Bohdan Tiuschka, „Der moralische Status von Tieren“, Dissertation an der Universität Innsbruck Oktober 1998.


Zunächst klärt Tiuschka den Rechtsbegriff. Für ihn besteht Moral aus Pflichten für moralisch handlungsfähige Lebewesen. Das Recht eines Individuums X ist dann immer so definiert, dass es für alle moralisch handlungsfähigen Individuen Y die moralische Pflicht gibt, gegenüber X gewisse Handlungen zu setzen und gewisse Handlungen zu unterlassen. Dadurch wird der Rechtsbegriff unabhängig von Naturrechten oder legalen Begriffen eingeführt und gleichzeitig gezeigt, daß alle Individuen, die Rechte haben, nicht auch Pflichten haben müssen. Mit anderen Worten, die Gruppe der RechtsträgerInnen ist nicht gleich der Gruppe der moralisch handlungsfähigen Individuen.
Mit Hilfe der Postulate gerechter Interessensabwägung wahrer Interessen nach Leonard Nelson von 1917, erhält Tiuschka die folgende Charakterisierung moralischer Pflicht: Das Individuum X hat die moralische Pflicht eine Handlung H zu setzen, wenn X in die Ausführung von H einwilligen könnte, falls es sich bei dem mit seinem gegenwärtigen verfolgten Interesse (nämlich H zu unterlassen) kollidierenden wahren fremden Interessen um faktische Interessen von X handelte. Ein wahres Interesse ist dabei so definiert, daß es nicht faktisch von einem Individuum empfunden werden muß. Es genügt, wenn das Ziel des Interesses objektiv betrachtet andere Interessen des Individuums ermöglicht oder fördert. Zum Beispiel würde Tiuschka sagen, daß ein Regenwurm kein faktisches aber ein wahres Interesse hat, am Leben zu bleiben, weil er/sie ein faktisches Interesse hat in der Erde herumzuwühlen, und weil am Leben zu bleiben eine Voraussetzung für die Umsetzung des faktischen Interesses in der Erde zu wühlen ist.

Mit dem Grundsatz gerechter Abwägung der Interessen aller Individuen, die Interessen haben, und nicht nur der Menschen, stößt Tiuschka sofort auf die Problematik des Anthropozentrismus. Singer folgend sieht er Parallelen zwischen Sexismus, Rassismus und Speziesismus. Tiuschka verwirft dabei den Einwand, daß Arteogismus biologisch natürlich wäre allein schon mit dem Argument, daß in der Natur manchmal artübergreifend symbiotisch gelebt wird, und gerade die Artgenossen evolutionär die größten Konkurrenten sind.

Der als „humanchauvinistisch“ bezeichnete Speziesismus hat Grenzen zwischen Menschen und anderen Tieren gezogen, wo keine sind. Tiuschka geht dabei sogar so weit aufgrund neuester biologischer Erkenntnisse zu fordern, daß auch Gorillas und beide Schimpansenarten in die Gattung Mensch aufgenommen werden sollten, also als Menschen zu bezeichnen wären. Entsprechend dieser Erkenntnisse verwendet Tiuschka im Text eine antispeziesistische Sprache, wie die Worte „tierlich“, „nicht-menschliche Tiere“ und dergleichen.

Den tierrechtsfeindlichen Ansichten von Philosophen wie Leahy und Frey, daß z.B. eine verbale Sprache die Voraussetzung von Vorstellungen wäre, und Vorstellungen die Voraussetzung von Interessen, und somit nicht-menschliche Tiere und viele Menschen keine Interessen hätten, also moralisch irrelevant wären, begegnet Tiuschka ausführlich. Weil menschliche Kleinkinder eine verbale Sprache erlernen können, müssen sie im vorsprachlichen Stadium Vorstellungen haben, und somit auch die Fähigkeit für Interessen.

Anhand von vielen Beispielen aus der Verhaltensforschung belegt Tiuschka, daß viele nicht-menschliche Tiere ein Bewußtsein haben. In Anlehnung an Griffin und andere postuliert er dabei eine Anzahl von verschiedenen Kriterien, um Bewußtsein aus dem Verhalten schließen zu können. Hinweise auf Bewußtsein sind, wenn ein Individuum
  1. eine unerwartete, fremde Situation meistert, indem es eine Handlung setzt, die unter normalen Umständen nicht gefragt ist.
  2. Werkzeuge herstellt und gebraucht.
  3. vielseitige, effektive Verhaltensweisen setzt, die sich aus einer komplexen Reihe von Tätigkeiten zusammensetzen, die ihrerseits jeweils vom Ergebnis des vorangehenden Schrittes abhängen und demgemäß abgewandelt werden müssen.
  4. ein Ereignis voraussieht oder eine Handlung plant, für die ein bestimmtes Ergebnis erwartet wird.

