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Jens Badura, „Moral für Mensch und Tier“, Herbert Utz Verlag 1999 (Diplomarbeit in Philosophie, Univ. Innsbruck 1996).

Falls diese Arbeit die Grundfragen diskutieren soll, die die philosophische Position der Tierrechte aufwerfen, was aus dem Titel der Arbeit allerdings nicht wirklich hervorgeht, dann ist sie eine glatte Themaverfehlung. Das beginnt schon mit dem rein anthropozentrischen Zugang, den Badura wählt. Für ihn scheint sich die Frage wie folgt zu stellen. „Wir“ Menschen sind mit einigen Dingen in dieser Welt konfrontiert, wie z.B. Kunstwerken, Pflanzen, Pilzen und eben auch „Tieren“. Und jetzt stellt sich eben die Frage, wie wir diese Entitäten, wie u.a. auch diese „Tiere“, behandeln sollen.
Schon durch diese Art von Zugang wird die eigentliche Diskussion über Tierrechte verunmöglicht. Dieser anfängliche Fehler zieht sich durch die gesamte Arbeit und entsprechend werden die Grundfragen der Tierrechte fast nicht berührt. Die Tierrechtsphilosophie handelt nämlich genau von der Infragestellung dieses Zugangs. Sie kritisiert den „Menschbegriff“ wir er im Anthropozentrismus von Badura eine zentrale Rolle spielt. Die einzige vernünftige Definition des Menschbegriffs ist der der biologischen Gattung Mensch. Nur ist dieser Menschbegriff weder moralisch von besonderem Belang, noch ist es jener Begriff, den Badura zu verwenden scheint. Badura’s Menschbegriff ist vielmehr ein soziales Konstrukt, das von vornherein schon eine moralische Dimension hat. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung für grundlegende ethische Überlegungen, diesen Menschbegriff zunächst einmal zu de-konstruieren. Dann stellt sich nicht die Frage der „Behandlung“ von Nicht-Menschen, sondern grundsätzlich wie ICH mich anderen Wesen gegenüber verhalten soll, zunächst einmal unabhängig davon ob sie Menschen sind oder nicht.

Badura erwähnt zwar verschiedene Kritiken am herkömmlichen, anthropozentrischen „Mensch-Tier“ Begriffspaar, verfällt aber dann plötzlich und völlig unmotiviert in einen unkritisch und unhinterfragt dahingesagten Dogmatismus: „Ich möchte an dieser Stelle dafür plädieren, den Mensch sehr wohl als herauszustellendes Wesen zu betrachten: Nur der Mensch ist ein im engeren Sinne vernünftiges, moral- und kulturfähiges Wesen, das zu komplexer Selbstreflexion befähigt und autonom ist“. Mit diesen Worten erteilt Badura dem vom wissenschaftlich-rationalen Verständnis geforderten Anti-Speziesismus in der Sprache eine Absage, und schreibt weder „nicht-menschliche Tiere“, noch „Menschen und andere Tiere“, noch „tierlich“ etc. Badura diskutiert oder kritisiert sein Dogma mit keinem Wort, obwohl es offenkundig falsch ist. Mit einem dergestalt anthropozentrisch-speziesistischen Ansatz kann Badura natürlich mit dem später in der Arbeit diskutierten Gleichheitsgrundsatz von Singer und dem gleichen immanenten Wert aller Subjekte eines Lebens von Regan wenig anfangen.

So lehnt Badura den Gleichheitsgrundsatz von Singer mit den folgenden Worten ab: „Es gibt gute Gründe, einem wenige Tage alten Kind die gleichen moralischen Grundrechte (etwa das des individuellen Rechts auf Leben) wie einem geistig normalen Erwachsenen zuzusprechen, einige dieser Grundrechte einem ausgewachsenen Tier (etwa einer Kuh) aber zu verweigern, obwohl davon auszugehen ist, daß die Kuh vergleichsweise „bewußter“ lebt als das neugeborene Kind. Moralische Bewertung bezieht sich nämlich nicht nur auf punktuelle Ereignisse, sondern bezieht zeitlich und inhaltlich größere Kontexte mit ein. Eine Folge ist, dieses Beispiel betreffend, daß man davon ausgehen kann, daß aus dem Kleinkind ein erwachsener Mensch heranwächst, dem man sozusagen schon im vornhinein grundsätzliche moralische Rücksicht schuldet.“

Es ist immer wieder erstaunlich, was für „rationale“ Blüten das starrsinnige Festhalten an falschen Dogmen treibt. Mit obiger Argumentation müßte auch das Verwerfen des Gedankens an heterosexuellen Verkehr in den fruchtbaren Tagen ohne Verhütung moralisch dem Mord an einem erwachsenen Menschen gleichbedeutend sein, „weil man davon ausgehen kann, daß aus dem Gedanken ein erwachsener Mensch wird, dem man sozusagen schon im vornhinein grundsätzliche moralische Rücksicht schuldet“. Zumindest würde das auf Samenzellen oder wenigstens befruchtete Eizellen zutreffen. So eine These unkritisiert in den Raum zu stellen ist jedenfalls wieder philosophisch unredlich. Dieses Vorgehen ist für eine wissenschaftlich-philosophische Arbeit zum Thema Tierrechte nicht zulässig, zumal die betroffene These eine der Grundfragen der Philosophie der Tierrechte aufwirft.

