Experte geht mit Fleisch ins Gericht

Ernährungsinstitut kritisiert AMA-Fleischkampagne: "Irreführung."

"2 Prozent Fett - 100 Prozent Genuss", mit diesen kurzen und prägnanten  Angaben wirbt die Agrarmarkt Austria (AMA) derzeit für Fleischkonsum. Sehr zum Ärger von Ernährungsexperten. Der Slogan verleite fälschlich zur Annahme, Fleisch eigne sich besonders für eine fettreduzierte, gesunde Ernährung. Aus ernährungsmedizinischer Perspektive sei das eine "Irreführung des Konsumenten", kritisiert das Österreichische Akademische Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE). "Wir haben uns an die Fakten gehalten", reagierte die AMA. Die Kampagne zitiere Zahlen aus einem Fachbuch. Dort sei mageres Rindfleisch mit 1,9 Prozent Fettanteil in 100 g angeführt.

Gewichtsprozente nicht zulässig
"Es ist zwar richtig, dass mittels moderner Zuchtmethoden der Fettgehalt von Fleisch (...) reduziert werden konnte, nichtsdestotrotz sind die angegebenen Gewichtsprozente (g Fett pro 100 g Lebensmittel) als geeignetes Instrument  zur Beurteilung der ernährungsphysiologischen Qualität eines Lebensmittels nicht zulässig", heißt es in einer Stellungnahme des Instituts, die im Namen von ÖAIE-Präsident Kurt Widhalm veröffentlicht wurde.

Die propagierten zwei Prozent Fett (in Gewichtsprozenten) von magerem Fleisch beziehen sich, so das Institut, auf zwei Gramm Fett pro 100 Gramm reines Muskelfleisch von Rind, Kalb, Schwein oder Geflügel, wobei die übliche  Angabe in Energieprozenten (Energiemenge aus Fetten bezogen auf Gesamtenergiemenge des Lebensmittels) eine rechnerische Steigerung um rund eine Zehnerpotenz zur Folge habe.

Kalorien-Bomber
Das von den Österreichern als "Lieblingsspeise" deklarierte Wiener Schnitzel zum Beispiel hat den Ernährungsexperten zufolge einen durchschnittlichen Fettgehalt in Energieprozenten von 51, das fast genau so populäre Brathendl  von 52 Prozent und der auf der Beliebtheitsskala auch ganz oben angeführte Kümmelbraten von satten 73 Prozent. Aber auch die als Zwischenmahlzeit häufig konsumierte Wurst- und Leberkäsesemmel oder Bratwürstel "wiegen" nicht viel  weniger mit einem Energie-Fettgehalt von 46, 57 bzw. 86 Prozent.

Selbst relativ magere Delikatessen wie Rindslungenbraten (Filet), Roastbeef, Kalbsbries oder -leber rangieren im Mittel bei einem Fettgehalt von 30  Prozent. Die fettärmsten Fleischprodukte Truthahnbrust, Kalbsfilet oder reine Muskelfleischstücke von Kalb, Rind und Schwein ohne Fettmantel weisen immer noch einen Fettanteil von zehn bis 15 Prozent auf.

Fakten aus Handbuch
Die vom ÖAIE angeführten Prozentsätze kann die AMA nicht nachvollziehen.
"Wir haben versucht, die Kampagne so seriös wie möglich zu machen und haben  die Fakten aus dem Fachbuch zitiert",  "Wir haben versucht, die Kampagne so seriös wie möglich zu machen und haben die Fakten aus dem Fachbuch zitiert", erklärte der Marketingleiter der Sparte Fleisch, Rudolf Stückler. Die Zahlen für den mageren Teil des Rindfleisches  stammen aus "Nährstoffe in Lebensmitteln" von den deutschen Wissenschaftern Beate und Helmut Heseker aus dem Jahr 1999. Auf den Werbeplakaten wurde die Quelle auch angeführt, betonte der Fleischexperte.

Politur des Images
Natürlich komme es darauf an, welches Teilstück genommen werde oder wie man es zubereitet. "Wir beziehen uns auf den mageren Teil des Rindfleischs", so Stückler. Fleisch sei eines der ehrlichsten Produkte. Rote Farbe bedeute mager, die weiße Fett. Man wolle das Image des Nahrungsmittels, das oft als besonders fett in den Köpfen der Leute ist, verbessern. "Im Vergleich dazu  wirkt ein Joghurt mit 3,5 Prozent Fett bei den meisten als gesund und ideal zum
Abnehmen", meinte Stückler.

Laut ÖAIE überschreite der Fleischkonsum der Österreicher die belegten Empfehlungen von Ernährungsexperten um bis zu 300 Prozent. Das sei ein  wesentlicher Beitrag zur allgemein überhöhten Aufnahme von Fett, gesättigten Fettsäuren, Cholesterin, Kochsalz und Nahrungsenergie.

"All diese Komponenten gelten als substanzielle Risikofaktoren in der Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Bluthochdruck", warnen die Mediziner. Sie raten, den Konsum von fettreichen Fleischprodukten möglichst einzuschränken und den Verzehr von  qualitativ hochwertigem Fleisch mit weniger als 30 Prozent Fettgehalt auf maximal zwei bis drei Mahlzeiten pro Woche zu reduzieren.

Quelle: kurier.at, Jänner 2005