Tiuschka sagt darüberhinaus von einem Individuum es hat Selbstbewußtsein, wenn es

  1. um seine eigenen mentalen Zustände weiß (Reflexivität)
  2. sich als Identität in der Zeit empfindet (transtemporale Identität)

Die endgültige Form der Tierrechte erhalten wir jetzt, indem wir wieder Nelson folgen. Ein Individuum X hat das Recht, daß ein Individuum Y die Handlung (oder Unterlassung) H setzen muß, wenn X ein wahres Interesse daran hat, daß Y H setzt. Dieses Recht ist allerdings prima facie, d.h. es gilt nicht unbedingt, sondern erst nach Abwägung aller wahren Interessen aller involvierten Individuen. Die Abwägung der Interessen muß unabhängig davon sein, wer diese Interessen hat, außer es handelt sich um vitale Interessen von Y subjektiv nahestehenden Individuen. Letztere dürfen nach Tiuschka Vorrang haben.

Zuletzt werden alle Lebewesen in 5 verschiedene Bewußtseinsebenen eingeteilt, um ihre wahren und faktischen Interessen zu bestimmen:

  1. Lebewesen, die weder über ein Nervensystem noch ein Gehirn verfügen: alle Pflanzen und Pilze, sowie alle einzelligen Tiere, und als vielzellige Tiere noch die Schwämme, Placozoa und Mesozoa.
  2. Lebewesen mit gering ausdifferenziertem Nervensystem: Nesseltiere, Quallen, Röhrenwürmer, Moostiere, Plattwürmer, Schnurwürmer, Rundwürmer, Eichelwürmer, einige Weichtiere und Stachelhäuter wie Seeigel, Seewalzen und Seegurken (alles Meeresbewohner).
  3. Lebewesen mit Zentralnervensystem und Ansätzen von Gehirn ohne großem Cerebralcortex: die restlichen Weichtiere, Chordatiere wie Haifische und Störe, aber auch Knochenfische und Gliedertiere wie Krebse, Hummer, Garnelen, oder (erstmals Landtiere) Spinnen und Insekten. Nach Tiuschka erfüllen solche Lebewesen das Bewußtseinskriterium 1, d.h. sie können ihnen völlig neue Probleme kreativ lösen.
  4. Lebewesen mit Zentralnervensystem und Gehirn mit großem Cerebralcortex aber relativ kleiner Großhrinrinde: Reptilien, Lurche, Vögel und Säugetiere. Sie erfüllen nach Tiuschka alle Bewußtseinskriterien 1-4.
  5. Lebewesen mit Zentralnervensystem und Gehirn mit großer Großhirnrinde: Menschenaffen (inklusive der Menschen natürlich), Elefanten und Wale. Diese Lebewesen erfüllen nach Tiuschka als einzige das Kriterium für Selbstbewußtsein.


Ein faktisches Lebensinteresse würde nach Tiuschka nicht nur Selbstbewußtsein voraussetzen, sondern auch ein Todesbewußtsein im Sinne eines Bewußtseins der Endlichkeit des Lebens. Tiuschka billigt das den Tieren der Gruppe 5 samt und sonders zu, sofern sie „normal“ entwickelt und mindestens 1 Jahr alt sind (bei Menschen z.B. müßten sie sogar 4 Jahre alt sein). Weil aber schon ein wahres Lebensinteresse das Recht auf Leben mit sich bringt, haben alle Lebewesen ab der Stufe 2-5 ein Recht auf Leben, weil sie ja durch ihre Leidensfähigkeit ein faktisches Interesse nicht leiden zu müssen haben, nicht aber die der Stufe 1. Letztere seien nicht leidensfähig und hätten daher keine faktischen Interessen und damit auch nicht das wahre Interesse am Leben zu bleiben.

In einer sehr kurz gehaltenen Anwendung schließt Tiuschka, daß Abtreibung bis zum 3. Monat schon, aber Tierversuche und Fleischessen nicht moralisch vertretbar wären. Veganismus wird zwar explizit erwähnt aber nicht weiter beleuchtet.

Für diejenigen, die sich für die klassisch „tierrechtlerischen Reizwörter“ und ihr Vorkommen interessieren, drei Zitate, die aber auch schon alle Referenzen in den 200 Seiten der Arbeit zu diesen Reizwörtern sind:

Er bezeichnet Peter Singers Thesen zu Abtreibung, Infantizid und Euthanasie als „abstoßend“ und „abstrus und inakzeptabel“.

Er meint, „die unmenschlichen Praktiken in modernen Tierfabriken von Wissenschaft, Industrie und Militär“ sind „den grauenhaften Zuständen in stalinistischen Arbeitslagern und NS-Konzentrationslagern nicht unähnlich“, ja übertreffen sie an Grausamkeit sogar.

Er schreibt auch, daß wenn ein Mensch seit der Geburt oder durch Unfall irreversibel in den Bewußtseinszustand ad 1 kommt, also keine Empfindungsfähigkeit, kein Bewußtsein, kein Interesse hat, sondern nur eine rein vegetative komatische Existenz, dann sei dieses Leben „so lebensunwürdig, daß es geradezu ein Vergehen wäre, in einem solchen Fall den Menschen – und mithin seine Angehörige – nicht mittels Infantizid oder Euthanasie von seinem Leiden zu erlösen“. Zu anenzephalen Säuglingen, also Menschen, die ohne Gehirn geboren werden, schreibt Tiuschka, daß er für „eine aktive Euthanasie plädieren“ würde, „da die betreffenden Menschen Gefahr laufen würden – trotzdem oder gerade weil sie über keine Empfindungsfähigkeit verfügen – zu menschlichen Versuchskaninchen im Dienste des medizinischen Fortschritts degradiert zu werden“.

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