Astrid Kaplan: „Die Mensch-Tier Beziehung. Eine irrationale Angelegenheit“

Die Autorin setzt sich in diesem Buch als gelernte Psychologin mit den psychologischen Widersprüchen in der Mensch-Tier Beziehung auseinander. Dabei will sie Verdrängungs- und Bewältigungsmechanismen aufzeigen, die oft unbewusst ablaufen, aber nur mit deren Hilfe die industrialisierte Misshandlung nichtmenschlicher Tiere in unserer Gesellschaft aufrechterhalten werden kann.

Im ersten Teil des Buches stellt die Autorin die faktische Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere und ihre philosophische Kulturgeschichte dar. So sehr diese Auflistung beeindruckt und sicherlich relevant ist, so sehr verwundert es doch, dass sich die Zahlen hauptsächlich auf Amerika und Deutschland beziehen, obwohl die Autorin Österreicherin ist und ihre Arbeit in Salzburg geschrieben hat. Es steht zu befürchten, dass dieser Umstand ApologetInnen motivieren könnte zu meinen, in Österreich sei alles ganz anders, mit „kleinstrukturierter“ Landwirtschaft und dergleichen.

Andererseits sind keine neueren Entwicklungen in der Tierschutzgesetzgebung in dieser ersten Analyse der Ausbeutungssituation enthalten. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Inhalt des Buches bereits 2000 verfasst wurde. Aber gerade weil die Autorin aus einem Land kommt, in dem Legebatterien verboten wurden und in dem der niedrigste Prozentsatz weltweit von Käfigeiern im Handel zu verzeichnen ist, verwundert doch etwas, dass ausschließlich über die deutschen Verhältnisse und Zahlen berichtet wird, und kein Wort über Österreich. KritikerInnen könnten einwenden, dass die Autorin diesen Umstand absichtlich außer Acht lässt, weil er ihrer Grundbotschaft widerspricht. Aber das ist nicht der Fall, und deshalb ist es besonders schade, dass die Autorin die Situation in Österreich vollkommen ignoriert. Bzgl. Tierversuchen wären auch österreich-spezifische Aspekte zu diskutieren gewesen, die ganz anders sind, als die deutschen, die der Autorin offenbar als einzige eine Beachtung wert sind. Auch hier sieht der Leser ein Versäumnis, das eigentlich nicht notwendig wäre.

Zu den psychohistorischen Rahmenbedingungen der Tierausbeutung gehört für die Autorin zuletzt noch ein Aufriss der Tierrechtsphilosophie. Schade ist dabei, dass sie hier die Rolle der Philosophie von Peter Singer und Jeremy Bentham überbetont. Letzterer war nur einer von vielen AutorInnen im 18. Jahrhundert, die den Umgang mit nichtmenschlichen Tieren kritisierten. Und Bentham war noch dazu einer jener Denker, die gegen Tierrechte waren, schrieb er doch wörtlich, dass Rechte ein Unfug auf Stelzen seien. Natürlich beruft sich Singer auf Bentham, da Singer ja ebenfalls Rechte als Unfug bezeichnet. Bentham und Singer sind eben Utilitaristen und damit eigentlich nicht geeignet, die Tierrechtsphilosophie darzustellen. Lewis Gompertz, Henry Salt oder Leonard Nelson würden für die frühe Tierrechtsbewegung viel eher eine Erwähnung verdienen. Und mit Peter Singer hat auch nicht die moderne Tierrechtsbewegung begonnen. Als Anfang muss die Gründung der HSA im Jahr 1964 und das Buch von Ruth Harrison im selben Jahr genannt werden. Richard Ryder hat dann 1970 den Begriff „Speziesismus“ erstmals verwendet und Tom Regan hat 1983 als erster die Tierrechtsphilosophie auf ein solides philosophisches Fundament gestellt.

Die Stärke von Kaplans Buch liegt aber im zweiten Teil, der Analyse der psychologischen Widersprüche und der Verdrängungsmechanismen. Die Diskussion, ob die Moralvorstellungen bei Menschen eine dünne rationale Decke sind, unter der sich eine naturgegebene Boshaftigkeit gebärdet, oder ob die Moralvorstellungen vielmehr evolutionär sehr alt sind und fundamental in den Verhaltensweisen sozial lebender Tiere verankert, ist besonders aktuell. Tatsächlich zeigt die Forschung verschiedener AutorInnen wie z.B. Frans de Waals, dass moralisches Handeln, indem es auf Empathie und dem Bedürfnis friedlicher Koexistenz in der Gruppe basiert, tatsächlich stammesgeschichtlich älter ist. Insofern lässt sich verstehen, warum Menschen als Rad im Getriebe der Tierausbeutung in unserer Gesellschaft psychologische Verdrängungs- und Überwindungsmechanismen brauchen.

Kaplan beschreibt das Experiment von Stanley Milgram, in dem ProbantInnen dazu gebracht wurden, schwerste, ja letale, Elektroschocks an andere Menschen zu verabreichen, obwohl das ihrer Moralvorstellung eigentlich widersprach. In Analogie müssen Tierheimangestellte, deren Aufgabe es ist, nicht vermittelte Hunde zu töten, Distanzierungsmechanismen einschalten. Oft scheinen derartige Tierheime diese Mechanismen bewusst einzusetzen. Die Vorgehensweise erinnert auch an Erfahrungen in Tierversuchslabors, wenn z.B. Maskottchentiere geliebt und verhätschelt und ganz anders behandelt werden, als die „normalen“ Opfer.
An dieser Stelle verschweigt die Autorin übrigens wiederum, dass derartige Tötungsanstalten, also Tierheime, die nicht vermittelbare gesunde Hunde töten, in Österreich nicht existieren.

Zuletzt zeigt die Autorin anhand einer individuellen Fallstudie eines Mannes, der vom Tierexperimentator zum Tierrechtler mutierte, wie sich derartige Verdrängungsmechanismen entwickeln. Immerhin werden ja praktisch alle Menschen zu FleischesserInnen gemacht, bevor sie mündig entscheiden können, ob sie das überhaupt wollen. Bei allen jungen Menschen wird irgendwann der Widerspruch akut zwischen der Liebe zu Tieren und dem Umstand, dass sie getötet und von einem selber gegessen werden. Nur die wenigsten Kinder ziehen die logische Konsequenz, kein Fleisch mehr essen zu wollen. Der Rest wird psychologisch zurechtgebogen.

Donald Barnes wird von Anfang an in die Tiernutzung und Tierausbeutung durch seine Familie mit einbezogen. Selbst nachdem er die ländliche Umgebung mit eigener Fleischproduktion verlässt, betreibt er selbst Jagd und Fischerei. Später macht er brutale Tierversuche für das Militär, indem er Affen mit Elektroschocks dressiert, um ihre Fähigkeit radioaktive Bestrahlung überstehen zu können zu testen. Langsam wird ihm dabei aber bewusst, was er da macht. Zunächst zweifelt er an der Wissenschaftlichkeit der Experimente, und leidet mit den Leiden seiner Versuchsaffen mit, auch wenn er „humane“ Tierversuche nicht grundsätzlich ablehnt. Nach seiner Entlassung aufgrund der Kritik an den eigenen Experimenten, kann er sich dann aber all seiner noch bestehenden Zwänge entledigen und wird Teil der Tierrechtsbewegung. Kaplan rekonstruiert diesen Bewusstseinswandel im Detail. Dem aufmerksamen Leser fehlt allerdings zuletzt der Hinweis, wie diese Erkenntnisse von der Tierrechtsbewegung genutzt werden könnten, um ihr politisches Ziel der Tierbefreiung voranzubringen.

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