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Helena Silverstein, "Unleashing Rights", University of Michigan Press 1996.

Silverstein betont, daß ihr Buch weder für noch gegen Tierrechte Stellung bezieht. Sie ist als Universitätsprofessorin für Rechte ausschließlich an der Frage interessiert, in welcher Weise die Tierrechtsbewegung den Rechtsbegriff gebraucht, was für eine Bedeutung der Rechtsbegriff überhaupt hat und ob die Benutzung des Begriffs "Tierrechte" vom Standpunkt der Tierrechtsbewegung aus effektiv und sinnvoll ist. Um ihren objektiven Status zu behalten betont sie am Anfang, daß sie die Menschen zu den Tieren zählt, und deshalb das ganze Buch hindurch von "nicht-menschlichen Tieren" spricht, wenn sie sich auf alle Tiere ausser den Menschen bezieht. Sie unterscheidet auch sehr strikt zwischen "Tierschutz" und "Tierrechten", also zwischen der Auffassung, daß die Nutzung der nicht-menschlichen Tiere prinzipiell ethisch vertretbar ist, aber nur mit möglichst geringem Leiden zu erfolgen habe, und der Auffassung, dass Tiere grundsätzlich nicht für menschliche Zwecke zu nutzen wären, und nicht als Eigentum besessen werden könnten. Dieses Buch bezieht sich nur auf jene soziale Bewegung, die grundsätzlich jede Nutzung von Tieren ablehnt, also auf die Tierrechtsbewegung, bzw. in diesem Fall eigentlich nur auf die Tierrechtsbewegung in den USA.

Die faktischen Daten, die dem Buch zugrunde liegen, stammen aus verschiedenen Quellen. Silverstein benutzte 125 Artikel aus Tageszeitungen zwischen 1987 und 1992 und weitere 10 Artikel aus Wochenmagazinen zum Thema "Tierrechte", dann insgesamt 50 Zeitungen von Tierrechtsorganisationen, sowie unzählige Flugblätter. Weiters legte sie ihren Überlegungen die philosophische Literatur der Bewegung zugrunde. Sie begutachtete auch sämtliche Gerichtsakten mit Bezug auf Tierrechte. Zusätzlich nahm sie persönlich als Beobachterin an einer Anzahl von Tierrechtsdemonstrationen teil und interviewte insgesamt 25 TierrechtsaktivistInnen, wovon 5 Tierrechts-RechtsanwältInnen waren.

Silverstein sieht die Funktion des Rechtsbegriffs zweischneidig. Einerseits werden Rechte von den Mächtigen erlassen und mit (Polizei-)Gewalt gegen opponierende Meinungen durchgesetzt. Andererseits sind Rechte ein vielleicht auch beschränktes Mittel der Schwachen ihre Interessen gegen die Mächtigen zu wahren. Rechte und Gesetze sind aber nie 100% genau definierbar, sondern hängen von der gängigen Interpretation und Gerichtspraxis ab. Dieser Freiraum im Rahmen von Recht und Gesetz ist für Silverstein ebenfalls zweischneidig. Einerseits öffnet er Tür und Tor für die Willkür der Mächtigen, die die Gesetze nach ihrem Vorteil beugen können. Andererseits aber liefert dieser Freiraum eine Chance für soziale Bewegungen im Rahmen der gegebenen Rechtslage eine Uminterpretation der Gesetze durchzuführen, die letztendlich eine rechtliche Sicherstellung ihrer Ziele liefern könnte.

Nach Silverstein sind nämlich die Interpretationen von Gesetzen, und die reale gerichtliche Praxis, von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. Gesetze seien kein System von Regeln, sondern eine "dynamische Aktivität", etwas, "das Leute sowohl selbst mit ihrem Verstand als auch miteinander tun, wenn sie mit GesetzesvertreterInnen und Ereignissen in der wirklichen Welt interagieren". Die Gesellschaft bestimmt also die Interpretation von Gesetzen. Und damit sind Aktivitäten wie politische Kampagnen, Lobbying von PolitikerInnen, politische Gerichtsverfahren, Demonstrationen, öffentliche Aufklärung, Widerstand und das vorsätzliche Ignorieren und Brechen bestehender, geschriebener Gesetze ebenso wichtig und bestimmend für die gerichtliche Praxis, wie das Erlassen von Gesetzen durch die GesetzgeberInnen.

