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Helmut Kaplan, „Tierrechte. Die Philosophie einer Befreiungsbewegung“, Echo Verlag 1999.


Kaplan’s neues Buch ist erfrischend radikal und direkt. Es ist eine fundierte Einführung in die Tierrechtsphilosophie und mit Einschränkung sehr empfehlenswert. 
Kaplan beginnt mit genau jenem Themenbereich, der sich in Diskussionen mit SpeziesistInnen immer wieder als der fundamentale Stolperstein für ein gegenseitiges Verständnis herausstellt: die selbstherrliche Selbstüberschätzung der Menschen. In vielen Anekdoten und Beispielen tierlichen Verhaltens aus der wissenschaftlichen Literatur zeigt er klar, dass auch nicht-menschliche Tiere Bewusstsein und Intelligenz haben. Darauf aufbauend anerkennt er auch, dass sie selbstbewusst sind und autonom handeln können, also einen freien Willen haben. 

Aber diesbezüglich am signifikantesten sind Kaplan’s Ausführungen zum Thema Moralfähigkeit nicht-menschlicher Tiere. „Es gibt keinen vernünftigen Grund für die Annahme, dass es zwischen Menschen und Tieren im Hinblick auf moralisches Verhalten eine scharfe Trennungslinie gibt.“ Nach Kaplan können also auch nicht-menschliche Tiere moralisch handeln. „Das geläufige Moralkonzept der Pflichterfüllung nach vorgeschalteter rationaler Erwägung ist einseitig und unrealistisch. Moralische Neigungen [...] spielen eine viel wichtigere Rolle, als gemeinhin angenommen.“ Wenn ein Mensch einen anderen Menschen selbstlos aus einem brennenden Haus rettet, so gilt er als moralisch „gut“. Warum wird selbige moralische Qualität aber einem Hund abgesprochen, der mit ähnlich unmittelbar emotionaler Motivation das gleiche tut? 

Kaplan schlußfolgert: „Biologische und psychologische Forschungsergebnisse, sowie logische Erwägungen ergeben, dass Tiere uns in wesentlicher und vielfältiger Hinsicht ähnlich sind: Sie sind wie wir leidensfähige, intelligente, soziale und moralfähige Wesen. Dieser Tatsache muss auch auf moralischer Ebene Rechnung getragen werden. Wenn Tiere uns im geschilderten Masse ähnlich sind, dann müssen wir sie auch ähnlich behandeln.“ Das fordert das Prinzip der Gerechtigkeit, bzw. der Gleichheitsgrundsatz. 

Kaplan diskutiert nun die Ethik von Singer und Regan. Ersterem hält er die artübergreifende Darstellung des Gleichheitsprinzips und damit einhergehend die Entlarvung des Speziesismus zugute. Singer’s Utilitarismus lehnt er allerdings rundweg ab: „Meines Erachtens [...] schliessen sich Gleichheitsprinzip und Utilitarismus in vielen Fällen aus!“ Beim Gleichheitsprinzip werden die Interessen der einzelnen Betroffenen ermittelt und jeweils gleich berücksichtigt. Beim Utilitarismus werden die Interessen aller betrachtet und dann jene Handlung gewählt, die insgesamt die meisten Interessen erfüllt. Im Falle eines schwer geistig Behinderten könnte ersteres zur aufopfernden Pflege des Betroffenen führen, und zweiteres zu seiner Ermordung. 

Um den Tierrechtszugang zu motivieren erläutert Kaplan was er den „traditionellen Tierschutz“ nennt: „Wir sollen Tieren gegenüber nicht grausam sein, sondern sie möglichst freundlich behandeln. [...] Damit meinen wir, dass unser Handeln von Selbstlosigkeit, Liebe oder Mitleid getragen werden sollte. So begrüssenswert und segensreich solche Einstellungen auch sind – sie sind ausserstande, die Erfüllung unserer Pflichten gegenüber Tieren zu gewährleisten.“ Das sei deshalb so, weil ob eine Handlung moralisch richtig ist von der Frage unterschieden werden muss, welche psychologischen Fakten zu ihr führten. Und zweitens hat niemand einen Anspruch auf unsere Freundlichkeit. Kaplan: „Freundlichkeit ersetzt nicht Gerechtigkeit.“ Tieren gegenüber ist Respekt gefordert, nicht Mitleid und Toleranz. 

