteres als minderwertig anzusehen und es daraufhin zu verletzen. Das gilt folgerichtig auch für den Fall, daß es nicht möglich ist, das Interesse am eigenen Leben oder an der Erhaltung der eigenen geistigen und körperlichen Kräfte anders zu wahren als durch die Vernichtung eines Tierlebens."

Könnte menschliches Interesse dadurch gewichtiger sein, daß Menschen nach Nelson mehr Vernunft als andere Tiere haben? Nelson beantwortet das wie folgt: "Wenn ein Mensch sich aber seiner Pflicht entzieht [die Interessen nicht-menschlicher Tiere gleich zu achten], steht er gewiß nicht höher als das Tier, das ja der Begehung eines Unrechts gar nicht fähg ist. Wer dies ehrlich in Erwägung zieht, wird Bedenken haben, die Verletzung der Interessen eines Tieres allein durch die Berufung auf die Vernünftigkeit des eigenen Lebens zu rechtfertigen."

Die persönlichen Konsequenzen aus seinem Denken waren für Nelson, daß er Vegetarier und Sozialist wurde. Er hat SchülerInnen in einer Organisation, dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund ISK, um sich gesammelt, die für die Verwirklichung des Sozialismus kämpfte. "Denn die Welt wird sich nie nach dem richten, was in den Büchern steht, und wenn es tausendmal wissenschaftlich begründet ist. Nicht die Theorie bestimmt die Praxis, sondern die Macht der für oder gegen eine Sache sich einsetzenden Interessen."

In diesem Sinne forderte er von seinen GenossInnen, soweit möglich "als Sozialisten zu leben." "Wer gegen die Ausbeutung mit Erfolg kämpfen will, der darf nicht seine eigenen Ausbeuter unterstützen. [...] Ein Arbeiter [...] kann das auch, indem er seine Frau und seine Kinder prügelt. Ja, er kann das in einer noch viel schlimmeren Weise. Er kann das, indem er dasselbe, was der Kapitalist mit ihm macht, mit denen tun, die sich gegen ihn noch viel weniger wehren können als er gegen die Kapitalisten - die die Allerwehrlosesten sind, die sich nie durch eine Koalition zusammentun können, um allmählich ihre Rechte in einem Klassenkampf zu erobern. Ein Arbeiter, der nicht nur ein ‚verhinderter Kapitalist' sein will, und dem es also Ernst ist mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Mord, der an Grausamkeit, Rohheit und Feigheit alle Schrecknisse des Weltkriegs in den Schatten stellt, - das sind Angelegenheiten, Genossen, die entziehen sich der Abstimmung. [...] Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man läßt es bleiben. Aber wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, der weiß nicht, was er tut. Der beweist, daß er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort ‚Sozialismus' bedeutet."

Die politische Arbeit im Widerstand während des Dritten Reichs wurde von den Nelson-SchülerInnen mit außerordentlicher Tatkraft geführt. Dabei spielten von diesem Kreis gegründete vegetarische Gaststätten in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Paris, Amsterdam und London eine nicht geringe Rolle als Quellen zur Finanzierung des Kampfes und als getarnte Zentren der illegalen Arbeit (siehe Brockhaus, Nachruf auf Willi Eichler [politischer Mitarbeiter Nelsons], in "Der Vegetarier" 1972, Nr 4, Seite 10 ff).

"Es ist der untrüglichste Maßstab für die Rechtlichkeit des Geistes einer Gesellschaft, wie weit sie die Rechte der Tiere anerkennt. Denn während die Menschen sich nötigenfalls, wo sie als Einzelne zu schwach sind, um ihre Rechte wahrzunehmen, durch Koalition, vermittelst der Sprache, zu allmählicher Erzwingung ihrer Rechte zusammenschließen können, ist die Möglichkeit solcher Selbsthilfe den Tieren versagt, und es bleibt daher allein der Gerechtigkeit des Menschen überlassen, wie weit diese von sich aus die Rechte der Tiere achten wollen." (Nelson, System der philosophischen Rechtslehre und Politik, in: Vorlesungen über die Grundlagen der Ethik, Göttingen 1924).