Über den Speziesismus nach Johann S. Ach:

Warum man Lassie nicht quälen darf,
Harald Fischer Verlag 1999


eine Buchkritik von Martin Balluch

In seinem Buch behandelt Ach die ethische Rechtfertigung von Tierversuchen. Im Rahmen dieser Abhandlung diskutiert er im 4. Kapitel den Speziesismus. Alles folgende stammt aus diesem Kapitel.

Grundbegriffe

Die folgende These wird als Koextensions-These bezeichnet: Alle (und nur) die Mitglieder der biologischen Spezies Homo sapiens sind Mitglieder der moralischen Gemeinschaft.

Die Überzeugung, dass die Koextensions-These richtig ist, gehört zu den charakteristischen Kennzeichen der abendländischen Ethiktradition. Sie wird von den meisten Menschen für eine nicht weiter zu hinterfragende Selbstverständlichkeit gehalten. In der gegenwärtigen Bioethik-Diskussion wird gerade diese vermeintliche Selbstverständlichkeit aber von verschiedenen AutorInnen massiv in Frage gestellt. Die ganze Sprengkraft dieser Debatte hat ihren Ursprung vermutlich genau hier: in der Bereitschaft, das in der Koextensions-These behauptete Junktim einer Kritik zu unterziehen, die auch vor den Konsequenzen nicht zurückschreckt, falls sich dieses Junktim als unbegründet erweisen sollte.

Der Ausdruck Speziesismus wurde von Richard D. Ryder in die Diskussion eingeführt und ist den Ausdrücken „Rassismus“ und „Sexismus“ nachgebildet. Er soll die Kritik an einer Haltung des „Art-Egoismus“ oder „Art-Chauvinismus“ auf den Begriff bringen, die die Angehörigen aller anderen Arten als der des Homo sapiens aufgrund der bloßen Tatsache diskriminiert, dass sie eben Mitglieder anderer Arten sind. RassistInnen bewerten die Interessen derjenigen, die dieselbe Hautfarbe wie sie haben, in einem Interessenskonflikt höher als die Interessen derjenigen, die eine andere Hautfarbe haben. SexistInnen bewerten die Interessen der Angehörigen des eigenen Geschlechts im Interessenskonflikt höher, als die Interessen der Angehörigen des anderen Geschlechts. Analog handeln SpeziesistInnen im Falle eines Interessenskonflikts zwischen Mitgliedern verschiedener Arten. Während wir uns inzwischen übereinstimmen, Rassismus und Sexismus – zumindest in der Theorie – als unakzeptabel zurückzuweisen, gilt gleiches für den Speziesismus noch nicht. Und dies, obwohl alle 3 Formen der Diskriminierung auf dem gleichen Fehler beruhen, nämlich auf einem Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip.

Man kann verschiedene Formen des Speziesismus unterscheiden. Hinsichtlich seines Ausmaßes gibt es 3 Formen:

Absoluter Speziesismus: Absolute SpeziesistInnen erkennen Angehörigen anderer Arten keinerlei moralische Schutzwürdigkeit zu. Ihre Interessen zählen schlicht nicht und müssen folglich im Konfliktfall zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Interessen überhaupt nicht berücksichtigt werden. Absolute SpeziesistInnen würden sogar bestreiten, dass es so einen Konfliktfall überhaupt gibt.

Radikaler Speziesismus: Radikale SpeziesistInnen erkennen die Berücksichtungswürdigkeit auch nicht-menschlicher Interessen grundsätzlich an und gestehen zu, dass es Konfliktfälle gibt. In Konfliktfällen geben sie jedoch den Angehörigen der eigenen, menschlichen Art grundsätzlich den Vorzug – auch dann, wenn den menschlichen Interessen größere Interessen der Angehörigen anderer Arten gegenüberstehen. Sie geben im Konfliktfall also selbst den eigenen trivialen Interessen den Vorzug vor den vitalen Interessen nicht-menschlicher Lebewesen. Unsere Gesellschaft praktiziert diese Art des Speziesismus.

Milder Speziesismus: Milde SpeziesistInnen geben demgegenüber im Fall eines Konflikts zwischen nicht-menschlichen vitalen Interessen und eher trivialen menschlichen Interessen ersteren den Vorzug. Im Fall gleicher oder ähnlicher Interessen allerdings werden die Interessen nicht-menschlicher Lebewesen auch von milden SpeziesistInnen gegenüber den Interessen von Menschen abgewertet.