Deshalb befürwortet Kaplan Regan’s Konzept von einem inhärenten Wert von Individuen, der über den Blick auf ihre Erlebnisse und Interessen hinausgeht. Und das Prinzip der Gerechtigkeit fordert jetzt, dass alle Subjekte eines Lebens mit inhärentem Wert diesen in gleichem Mass besitzen. Dass der inhärente Wert nicht mit biologischen Qualitäten des Subjekts variiert sei nach Kaplan genauso begründet, wie der gleiche Wert alles menschlichen Lebens in der Menschenrechtsphilosophie. Für Regan’s Ansatz spräche jedenfalls, dass „Wesen mit einem individuellen Wohlergehen, das unabhängig ist von den Interessen anderer, mit Gedächtnis, Zukunftsvorstellungen und Wünschen, die sie selbst aktiv verfolgen können und wollen [...] sich ja tatsächlich von allen anderen Entitäten im Universum in moralisch höchst relevanter Weise“ unterscheiden. „[...] zu dieser Kategorie zu gehören erscheint wesentlich bedeutsamer als alle Abstufungen innerhalb dieser Kategorie.“ Und das Leben von Subjekten eines Lebens ist auch insofern gleich wertvoll, als dass es für jedes Subjekt alles ist, was dieses Subjekt hat, so „bescheiden“ das Leben auch immer sein mag. 

Die so vorgestellte Tierrechtsphilosophie unterzieht Kaplan nun schonungsloser Kritik. Zunächst begründet er, warum die Leidensfähigkeit so eine zentrale Rolle spielt: „Leiden ist das Übel, Leidensfähigkeit die moralisch relevante Eigenschaft und Verminderung von Leiden die Forderung der Moral.“ Leiden sei eben „die direkteste und intensivste Erfahrung von Realität“. Dann liefert er freimütig die derzeit größte Schwachstelle der Tierrechtsphilosophie: folgt aus dem Lebensrecht der Tiere nicht, dass wir Raubtiere daran hindern sollten Beutetiere zu reissen? Kaplan dazu: „Eine klare, eindeutige, ‚elegante‘ Antwort auf diese Frage gibt es nicht.“ Aber er tendiert dazu, sie zu bejaen. Dies sei so, weil aus der Natürlichkeit einer Sache noch lange nicht ihre Richtigkeit folgt. Und geistig verwirrte Mörder hindern wir auch am Mord an Menschen, auch wenn sie nicht moralisch verantwortlich gemacht werden können. Diese Problematik erfordert jedenfalls noch weitere intensive Forschung im Bereich der Tierrechtsphilosophie. 

Eine weitere Kritik an Tierrechten ist der Vorwurf des naturalistischen Fehlschlusses, wonach es falsch sei von realen Fakten auf Werte zu schliessen. Pluhars eleganter Ausweg aus diesem Vorwurf wird von Kaplan nicht erwähnt. Stattdessen führt er aus, dass zwischen Fakten und Werten zwar kein streng logischer aber ein „lockerer“, „vernünftiger“ Zusammenhang bestünde. Es ginge „lediglich darum, dass die Fakten gute Gründe für die Akzeptierung der Wertungen darstellen oder liefern“. Und einen solchen Zusammenhang scheint Kaplan zwischen den real-faktischen Kriterien um als Subjekt eines Lebens zu gelten und dem inhärenten Wert dieses Subjekts zu sehen. 

Im letzten Kapitel kritisiert Kaplan umgekehrt den Speziesismus und seine verschiedenen Ausformungen. Speziesismus ist ein „notwendiger Begriff zur Illustration vorhandener Missstände“. Das fundamental Falsche am Speziesismus: „Blosse Spezieszugehörigkeit bildet ebensowenig eine legitime Grundlage für eine Andersbehandlung wie blosse Rassen- oder blosse Geschlechtszugehörigkeit“. Das ist so, „weil kein Merkmal, das von irgend jemandem als relevant erachtet wird, entlang der Speziesgrenze Mensch-Tier verläuft“. 

Das Dilemma manifestiert sich in Kaplans Worten so: „Wenn wir daran festhalten, dass [...] Autonomie, Rationalität und Selbstbewusstsein die Voraussetzung für moralischen Status bilden, so müssen wir (bestimmten) geistig behinderten, geisteskranken, hirngeschädigten und komatösen Menschen den moralischen Status absprechen [...]. Formulieren wir aber die Voraussetzungen für moralische Berücksichtigung so grosszügig, dass sie auch von diesen Menschen erfüllt werden, müssen wir konsequenterweise auch vielen Tieren moralischen Status zuerkennen, da viele Tiere diese Voraussetzungen spielend erfüllen.“ 

