Bernard Rollin, “Animal Rights and Human Morality”, Prometheus Books 1992. 


Der Schwerpunkt von Rollin’s Buch ist der Frage gewidmet, ob nicht-menschliche Tiere überhaupt moralisch relevant und zu berücksichtigen sind. In 2500 Jahren abendländischen Denkens sei das nämlich negiert worden. Daher scheint für Rollin diese Frage zentral zu sein. Er untersucht (zunächst) also nicht, wie moralisch relevant nicht-menschliche Tiere sind, sondern ob sie überhaupt moralisch eine Rolle spielen sollen. Da wir gesellschaftlich einen weitgehenden moralischen Konsens bzgl. Menschenrechten erzielt haben, bedürfe es nur der prinzipiellen Zustimmung, dass nicht-menschliche Tiere moralisch relevant sind, um dann rein rational Tierrechte aus Konsistenzforderungen ableiten zu können.

Um moralische Fragen zu beantworten müsse man nach Rollin zunächst seine eigenen moralischen Intuitionen ausformulieren, dann versuchen sie in universelle Thesen zu gießen und schließlich deren rationale Konsistenz überprüfen. Das kann und soll wieder zu einem Überdenken und Berichtigen der ursprünglichen moralischen Intuitionen führen usw. bis zuletzt im Idealfall eine Moral vorliegt, die rational konsistent ist und den grundlegenden moralischen Intuitionen maximal entspricht.

Eine unserer moralischen Intuitionen ist nach Rollin, dass wir die Andersbehandlung von zwei Menschen nur dann für moralisch gerechtfertigt halten, wenn die beiden einen für diesen Unterschied in der Behandlung relevanten Unterschied in ihren Eigenschaften oder ihren Lebensumständen haben. Sagen wir, ich würde einen der beiden Menschen schlagen, den anderen nicht. Würde ich das damit begründen, dass der eine längere Haare hätte als der andere, so ist das nicht akzeptabel, weil die Haarlänge bzgl. physischer Unversehrtheit nicht relevant ist. Würde ich aber meinen Angriff damit begründen, dass der eine gerade ein Kind missbraucht, dann wäre das in diesem Zusammenhang zumindest eine relevante Begründung.

Angewandt auf die moralische Relevanz nicht-menschlicher Tiere bedeutet das: akzeptiere ich, dass Menschen moralisch relevant sind, und erkenne ich, dass es keinen moralisch relevanten Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren gibt, dann muss ich auch akzeptieren, dass nicht-menschliche Tiere moralisch relevant sind.

Danach diskutiert Rollin einige gängige Einwände gegen die moralische Relevanz nicht-menschlicher Tiere. Da ist z.B. die judeo-christliche Anschauung, dass nur Menschen eine Seele haben und ganz oben in der Wertigkeitshierarchie von Lebewesen stünden, zu nennen. Weil aber eine unsterbliche Seele Gerechtigkeit im Leben nach dem Tod in Aussicht stellt, könnte gerade für seelenlose Lebewesen die Gerechtigkeit im irdischen Leben von größter Bedeutung sein. Daher wäre das kein Grund nicht-menschlichen Tieren jegliche moralische Relevanz abzusprechen.

Manchmal wird argumentiert, dass nur Lebewesen, die Pflichten verstehen und daher haben können, auch Rechte haben dürften, also moralisch relevant sind. Rollin wirft ein, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen Rechten und Pflichten ein und desselben Lebewesens bestünde, und daher die Fähigkeit Pflichten zu verstehen nicht relevant für die Eigenschaft Rechte zu haben sein könne.

Dem kontraktionalistischen Argument, dass Moral in Essenz egoistisch sei, und nur auf einem gegenseitigen Abkommen, einem Kontrakt, fußen könnte, den nicht-menschliche Tiere prinzipiell nicht in der Lage wären einzugehen, begegnet Rollin mit zwei Beobachtungen. Einerseits gibt es einen gesellschaftlichen Konsens, dass auch nicht-kontraktfähige Menschen mit Rechten geschützt werden. Und andererseits sind nicht-menschliche Tiere ebenso in gewisser Weise kontraktfähig. Viele Übereinkommen geschehen ohne Worte, auch zwischen Menschen, wie z.B. alteingesessene Nutzungs- und Wegerechte. Letztere sind sogar gerichtlich einklagbar. Und dergleichen Übereinkommen gibt es auch zwischen anderen Tieren untereinander, oder auch zwischen Menschen und ihren Hunden. Gegenseitiger Schutz, ein Nichtangriffs”pakt”, gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Hilfestellung usw. können Inhalt solcher nicht-sprachlicher Kontrakte sein.

