„Daten zum Potential der Phytoöstrogene zur Prävention von „Western Diseases“ wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Osteoporose und verschiedene Krebserkrankungen bestätigen den positiven Charakter einer sojahältigen Ernährung.“

Dr. Petra Rust, Department für Ernährungswissenschaften in Wien

Soja – ein gesundes Lebensmittel?

Sojaprodukte finden sich heutzutage in jedem Supermarkt: schnittfest als Tofu, streichfähig als Aufstrich, flüssig in Form von Sojamilch und cremig als Sojajoghurt. Viele Konsument_innen sind mittlerweile aber verunsichert. Auf der einen Seite wird Soja in den höchsten Tönen als gesundheitsfördernde Wunderbohne gelobt, die Krebs vorbeugen, den Cholesterinspiegel senken und Wechseljahrbeschwerden eindämmen soll, andererseits wird vor Sojakonsum gewarnt: Soja würde zahlreiche Schadstoffe enthalten und Männerkörper verweiblichen. Was ist also dran an den vielen Vorurteilen - Marketingstrategie von Sojaindustrie und vegetarischen Initiativen oder Panikmache der Gegenseite?

So Ja

Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Petra Rust vom Department für Ernährungswissenschaften in Wien ist voll des Lobes über die „ernährungsphysiologisch wertvolle Sojabohne mit ihrer außergewöhnlichen Nährstoffzusammensetzung.“ Das Sojaprotein sei in seiner Aminosäurezusammensetzung so ausgewogen, dass es als alleinige Eiweißquelle für die Ernährung des Menschen ausreichen würde. Die enthaltenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren schützen vor Herzerkrankungen, Ballaststoffe der Sojabohne wirken sich positiv auf die Verdauung aus und senken den Cholesterinspiegel. Besonders wertvoll sei die Sojabohne aber aufgrund ihres Gehalts an Phytoöstrogenen. Das sind sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, die eine ähnliche Struktur wie das weibliche Sexualhormon Östrogen aufweisen, jedoch nur sehr schwach wirksam sind. Zu ihnen zählt auch Genistein. „Genistein wird eine verminderte Ausbildung hormonell bedingter Krebserkrankungen wie Prostata-, Brust-, Gebärmutter- und Darmkrebs zugeschrieben“, so die Ernährungswissenschaftlerin. Daneben wird eine präventive Wirkung auf Herz-Kreislauferkrankungen durch die Phytoöstrogene diskutiert. Schließlich sollen sie sich auch positiv auf die Knochengesundheit auswirken, indem sie den Knochenverlust verzögern und so Osteoporose vorbeugen. Aufgrund ihrer östrogenen Aktivität werden Phytoöstrogene auch als Hormonersatztherapie in der Menopause eingesetzt.

So Nein

Ganz anders die Sichtweise des Heilpraktikers Uwe Karstädt. Die US-amerikanische Sojaindustrie habe den guten Ruf der Sojabohne als Marketingstrategie erschaffen. „Wie bei so vielen Industriezweigen, die einzig und allein an Profit und nicht an Gesundheit interessiert sind, wurden und werden Tatsachen vertuscht oder Lügenmärchen aufgetischt, Berichte und Studien gefälscht, um den Verbraucher dorthin zu bringen, wo ihn die Konzerne haben wollen: an der Kasse“, erklärt  Karstädt. Statt gesundheitsfördernde Eigenschaften zu besitzen, sei Soja sogar gefährlich: „Alle Sojabohnen enthalten bestimmte schädliche Substanzen und Toxine.“ Die Natur statte die Sojabohnen damit aus, um verfrühtes Keimen zu verhindern und Fraßfeinde wie Insekten fernzuhalten. Diese Substanzen seien auch für den Menschen äußerst gesundheitsschädlich. Als Beispiele führt der Gesundheitscoach unter anderem Lektine an, die rote Blutkörperchen verklumpen lassen, sowie Protease- und Enzymhemmer, die zu Verdauungsproblemen führen – vergisst dabei allerdings zu erwähnen, dass diese Substanzen durch Hitze zerstört und Sojabohnen deshalb nie im Rohzustand verzehrt werden. Auch andere von Karstädt erwähnte Substanzen wie Oxalate und Phytate werden durch Verarbeitungsschritte teilweise eliminiert und können bedenkenlos in normalen Mengen verzehrt werden.

