Andrew Linzey, „Animal Theology“, University of Illinois Press 1995.


Dieses Buch ist durch und durch christlich, und zwar richtiggehend klassisch christlich. Es werden weder apokryphe Schriften zu Hilfe genommen um Tierrechte biblisch zu begründen, noch wird vorausgesetzt oder aus der Bibel gefolgert, daß Jesus Vegetarier war, oder dass sich das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ auch auf Tiere bezöge. Und dennoch ist dieses Buch ein überzeugender Aufruf auf christlicher Basis Tierrechte zu respektieren.

Zunächst kritisiert Linzey die christliche Lehrmeinung, daß die Tiere wie die gesamte belebte und unbelebte Natur für den Menschen geschaffen wären. Als von Gott Geschaffenes sei es ausschließlich für den Schöpfergott bestimmt. Jede Nutzung und jeder Eingriff muß sich also an Gottes Willen orientieren. Gottes Wille offenbart sich im Leben Jesu.

Drei Aspekte erscheinen Linzey dabei in diesem Zusammenhang wesentlich. Erstens hat sich Jesus freiwillig, also nach eigener Entscheidung und ohne Zwang, für das Gute geopfert. Zweitens hat er sich dabei über seine biologische Natur hinweggesetzt. Und drittens hat er sich für das Heil derer geopfert, die schwächer, hilfloser und vor allem „minderer“ sind als eher.

ChristInnen sollten also, weil sie sich an Jesus orientieren, folgenden moralischen Weg beschreiten. Sie sollten sich erstens ebenso für das Gute opfern, und das nur von denen verlangen, die auch diesbezüglich freiwillig entscheiden können. Mit anderen Worten, ChristInnen können nicht von Tieren verlangen sich für das Gute zu opfern, weil das nicht freiwillig sein könnte.

Zweitens sollen ChristInnen sich für das Gute über ihre biologische Natur hinwegsetzen können. Das heißt NICHT, daß sich über die Biologie hinwegzusetzen immer gut ist, sondern, daß biologische Vorgaben KEINE moralische Relevanz haben. Das Argument, Gott hat mich als AllesfresserIn gemacht, also darf ich alles fressen, der naturalistische Fehlschluß, ist vom christlichen Standpunkt her nicht aufrecht zu erhalten.

Und zuletzt fordert das Vorbild Jesu sich für die schwächeren, hilfloseren und minderen Lebewesen zu opfern, und nicht diese für den eigenen Vorteil zu opfern. Nach christlich-biblischer Ansicht gibt es eine Lebenshierarchie, eben nach dem Schöpfungswerk Gottes, nach der die Menschen über den Tieren stehen (daher trennt Linzey da auch konkret und schreibt nie „nicht-menschliche Tiere“). Trotzdem schreibt er explizit, daß der biologische Unterschied zwischen Mensch und Tier viel zu sehr überschätzt wurde, und in dieser künstlich überzogenen Unterscheidung die Grundursache für die heutige Ausbeutung der Tiere zu suchen ist. Weil aber die Menschen über den Tieren stehen, sollen sich die ChristInnen dem Beispiel Jesu folgend für die Tiere opfern, und nicht umgekehrt die Tiere für die Menschen geopfert werden. Der höhere, Stärkere opfert sich für den minderen, Schwächeren.

Zusammengefasst verlangt die Bibel also nach Linzey von allen jenen, die sich für das Gute entscheiden können, daß sie sich, auch wider ihrer biologischen Veranlagung, für die minderen Lebewesen opfern sollten. Mit anderen Worten, die Tiere haben das Recht auf Freiheit, Leben und Unversehrtheit im Sinne einer moralischen Forderung an die Menschen, die Freiheit, das Leben und die Unversehrtheit der Tiere zu respektieren.

