„The Cultural Politics of Fur“, Julia V. Emberley, Cornell University Press 1997.

Dieses Buch widmet sich der Frage nach der kulturellen Bedeutung von Pelz. Das ist insofern für Tierrechte interessant, als dass diese Bedeutung für die Wahl von Kampagnenmitteln sehr relevant sein kann. Das Buch ist sehr eindeutig pro-Pelz, und zwar, verwirrender Weise, von einem feministischen Standpunkt aus. Die ganze Art der Darstellung im Buch basiert auf feministischer Wissenschaftskritik, was zur Folge hat, dass sehr viel mit Symbolismen und Analogien gearbeitet wird, und nicht mit wissenschaftlichen Argumenten im klassischen Sinn, die entweder wahr oder falsch sind. Weite Strecken des Buches sind daher für mich ziemlich unverdaulich, wenn man jedenfalls, wie ich, wissenschaftliche Argumente erwartet. Symbolismen und Analogien sind dermaßen subjektiv, dass sie meines Erachtens oft mehr in den Augen der BetrachterInnen zu finden sind, als in dem betrachteten Objekt selbst.

Die Autorin hält die Anti-Pelz Kampagne für durch und durch frauenfeindlich. Die Schuld für die Grausamkeiten gegen Pelztiere würde den Frauen zugeschoben, und sie würden als „die Bösen“ und „die eitlen Schlampen“ dargestellt. Ein Pelzplakat von Lynx, auf dem eine Frau einen Pelzmantel hinter sich herschleift, aus dem literweise Blut rinnt, nimmt die Autorin als Paradebeispiel von Frauenfeindlichkeit her: Das Blut symbolisiere die Menstruation, die Frau ist ohne Kopf und damit ohne Verstand dargestellt und auf einen sexy Minirock mit Stöckelschuhen reduziert. Die Autorin zeigt als „feministische Gegenthese“ zu diesem Bild ein Foto einer Inuit-Frau, die mit kräftigen Händen den Pelz eines selbstgejagten Tieres bearbeitet.

Aber neben dieser Kritik gibt es noch weiteres an der Anti-Pelz Kampagne auszusetzen: Kulturimperialismus gegen UreinwohnerInnen, den geschichtsrelativierenden KZ-Vergleich, der sich bei Lynx allerdings ausschließlich auf das Zeigen von Haufen von toten Nerzkörpern mit abgezogener Haut reduziert, was für die Autorin als Assoziationsmittel zu Nazi-KZs ausreicht, und ein Rassismus, der darin liege, dass Hundetötungen in Korea gezeigt werden.

Die Folge dieser Anti-Pelz Kampagnen war, dass seit September 1992 die Pelze immer mehr versteckt werden: sie bekommen ein künstliches Aussehen und die Verarbeitung wird so durchgeführt, dass sie wie die Verarbeitung von Stoff wirkt, die in Wirklichkeit grundsätzlich anders als die Verarbeitung von Pelz ist.

Für meine Begriffe erhellender ist das nächste Kapitel über die geschichtliche Bedeutung von Pelz. So verbietet der englische König Edward III bereits 1363 dem niederen Volk einen Pelz zu tragen. Davor wurde es 1355 den Prostituierten verboten, Pelzmäntel anzuziehen. Pelz sollte ein aristokratisches Statussymbol bleiben. Die Königshäuser überboten sich im Pelzverbrauch: Charles VI von Frankreich soll binnen 18 Monaten 20.000 Pelztiere verbraucht haben und Isabeau von Bayern 15.000.

Henry VIII von England erließ ein weiteres Gesetz gegen das Pelztragen für Normalsterbliche im Jahr 1532. In einem langen Prolog zu dem Gesetz wird die Begründung geliefert: Pelze wären ein unnötiger Exzess und unangebrachte Eitelkeit für die niederen Klassen. In den meisten europäischen Ländern gab es strikte Vorschriften, welche Art von Pelztier nur von Mitgliedern welcher Klassen getragen werden darf. Pelz war jedenfalls ein wesentliches Ausdrucksmittel um den gesellschaftlichen Stand der TrägerInnen zu dokumentieren: je mehr Pelze und je edler der Pelz, desto höher der Status.

Im Jahr 1483 werden die Frauen erstmals als jene Menschen genannt, die vornehmlich Pelz tragen. In dem entsprechenden Erlass wird Arbeiterinnen das Pelztragen verboten.

Das letzte Gesetz, das Mitgliedern niederer Klassen das Tragen von luxuriösen Kleidern inklusive Pelz in England verbietet, stammt aus dem Jahr 1643. Für die Autorin sind Gesetze gegen das Pelztragen für Frauen ein Angriff auf die Frauen schlechthin. Durch das Pelztragen kann sich die Frau einen Status geben, den ihr das Patriarchat vorenthalten will. Die Frau soll bescheiden und zurückhaltend bleiben, und sich keinen Luxus gönnen dürfen.

