Henry Salt, „Animals‘ Rights, considered in relation to Social Progress“, Original 1892, Neudruck Centaur Press Ltd. 1980.


Im ersten Teil des Buches legt Salt in nur 29 Seiten die Prinzipien der Tierrechte dar, um in den 7 Folgekapiteln deren praktische Anwendung und Umsetzung anzudeuten. Zunächst macht er klar, dass er mit Tierrechten nicht notwendiger Weise Naturrechte meint. Vielmehr hält er sich mit seinem Rechtsbegriff an Herbert Spencer: „Jeder Mensch, der zugibt, dass Menschen gewisse Freiheiten zugestanden werden müssen, gibt ihnen damit ein ‚Recht‘ auf diese Freiheiten. Diese Freiheiten können also ohne missverständlich zu sein als ‚Rechte‘ bezeichnet werden.“ Alle weitere Debatte über den Rechtsbegriff wäre akademisch. Wenn sich jemand an diesem Begriff der ‚Rechte“ stößt und einen besseren Begriff anbietet, dann sei Salt jederzeit bereit diesen neuen Begriff zu übernehmen.
Nach einem Exkurs in die Geschichte der Idee der Tierbefreiung stellt Salt fest, dass niemand bisher die Tierrechte auf eine rationale Basis gestellt hätte. Und das ginge so: „Tiere haben, genauso wie Menschen, obwohl natürlich in wesentlich geringerem Ausmass, eine Individualität, und müssen daher nach dem Prinzip der Gerechtigkeit ebenso gewisse Freiheiten zugestanden bekommen.“ Den nicht-menschlichen Tieren „Rechte“ zuzugestehen, die aber denen der Menschen untergeordnet sind und damit menschlichen Bedürfnissen hintanstehen, reicht nicht aus. Genausowenig wird es Gerechtigkeit geben, solange nicht-menschliche Tiere als etwas grundsätzlich Anderes als Menschen angesehen werden.

Ein utilitaristischer Ansatz, dass nicht-menschliche Tiere kein Zweck an sich wären, sondern nur die Summe ihrer Glücksgefühle – im Gegensatz zum Menschen – steht unseren besten Intuitionen und unserem wissenschaftlichen Wissen entgegen. Wir müssen die veraltete Ansicht einer grossen Barriere zwischen Menschen und anderen Tieren ablegen.

Es gibt zwei Dogmen, die einen absoluten Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren postulieren. Das eine ist das religiöse Dogma, dass nur Menschen eine unsterbliche Seele hätten. Das zweite ist das Cartesische Dogma, dass nicht-menschliche Tiere kein Bewusstsein und keine Gefühle hätten. Daraus wurde gefolgert, dass Menschen Zwecke an sich seien, während nicht-menschliche Tiere nur Mittel zum Zweck für Menschen wären. Aber das eigene Leben zu leben, das eigene Selbst zu realisieren, ist ein Zweck an sich des Lebens von allen Tieren inklusive der Menschen. Dass nicht-menschliche Tiere Individualität in diesem Sinn besitzen kann nicht angezweifelt werden. Zur Untermauerung zitiert Salt hier Darwin: „Wir haben gesehen, dass Sinneswahrnehmungen und Intuitionen, verschiedene Fähigkeiten und Emotionen wie Liebe, Erinnerung, Aufmerksamkeit, Neugier, Nachahmung und Vernunft etc., [...] oft in hohem Grad in Tieren präsent sind.“

Nicht-menschliche Tiere haben also Individualität, Charakter und Vernunft. Und diese Eigenschaften zu haben bringt das Recht mit sich, sie auch benutzen zu dürfen, insofern die Umstände es erlauben. Menschen haben nicht das Recht andere Tiere als Maschinen zu betrachten, und sie als Arbeitstiere zu nutzen, zu quälen oder zu essen. Nicht-menschliche Tiere haben nach Salt hingegen das Recht sanft und rücksichtsvoll behandelt zu werden.

Salt identifiziert dabei auch Speziesismen in der Sprache, die die tierliche Unterdrückung begleiten: dass nur Menschen „Personen“, andere Tiere aber Sachen sind, dass Worte wie „Vieh“ oder „Nutztier“ verwendet werden, dass nur Menschen in der Anrede ein Geschlecht zugestanden wird, usw. Salt kritisiert sogar den Begriff „Tier“, wenn er den Menschen nicht einschliesst. „Mangels eines besseren Wortes“, wie er sagt, benutzt er dennoch „Tier“ für nicht-menschliche Tiere in seinem Buch.

Salt meint, dass die „natürliche Abscheu“, die wir empfinden, wenn wir Menschen leiden sehen, im wesentlichen derselben Abscheu beim Anblick leidender nicht-menschlicher Tiere gleicht. Daher wird letztendlich derselbe humanitäre Denkansatz, der zur Gleichberechtigung der SklavInnen geführt hat, auch den nicht-menschlichen Tieren zugute kommen. Zunächst wurde nur am Schicksal der eigenen Familie Anteil genommen. Bald erweiterte sich diese Anteilnahme aber auf die ganze Klasse, die Nation, eine Vereinigung von Nationen und dann die gesamte Menschheit. Und zuletzt werden auch die nicht-menschlichen Tiere Rechte bekommen. Das ist, so Salt, eine logische Fortsetzung der grossen Befreiungsbewegungen.