Den zentralen Begriff des Speziesismus würdigt Badura mit einer Fußnote, in der steht man solle „generell vorsichtig sein in der Analogiebildung von zwischenmenschlichen Verhältnissen mit der Mensch-Tier Beziehung“. Wiederum setzt Badura seinen eigenen speziesistischen Ansatz einfach dogmatisch fest, ohne sich der Kritik am Speziesismus zu stellen. Gedankenexperimente nach Mark Rowlands, oder das Beispiel der außerirdischen Superintelligenzen, das unwiderruflich die speziesistische Sichtweise ad absurdum führt, erwähnt Badura mit keinem Wort.

Regans Konzept des immanenten Wertes, der allen Lebewesen, die Subjekte eines Lebens sind, in gleichem Maß zukommt, kritisiert Badura damit, daß es „einer willkürlichen, kategorialen Trennung innerhalb einer graduellen Abstufung“ das Wort rede, „für deren Akzeptabilität kaum gute Gründe zu finden sind“. Mit anderen Worten erscheint Badura ein gleiches Recht auf Leben für Lebewesen, die nach Badura graduell in moralrelevanten Eigenschaften variieren, nicht vertretbar. Natürlich möchte Badura so für „die Krone der Schöpfung“ das größte Lebensrecht sichern. Interessanter Weise ist Badura aber nicht fähig dieselbe Kritik auf die Menschenrechte anzuwenden: irgendwann in der Embryonalentwicklung oder bei der Geburt schleicht sich auch bei Badura ein gleiches Lebensrecht für alle Menschen ein, obwohl sie zumindest in Badura’s Sinn in moralrelevanten Eigenschaften variieren.

In den letzten paar Seiten seiner Arbeit konstruiert Badura eine eigene Position zu der moralischen Frage der „Behandlung von Tieren“. Weil verschiedenes verschieden behandelt werden soll, ist es „daher wenig sinnvoll, Menschenrechte für Affen oder Nutzungsverbote für Kühe zu fordern“. Sinnvoll für wen, fragt sich die Leserin an dieser Stelle, erhält aber keine Antwort. Badura weiter: „Es gibt gute Gründe Affen affengemäß bzw. Kühe kuhgemäß [und offenbar Homosexuelle homosexuellengemäß und Frauen frauengemäß und Ausländer ausländergemäß; Anmerkung nicht von Badura] etc. zu behandeln“. Und für Badura scheint es „kuhgemäß“ zu sein, getötet und aufgegessen zu werden.

Das Grunddilemma, das die Philosophie der Tierrechte aufzuzeigen imstande war, spielt in grundlegenden Tierrechtsbüchern oft die zentrale Rolle. Es gibt KEINE relevante Eigenschaft, die ALLE Menschen aber KEINE anderen Tiere haben. Will ich jetzt Grundrechte fordern, die sich an Eigenschaften ihrer RechtsträgerInnen festmachen, so kann das folglich entweder nicht alle Menschen oder aber nur alle Menschen und gleichzeitig auch andere Tiere betreffen. Die Grundrechte aber nur und genau allen Menschen zuzusprechen, wie Badura und andere SpeziesistInnen das gern täten, ist rational nicht vertretbar.

Badura widmet diesem Grunddilemma eine halbe Seite „Exkurs“ am Ende seiner Arbeit. Er stellt die Frage, warum ein Recht auf Leben zum Beispiel einem schwer geistig Behinderten zugesprochen werden soll, aber nicht einem Schimpansen. Die Antwort folgt auf den Fuß: „Weil die gewünschte Konsequenz – eine Verbesserung (nutz-)tierischer Lebensbedingungen – mit gleichem Effekt durch ein vernünftiges Tierschutzgesetz erreicht werden kann“!!! Und obendrein sollte das Menschenrecht auf Leben nicht dadurch „verwässert“ werden, daß es auf nicht-menschliche Tiere ausgeweitet wird.

Beide diese „Argumente“ sind irrational und offensichtlich rein taktischer Natur. In einer Grundsatzdiskussion über Rechte der Tiere haben Begründungsformen wie „meinem Wunsch läuft das zuwider“, oder „mein Wunsch läßt sich auch anders erreichen“, oder „die praktischen Rechte derer, von denen ich will, daß sie welche haben, verwässern ansonsten“, nichts verloren. Die Wünsche des Herrn Badura sind völlig nebensächlich in dieser Diskussion.

Zusammenfassend ist diese Arbeit eine komplette Themaverfehlung, falls die Diskussion der Philosophie der Tierrechte das Thema der Arbeit gewesen sein soll. Die wesentlichen Fragen, die die Philosophie der Tierrechte aufwirft, wurden praktisch nicht diskutiert. Dem gegenüber stand ein Wust von irrationalen, unreflektierten Dogmen, die die alten anthropozentrischen Vorurteile der Gesellschaft unkritisch widerspiegeln. Aus dieser Arbeit kann man nichts lernen, ausser, dass, wenn eine solche Arbeit als Diplomarbeit in Österreich akzeptabel ist, die akademische Diskussion der Philosophie der Tierrechte hierzulande in einem vorembryonalen Entwicklungsstadium sein muß.