Die Mode ist anfänglich ausschließlich der Versuch von Bürgerinnen wie Aristokratinnen aussehen und auftreten zu können. Und Pelz spielt dabei eine zentrale Rolle. Dadurch stieg der Pelzhandel sprunghaft an. Die Pelztiere wie der Biber starben in Europa aus und mußten aus Nordamerika importiert werden. Das meiste Land, auf dem die Pelztiere lebten, wurde aber noch von UreinwohnerInnen bewohnt.

Im 19. Jahrhundert bekommt Pelz immer mehr einen sexuellen Charakter. Anhand von Sacher-Masochs Novelle „Venus im Pelz“ diskutiert die Autorin den sexuellen Symbolismus. Erstaunlicherweise gelingt es ihr tatsächlich selbst in diesem Gebiet für Frauen positive Aspekte im Pelztragen zu finden. Nicht zuletzt ist das deswegen so, weil die dominanten Frauen in der Novelle, die Peinigerinnen des Autors (Masochismus), immer Pelz tragen. Der Pelz wird für Masoch zum Symbol für Dominanz und Macht.

Zu diesem sexuellen Bedeutungsfeld setzt die Autorin Krafft-Ebings Interpretation hinzu, die dem Pelz aufgrund der taktilen Reize, die er bei Berührung auslöst, seinen sexuellen Fetischcharakter gibt. Freud wiederum sah die sexuelle Komponente von Pelz darin, dass der Pelz dem Schamhaar gleicht und als Penisersatz für die Frau fungiert.

Besonders erschüttern allerdings die positiven Bewertungen, die die feministische Autorin erotischen Bildern von pelztragenden Frauen zukommen lässt. So ermögliche der Pelz die Metamorphose der Frau von einer leblosen Statue zu einem lebendigen Wesen. Weiters würde der Pelz die alten Mann-Frau und AfrikanerIn-EuropäerIn Hierarchien in eine Mensch-Tier Hierarchie ummodeln, was offenbar zu begrüßen ist. Das Tier, das die pelztragende Frau repräsentiert, dient als Objekt und Subjekt einer Bedeutungsverschiebung. Wörtlich sagt sie: „Pelz hat die einzigartige Kapazität die weibliche Nackte von ihrer sexuellen Inaktivität wegzumobilisieren“ [fur has a unique capacity for mobilizing the female nude from sexual inactivity], was auch immer das heißen mag.

Die Kunst der Hofmaler im Mittelalter wurde daran gemessen, wie gut d.h. real sie in der Lage waren, Pelz zu malen. Ohne diese Fähigkeit konnten sie keine Anstellung finden. Wenn Natur gemalt werden soll, wie könnte laut Autorin die Natürlichkeit der Aristokratie besser gezeigt werden, als mit Pelz?

Im vorliegenden Buch werden vor allem Rubens, Titian und Holbein als „Pelz-Maler“ vorgestellt und diskutiert. Bei der Analyse dieser Pelz-Malerei findet die Autorin, dass 2 Wege in der Kunst gewählt wurden, die natürliche Schönheit von Pelz zu zeigen: einerseits durch das wiederholte Zeigen von Frauen im Pelz und andererseits durch die Art der Pelzdarstellung als ästhetische Disposition. Wenceslaus Hollar aus Prag gab 1640 und 1643 zwei Hauptwerke, nämlich Sammlungen von Gravuren, die ausschließlich Pelz darstellen, heraus, die einen großen Einfluss auf die Mode haben sollten. Diese zentrale Rolle der Pelze in der Kunst hat ihren ökonomischen Wert vergrößert und ihren symbolischen Status von Macht und Luxus bestärkt. In der Kunst und in der Mode ist Pelz meistens mit Dekadenz gleichgesetzt.

Seit 1890 ist Pelz mehrheitlich ein Kleidungsstück für Frauen. Bis 1919 gab es praktisch ein Berufsverbot für Frauen und daher war das Pelztragen in der Sicht der Autorin ihre einzige Möglichkeit gesellschaftliche Karriere zu machen. Wörtlich meint die Autorin: „der Pelzmantel stellt für die Trägerin symbolische Handlungsfähigkeit im Bereich der erotischen Macht und des materiellen Wohlstands dar“. Doch diese symbolische Macht, die sowohl von den Pelzkäuferinnen als auch von denjenigen, die die Pelzträgerinnen sehen, weitergetragen wird, habe auch eine negative Seite: die symbolische Macht haben nur relativ wenige Frauen, die sich Pelze leisten können, wodurch die Mehrheit der pelzlosen Frauen entmachtet wird. Die Pelzwerbung zeige Frauen immer ohne Hände, was symbolisch darauf hindeute, dass pelztragende Frauen nicht arbeiten müssten, weil Hände symbolisch mit Arbeit gleichzusetzen sind.

