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Evelyn Pluhar „Beyond Prejudice. The moral significance of human and nonhuman animals.“, Duke University Press 1995


Evelyn Pluhar, Professorin für Philosophie an der Pennsylvania State University, USA ist eine Tierrechtsphilosphin der zweiten Generation, wie sie selber sagt, viel radikaler als Tom Regan, und fundamental gegen die utilitaristische Sicht von Singer eingestellt. Sie verfolgt auch konsequent die Bezeichnung "Tiere" für alle Tiere inklusive den Menschen und den Begriff "nicht-menschliche" Tiere für das, was landläufig fälschlich als "Tiere" bezeichnet wird. Sie macht kein Hehl aus ihrer Ansicht, daß diese fälschliche Bezeichnung zusammen mit dem daran hängenden Rattenschwanz an falschen Ansichten über den „Mensch-Tier“ Unterschied, die wesentliche Ursache für die rücksichtslose Ausbeutung der nicht-menschlichen Tiere in der heutigen Gesellschaft ist. 
Das Buch kann grob in 3 Teile eingeordnet werden. Im ersten diskutiert sie das bekannte Dilemma der AnthropozentristInnen: da es KEINE Eigenschaften gibt, die genau ALLE Menschen und KEINE anderen Tiere haben, läßt sich eine moralische Höherstellung der Menschen mit keiner ihrer Eigenschaften rechtfertigen. Wenn jetzt aber doch Eigenschaften von Individuen für die Zuteilung von Rechten herangezogen werden, dann müssen die so gehalten sein, daß entweder nicht alle Menschen RechtsträgerInnen werden, oder auch nicht-menschliche Tiere zu den RechtsträgerInnen dazugehören. Pluhar beweist in einheitlich strikt logischer Detailarbeit über 124 Seiten hinweg, daß alle Ausflüchte aus diesem Dilemma um den Anthropozentrismus doch noch zu retten zum Scheitern verurteilt sind.

Danach diskutiert sie den Speziesismus. Die Grundlage des Speziesismus ist ja die Ansicht, daß eben keine Eigenschaften von Individuen sondern von ganzen Tierarten für die moralische Berücksichtigung heranzuziehen wären. So werden z.B. die einzelnen, individuellen Menschen von SpeziesistInnen nur deshalb moralisch höher als andere Tiere bewertet, weil sie "menschliche Gene" haben, alles andere ist egal. Pluhar begründet rein rational sehr überzeugend, warum Speziesismus wie Rassismus und Sexismus keine vernünftige Basis haben. Sie bezeichnet diese Ansicht deshalb als „fanatisch“ im Gegensatz zum rationalen Anti-Speziesismus.

Zuletzt diskutiert sie, wie sie sich eine rationale Ethik vorstellt. Sie widerlegt den Utilitarismus von Peter Singer und kritisert stark "The case for animal rights" von Tom Regan. Auf dem Artikel "Human Rights" des Philosophen Alan Gewirth aufbauend, leitet sie danach rein deduktiv die grundlegenden Tierrechte ab. Kurz zusammengefaßt geht das ungefähr so:

Ich habe Wünsche und setze deshalb Handlungen, um ein Ziel zu erreichen. Die Voraussetzung, um Handlungen setzen zu können, ist zumindest, daß ich leben kann, unversehrt bin und frei bin. Von meinem subjektiven Standpunkt aus sage ich also, ich habe ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit, in dem Sinn, daß ich möchte, daß mich andere frei und unversehrt leben lassen, weil ich nur dann handeln, also ein Ziel zu erreichen versuchen kann. Ich sage also, ich habe ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit, weil ich ein Lebewesen bin, das Ziele erreichen will, also handeln kann, also Wünsche hat. Kurz gesagt: ich habe Wünsche und deshalb diese Rechte. Das Prinzip der Universalität des rationalen Schlusses folgert daraus: jedes Lebewesen, das Wünsche hat, hat dann ebenso dieselben Rechte. Nach bestem Wissen und Gewissen haben genau jene Lebewesen Wünsche, die ein Bewußtsein haben. Alle Tiere also, die ein Bewußtsein haben, haben das Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Und daraus folgt unmittelbar die Forderung nach einer veganen Gesellschaft ohne jegliche Tierausbeutung. Im übrigen wird in dem Zusammenhang auch die Ansicht vertreten, daß Bewußtsein ohne Selbstbewußtsein praktisch nicht vorstellbar ist.

Pluhar endet ihre Ausführungen mit der Erklärung für den Titel ihres Buches "beyond prejudice": unser Vorurteil, daß die Menschen moralisch viel wichtiger als die anderen Tiere wären, laßt sich nur durch eine sorgfältige rationale Analyse, wie in ihrem Buch, überkommen. Erst wenn wir uns die Widersprüchlichkeit unserer Auffassung klar machen, können wir uns letztendlich über dieses Vorurteil hinwegsetzen. Ein SEHR lesenswertes Buch.