Phytoöstrogene

Interessanter ist die Kritik an den enthaltenen Phytoöstrogenen, denen gleichzeitig so viele gesundheitsfördernde Eigenschaften nachgesagt werden. Mit ihnen hat sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland beschäftigt – und empfiehlt, von Nahrungsergänzungsmitteln mit isolierten Phytoöstrogenen abzusehen. Laut BfR gab es in Tierversuchen Hinweise darauf, dass sich eine hohe Phytoöstrogen-Aufnahme auf die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane, auf das Immunsystem und die Schilddrüse negativ auswirken sowie Krebs auslösen könne. Allerdings konnten östrogene Effekte oder konkrete Auswirkungen auf die Entwicklung der Geschlechtsorgane und der Fertilität im Erwachsenenalter beim Menschen bisher nicht nachgewiesen werden – und die Übertragbarkeit von tierexperimentellen Studien auf Menschen ist stark umstritten. Zu betonen ist außerdem, dass es sich um isolierte Phytoöstrogene in hoher Dosierung handelte, die in dieser Form allerdings nicht in Soja-Lebensmitteln vorkommen. Dadurch besteht auch keine Gefahr beim Konsum solcher. Dr. Rust dazu: „Von manchen Seiten gibt es Bedenken wegen der östrogenen Eigenschaften von Soja-Nahrungsmitteln. Verschiedene Studien zeigen allerdings, dass Soja in einer zwei- bis dreifachen Dosis der empfohlenen Verzehrsmenge für Erwachsene unbedenklich ist.“ Selbst bei der Einnahme von Sojaproteinpulver müssen Bodybuilder keine Verweiblichung ihres Körpers fürchten.

Säuglingsnahrung

Diskutiert wird auch die Säuglingsnahrung auf Sojabasis. Sie enthält Phytoöstrogene in hoher Konzentration, die von Kindern besonders leicht aufgenommen werden. Möglicherweise erhöhen diese das Risiko für Schilddrüsenerkrankungen und verstärken bei Frauen, die im Säuglingsalter mit Sojanahrung ernährt wurden, die Dauer der Monatsblutungen und Menstruationsbeschwerden. Die Beweislage ist jedoch schwammig; vorhandene Daten lassen keine klaren Schlussfolgerungen darauf zu. Vorsichtshalber rät die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) zwar nicht zu Soja als Standardnahrung für die Ernährung nicht gestillter Säuglinge, empfiehlt sie jedoch bei spezifischen Indikationen bei ausgewählten Säuglingen. Hierzu zählen laut DGKJ auch Kinder veganer Eltern, die aus bestimmten Gründen nicht gestillt werden können.

Gentechnik

Als erste gentechnisch veränderte Nahrungspflanze wurde Soja 1996 in Europa zugelassen. Wer Tofu oder andere Sojaprodukte isst, braucht dennoch keine Gentechnik zu fürchten: Seit 2004 müssen ausnahmslos alle gentechnisch veränderten pflanzlichen Lebensmittel gekennzeichnet werden. Lediglich Tierprodukte, die mit gentechnisch verändertem Soja gefüttert wurden, kommen ohne Kennzeichnung in den Handel.

Fazit

Soja ist ein wohlschmeckendes und facettenreiches Lebensmittel, das sich aufgrund seines Gehalts an Eiweiß, der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe, des günstigen Fettsäuremusters und der begleitenden Ballaststoffe positiv auf die Gesundheit auswirken kann. Es ist jedoch weder die Wunderbohne mit Rundumwirkung, als die sie oft angepriesen wird, noch stellen Soja-Lebensmittel eine Gefahr für die Gesundheit dar. Nicht empfehlenswert ist hingegen die Einnahme von isolierten Phytoöstrogenen als Nahrungsergänzungsmittel (z.B. als Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren), da sie die sekundären Pflanzenstoffe in sehr hoher Konzentration enthalten. Im Rahmen einer abwechslungsreichen Ernährung auf pflanzlicher Basis ist Soja aber ein empfehlenswertes, gesundes Lebensmittel, das (nicht nur) den veganen Speiseplan vielfältig bereichert.

Quellen:

Rust, P.: Soja aus ernährungsphysiologischer Sicht – Neue Erkenntnisse unter Berücksichtigung des österreichischen Ernährungswandels. Dezember 2008.

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.: Stellungnahme zur Verwendung von Säuglingsnahrungen auf Sojaeiweißbasis, August 2006. http://www.dgkj.de/1013.html

Bundesinstitut für Risikobewertung: Isolierte Isoflavone sind nicht ohne Risiko, Aktualisierte  Stellungnahme April 2007. http://www.bfr.bund.de/...

Karstädt, U.: „Soja – ein gesundes Lebensmittel?“ aus: "Das Dreieck des Lebens", September 2005.

Hissting, A.:   „Fakten und Hintergründe   zur Gentech-Soja“, November 2004. http://www.greenpeace.de/...