Kant sprach nicht-menschlichen Tieren ebenfalls die moralische Relevanz ab. Rationalität setze Fähigkeit der Abstraktion vom unmittelbaren Geschehen voraus, auf der die Universalisierung basiert. Während nicht-rationale Wesen nur mit dem Feuer, das gerade unmittelbar vor ihnen ist, gedanklich agieren können, steht rationalen Wesen ein Begriff “Feuer” zur Verfügung, der sich auf alle möglichen Feuer bezieht. Das gelänge aber nur mit Sprache. Daher sei Sprache die Voraussetzung von Rationalität und mithin alle nicht-menschlichen Tiere nicht-rational. Weil aber erst in der Rationalität die Möglichkeit zu einem freien Willen und der Loslösung vom maschinenhaften Dasein bestünde, hätten nur rationale Wesen einen inneren Wert. Rationalität wäre ein Zweck an sich, und alles andere nur Mittel zum Zweck. Deshalb seien nicht-menschliche Tiere als nicht-rationale Lebewesen als Mittel für andere Zwecke nutzbar und somit nicht direkt moralisch relevant.

Rollin entgegnet dem zunächst mit der Beobachtung, dass Rationalität nicht nur Abstraktion und Universalisierung ist. Ein konkretes Problem des unmittelbaren Geschehens kann auch rational gelöst werden. Viele Anekdoten belegen diese Art der Rationalität nicht-menschlicher Tiere. Die Gorillafrau Lana hat immerhin bei einem Standard Intelligenztest einen IQ von 85 erreicht und damit sehr viele Menschen übertroffen. Aber auch die Rationalität, die sich auf universelle Konzepte oder sprachliche Begriffe bezieht, findet man bei nicht-menschlichen Tieren. Man kann z.B. einem Hund beibringen, dass er nicht vom Tisch essen oder auf einem Stuhl sitzen soll. Das Gelernte bezieht sich aber nicht auf gewisse spezielle Tische oder Stühle. Der Hund isst von all dem nicht mehr, was seinem Konzept von Tisch entspricht. Also muss er ein solches Konzept haben.

Abgesehen davon ist Rationalität aber nur bedingt moralisch relevant. So ist für das Recht auf rational-stimulierende Umgebung die Fähigkeit zur Rationalität wesentlich, aber Schmerz z.B. ist völlig unabhängig von Rationalität. Ein Recht auf Schmerzfreiheit kann also nicht mit der Fähigkeit zur Rationalität in Zusammenhang stehen. Deshalb können auch nicht-rationale Lebewesen durchaus moralisch relevant sein.

Um moralische Relevanz zu beleuchten betrachtet Rollin das Leben einer Spinne. Die Spinne habe eine instrinsische Natur, die darauf basiert, dass die Spinne am Leben ist. Diese Natur der Spinne, ihr telos, ihre “Funktion”, besteht nach Rollin aus einem Satz von spinnentypischen Aktivitäten, die evolutionär entwickelt und genetisch beeinflusst sind.

“Das Leben [der Spinne] besteht aus den Versuchen diese Funktionen in die Realität umzusetzen, ihre Natur zu aktualisieren, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihr Leben zu erhalten, [...] und ihre Integrität und Einheit zu bewahren.” Die Interessen der Spinne nennt Rollin jetzt jene Umstände, ohne die sie, erstens, überhaupt nicht leben kann, und zweitens nicht als Spinne leben kann, also ihr telos nicht erfüllen kann. Um das “Interessen der Spinne” nennen zu können ist es aber Voraussetzung, dass es für die Spinne persönlich einen Unterschied macht, ob ihr telos erfüllt wird, dass sie also ein Bewusstsein hat. Umstände, die verhindern oder fördern, dass dieser telos gelebt werden kann, sind jene Parameter, die in moralischen Begründungen relevant sind. Daher sind genau alle jene Wesen, die so einen telos haben, moralisch relevant. Und das sind, salopp gesprochen, die nicht-menschlichen Tiere.