Hinsichtlich seiner logischen Basis werden 2 Arten von Speziesismus unterschieden:

Unqualifizierter Speziesismus: Der unqualifizierte Speziesismus hält die pure Mitgliedschaft in der biologischen Art Homo sapiens ohne jedes weitere Argument für moralisch relevant. Diese Version ist wenig plausibel und wird auch von kaum jemandem ernsthaft vertreten.

Qualifizierter Speziesismus: Der qualifizierte Speziesismus hält die Zugehörigkeit zur menschlichen Art nicht per se für moralisch relevant, sondern aufgrund bestimmter Eigenschaften, die mit der Zugehörigkeit verknüpft seien. Er fusioniert das biologische Artmerkmal mit anderen Eigenschaften. Der qualifizierte Speziesismus behauptet also nur die eigentlich empirisch nachweisbare These, dass – zumindest auf unserer Erde und soweit wir wissen – ausschließlich die Menschen und genau alle Menschen aufgrund gewisser Eigenschaften Subjekte der Moral sind.

Kritik verschiedener differentia specifica

Im Rahmen eines qualifizierten Speziesismus werden bestimmte Eigenschaften mit dem biologischen Artmerkmal „fusioniert“ oder „amalgamiert“. Nicht die biologische Tatsache der Spezieszugehörigkeit, sondern die mit der Zugehörigkeit zur Spezies unauflöslich verknüpften Eigenschaften werden also als relevant ausgezeichnet. Die Aufgabe, die sich dem qualifizierten Speziesismus stellt ist somit eine doppelte:

Erstens muss jede der genannten Eigenschaften mit der Spezieszugehörigkeit korrelieren, d.h. sie muss allen Mitgliedern der Spezies berechtigterweise zugeschrieben werden, und sie muss allen Mitgliedern anderer Spezies berechtigterweise abgesprochen werden können. Mit anderen Worten, zu untersuchen ist, ob jede der genannten Eigenschaften allen und nur den Menschen zukommt.

Zweitens muss gezeigt werden, dass jede der genannten Eigenschaften moralische Relevanz besitzt. Es reicht nicht aus eine Eigenschaft zu benennen, über die alle und nur Menschen verfügen. Von der gesuchten Eigenschaft muss zusätzlich gezeigt werden, dass sie eine Ungleichbehandlung menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen rechtfertigen kann.

Eine Eigenschaft, die diesen beiden Kriterien genügt, wird differentia specifica genannt. Im folgenden werden 4 in der Literatur genannte Vorschläge für eine solche differentia specifica kritisiert.

Vernunft

Ob nicht-menschliche Tiere tatsächlich nicht über Vernunft verfügen, hängt offenbar davon ab, was man unter dem Ausdruck „Vernunft“ verstehen möchte. In einem Aufsatz „Zur Vernunft des Rationalismus“ hat Rainer Specht 3 verschiedene Bedeutungen des Ausdrucks „ratio“ unterschieden: 1) die Privilegbedeutung, d.h. Vernunft als metaphysisches Begründungsmerkmal einer natürlichen Gemeinschaft der Menschen untereinander; 2) Vernunft als das Vermögen nach obersten Ideen und Prinzipien zu handeln; 3) Vernunft als das Vermögen logisch zu schließen.

Nur die Bedeutung 3) ist empirisch prüfbar und daher als differentia specifica geeignet. Zu klären wäre nun, welche Voraussetzung eine Entität erfüllen muss, damit man ihr dieses Vermögen logisch zu schließen berechtigterweise zusprechen kann. Unterstellt man z.B., dass für logisches Schließen Sprache Voraussetzung ist, dann wird Vernunft durch Sprachfähigkeit charakterisiert und es lässt sich behaupten, dass das bei nicht-menschlichen Tieren nicht in ausreichendem Maß vorhanden ist. Folgt man allerdings z.B. Bernhard Rollin, der für die Möglichkeit von Denken ohne Sprache argumentiert, dann steht der Zuschreibung von Vernunft zu nicht-menschlichen Tieren nichts mehr im Weg.