Linzey argumentiert dafür, dass diese Rechte nur für leidensfähige Lebewesen (also nicht für Pflanzen) gelten, mit folgenden drei Beobachtungen. Erstens ergibt sich aus der Schöpfungsgeschichte, daß die Tiere zusammen mit den Menschen geschaffen wurden, und ebenso den Atem des Lebens bekommen haben, und weiter, daß sich durch die gesamte Bibel der erkennbare Faden spinne, daß Tiere in einem Atemzug mit den Menschen behandelt und genannt werden. Zweitens sei aus der Genesis die spezielle Aufgabe für Menschen zu erlesen, sich um die Tiere zu kümmern, im Rahmen obiger neuer Interpretation, und die restliche belebte oder unbelebte Natur wird separat genannt. Und drittens werden die Tiere im Paradies vor dem Fall des Menschen mit obigen Rechten dargestellt (Genesis), nach der Sintflut werden sie im neuen Bund mit Gott explizit als Lebewesen genannt, die er nicht mehr töten wird (Genesis), bei der Erlösung in den Evangelien werden auch die Tiere miterlöst, und im Paradies am Ende aller Tage werden sie wieder ihre Rechte haben (Isaja).

Zuletzt diskutiert Linzey einige Anwendungen dieser christlichen Tierrechtslehre. Tierversuche, auch wenn sie für die Menschen Vorteile haben, was Linzey nicht bestreitet, dürfen nicht durchgeführt werden, weil sich die Menschen eben für die Tiere opfern sollen, und nicht umgekehrt von den Tieren unfreiwillige Opfer verlangt werden dürfen. Die Jagd, auch wenn alle getöteten Tiere gegessen und das ökologische Gleichgewicht erhalten wird, ist unmoralisch, weil auch wenn die Jagd „natürlich“ wäre damit Gottes Zustimmung nicht begründet werden kann. Jesus war freiwilliges Opfer und nicht Jäger. Er opferte sich anstelle der gejagten Lebewesen, gerade weil sie mindere Lebewesen im Vergleich zu ihm waren, weit davon entfernt sie umgekehrt für ihn zu opfern.

Weiters folgert Linzey, dass Veganismus ein christliches Ideal ist. In Genesis 1:29-30 wird eindeutig gesagt, dass die Erde als veganer Ort gedacht war, auch ohne tierliche FleischfresserInnen. Gott bringt die Sintflut u.a. auch deswegen, weil Menschen und Tiere Fleisch zu fressen begonnen haben. Im neuen Bund danach erlaubt er dann das Fleischfressen, allerdings unter der Vorgabe, dass kein Leben (also Blut) im Fleisch sein darf und dass Gott jedeN, der/die Tiere oder Menschen tötet, um zu leben oder sie zu essen, vor Gott Rechenschaft ablegen muss (Genesis 9:4-5). Linzey interpretiert das so, dass das Töten von Menschen und Tieren zum eigenen Überleben erlaubt sei, aber sonst nicht. Da wir heute gesund vegan leben können, müssen wir also aus moralischen Gründen vegan leben. Wenn Jesus Fisch isst, wie in der Bibel erwähnt, dann könnte das deswegen sein, weil damals in dieser Gegend zum gesunden Leben Fisch nötig war.

Im letzten Kapitel wendet sich Linzey gegen die Nutzung von Tieren im allgemeinen. Nirgendwo in der Bibel werde die Sklaverei verboten und Menschenrechte gefordert. Aber dennoch sind sich alle ChristInnen heute einig, dass Menschenrechte ein christliches Gebot sind, wie aus dem Kontext z.B. der Bergpredigt zu entnehmen ist. Genauso verhält sich das, wie oben dargelegt, mit den Tierrechten. Mit demselben Argument, mit dem christliche Anti-Sklaverei-AktivistInnen Menschenbesitz ablehnten, muss heute der Besitz von Tieren abgelehnt werden, und damit gleichzeitig jede tierliche Nutzung, die nicht zum Vorteil der individuellen Tiere ist: nur der Schöpfergott kann das von ihm Geschaffene besitzen. Menschen haben dazu keinerlei Rechte. Tiere, wie Menschen, als Mittel für eigene Zweck zu nutzen hieße sie zu missbrauchen, weil sie keine Mittel sondern schon der Zweck selber sind.

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