Rollin folgert das universelle Tierrecht oder Meta-Recht: “[Tiere] haben das Recht von allen Personen, die moralische Grundsätze haben, als moralische Objekte berücksichtigt zu werden, egal um welche Grundsätze es sich handelt.” Da am Leben zu bleiben Voraussetzung dafür ist, moralisch berücksichtigt zu werden, haben alle Tiere ein Recht auf Leben. Und spezieller, “jedes Tier hat das Recht darauf, dass seine speziellen Interessen, die es persönlich charakterisieren, moralisch in Betracht gezogen werden”. Rollin warnt hier mit Nachdruck, dass dieses Konzept telos und seine moralische Berücksichtigung in der Vergangenheit missbraucht worden ist, wie z.B. wenn Schwarze als “von Natur aus” zum Sklaven geschaffen betrachtet wurden. Daher muss dieses Konzept auf wissenschaftliche Basis gestellt werden.

Der “locus” des telos ist nach Rollin die genetische Struktur eines jeden Lebewesens. Verhaltensforschung klärt über deren Ausprägungen auf. Und die damit verbundenen Rechte lassen sich am besten durch Vergleich mit unserer Auffassung von Menschenrechten erarbeiten. Eine gleiche Beeinträchtigung des telos von Menschen und anderen Tieren soll in gleicher Weise durch Rechte verhindert werden.

Sind diese Rechte Naturrechte? Unter Naturrechten versteht Rollin objektiv bestehende Rechte, unabhängig von menschlichen Gesellschaften und deren Gesetzen. Ja, Gesetze, die solchen Naturrechten zuwiderlaufen, müssten aus moralischen Gründen gebrochen werden. Das Konzept Naturrechte sei der Gegenpol zur Gefahr einer utilitaristischen Ausbeutung der Individuen durch die Gesellschaft. Die juridische Interpretation von Gesetzen der menschlichen Gesellschaft, also die Rechtssprechungspraxis, ändert sich im Lauf der Zeit in Abhängigkeit zur Entwicklung einer möglichst objektivierten, gesetzesunabhängigen Ethik, die z.B. auf Konzepten wie Gleichberechtigung, Menschenrechten, Menschenwürde etc. basiert. Das legt nahe, dass Tierrechte Naturrechte sind, und umgehend in Gesetze gegossen gehören.

Tierrechte müssten als Gesetze in Anlehnung an Kinderrechte folgende drei wesentlichen Aspekte enthalten. Erstens muss sichergestellt sein, dass jedes nicht-menschliche Tier das Recht hat, dass in seinem Namen rechtliche Schritte zum Schutz seiner Grundrechte eingeleitet werden, wenn diese in Gefahr sind. Zweitens müssen dabei die Verletzungen der Grundrechte des individuellen Tiers relevant sein. Und drittens muss der rechtliche Schutz und die Hilfe dem individuellen Tier selbst direkt zugute kommen.

Dieses Ziel kann auf zwei Wegen erreicht werden. Entweder wir etablieren im gesellschaftlichen Diskurs, dass es keine moralrelevanten Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren gibt, und erreichen dann auf Basis des gesellschaftlichen Konsenses bzgl. Menschenrechten, dass alte Gesetze im Licht dieser neuen Einsicht in der Gerichtspraxis anders eben mit Berücksichtigung von Tierrechten interpretiert werden. Oder wir verfassen neue Gesetze, in denen nicht-menschliche Tiere explizit Rechte bekommen, die sie vor den utilitaristischen Interessen der Menschen schützen. Nach Rollin sind herkömmliche Tierschutzgesetze keine Rechte in diesem Sinn, weil sie die prinzipielle Nutzung der nicht-menschlichen Tiere für die Menschen nicht in Frage stellen. Er diskutiert auch einige Beispiele aus den Tierschutzgesetzen der USA. Anhand von den Problemkreisen Tierversuche und Heimtierhaltung bespricht Rollin zuletzt in großem Detail, wie er sich Tierrechtsgesetze und deren praktische Umsetzung vorstellt. Dabei verhehlt er nicht, dass seiner Meinung nach vollständige Tierrechte ein platonisches Ideal bleiben müssen, an dem die Bemühungen in der Praxis zu messen sind.

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