Moralfähigkeit

Eine Reihe von AutorInnen hat bestritten, dass nur Menschen moralfähig wären. Stephen Clark z.B. argumentiert, dass viele menschliche Haltungen der Achtung vor anderen oder der Sorge für andere von derselben Art sind wie entsprechende Verhaltensweisen nicht-menschlicher Tiere. Einige Formen nicht-menschlich tierlichen Verhaltens können durchaus mit „moralischer Tugend“ verglichen werden. Clark unterscheidet aber: nicht-menschliche Tiere können ethisch handeln, d.h. sie reagieren in verschiedenen Situationen mit selbstloser Rücksichtnahme für andere, aber sie könnten wahrscheinlich nicht moralisch handeln, d.h. nicht nach einem von ihnen konstruierten oder verstandenen moralischen System von Prinzipien und Handlungsanweisungen. Um Moralfähigkeit zu einer differentia specifica zu machen, müsste also die strenge Version von Handlungen nach einem System von Prinzipien genommen werden.

Autonomie

Moralische Rechte entstehen nach Auffassung von Michael Fox nur im Rahmen einer moralischen Gemeinschaft. Aber nur autonome Wesen könnten Mitglieder einer moralischen Gemeinschaft sein, weil Moral auf wechselseitiger Anerkennung und Reziprozität gründet.

Der Begriff der Autonomie ist in einer gewöhnlichen Bedeutung so unpräzise, dass man sich fragen kann, ob es überhaupt einen einheitlichen Begriff der Autonomie gibt oder ob nicht vielmehr eine „Familie“ von verschiedenen Ideen zusammen das Konzept der Autonomie ergeben. Feinberg unterscheidet 4 Bedeutungen: 1) Autonomie als persönliche Fähigkeit, 2) Autonomie als situative Disposition, d.h. die Autonomie einer Entscheidung in einer spezifischen Situation, 3) Autonomie als Charakterideal und 4) Autonomie als moralisches Recht. Nur die ersten beiden Bedeutungen sind deskriptiv und damit als Kandidaten für die differentia specifica relevant.

Michael Fox setzt für seine moralische Gemeinschaft voraus, dass die Mitglieder kritisch selbstbewusst sind und die Fähigkeiten haben, Konzepte komplex zu manipulieren, eine hochentwickelte Sprache zu benutzen, zu reflektieren, zu planen, zu überlegen, zu wählen und Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. Mit anderen Worten, nach Fox kann ein autonomes Wesen vollkommen frei und rational im vollen Sinne entscheiden und sich selbst verwirklichen. Nicht-menschliche Tiere verfügen nicht über diese Form der Autonomie nach Bedeutung 1). Allerdings werden wir auch von (den meisten) Menschen nicht behaupten können, dass sie über diese Voraussetzungen „im vollen Sinne“ verfügen, und schon gar nicht zu jeder Zeit.

Allerdings bleibt Fox das Argument schuldig, warum ein so voraussetzungsreicher Autonomie-Begriff für moralische Rechte erforderlich ist. Warum reicht nicht Autonomie in einer schwächeren Bedeutung als situative Disposition? Oder warum reicht nicht, was Regan „Präferenzautonomie“ genannt hat, d.i. die Fähigkeit eine Handlung zu setzen, weil man der Meinung ist, dass mit dieser Handlung die eigenen Wünsche befriedigt oder die eigenen Ziele erreicht werden? In beiden Fällen sind viele nicht-menschliche Tiere dann durchaus auch als autonom anzusehen. Es zeigt sich wiederum, dass die Antwort auf die Frage, ob nicht-menschliche Tiere autonome Wesen sind, in erster Linie davon abhängt, wie man den Begriff Autonomie versteht.

Sprachfähigkeit

In der Fähigkeit zum Sprachgebrauch sieht Descartes „das einzig sichere Indiz dafür, dass hinter der Fassade des Körpers ein Denken verborgen ist“, und damit, was für Descartes das gleiche ist, für Bewusstsein. Andere haben die Fähigkeit zum Sprachgebrauch als einen Hinweis auf Selbstbewusstsein verstanden. Für Jaspers sind nur sprachbegabte Menschen „vollwertige“ Menschen, da nur ihnen „die Überlieferung geistig zugänglich“ ist, „die sie zu Menschen macht“. Wieder andere, wie etwa Frey, behaupten, die Fähigkeit zum Sprachgebrauch sei eine Voraussetzung dafür, dass man einem Wesen sinnvollerweise Interessen zuschreiben könne.