In der Bewegung, die heute allgemein die "Tierrechtsbewegung" genannt wird, gibt es philosophische Strömungen, die sich in fundamentaler Weise nicht auf Rechte beziehen, ja Rechte wegen ihrer Implikation von Hierarchie und - für manche - Patriarchat ablehnen. So basiert Peter Singer seine Ideen von "Tierbefreiung" auf einem Utilitarismus, der keine Grundrechte kennt. ÖkofeministInnen innerhalb der Tierrechtsbewegung lehnen Individualrechte als patriarchales Konzept ab. "Deep Ecology" schlägt in eine ähnliche Kerbe, stellt das ökologische Wohl über das Individualwohl und befürwortet eine holistisch-ethische gegenüber einer individualistisch-ethischen Sichtweise. Anarchistische TierrechtlerInnen sprechen sich gegen Staat und Gesetze, und damit auch gegen gesetzliche Grundrechte, aus. Obwohl alle diese Konzepte eigentlich alle Individualrechte (also auch Menschenrechte) grundsätzlich ablehnen, sind sie für eine völlige Befreiung der Tiere von menschlicher Nutzung und von menschlichen Besitzansprüchen. Dennoch hat sich der Begriff "Tierrechte" statt z.B. "Tierbefreiung" für die gesamte Bewegung durchgesetzt. Es besteht Einigkeit, daß das Konzept "Tierrechte" am leichtesten verständlich ist und im Großen und Ganzen das richtige bezeichnet. Selbst die ÖkofeministInnen nennen ihre Organisation "Feminists for Animal Rights", also "FeministInnen für Tierrechte", und Peter Singer, obwohl er in seinem Buch "Tierbefreiung" explizit nicht von Rechten spricht, akzeptiert auch den Begriff "Tierrechte" aus politisch-taktisch Gründen. Trotz aller dieser Einschränkungen trägt die Tierrechtsbewegung also mit Fug und Recht ihren Namen.

Silverstein analysiert nun die oft vorgebrachte Kritik, daß die Erweiterung von Rechten auf nicht-menschliche Tiere den Rechtsbegriff verwässern und Menschenrechte gefährden könne. Tierrechte basieren auf Leidensfähigkeit, und nicht auf Rationalität oder Vernunft. Silverstein erkennt, daß die herkömmliche Begründung für Menschenrechte auf tönernen Füssen steht. Einerseits sollen alle Menschen Grundrechte haben, andererseits werden Menschenrechte mit Willensfreiheit und Rationalität begründet, die aber nicht alle Menschen besitzen. Sie schliesst also, daß Tierrechte, und damit die Begründung von Grundrechten mit Leidensfähigkeit, eine viel stärkere Basis für die Rechtsbegründung, und damit auch für Menschenrechte, liefern. Eine Erweiterung des Rechtsbegriffs dahingehend, daß er auch nicht-leidensfähige, oder auch nicht-individuelle, Entitäten umfassen solle, würde aber nach Silverstein den Rechtsbegriff grundsätzlich verändern. Sie schliesst daraus, daß der Respekt vor nicht-leidensfähigen Entitäten besser mit einem anderen Begriff zu beschreiben sei. 

Die herkömmliche Interpretation von Rechten stammt vom traditionellen Liberalismus, der den Wert von Individualismus hervorhebt und damit nach Silverstein Trennung und Konflikt statt Gemeinschaft und Beziehung fördert. Der Rechtsbegriff der Tierrechtsbewegung hat aber seinen Schwerpunkt in Verantwortlichkeit und Mitgefühl für andere. Das folgt unmittelbar daraus, daß nicht-menschliche Tiere innerhalb der menschlichen Gemeinschaft nicht selbst ihre Rechte fordern und vertreten können. Dadurch werden die Tierrechte automatisch zur Verantwortung der Menschen.

Im Gegensatz zum Tierschutz fördert die Tierrechtsbewegung aber auch Altruismus und eine Einschränkung der menschlichen Freiheiten. Während Tierschutz auf anthropozentrischem Mitleid und auf Zuneigung basiert, fordern Tierrechte Respekt für nicht-menschliche Tiere und die Einschränkung menschlicher Freiheiten, die die Grundrechte anderer Tiere übertreten. Dieser altruistische Aspekt, der Weg sich vom Anthropozentrismus zu entfernen und eine gleichberechtigte Gemeinschaft zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Individuen anzustreben, statt eine Überlegenheit und Höherwertigkeit der Menschen zu sehen, ist für Silverstein auch ein positiver Effekt der Verwendung des Rechtsbegriffs in der Tierrechtsbewegung.