Die kulturelle Ideologie hinter Pelz erkennt die Autorin auf 3 Ebenen. Erstens in der Geschlechtertrennung bzgl. Arbeit und Konsum. Zweitens liefere der Pelz für Frauen einen symbolischen Wert, während er für Männer materiellen Wert besitze. Und drittens bietet er eine sexualisierte Geschlechtertrennung bzgl. Lust und Macht.

Im letzten Kapitel widmet sich die Autorin ihrem Lieblingsthema, wie es scheint, den Inuits in Kanada und ihrer Pelzproduktion, vor allem wenn diese durch jagende Frauen durchgeführt wird. Die Autorin bezweifelt, dass Pelze jemals, auch in der Eiszeit nicht, rein nützlich gewesen wären, sondern immer schon symbolischen Charakter gehabt hätten. Beim Rückgang der Pelztierbestände in Europa wurde die Hudson Bay Company gegründet, die die UreinwohnerInnen Kanadas rücksichtslos der Pelze wegen auszubeuten begann. Die Hudson Bay Company bestimmte als einzige Pelzabnehmerin alles, und so kam es auch in Kanada zur Überjagung der Pelztiere. Der Pelzhandel brachte den Kapitalismus zu den Inuits. Sie mussten entfremdete Lohnarbeit leisten, statt ihr Land für den Eigenbedarf selbst bearbeiten zu können. Für viele Stämme, wie die Dene Inuits, brachte der Pelzhandel die unwiederbringliche Zerstörung ihrer Kultur.

Am 10. Februar 1926 griff ein englischer Labour-Abgeordneter, Mr. Barnes, den Pelzhandel als grundsätzlich kapitalistisch an: „Es ist landläufig bekannt, dass umso teurer ein Artikel ist, umso weniger Arbeit in seiner Produktion repräsentiert ist. [Hier ist ein Beispiel eines Pelzmantels] Ich weise daraufhin, dass er für 128 Gulden angeboten wird. Man könnte also 42 normale Mäntel zu je 3 Gulden um denselben Preis kaufen. Die 42 Mäntel würden aber mehr Arbeit schaffen, und daher den größeren Output repräsentieren. […] Die Produktion von 42 nützlichen Mänteln zu je 3 Gulden bedeutet einen größeren Output, d.h. mehr Arbeitsplätze und sicherlich mehr Glück und Wärme, wenn 42 Frauen einen 3-Gulden-Mantel haben, als wenn 1 Frau einen 128-Gulden-Mantel hat.“

Den Ausblick für die Zukunft sieht die Autorin allerdings in Pelz-Eigenkreationen von vor allem weiblichen Inuit-Jägerinnen. So zeigt sie heroische Bilder von pelzbekleideten Frauen mit Gewehr auf der Jagd, und von arbeitenden Frauen bei der Gerbung. Und in 6 Bildern demonstriert sie voller Begeisterung die erste Pelzmodeschau der Inuits mit Eigenkreationen. Greenpeace hätte zwar im Jahr 1984 die Anti-Pelzkampagne ausgelöst, sei aber bald darauf einsichtig geworden und wäre mit Rücksicht auf die UreinwohnerInnen aus dieser Kampagne ausgestiegen. Die Autorin ist durch den Umstand irritiert, dass eine soziale Bewegung, die Umweltbewegung, hier in einen Gegensatz zum antiimperialistischen Kampf der UreinwohnerInnen tritt, obwohl beide diese Bewegungen gegen die unerträglichen Formen der symbolischen und materiellen Unterdrückung angetreten seien. Allerdings sieht sie in diesem Konflikt auch die positive Seite, nämlich, dass er dazu führen könnte, dass die Bewegungen nicht zu einseitig werden und voneinander lernen können.

Was das für sie bedeutet wird im Schlusswort klar. 1993 hätte die Modedesignerin Mariouche Gagne in Montreal biologisch abbaubare Mode präsentiert, indem sie Pelze in Kleidungsstücken recycled habe. Die Autorin: „Pelz ist eine ‚natürliche Faser’ und hat daher eine kürzere Lebenszeit als jene Doc Marten Schuhe, die laut Tierrechtsgruppe Lynx ‚aus dem feinsten nicht-Leder Material’ hergestellt sind, das es gibt. […] Was ist ökologisch verträglicher? ‚Natürlicher’ Pelz oder Anti-Pelz Produkte aus Synthetik, die vielleicht Tierleben schützen aber die natürlichen Ressourcen wie Öl und Holz reduzieren?“


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