Es steht außer Zweifel, dass längst nicht alle Menschen die Fähigkeit zum Sprachgebrauch besitzen. Neugeborene, irreversibel Komatöse oder geistig schwerstbehinderte Menschen z.B. haben sie nicht. Und spätestens seitdem die Sprachxperimente mit SchimpansInnen begonnen haben, ist umgekehrt die These umstritten, dass nicht-menschliche Tiere nicht über Sprache verfügen.

Das Hauptproblem bei der Interpretation der Ergebnisse dieser Experimente liegt aber wohl darin, dass unklar ist, welche sprachlichen oder sprachähnlichen ußerungen man bereits als echte Sprache qualifizieren soll und welche nicht.

Das marginal cases Argument

Bereits Bentham stellte fest, dass die Wahl eines Kriteriums für die Zugehörigkeit zur moralischen Gemeinschaft den Ausschluss menschlicher Lebewesen, wie z.B. kleine Kinder, zur Folge haben kann. Da Kleinkinder Benthams Überzeugung nach fraglos der moralischen Gemeinschaft zugehören, kann es sich z.B. weder bei Rationalität noch bei der Sprachfähigkeit um das gesuchte Kriterium handeln. Dasselbe gilt natürlich für Moralfähigkeit und Autonomie.

Bei den genannten Eigenschaften handelt es sich, wie deutlich geworden ist, nicht um solche, die ein Wesen entweder hat oder nicht hat, sondern um solche, die ein Wesen in unterschiedlichem Maß oder Grad hat. Während es also möglicherweise durchaus Mitglieder anderer Arten gibt, die über dieselben oder doch vergleichbaren Fähigkeiten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad, verfügen, gibt es auch Angehörige der menschlichen Art, die über die genannten Fähigkeiten oder Eigenschaften gerade nicht, noch nicht oder nicht mehr verfügen. Wenn behauptet wird, dass alle und nur Mitglieder der menschlichen Spezies über die fraglichen Eigenschaften oder Fähigkeiten verfügen, wie es für eine echte differentia specifica notwendig ist, ist ohne jede weitere Diskussion klar, dass diese Behauptung unzutreffend ist. Menschliche Neugeborene, um nur ein Beispiel zu nennen, sind auch bei einer sehr wenig voraussetzungsreichen Interpretation weder zur Moral noch zum Sprachgebrauch fähig, noch kann man sinnvoll sagen, sie seien autonom oder vernünftig.

Das marginal cases Argument lautet jetzt:

Prämisse 1: Kriterium X schließt zusammen mit allen nicht-menschlichen Tieren auch viele Menschen, wie Neugeborene oder schwer geistig Behinderte, aus der moralischen Gemeinschaft aus.

Prämisse 2: Alle Menschen, auch Neugeborene oder schwer geistig Behinderte, sind klarerweise Mitglieder der moralischen Gemeinschaft.

Konklusion: Also muss Kriterium X als Kriterium für die Zugehörigkeit zur moralischen Gemeinschaft zurückgewiesen werden.

Mit diesem Argument müssen alle angegebenen Kandidaten für eine differentia specifica, als Kriterium X im marginal cases Argument, abgelehnt werden.

Verschiedene Hilfsargumente sind vorgeschlagen worden, um die Konsequenz zu vermeiden, nicht nur den nicht-menschlichen Tieren, sondern auch gewissen Menschen einen besonderen moralischen Status abzusprechen. Dazu gehören 1) das Potentialitäts-Argument, 2) das species of persons Argument, 3) das Ähnlichkeits-Argument und 4) das slippery slope Argument.

1) Das Potentialitätsargument sagt, dass z.B. Neugeborene die für relevant gehaltene Eigenschaft zwar nicht besitzen, aber im Lauf einer normalen Entwicklung bekommen werden. Allerdings gibt es viele Menschen, auf die sich das marginal cases Argument bezieht, wie z.B. schwer geistig Behinderte, die die verlangte Eigenschaft nicht entwickeln werden. Zusätzlich ist ohne weiteres Argument nicht einzusehen, warum ein Wesen, das eine Eigenschaft nur potentiell hat, so behandelt werden soll, als ob es diese Eigenschaft auch tatsächlich hätte. Der Begriff „potentiell“ ist darüber hinaus nicht eingrenzbar: ist eine befruchtete Eizelle potentiell autonom, oder gar eine unbefruchtete?