Auch die speziesistische Ausflucht, Moral an dem „normalen“ Zustand von Angehörigen einer Spezies zu orientieren, führt in eine Sackgasse. Denn dann sollen wir Individuen nicht aufgrund ihrer Eigenschaften, sondern aufgrund der Eigenschaften anderer behandeln, was „nicht nur unfair, sondern schlicht irrational“ ist. Und dem strategischen Einwurf, dass eine Ausweitung von Grundrechten die vorhandenen Menschenrechte verwässern würde, begegnet Kaplan zweifach. Strategisch sei es besser, eine moralische Grenzlinie zu finden, die sich offen und aufrichtig verteidigen läßt, als eine dogmatisch-willkürliche. Und zweitens hat die Gesellschaft viele Institutionen, die Missbräuche ermöglichen, wie Gefängnis oder psychiatrische Klinik, die aber dennoch positiv zu bewerten sind. Es geht schließlich darum den Status von Tieren zu verbessern, und nicht den Status von Menschen zu verschlechtern. 

Dann ordnet Kaplan den Speziesismus gesellschaftshistorisch ein. Er listet 13 Parallelen zwischen der Sklaverei von Menschen vor 200 Jahren und der heutigen Tierausbeutung. Die revolutionäre Bedeutung und Tragweite der Tierbefreiungsbewegung macht er an der Anzahl der unterdrückten Individuen, dem Ausmass der Unterdrückung und dem Umstand, dass fast alle Menschen aktive UnterdrückerInnen sind, fest. Dennoch sieht er Anzeichen eines allmählichen Erfolgs der Tierrechtsbewegung. In vielen Ländern ist das Tier legal keine Sache mehr, obwohl das wenig praktische Auswirkungen zeigt. Die Tierrechtsphilosophie wird mehr und mehr zum akademischen Thema und akzeptierten Lehrinhalt. Die Menschenrechte wurden auch relativ plötzlich und unerwartet zum allgemein anerkannten Moralbegriff. Und schließlich ist die speziesistische Diskriminierung Teil eines größeren Diskriminierungszusammenhangs in der Gesellschaft. Kaplan zitiert dazu Leonard Nelson: „Ein Arbeiter [...] dem es also ernst ist mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Mord, der an Grausamkeit, Roheit und Feigheit alle Schrecknisse des Weltkriegs in den Schatten stellt. [...] Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man läßt es bleiben. Aber wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, [...] der beweist, dass er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort Sozialismus bedeutet.“ 

Dann diskutiert Kaplan den KZ-Vergleich, allerdings nur auf recht oberflächlichem Niveau. Er zitiert u.a. Aussagen von Menschen, die KZs und eine Massentötung zur Bekämpfung der Schweinepest erlebt haben, und zeigt diesbezüglich Parallelen auf. Kaplan betont, dass dieser Vergleich sachlich gerechtfertigt und gerichtlich als zulässig anerkannt sei. 

Zuletzt zeigt Kaplan anschaulich auf, was speziesistische Vorurteile – auch bei TierschützerInnen – für Blüten treiben können. So wird u.a. der Tierschützer Erwin Kessler aus dem Jahr 1992 zitiert, wie er begeistert davon schwärmt, selber zu Hause Schweine zu halten und zu töten, um die Massentierhaltung zu boykottieren. In einem Zeitungsartikel wird ein Zwischenfall als „harmlos“ bezeichnet, bei dem 200 Krähen von einem landenden Flugzeug getötet wurden. In vielen weiteren Beispielen ebnen Speziesismen in der Sprache den Weg zur physischen Vernichtung: „Der Abwertung des Opfers folgt die Verharmlosung seiner Vernichtung“. 

Der indoktrinierte Speziesismus macht auch bei philosophischen VordenkerInnen nicht halt. So rational sie auch manchmal die Frage der Tierrechte diskutieren, wenn es um ihre eigenen speziesistischen Vorlieben wie das Fleischessen geht, wird plötzlich ein absurder Einwand gebracht, der oft völlig zusammenhanglos ist oder vorher schon selbst entkräftet wurde, aber der die Anwendung der Tierrechte in letzter Konsequenz verhindert. Kaplan nennt das „speziesistische Denkstörung“. Als Beispiel wird u.a. Joel Feinberg zitiert: „[Tiere haben Rechte], aber es wäre unvernünftig, ihnen in der gleichen Weise wie dem Menschen ein Recht auf Leben einzuräumen. Auch sind wir gewöhnlich nicht verpflichtet uns für das Leben einzelner Tiere einzusetzen, geschweige denn sie nicht zu töten.“ Und schon bleibt das Fleischessen moralisch vertretbar.

Kaplan beendet diese Diskussion mit den Worten: „Alle aufgezeigten Denkfehler dienen im Grunde einem Zweck: der Verdrängung der Tatsache, dass unser Umgang mit Tieren letztlich auf reinem Machtmissbrauch beruht.“