Unterdrückung und Grausamkeit basieren immer auf einem Mangel an Einfühlungsvermögen. Der Tyrann empfindet keine Ähnlichkeit oder Verwandtschaft mit seinen Opfern. Wenn aber ein Gefühl für das Gemeinsame zwischen TäterIn und Opfer geweckt wird, dann ist das Ende der Unterdrückung und die Anerkennung der Rechte nur noch eine Frage der Zeit. „Die domestizierten Tiere werden heute so behandelt wie noch vor 100 Jahren die schwarzen SklavInnen“, schreibt Salt. „Dasselbe Ausgrenzen vom Mensch-Sein, dieselbe widersprüchlich-falsche Rechtfertigung dieser Ausgrenzung und in Folge dieselbe starrsinnige Weigerung ihre Rechte anzuerkennen.“ Aristoteles hielt SklavInnen für keine Menschen, und meinte man könne mit ihnen genausowenig eine Freundschaft eingehen wie mit Pferden oder Rindern.

Die Umsetzung der Tierrechte schien Salt in seiner Zeit praktisch unmöglich. Aber genauso hat es bei allen anderen Befreiungsbewegungen anfänglich ausgesehen. Die Ausarbeitung der Details der praktischen Umsetzung der Tierrechte überläßt Salt daher späteren Generationen. Tierrechte stehen jedenfalls keinen „natürlichen Gesetzen“ der Evolution oder dergleichen entgegen. Bei der Verteidigung des Status Quo der Sklaverei haben die UnterdrückerInnen auch mit der „natürlichen Auslese“ und „der Stärkere setzt sich durch“ argumentiert. Heute ist bzgl. Menschenrechten davon nichts mehr zu hören. Der Wettkampf ist eben, so Salt, kein Naturgesetz.

Gegen den Vorwurf der Sentimentalität verteidigt sich Salt, indem er darauf verweist, daß der Vorwurf sinnvollerweise nur gegen eine Position gerichtet werden kann, die inkonsistent ist und Mitgefühl in einem Fall aufbringt, aber in einem anderen vermissen läßt, ohne daß sich die beiden Fälle in einer relevanten Hinsicht unterscheiden würden. Aufbauend auf diesem Argument sieht Salt den Grundsatz, allen fühlenden Dingen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die Rechte von Menschen und anderen Tieren gleichermassen zu achten, als bestes Mittel gegen irrationale, unkritische Sentimentalität.

Die Ansicht, Tierrechtsaktivität sei menschenfeindlich, ist ein gravierender Irrtum. Salt warnt vor dem speziesistischen Fehlschluß („specious fallacy“) es sei notwendig zuerst die zahlreichen Verletzungen der Menschenrechte zu bekämpfen und die Tierrechtsfrage bis zur Erreichung dieses Ziels hintan zu stellen. Vielmehr ist ein tiefgehendes, objektives Studium beider Komplexe notwendig, um eine Lösung für beide Probleme zu finden.

Am Ende seiner Ausführungen zur Grundlegung der Tierrechtstheorie schreibt Salt, daß alle Tiere, inklusive der Menschen, Rechte haben, und daß diese Rechte genau all das zu tun umfassen, was die gleichen Rechte anderer Tiere nicht übertritt. Diese Ansicht sei durchaus mit den grundlegenden Gesetzen der Natur vereinbar. Wenn jemand getötet werden muß, ob ein menschliches oder ein nicht-menschliches Tier, dann soll es getötet werden; wenn Schmerzen zugefügt werden müssen, dann muß es eben sein, ohne Inkonsistenzen oder Ausflüchte. Aber – und das ist der Punkt – vorher muß geklärt sein, daß das auch wirklich notwendig ist; niemand soll wissentlich die unnötigen Leiden anderer Lebewesen einkalkulieren, und dann versuchen unser Gewissen mit lächerlichen Ausflüchten zu beruhigen, die nicht einem einzigen Moment rationaler Analyse widerstünden..

Zuletzt diskutiert Salt die praktischen Konsequenzen seiner Ideen. Er gesteht den Menschen das Recht zu, sich gegenüber anderen Tierarten zu behaupten, indem sie z.B. die Vermehrung auch freilebender Tierarten einschränken. Aber darüber hinaus haben Menschen keine moralisch legitimierbaren Privilegien gegenüber anderen Tieren, und kein Recht ihnen auch nur das Mindeste an unnötigem Schmerz oder Unterwerfung zuzumuten. Vom Leiden der Tiere aus kulinarischem, sportlichem, wissenschaftlichem oder modischem Interesse zu profitieren ist für Salt mit den Tierrechten unvereinbar. Da er aber die konkreten Umstände der jeweiligen Situation in die moralische Beurteilung mit einbezieht, findet Salt das Tragen von Pelzkleidung für Inuits – im Gegensatz zu EngländerInnen – legitimierbar. Eine Reflexion zeige klar, daß zumindest in der englischen Gesellschaft alle Produkte tierlicher Provenienz ersetzbar seien, sobald sich eine ausreichende Nachfrage nach den entsprechenden Alternativgütern gebildet hat, und dementsprechend sind alle tierlichen Produkte in England unmoralisch. Die Wurzel allen Tiermißbrauchs, so endet Salt, liegt – wie er immer wieder das gesamte Buch hindurch betont – in der verabscheuungswürdigen Annahme (und sie sei gleich verabscheuungswürdig ob sie jetzt auf pseudo-religiösen oder pseudo-wissenschaftlichen Argumenten basiert), daß eine Kluft, eine unüberbrückbare Barriere, zwischen Menschen und „Tieren“ bestünde.

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