Silverstein analysiert auch die strategische Bedeutung des Rechtsbegriffs innerhalb der Tierrechtsbewegung. Für die strategische Verwendung des Begriffs spricht, daß "Rechte" allgemein verstanden und Menschenrechte generell akzeptiert werden. Der Rechtsbegriff ist schon allein durch seine Geschichte und seine Bedeutung in der USAmerikanischen Gesellschaft sehr wirkungsvoll. Als Nachteile des Rechtsbegriffs führt Silverstein erstens die Assoziation zu Radikalität und Extremismus an, zweitens die im Vergleich von Menschen- und Tierrechten oft empfundene Herabwürdigung des Menschen und drittens den Aspekt, daß Rechte von Mächtigen an Machtlose verliehen werden, und somit Herrschaftsverhältnisse zementieren. Die Autorin sieht allerdings gerade bzgl. letzterer Kritik einen Mangel an Alternativen.

Drei weitere Kritikpunkte an Rechten verwirft Silverstein. So provozieren Rechte oft Gegenrechtsforderungen, wenn z.B. dem Recht der Tiere nicht für die Pelzproduktion mißbraucht zu werden das Recht der Menschen sich zu kleiden wie sie wollen entgegen gestellt wird. Die Autorin hält dieses Problem aber nicht für rechtsspezifisch. Zweitens wird oft die Absolutheit von Rechten als negativ kritisiert. Dazu meint Silverstein, daß erstens Rechte so absolut nicht wären (Notwehr bricht das prima facie Recht auf Leben), und zweitens oft Absolutheit durchaus wünschenswert ist, wie wenn Rechte grundsätzlich medizinische Versuche an Menschen (bzw. Tieren) unterbinden (absolute Rechte als Schutz gegen Utilitarismus). Drittens ginge die Moral weiter als nur bis zur Achtung von Rechten, Hilfe ist mehr als der Respekt vor den Grundrechten anderer. Silverstein stimmt dem zu, erkennt aber darin kein Problem des Rechtsbegriffs. Es gäbe eben Bereiche der Moral, die über die Rechte hinausgingen, was aber nicht dagegen spräche, daß gewisse Grundrechte zu respektieren seien.

Dann analysiert Silverstein die Verwendung von Gerichtsprozessen als politisches Mittel der Tierrechtsbewegung. Zunächst fällt ihr dabei auf, daß vor Gericht der Begriff "Tierrechte" nie strapaziert wird. Für die Prozesse werden entweder Tierschutz- bzw. Umweltschutzgesetze benutzt, oder Menschenrechtsgesetze wie bzgl. Demonstrationsfreiheit, dem Recht zu gewissen Informationen oder übler Nachrede und Unterlassung. 

Der direkte Erfolg dieser Prozesse war nur mäßig, und bezog sich in erster Linie auf "negative" Ziele, wie eine Verzögerung, eine Begrenzung oder das Ende gewissen Tiermißbrauchs zu erreichen. Das wäre nach Silverstein für soziale Bewegungen typisch. Aber dieser instrumentalistische Aspekt von Gerichtsprozessen ist nur ein Teil ihrer Wirkung. Die Tierrechtsbewegung nützt Prozesse auch und gerade für politische Zwecke, für die Aufklärung der Öffentlichkeit, für das Bekannterwerden der Bewegung und ihrer Ziele, um die TierausbeuterInnen direkt unter Druck zu setzen und zur Mobilisierung der Bewegung und zur Stärkung und Ausbildung ihrer Identität. Weiters können Gerichtsprozesse auch die Glaubwürdigkeit einer Bewegung und ihre Akzeptanz in der Öffentlichkeit beeinflussen. So transformieren TierrechtsaktivistInnen die juristische in eine politische Bühne und nehmen aktiv am Prozess der laufenden Re-Interpretation von Recht und Gesetz teil.

Zuletzt zitiert Silverstein Minow: "Von Gerichten vertretene Rechte werden der Besitz der Besitzlosen. [...] Gesetze können, wie Lieder, von jemandem gesungen werden, der sie nicht geschrieben hat, und von wem benutzt und verändert, für den sie nicht bestimmt waren." Und Silverstein schliesst: "Selbst wenn TierrechtsaktivistInnen dem ‚Rechtsmythos' [Rechte zu idealisieren] aufsitzen sollten, so machen sie das in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem Rechte das effektivste Instrument zur Durchsetzung ihrer Ziele sind."