2) Das species of persons Argument will allen Arten, deren Mitglieder normalerweise über die für relevant gehaltenen Eigenschaften verfügen, die mit dieser Eigenschaft bzw. Fähigkeit verbundenen Rechte bzw. Ansprüche zuschreiben. Es bleibt aber erklärungsbedürftig, warum das Kriterium auf der allgemeineren Ebene der Art, nicht aber auf der spezielleren des Individuums, angewandt werden soll.

3) Das Ähnlichkeits-Argument behauptet, menschliche Wesen, denen die entscheidende Eigenschaft fehlt, seien deswegen in die moralische Gemeinschaft aufzunehmen, weil sie mit den anderen Menschen, die diese Eigenschaft zu Mitgliedern der moralischen Gemeinschaft macht, so nah verwandt sind, bzw. ihnen so ähnlich sind. In diesem Argument schleicht sich aber der unqualifizierte Speziesismus wieder durch die Hintertür herein: warum sollten „mir“ nah verwandte oder ähnliche Wesen einen besonderen moralischen Status bekommen?

4) Das slippery slope Argument sagt, dass wenn gewissen Menschen der moralische Status abgesprochen würde, der moralische Status bald auch „vollwertigen“ Mitgliedern der moralischen Gemeinschaft abgesprochen werden könnte, weil die Sensibilisierung abnimmt und eine Abstumpfung eintritt. Dabei bleibt offen, ob es sich um ein empirisch-kausales oder ein logisch-konzeptuelles Argument handelt. Abgesehen davon, warum würde nicht auch die Sensibilität bei dem Ausschluss von nicht-menschlichen Tieren, die den Menschen nahe verwandt sind (andere Menschenaffen) oder die manche Menschen sehr gut kennen (Hunde), aus der moralischen Gemeinschaft leiden?

Welche Eigenschaften sind moralisch relevant?

Wenn wir glauben, dass es erlaubt ist, ein nicht-menschliches Wesen T, aber nicht einen Menschen M, in einer bestimmten Weise B zu behandeln, sollten wir zuerst danach fragen, warum wir es für falsch halten, M so zu behandeln. Wir werden dabei auf bestimmte Eigenschaften E von M stoßen, von denen wir anschließend prüfen können, ob auch T über sie verfügt oder nicht. Verfügt T über die Eigenschaften E nicht, können diese in diesem Fall als Grund für eine Ungleichbehandlung angegeben werden. Unterscheiden sich T und M nur in anderer Hinsicht als bzgl. der Eigenschaften E, die es falsch machen, M auf eine Weise B zu behandeln, dann sind die Unterschiede irrelevant und die Ungleichbehandlung ungerechtfertigt.

Betrachten wir das Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Mensch M hat ein Recht auf freie Meinungsäußerung, weil M sprachfähig ist, während der Hund T kein Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Die Eigenschaft E ist hier also die Sprachfähigkeit. Da die Sprachfähigkeit tatsächlich M und T unterscheidet, gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass die Sprachfähigkeit als Begründung für die Ungleichbehandlung herhalten kann.

Umgekehrt beim Recht auf körperliche Unversehrtheit. Der Mensch M hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, weil er unter körperlichen Schmerzen leidet. Die relevante Eigenschaft ist also die Leidensfähigkeit. Der Hund T unterscheidet sich von M in dieser Eigenschaft nicht. Die Sprachfähigkeit ist in diesem Zusammenhang also eine irrelevante Eigenschaft und kann nicht als Rechtfertigung für die Ungleichbehandlung herangezogen werden.

Fazit: die Unhaltbarkeit des Speziesismus

Ebensowenig wie es gelingt, eine differentia specifica zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen zu finden, die nicht nur empirisch abgesichert werden kann, sondern die darüber hinaus auch begründen kann, warum nur Menschen, nicht aber die Mitglieder anderer Spezies vollen moralischen Status besitzen, ebenso wenig gelingt es, Argumente dafür zu finden, warum menschliche und nicht-menschliche Tiere nach unterschiedlichen moralischen Standards behandelt werden sollten. Mit anderen Worten: Die Zugehörigkeit zur biologischen Art ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für einen moralischen Status überhaupt. Sie ist aber auch weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für eine moralische Ungleichbehandlung innerhalb der moralischen Gemeinschaft. Der (anthropozentrisch motivierte) Speziesismus erweist sich als unhaltbar.